Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.08.2025. Die NZZ und die FAZ erzählen, wie Trump die Wissenschaft und die Unis abwickelt: Rache ist das Motiv. Von dem Treffen in Anchorage scheinen wohl nicht viel mehr als die pompöse Inszenierung und ein paar verrutsche Mienen Wladimir Putins in Erinnerung zu bleiben. Ja, antwortet Richard Sennett in der FR auf die Frage, ob der Trumpismus ein Faschismus sei. Vor fast zehn Jahren rief Angela Merkel: "Wir schaffen das" - die taz zieht eine positive Zwischenbilanz.
Der neue Direktor des amerikanischen National Institute of Health (NIH) Jay Bhattacharya und Trumps Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. verkörpern den Sieg des Querdenkertums über die Wissenschaft, sagt der BloggerDerek Lowe im Gespräch mit Nina Rehfeld von der FAZ. Die beiden schleifen an allen möglichen Stellen die staatliche Förderung und damit die Grundlagenforschung: "Die sogenannte RNA-Interferenz zur Abschaltung bestimmter Gene beispielsweise wurde entdeckt, als Forschern Merkwürdigkeiten in der Farbe von Petunienblüten auffiel. Ich kann mir genau vorstellen, wie jemand wie Kennedy sagt: 'Kann doch nicht wahr sein, dass wir Steuergelder für die Beobachtung von Petunienblüten ausgeben!' Aber das ist Wissenschaft! Wir können nicht ahnen, welche Erkenntnisse zu bahnbrechenden Therapien führen."
Dass Trump in seinem Feldzug gegen die Ivy-League-Unis nicht rational agiert, sieht auch der Politologe Stephan Bierling in der NZZ so. Trump agiere schlicht aus Rache gegen ein Milieu, das ihn besonders verabscheut, diagnostiziert er. Und dabei geht er "als Sieger vom Feld: Die Spitzenunis haben vor ihm gekuscht, wie zuvor schon Tech-Milliardäre, TV-Sender und parteiinterne Gegner. Um das Lösen von Problemen ging es ihm dabei nie, sondern um eine Demonstration seiner Macht. Dabei haben die Eliteunis tatsächlich schwere Mängel. Erstens den Antisemitismus: Selbst Columbia kam in einer internen Untersuchung gerade zu dem Ergebnis, Judenfeindlichkeit sei an ihrer Uni 'ernst und allgegenwärtig'. Insbesondere die Geistes- und Sozialwissenschaften bereiten mit trendigen Konzepten wie Postkolonialismus oder 'critical race theory' den Nährboden für politische Aktivisten. Wie im Marxismus unterteilen sie die Welt in Unterdrücker und Unterdrückte, diesmal freilich nicht anhand des Eigentums an den Produktionsmitteln, sondern anhand von Hautfarbe oder Herkunft." Als weiteres Problem benennt Bierling "die wachsende Rolle ausländischer Geldgeber", als da sind Katar, China und Saudi-Arabien.
Außer ein paar verrutschten Mienen Wladimir Putins (siehe unten) scheint von dem Gipfel in Anchorage nicht viel in Erinnerung zu bleiben. "Der mit Spannung erwartete Gipfel von US-Präsident Trump und Kremlchef Putin ist ohne konkrete Ergebnisse zu Ende gegangen", meldet unter anderem die "Tagesschau".
Über Ergebnisse weiß auch Juliane Schäuble in einer ersten Anlayse der Inszenierung von Anchorage für Zeit online nicht viel zu sagen. Sie benennt immerhin nochmal, was passiert ist: "Ein vom Internationalen Strafgerichtshof per Haftbefehl gesuchter mutmaßlicher Kriegsverbrecher wird vom mächtigsten Mann der Welt mit allen Ehren empfangen. Ohne dass er dafür in Vorleistung gehen musste."
Ist es Faschismus, fragt Michael Hesse in seinem seiner täglichen FR-Interviews den amerikanischen Soziologen Richard Sennett mit Blick auf das Trump-Regime, und der antwortet: "Ja, aber es ist kein italienischer Faschismus und auch kein Nationalsozialismus. Eher eine lateinamerikanische Variante: ein schwacher Staat, der jede Art von Sozialstaat verhindert. Das unterscheidet sich vom europäischen Modell des letzten Jahrhunderts, es ist also kein europäischer Faschismus, vielleicht ist mit Faschismus ohnedies zuviel gesagt. Trump ist gleichgültig gegenüber Gesundheitssystem oder Wissenschaft. Das Programm führt zu einer Art Rückabwicklung - zurück zu Verhältnissen, wie sie im 20. Jahrhundert in Lateinamerika üblich waren."
