9punkt - Die Debattenrundschau
Reden ist meine Hauptwaffe
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.07.2025. In der FAZ geißelt der Rechtshistoriker Dominik Kawa die bleibende deutsche Ignoranz über die deutschen Verbrechen an den Polen. In der SZ antwortet Eva Illouz auf die Frage, ob Antizionismus eine Form des Antisemitismus ist - mehr oder weniger mit ja. Im Interview mit der Zeit erklärt Alice Schwarzer, warum sie den Wehrdienst verweigern, aber gern ein soziales Pflichtjahr absolvieren würde - und trotzdem gern schießen können würde.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
03.07.2025
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Europa
Europa hat sich zu lange auf die USA verlassen und zahlt mit Donald Trump jetzt die Rechnung, konstatiert der Ökonom Andreas Barthelmess in der NZZ. "Unsere moralische Empörung versperrt den Blick auf die Realität. So verstörend Trump wirkt: Sein Aufstieg ist auch Ausdruck europäischer, speziell deutscher, selbstverschuldeter Unmündigkeit. Wir wollten nach dem Zweiten Weltkrieg einfach nicht erwachsen werden. Noch heute klammern wir uns an ein Weltbild, das längst aus der Zeit gefallen ist. Das erklärt unsere politischen Versäumnisse. Wir müssen aufhören, unsere Ohnmacht durch Nostalgie und moralische Empörung zu kompensieren. Die Disruption ist kein Zukunftsszenario, sie ist Gegenwart. Wir sollten keine dritte Amtszeit Trumps brauchen, um das zu begreifen."
Wer weiß in Deutschland eigentlich, dass Heinrich Himmler nicht nur für den Mord an den Juden verantwortlich war, sondern auch für die "polnische Frage", fragt in der FAZ der Rechtshistoriker Dominik Kawa: "von den False-Flag-Operationen zu Kriegsbeginn, die unter dem Tarnnamen 'Unternehmen Himmler' liefen, bis zum Massenmord an der polnischen Zivilbevölkerung; von der systematischen Auslöschung der geistigen Elite über die Niederschlagung des Warschauer Aufstands bis zur vollständigen Vernichtung der polnischen Hauptstadt. Allein der hierzulande so gut wie unbekannten 'Intelligenzaktion', die im Frühling 1940 in die 'Außerordentliche Befriedungsaktion' überging, fielen sechzig- bis hunderttausend Angehörige der polnischen Führungsschicht zum Opfer (während parallel dazu im sowjetisch besetzten Landesteil weitere bis zu fünfundzwanzigtausend Offiziere, Staatsbeamte und Geistliche auf Stalins Befehl hingerichtet wurden)", so Kawa, der hofft, es möge doch noch was werden mit dem "lang geplanten Deutsch-Polnischen Haus".
Wer weiß in Deutschland eigentlich, dass Heinrich Himmler nicht nur für den Mord an den Juden verantwortlich war, sondern auch für die "polnische Frage", fragt in der FAZ der Rechtshistoriker Dominik Kawa: "von den False-Flag-Operationen zu Kriegsbeginn, die unter dem Tarnnamen 'Unternehmen Himmler' liefen, bis zum Massenmord an der polnischen Zivilbevölkerung; von der systematischen Auslöschung der geistigen Elite über die Niederschlagung des Warschauer Aufstands bis zur vollständigen Vernichtung der polnischen Hauptstadt. Allein der hierzulande so gut wie unbekannten 'Intelligenzaktion', die im Frühling 1940 in die 'Außerordentliche Befriedungsaktion' überging, fielen sechzig- bis hunderttausend Angehörige der polnischen Führungsschicht zum Opfer (während parallel dazu im sowjetisch besetzten Landesteil weitere bis zu fünfundzwanzigtausend Offiziere, Staatsbeamte und Geistliche auf Stalins Befehl hingerichtet wurden)", so Kawa, der hofft, es möge doch noch was werden mit dem "lang geplanten Deutsch-Polnischen Haus".
