"Wie konnte das geschehen?" Teil 6: Kriegsfinanzierung
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16.08.2025. Vor einem scheute Hitler in seiner Vabanque-Politik zurück: vor Kriegsanleihen. Wegen der seit 1938 offenkundigen Weigerung der Bevölkerung und insbesondere des wohlhabenden Bürgertums, das eigene Geld in Rüstungs- und Kriegsanleihen anzulegen, musste er andere, "geräuschlose" Wege der Kriegsfinanzierung finden.
Dies ist ein Auszug aus Götz Alys kommendem Buch "Wie konnte das geschehen?" aus dem Kapitel VI. 3, Seiten 292-293, 297-300 der Originalausgabe. Wir danken Autor und Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung. D.Red.
Wie also reagierten die meisten Deutschen auf den ihnen laut Hitler unerwünschten Beginn des Zweiten Weltkriegs? ... Bestellen Sie bei eichendorff21!Hans Nolte (1908 – 1978), der durch und durch nationalsozialistische Politikchef der Celleschen Zeitung, berichtet am 29. August 1939 vom »Ernst der Stunde«. In dem Artikel schildert er propagandistisch eingebettet seine Beobachtungen vom Vortag: Vor den Fenstern der Redaktion »stand dicht gedrängt eine nachrichtenhungrige Menschenmenge, welche die neuesten Funkmeldungen mit gespannter Aufmerksamkeit bis in die späten Abendstunden verfolgte«. Nolte kann sich einer gewissen Bedrücktheit des Publikums nicht verschließen und kommentiert: »Wir warten auf die Entscheidung. Die Polen warten nicht, sondern schießen und treiben ihre Panikpolitik systematisch weiter.« Adolf Hitler, beschwichtigt Nolte seine Leserschaft, sei kein Eroberer. »Er will nicht den Krieg«, nur das Unrecht des Versailler Vertrags korrigieren. Das erfordere allerdings entschiedene Maßnahmen im Hinblick auf Danzig und den polnischen Korridor zum Seehafen Gdingen (Gdynia), schließlich müssten die »mazedonischen Missstände an unserer Ostgrenze beseitigt werden«.
Der US-amerikanische Berlin-Korrespondent William L. Shirer (1904 – 1993) erlebt am 3. September auf dem Wilhelmplatz, wie etwa 250 Zufallspassanten per Lautsprecher von den Kriegserklärungen Großbritanniens und Frankreichs erfahren, und berichtet: Dabei »gab es nicht einmal ein Murmeln«, die Leute »standen unverändert dort – betäubt«, sie »konnten es nicht fassen, dass Hitler sie in einen Weltkrieg geführt hatte«. Zwei Tage später wird Helmuth James Graf von Moltke (1907 – 1945) Zeuge der Abreise des britischen Botschafters. »Dieser Krieg hat etwas gespenstisch Unwirkliches«, schreibt er seiner Frau Freya. »Die Menschen stützen und tragen ihn nicht. Gestern, als (Sir Nevile) Henderson (1882 – 1942) abfuhr, ging ich gerade in der Wilhelmstraße (an der britischen Botschaft) vorbei. Vielleicht 300 oder 400 Menschen standen da, aber kein Laut des Missfallens, kein Pfiff, kein Wort ertönte; man hatte das Gefühl, sie werden jeden Augenblick klatschen.«
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Dem Unwillen der deutschen Führung, den Volkswillen auf die Probe zu stellen, entsprach die Technik der Kriegsfinanzierung. Trotz des festen Vorsatzes zur Ausplünderung fremder Länder konnte Deutschland den Krieg nur etwa zur Hälfte aus den Raub- und Beutezügen bezahlen. Die andere Hälfte musste nolens volens – bis zum spekulativ fest einkalkulierten Endsieg – von Deutschen aufgebracht werden. Für eine reguläre Finanzierung hätte, so wie im Ersten Weltkrieg, mit patriotischen Argumenten für die Zeichnung langfristiger Kriegsanleihen geworben werden müssen. Stattdessen zwang die deutsche Führung Banken und Lebensversicherungen, Sparkassen und Bausparkassen, ihre Einlagen in Reichskriegsanleihen anzulegen, ohne die jeweiligen Kontoinhaber zu fragen. Die Finanzfachleute bezeichneten dieses Vorgehen als »geräuschlose Kriegsfinanzierung«. Die Gründe liegen auf der Hand. Denn die schnelle, langsame oder verweigerte Zeichnung von Kriegsanleihen ist immer auch ein Votum für oder gegen die politische und militärische Führung.