Der deutsche Botschafter in Syrien, Clemens Hach, hat viel Spaß mit den neuen Amtsträgern in Damaskus, hat FAS-Kolumnistin Ronya Othmann beim Surfen durch seinen Instagram-Auftritt festgestellt. Schon eröffnet die deutsche Wirtschaft ihre Vertretungen. Die Botschaft spricht von der "neuen Regierung" in Syrien, die sich ja selbst noch als Übergangsregierung bezeichnet. Aber naja, viel "Anlass zu glauben, es könnte doch noch einen demokratischen Übergang geben, hat es bis jetzt nicht wirklich gegeben. Al-Scharaa alias Golani hat zwar für September Wahlen angekündigt, doch ein Drittel der Abgeordneten soll allein von ihm ernannt werden. Und wenn es so weitergeht mit den Einschüchterungen und Menschenrechtsverletzungen, ahnt man schon, wie frei diese Wahlen sein werden."
Das Raubkopieren kehrt zurück, berichtet Martin Seng in der FAS: "Allein 2023 wurden auf Seiten für illegale Downloads etwa 104 Milliarden Suchen nach Serien registriert, bei Filmen waren es knapp 30 Milliarden. Parallel dazu verzeichnen die Streaminganbieter einen drastischen Rückgang der Abozahlen. Disney+ etwa zählte 2019 innerhalb von zwölf Monaten einen Zuwachs von 87 Millionen Abonnenten und Ende 2022 über 164 Millionen zahlende Kunden. Doch nun liegt deren Zahl konstant bei 126 Millionen - ein Debakel für das auf Wachstum ausgelegte Geschäftsmodell."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Wiederkehr der Geschichte, die sich in Deutschland unter anderem in Putins Kriegsdrohungen manifestiert, trifft in Deutschland auf einen in die Mentalität eingewachsenen Pazifismus, den unter anderem Helmut Lethen in seinem neuen Buch thematisiert. Vor diesem Hintergrund skizziert FAS-Redakteurin Julia Encke den aktuellen Widerspruch zwischen neuen Forderungen nach Wehrtüchtigkeit und einer jungen Generation (und beileibe nicht nur ihr), die von Geschichte noch nie touchiert wurde: "Es ist eine Sprache, die nichts mit ihnen zu tun hat. Sie begreifen sich als vereinzelte Individuen, die im Zweifelsfall eher das Land verlassen und auswandern würden, als für ein Land kämpfen. Viele von ihnen fühlen sich auch gar nicht bedroht, etwa von Russland, weil sie - im Gegensatz zu Putin - nicht in Staats- oder Geschichtskategorien denken und sich womöglich eher fragen, was Putin gegen sie haben soll."
Recht skeptisch greift Michael Moorstedt in der SZ die im Sommerloch gerade kursierenden Forderungen nach mehr Social-Media-Zensur für Jugendliche auf. In Großbritannien habe ein entsprechendes Gesetz zu einem Labyrinth von Verifizierungssystemen geführt: "Wie das Beispiel Großbritannien zeigt, sind aber auch Blanko-Sperrungen nicht die Lösung, zumindest wenn man mal der nicht gänzlich aus der Luft gegriffenen Hypothese folgt, nach der die Digitalkompetenz eines durchschnittlichen Mittelstufenschülers höher ist als die des typischen Abgeordneten. In der logischen Konsequenz müsste nun gegen die VPN-Dienste vorgegangen werden - die allerdings weltweit Menschen in repressiven Systemen ein halbwegs gesichertes Dasein im Netz ermöglichen."
In der tazerinnert Klaus Hillenbrand an den Frankfurter Auschwitz-Prozess vor sechzig Jahren. Er kam nur durch eine Reihe von Zufällen zustande, die dem Staatsanwalt Fritz Bauer die Gelegenheit boten, einen zentrales, symbolhaftes Ereignis zu organisieren: "Der anderthalb Jahre währende Prozess im Frankfurter Römer löste Debatten über deutsche Verantwortung und Schuld aus, die es so nach 1945 nicht gegeben hatte. Es waren eben nicht nur die Nazigrößen von Hitler bis Goebbels, die sich schuldig gemacht hatten, wie man es in Adenauers Republik gerne darstellte, sondern auch die Hunderttausenden, die in Konzentrations- und Vernichtungslagern, bei den Einsatzgruppen und anderen Mordbanden aktiv waren."