Politik
In einem ganzseitigen SZ-Artikel stellt sich die Soziologin Eva Illouz die Frage, ob der Antizionismus eine Form des Antisemitismus sei. Schlussendlich kommt sie zu dem Schluss, dass diese beiden Begriffe aneinander gekoppelt sind. "Wir müssen endlich mit dem doppelten Trugschluss aufräumen, dass Zionismus gleichbedeutend mit Unterstützung israelischer Politik und Antizionismus radikal verschieden von Antisemitismus sei. Sie sind vielleicht nicht identisch, aber sie weisen definitiv eine Familienähnlichkeit auf. Sehr viele Juden, mich eingeschlossen, haben keinerlei Schwierigkeiten, Zionist zu sein und gleichzeitig aufs Schärfste die Unmenschlichkeit des Krieges in Gaza und die Unmoral der Besatzung zu verurteilen. Wir haben kein Problem damit, Netanjahus Zynismus zu erkennen und dennoch die überwältigenden Beweise für Antisemitismus zu sehen. Netanjahu entwertet nicht die Existenz Israels, so wie Putin nicht die Russlands entwertet."
Eva Illouz kommt noch einmal im NZZ-Interview mit Birgit Schmid zu Wort. Hier entwirft sie einen Plan für die Zukunft, den eigentlich Netanjahu aufstellen sollte. Der Krieg in Gaza muss so schnell wie möglich beendet werden, meint sie, dann sollten die Geldquellen der Hamas in Katar ausgetrocknet werden. Und schließlich fordert sie einen Marshall-Plan, "um den Palästinensern beim Wiederaufbau ihrer Gesellschaft zu helfen, sowohl in materieller, kultureller wie moralischer Hinsicht. Zweitens sollte so etwas wie ein Entnazifizierungsprozess durchgeführt werden, um den Antisemitismus auszumerzen, der diese Gesellschaft erfasst hat. Es braucht während zweier oder dreier Jahrzehnte eine Überwachung, um sicherzustellen, dass keine neuen Tunnel gebaut werden, kein neues militärisches Arsenal angehäuft wird und den Kindern kein Antisemitismus eingeimpft wird. Durch die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen werden die Palästinenser davon abgehalten, Israel anzugreifen und zu terrorisieren."
Die Menschenrechtsorganisation "Breaking the Silence" sammelt seit 2004 Zeugenaussagen von IDF-Soldaten, die in Gaza stationiert waren oder sind. Im Zeit-Online-Interview spricht der Mitarbeiter Joel Carmel über zwei Gesetze - die Teil der israelischen Justizreform sind (unsere Resümees) -, die die Arbeit von seiner Organisation stark einschränken könnte. Das eine Gesetz soll verbieten, den internationalen Haftbefehl gegen Netanjahu zu unterstützen, das andere sieht vor, dass NGOs 80 Prozent von aus dem Ausland erhaltenen Geldern dem israelischen Staat abgeben müssen, wobei Carmel den Vergleich mit dem russischen Agentengesetz (mehr dazu hier) für "zutreffend" hält. "Es wäre eine Schande für Israel, sich auf das Niveau einer Autokratie wie Putins Russland herabzulassen. Israel brüstet sich seit Jahren damit, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein. Es wäre lächerlich, sich gleichzeitig so zu verhalten wie Russland oder Ungarn. Ich setze außerdem große Hoffnungen in die israelische Gesellschaft. Die Protestbewegung wächst."
Eva Illouz kommt noch einmal im NZZ-Interview mit Birgit Schmid zu Wort. Hier entwirft sie einen Plan für die Zukunft, den eigentlich Netanjahu aufstellen sollte. Der Krieg in Gaza muss so schnell wie möglich beendet werden, meint sie, dann sollten die Geldquellen der Hamas in Katar ausgetrocknet werden. Und schließlich fordert sie einen Marshall-Plan, "um den Palästinensern beim Wiederaufbau ihrer Gesellschaft zu helfen, sowohl in materieller, kultureller wie moralischer Hinsicht. Zweitens sollte so etwas wie ein Entnazifizierungsprozess durchgeführt werden, um den Antisemitismus auszumerzen, der diese Gesellschaft erfasst hat. Es braucht während zweier oder dreier Jahrzehnte eine Überwachung, um sicherzustellen, dass keine neuen Tunnel gebaut werden, kein neues militärisches Arsenal angehäuft wird und den Kindern kein Antisemitismus eingeimpft wird. Durch die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen werden die Palästinenser davon abgehalten, Israel anzugreifen und zu terrorisieren."
