Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.08.2025. Heute treffen sich Donald Trump und Putin in Alaska, um über die Zukunft der Ukraine zu entscheiden. Die Europäer, die 2014 Putin kein Paroli geboten haben, machen jetzt erstmals die Erfahrung vieler Ostmitteleuropäer, dass "über sie, aber ohne sie" entschieden wird, notiert in der FAZ der Historiker Martin Schulze Wessel. Die NZZ empfiehlt die Lektüre von Karl Marx, der bereits im 19. Jahrhundert das Appeasement der Europäer gegenüber dem russischen Expansionismus kritisierte. In der FR versteht der israelische Historiker Adam Raz nicht, wie der 7. Oktober die Israelis verhärten konnte. Die taz kritisiert, dass dem Westen Frauenrechte in Afghanistan wichtiger sind als der Hunger dort.
Heute findet in Alaska das Treffen von Trump und Putin statt, bei dem die Ukrainer und auch die EU nicht akkreditiert sind. In der FAZ erinnert der HistorikerMartin Schulze Wessel die Europäer daran, dass sie 2014 die Chance hatten, Russland die Stirn zu bieten und eine Europäisierung der Ukraine zu unterstützen. Statt dessen haben sie den Amerikanern und Russen das Feld überlassen. Darum "droht jetzt eine andere Angleichung der Ukraine und Europas: ein gemeinsamer Verlust an außenpolitischer Souveränität. Die Erfahrungen, die über Jahrhunderte die Ostmitteleuropäer, vor allem Polen, die Tschechoslowakei und die Ukraine, machen mussten, dass 'über sie, aber ohne sie' entschieden wird, betrifft jetzt auch die EU-Europäer, deren Nationen noch im 19. Jahrhundert eine weltbeherrschende Rolle spielten. Denn die europäische Sicherheit und Freiheit stehen auf dem Spiel, wenn die Ukraine von Moskau und Washington zu einem Diktatfrieden gezwungen werden sollte. Die langfristige und umfassende Gefahr des russischen Vorgehens hätte man schon 2014 erkennen können, als Putin die Krim annektierte, mithin die Ukraine teilte." Welche Gefahren drohen, veranschaulicht Schulze-Wessel am Beispiel der Tschecheslowakei, die sich 1938, nachdem sie vom Westen fallengelassen worden war, von einem demokratischen Staat in weiten Teilen in einen antidemokratischen, antisemitischen verwandelte.
In der Jüdischen Allgemeinensieht das die Grüne Marieluise Beck ähnlich: "Selenskyj hat drei Jahre um Waffen gefleht. Es geht nicht darum, der Ukraine zu 'helfen', es geht um die Zukunft des freien Europas. Die Ukraine hat unendliche Opfer gebracht im Vertrauen auf die westlichen Demokratien. Der Westen, das waren Freiheit und gemeinsame Sicherheit. Wenn Trump in Alaska Putins Spiel mitspielt und die Europäer das hinnehmen, wird der Rest der Welt daraus den Schluss ziehen, dass die Zeit des Westens vorbei ist."
Auch in Anchorage gibt es ein paar Aufrechte. Der Financial-Times-Reporter Max Seddon sendet einen Tweet.
Erstaunlich viele Kolumbianer und Brasilianer kämpfen an der Ostfront der Ukraine, berichtet in der FAZ Robert Putzbach. Sie sollen "rund 40 Prozent der ausländischen Kämpfer" ausmachen. Nicht ganz einfach für den ukrainischen Stab, weil viele kein Englisch können, von Ukrainisch ganz zu schweigen: "In der Zentrale - wo alle Informationen zusammenlaufen - kommen dann zeitgleich ukrainische, russische, spanische und englische Funksprüche an. Noch dazu abgehackt und rauschig. Die Übersetzer haben alle Hände voll zu tun. Besonders die Armee-Bürokratie macht viel Arbeit. Die Kolumbianer können kein Dokument selbst lesen, sie kennen in der Regel ja nicht einmal die Bedeutung der kyrillischen Buchstaben. Die Kolumbianer sind keine klassischen Söldner, die für eine Firma tätig sind. Sie werden als reguläre Soldaten in die Armee eingegliedert. Ihr Sold unterscheidet sich nicht von dem Gehalt ukrainischer Armeeangehöriger. Aus kolumbianischer Sicht aber sind die etwa 3000 Euro pro Monat viel Geld. ... Viele Kämpfer sehen ihren Einsatz hier als eine Art Auslandsjahr. Sie sparen für ein konkretes Ziel wie ein neues Haus. Oder ein Auto, um ins Taxigewerbe einzusteigen."