Wie sich Deutschland direkt nach dem Krieg für einen Auschwitz-Überlebenden anfühlte, erzählt der hundertjährige Albrecht Weinberg, ebenfalls in der taz, im Gespräch mit Jens Uthoff: "Ich lief durch die Gegend wie ein geschlachtetes Huhn, das noch laufen kann." Er, seine Schwester Friedel und sein Bruder Dieter hatten irgendwie überlebt. Ihre Rückkehr nach Leer, Ostfriesland, woher sie stammten, sah so aus: "Dieter erzählte, er sei in Leer nicht mit offenen Armen empfangen worden. 'Wieso hat man dich nicht in den Gasofen gesteckt?', hätte ihn einer gefragt. Wir erfuhren, dass unsere Eltern in Auschwitz ermordet worden waren. Dieter starb 1946 unter ungeklärten Umständen, man fand ihn tot im Kanal, wir erfuhren nie, was passiert ist. Friedel und ich wanderten kurz darauf nach Amerika aus und lebten dort zusammen."
Außerdem: In einer FAZ-Reihe zu 75 Jahren Friedenspreis des deutschen Buchhandels erinnert Emma Braslavsky an die Friedenspreisrede Carl Friedrich von Weizsäckers im Jahr 1963. In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ erinnert Hendrik Simon an Hugo Grotius' Klassiker des Völkerrechts "Über das Recht des Krieges und des Frieden" vor 400 Jahren. In der NZZ veröffentlicht die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur einen Rückblick auf die iranische Revolution. Ebenfalls in der NZZ erinnert Ulrich M. Schmid daran, dass die Großmächte USA und Russland nicht zum ersten Mal in Europa die Grenzen ziehen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wir setzen unsere Reihe mit kleinen Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch "Wie konnte das geschen?" fort: "Vor einem scheute Hitler in seiner Vabanque-Politik zurück: vor Kriegsanleihen. Wegen der seit 1938 offenkundigen Weigerung der Bevölkerung und insbesondere des wohlhabenden Bürgertums, das eigene Geld in Rüstungs- und Kriegsanleihen anzulegen, musste er andere, 'geräuschlose' Wege der Kriegsfinanzierung finden."
Vor fast zehn Jahren sagte Angela Merkel "Wir schaffen das". Die taz bringt zum zehnten Jahrestag der damaligen Flüchtlingskrise, in der Deutschland Hunderttausende aufnahm, einige Sonderseiten mit Reportagen - Porträts von Flüchtlingen, die sich gut integriert haben und bleiben wollen. Im Editorial schreiben rederik Eikmanns und Franziska Schindler: "Trotz allem, was folgte, bleibt der Sommer 2015 eine Verheißung. Kurz blickten wir in eine Welt, in der ein reiches Land wie Deutschland seine Kraft nutzt, um denen zu helfen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen. Eine CDU-Kanzlerin tat das moralisch Richtige, Hunderttausende halfen an den Bahnhöfen, einige fuhren nach Budapest, um Geflüchtete herzubringen. Seenotrettungsorganisationen gründeten sich, und Lokalpolitiker*innen schoben Nachtschichten, um Unterkünfte für neu Ankommende zu organisieren."
Bevor man in der Verklärung landet, sollte man allerdings auch die Widersprüche benennen, mahnt Andreas Fanizadeh: "Den Entwurf einer offenen Gesellschaft kann nur glaubwürdig demokratisch vertreten, wer seinerseits den Intoleranten nicht mit falscher Toleranz begegnet. Eine fortschrittliche Asyl- und Migrationspolitik muss nach den Erfahrungen von 2015 berücksichtigen, dass die meisten Menschen, die vor Verfolgung fliehen, zwar mit guten Absichten nach Europa oder Deutschland kommen. Aber eben nicht alle. Bereits vor 2001 ließ sich ein Teil der Attentäter von 9/11 in Hamburg nieder. Terroristen des 'Islamischen Staats' (IS) bedienten sich 2015 der 'Balkanroute', um so unbemerkt nach Frankreich zu gelangen. In Paris richteten sie in der Konzerthalle Bataclan und an anderen Orten des Nachtlebens Massaker an. Man muss Taten und Täter klar benennen, sollen nicht ganze Bevölkerungsgruppen nach Herkunft oder Religion stigmatisiert werden. Ebenso die Defizite in der Einwanderungspolitik."
Der unter Risiken und Entbehrungen nach Deutschland geflüchtete Journalist Ahmad Katlesh erklärt, warum er bleiben will: "Liebes Deutschland, als ich Anfang dieses Jahres nach Damaskus zurückkehrte, war die Stadt mir fremd trotz aller überwältigenden Gefühle, die mich erfüllten. Ich fühlte mich fern von meiner Mutter, die ich nach all den Jahren zum ersten Mal wiedersah, meiner Familie, den Trümmern meines Elternhauses. Nach nur zehn Tagen wollte ich nach Hause zurückzukehren - in mein Zuhause hier in Berlin. Ich wollte vor den Folgen des syrischen Kriegs fliehen. Zum ersten Mal fühlte ich mich diesem Land, Deutschland, und dieser Stadt, Berlin, zugehörig."
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