»Da Hitler nicht wünschte«, so schrieb der aktiv beteiligte Fritz Federau (1903 – 1989) später, »dass die Finanzierung des Reiches in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, untersagte er sowohl in der Aufrüstungsperiode als auch im Kriege die öffentliche Auflegung von Anleihen.« In einer erst nach dem Krieg publizierten, jedoch als Manuskript von 1943/44 überlieferten Denkschrift kommentierte der Ökonom Ludwig Erhard (1897 – 1977), ohne den Namen Hitler zu nennen: Der Führung fehle die Kraft, »dem Volk die Schwere des erforderlichen Opfers« bewusst zu machen, und »der Mut zur Verantwortung«. Sie (beziehungsweise Hitler) neige zum »Versteckspielen« und »Verschleiernwollen«.
Wie schon 1938 wollte das wohlhabende deutsche Bürgertum auch im Krieg nicht in deutsche Staatsanleihen investieren. Im September 1941 empörte sich Goebbels, das flüssige Kapital fließe »aus Angst vor einer Geldentwertung in den Aktienmarkt«. Folglich würden sich die Kurse an der Börse teils verdreifachen. Mit Recht erkannte die deutsche Führung darin ein Ausweichmanöver und brandmarkte es als »Kriegsgewinnlertum der schlimmsten Sorte«, das die Arbeiterschaft empöre und es der englischen Propaganda ermögliche, Zwietracht zwischen Volk und Führung zu säen. Deshalb forderte Goebbels, gegen solche »kapitalistischen Exzesse« mit »exorbitant hohen Steuern« einzuschreiten. (...) Im Gegensatz zu Hitlerdeutschland (und auch dem faschistischen Italien) finanzierten Großbritannien und die Vereinigten Staaten den Krieg weitgehend mit langfristigen Kriegsanleihen. Das geschah mit volkstümlichen »robusten Propaganda-Methoden«, zum Beispiel mit den Wings-for-Victory-Weeks in Großbritannien, mit glänzend gestalteten Plakataktionen für die sieben großen Kriegsanleihen in den USA: »And now all together«. Sie sprachen jeden an, propagierten den Kampf für die Freiheit, forderten den materiellen Rückhalt für die eigenen Soldaten. Das berühmte War-Bond-Concert, das Arturo Toscanini (1867 – 1957), sein Schwiegersohn Vladimir Horowitz (1903 – 1989) und das NBC-Symphonie-Orchester am 25. April 1943 gaben, füllte die New Yorker Carnegie-Hall bis zum letzten Stehplatz und brachte binnen zwei Stunden elf Millionen Dollar ein. Man spielte Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 (b-Moll: düster, schmerzensreich).
Ende 1942 entfielen in Großbritannien von 4,6 Milliarden Britischen Pfund, die in den Anleihekampagnen bis dahin aufgebracht worden waren, stattliche 1,7 Milliarden auf kleine Sparer. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl hätten die deutschen Kleinverdiener bis dahin Reichskriegsanleihen im Wert von 23,5 Milliarden Reichsmark zeichnen und die NS-Regierung bis zu diesem Zeitpunkt langfristige Anleihen im Wert von insgesamt 60 Milliarden Reichsmark auf dem deutschen Effektenmarkt unterbringen müssen. Von einer solchen – materiell beglaubigten – Massenzustimmung konnte Hitler nicht einmal träumen.
Unvorstellbar, dass Wilhelm Furtwängler (1886 – 1954), Elly Ney (1882 – 1968) und die Berliner Philharmoniker im April 1943 Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 (Es-Dur: majestätisch, zukunftsgewiss) aufgeführt hätten, um damit Reichskriegsanleihen für den Endsieg einzuwerben – für den Kauf von Nachtjägern, Sturmgewehren und Panzerhaubitzen. Zu einer solchen – materiell unterlegten – Volksabstimmung war Hitler zu keinem Zeitpunkt bereit.
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