In der NZZempfiehlt der Politikwissenschaftler und Jurist Jörg Himmelreich die Lektüre von Karl Marx' Artikelserie "Enthüllungen zur Geschichte der Diplomatie im 18. Jahrhundert" die er 1856/57 zum Krimkrieg und zur "russische Herrschaftskultur als 'asiatische Despotie'" veröffentlichte. Marx kritisierte scharf die Briten, die die Polen beim Aufstand 1865 Zar Alexander II. überließen. "Nach den Teilungen im 18. Jahrhundert gehörte Polen nominell zu weiten Teilen zum Zarenreich und hatte sich schon mehrfach vergeblich gegen dessen Herrschaft aufgelehnt. Den milden Pariser Frieden am Ende des Krimkriegs nutzte Russland, um 1877 erneut in die Donaufürstentümer einzufallen. Gleichzeitig eroberte Russland Zentralasien. 'Die Expansion folgt der Expansion', wie Friedrich Engels sarkastisch festhielt. Diese Ereignisse machten Marx zu einem leidenschaftlichen Verfechter der polnischen Unabhängigkeit - und zu einem ebenso leidenschaftlichen Kritiker der britischen Außenpolitik, der es in Europa vor allem um möglichst schnellen politischen und wirtschaftlichen Ausgleich mit Russland ging. ... Führende Sozialisten widersetzten sich Marx. Sie sprachen Polen als dem einst größten Staat und mächtigen Königreich Osteuropas schlicht das Existenzrecht ab", und warfen ihm vor, Unfrieden nach Europa zu bringen - was Himmelreich stark an die Diskussion über die Ukraine erinnert.
In der FAZ berichtet Thomas Thiel von einem Streit zwischen der Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße in Potsdam, die am 23. August der Opfer von Nationalsozialismus und Kommunismus gleichermaßen gedenkt, und ihrem Träger, der Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten (SBG), die ein solches gemeinsames Gedenken ablehnt: "Der Streit berührt grundsätzliche Fragen der Erinnerungskultur. Die Gegner des Gedenktags befürchten, das fusionierte Gedenken könne den völkisch-rassischen Vernichtungshass des NS-Regimes unzulässig auf den Kommunismus ausdehnen und die Verantwortung des NS-Staats für den Weltkrieg in einer totalisierenden Opferperspektive überblenden: aquarellierte Erinnerung. Die Befürworter, es handelt sich vor allem um Osteuropahistoriker, beklagen einen Doppelstandardin der Erinnerungskultur. Erinnerungspolitisch seien die Folgen der sowjetischen Gewaltherrschaft unterrepräsentiert. Zu oft sei der Blick auf den Kommunismus, den man allein an seinen guten Absichten messe, noch verklärt, dazu komme ein eklatantes Desinteresse am tragischen Schicksal Osteuropas im zwanzigsten Jahrhundert."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wir setzen unsere Vorabdruckreihe aus Götz Alys neuem Buch fort: Immer wieder zitiert Götz Aly in "Wie konnte das Geschehen?" auch die Hellsichtigen. Zu ihnen gehörten etwa der 1933 ins Exil getriebene Ökonom Wilhelm Röpke oder Carl Friedrich Goerdeler, bis zum Januar 1937 Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, der später in Plötzensee hingerichtet wurde. Beide benannten früh ein Prinzip der Hitlerschen Politik: Kredite, die später durch Raub refinanziert werden sollten. Hierum geht's in unserem fünften Auszug.
Eins muss man der FR lassen: Sie ist wirklich ganz groß darin, Israelis zu finden, die das Terrorattentat der Hamas am 7. Oktober ignorieren. Nachdem Sarit Michaeli von der israelischen Hilfsorganisation B'Tselem am Samstag eine Täter-Oper-Umkehr vornahm - "Israelische Juden wie ich selbst sprechen aus der Gesellschaft der Täter heraus, während unser palästinensisches Personal die Perspektive der Opfer mitbringen" (unser Resümee) - kann es heute der in Berlin lebende israelische Historiker Adam Razkaum fassen, dass selbst linke Israelis den Palästinensern gegenüber abgekühlt sind: "Mich hat erstaunt, wie viel Netanjahu und seine Clique darin setzen, das Volk zu rekrutieren. So gab es vor dem 7. Oktober große Proteste gegen Netanjahus Regierung und ihren Angriff auf eine unabhängige Justiz. Das Thema Besatzung wurde zwar weitgehend ignoriert, dennoch war Israel ein demokratischer, liberaler Staat. Und auf einmal, binnen Stunden nach dem 7. Oktober, setzt ein Stimmungsumschwung in der israelischen Mentalität ein." Vielleicht hat das nichts mit Netanjahu zu tun, aber alles mit der Tatsache, dass die Hamas an diesem Tag fast 1200 Zivilisten folterten, vergewaltigten und ermordeten und 250 Geiseln nahmen, von denen viele inzwischen ebenfalls ermordet wurden.