Die Menschenrechtsorganisation "Breaking the Silence" sammelt seit 2004 Zeugenaussagen von IDF-Soldaten, die in Gaza stationiert waren oder sind. Im Zeit-Online-Interview spricht der Mitarbeiter Joel Carmel über zwei Gesetze - die Teil der israelischen Justizreform sind (unsere Resümees) -, die die Arbeit von seiner Organisation stark einschränken könnte. Das eine Gesetz soll verbieten, den internationalen Haftbefehl gegen Netanjahu zu unterstützen, das andere sieht vor, dass NGOs 80 Prozent von aus dem Ausland erhaltenen Geldern dem israelischen Staat abgeben müssen, wobei Carmel den Vergleich mit dem russischen Agentengesetz (mehr dazu hier) für "zutreffend" hält. "Es wäre eine Schande für Israel, sich auf das Niveau einer Autokratie wie Putins Russland herabzulassen. Israel brüstet sich seit Jahren damit, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein. Es wäre lächerlich, sich gleichzeitig so zu verhalten wie Russland oder Ungarn. Ich setze außerdem große Hoffnungen in die israelische Gesellschaft. Die Protestbewegung wächst."
Gesellschaft
Als Mann würde Alice Schwarzer den Wehrdienst verweigern. Aber wenn "es Frauen gibt, die zum Bund wollen: bitte", erklärt sie im Interview mit der Zeit. Dann lernen sie wenigstens, sich notfalls zu verteidigen, wenn sie abends durch den Park gehen. Ich habe einfach eine Schwäche für friedliebende Männer und wehrhafte Frauen. Die, wenn es sein muss, auch schießen können. ... Der Mensch kann nicht immer friedlich sein, manchmal muss er sich verteidigen, vor allem wenn er weiblich ist. Ich gebe zu: Manchmal würde ich auch gerne schießen können. Zum Glück konnte ich die Täter bisher immer mit Worten verjagen. Reden ist meine Hauptwaffe. Aber das könnte ja auch mal nicht ausreichen." Ganz grundsätzlich würde sie aber ein gesellschaftliches Pflichtjahr vorziehen, für beide Geschlechter. Dass Frauen davon ausgenommen werden sollen, weil sie ja Kinder bekommen, ist für sie kein Argument, sondern "Sklavengeschwätz. Ein Kind zu bekommen, ist kein Dienst am Vaterland, sondern eine zutiefst individuelle Entscheidung. Wer so argumentiert, zementiert die Rollenverteilung, nach der Frauen fürs Kindbett, aber nicht für die Kaserne taugen."
Medien
Anna-Lena von Hodenberg ist Mitgründerin der NGO "Hate Aid", die sich gegen Hass im Internet einsetzt und Anfang des Jahres durch die CBS-Sendung "60 Minutes" (unser Resümee) auch in den USA an Bekanntheit gewonnen hat. Im SZ-Interview mit Andrian Kreye spricht Hodenberg über die Arbeit von Hate Aid. Dass sie die Meinungsfreiheit in Deutschland bedrohen, wie J.D. Vance behauptet hat, ist für sie "ein bewusst gestreutes Narrativ, vor allem aus rechtsradikalen und rechtsextremen Kreisen. Auch in Deutschland wird unsere Arbeit zunehmend diskreditiert - durch kleine Anfragen bei den Parlamenten, Bücher, Artikel, in denen uns Zensur unterstellt wird. Wir arbeiten überparteilich und rechtsstaatlich. Unsere Aufgabe ist es, Betroffenen zu helfen, ihre Grundrechte durchzusetzen - und damit Meinungsfreiheit oft erst zu ermöglichen."
Außerdem: Die Zeit drückt sich auch in ihrer neuen Printausgabe vor einer Diskussion um die "Depublizierung" der jüngsten Kolumne Maxim Billers und veröffentlicht statt dessen auf einer Seite Leserbriefe, die sich zu 90 Prozent über Biller empören.
Außerdem: Die Zeit drückt sich auch in ihrer neuen Printausgabe vor einer Diskussion um die "Depublizierung" der jüngsten Kolumne Maxim Billers und veröffentlicht statt dessen auf einer Seite Leserbriefe, die sich zu 90 Prozent über Biller empören.
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