In der tazbeklagt Mina Jawad das hiesige Desinteresse an den Afghanen - oder vielmehr den Umgang mit den Taliban: "Alle Jahre wieder zum Jahrestag der Machtübernahme empören wir uns über die Menschenverachtung der Taliban, berufen uns auf universelle Werte, fordern die Bundesregierung auf, bloß nicht mit diesem Regime gemeinsame Sache zu machen. Als wäre die Kritik an der systematischen Frauenfeindlichkeit - so notwendig sie ist - eine Antwort auf die Frage, wie 40 Millionen Menschen überleben sollen. Als wären die Taliban das erste und einzige Problem Afghanistans." Das ist für sie eher der Westen: "In den Jahrzehnten des vermeintlichen 'Nation Building' wurde keine nachhaltige Wirtschaftspolitik betrieben, keine eigene Industrie entwickelt, nur Abhängigkeiten wurden geschaffen. Afghanistan wurde über Jahrzehnte von einem Land der Selbstversorger zu einem Land der Importeure gemacht. Und dann, mit dem Truppenabzug 2021, hat man einfach die Infusionsnadel gezogen", weshalb die Afghanen jetzt unter bitterer Armut leiden.
Vor fast zwanzig Jahren sorgte in einer Banlieue von Paris ein Verbrechen für Entsetzen, das heute fast wie ein Vorläufer des 7.Oktober erscheint (unsere Resümees). Eine Jugendbande, die sogenannte "Gang des Barbares", entführte den jungen Ilan Halimi und folterte ihn zu Tode. Da er Jude war, glaubte man, so irgendwie Geld erpressen zu können - die ganze Neighbourhood hielt bei dem Verbrechen zusammen. Zum Gedenken an Halimi wurde ein Olivenbaum gepflanzt, der gestern von anonymen "Aktivisten" abgesägt wurde.
À Épinay, l'olivier dédié à Ilan Halimi, jeune homme juif mort à 20 ans aux mains du Gang des Barbares, a été tronçonné pendant la nuit.
Der Autor Jean Mizrahistellt in einem längeren Twitter-Post die Verbindung zu den Bibas-Kindern her, die von Hamas-Teroristen erwürgt wurden und deren Plakate von "Aktivisten" abgerissen worden waren. Auch bei Ilan Halimi ist die Zerstörung des Mahnmals nicht die erste gegen die Erinnerung gerichtete Tat: "2015, 2017, 2019... und heute. Als wollte man die Spuren eines Verbrechens von unglaublicher Grausamkeit verwischen. Für die Familie Bibas nimmt das Grauen eine noch erschreckendere Dimension an: die Geiselnahme zweier sehr kleiner Kinder und ihrer Mutter unter besonders beängstigenden Umständen. Was mich umtreibt, ist die Beharrlichkeit dieser Geste: das Gesicht oder den Namen, die daran erinnern würden, dass diese Menschen Opfer waren, aus dem öffentlichen Raum zu löschen, verschwinden zu lassen, zu tilgen."
In der Jüdischen Allgemeinenempört sich Philipp Peyman Engel über den Vorwurf, die israelische Armee habe einen unschuldigen Journalisten getötet: "Der vermeintliche Al-Jazeera-Reporter Anas al-Sharif war kein unschuldiger Journalist, sondern Mitglied der Hamas. Er hat von der Hamas ein Gehalt bezogen. Ihm wurde eine Personalnummer zugeordnet. Er war im 'Nebenberuf' Teil eines Raketenbataillons der Hamas. Es gibt zahlreiche Selfies von ihm mit Yahya Sinwar, dem Chefarchitekten der Anschläge vom 7. Oktober, in eindeutiger Pose. Passend dazu schrieb Anas al-Sharif am 7. Oktober über seine Hamas-Kollegen: 'Neun Stunden, und die Helden streifen immer noch durch das Land, töten und nehmen Gefangene ... Gott, Gott, wie großartig ihr seid.'"
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