9punkt - Die Debattenrundschau

Wie rasant ihre Radikalisierung verlief

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.05.2025. Die New York Times schildert den Hergang des antisemitischen Mords an Sarah Milgrim, 26, und Yaron Lischinsky, 30, in Washington. Deutsche Zeitungen beschäftigen sich mit Trumps Hass-Aktion gegen Harvard. SZ und taz erörtern die Frage, wie Deutschland sich zu Israel stellen soll. In der NZZ schildert Sonja Margolina das heikle russische Selbstbild: Aus sich heraus ist man nur halb. Das Deutsche Historische Museum erinnert an das Erinnern - Raphael Gross, Direktor des DHM, erklärt in der FAS, warum das sinnvoll ist. "Am 7. Oktober wurden wir wieder zu Juden", sagt die israelische Autorin Lee Yaron in der taz.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.05.2025 finden Sie hier

Politik

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"Am 7. Oktober wurden wir wieder zu Juden", sagt die Autorin Lee Yaron, die ein Buch über Überlebende der Hamas-Pogrome geschrieben hat, im Gespräch mit Till Schmidt von der taz: "Wenn Israel für das Ende der jüdischen Opferrolle in der Diaspora und für einen sicheren Hafen steht, dann war der 7. Oktober das völlige Scheitern dieses Traums. Das hat diese uralte Wunde wieder aufgerissen." Sie exemplifiziert diesen Satz an ihrer eigenen Familiengeschichte: "Als meine Großeltern spät in ihrem Leben nach Israel einwanderten, brachten sie viele Opfer für den Traum, dass ihre Kinder und Enkelkinder an einem sicheren Ort als Juden leben können. Von vielen Familien, mit denen ich für mein Buch gesprochen habe, habe ich Ähnliches gehört. Das sind Menschen, die selbst oder deren Vorfahren vor Pogromen in arabischen Ländern geflohen sind, aus der ehemaligen Sowjetunion oder vor dem Holocaust. Mit dem 7. Oktober wurden wir alle an die Vergangenheit der Diaspora erinnert."

Donald Trump hat der Uni Harvard bekanntlich verboten, ausländische Studenten zu immatrikulieren. Die Uni wehrt sich und hat bereits eine einstweilige Verfügung erhalten. Der Angriff Trumps ist existenziell, schreibt Sofia Dreisbach in der FAZ: "Damit fällt auch eine der entscheidenden Finanzierungsquellen für die Hochschule weg, der die Regierung jüngst schon mehr als zwei Milliarden Dollar Zuschüsse entzogen hat. Laut Harvard kommen in diesem Jahr mehr als 6.000 Studenten aus dem Ausland; sie machen demnach gut ein Viertel aller Studierenden aus. Die Universität ist auf ihre Studienbeiträge angewiesen, die pro Jahr je nach Unterbringung und Verpflegung zwischen 59.000 und 87.000 Dollar pro Person liegen." Im Feuilleton der FAZ schreibt Frauke Steffens zum selben Thema, Trump mache "Antisemitismus im Einzelfall" zum Vorwand für eine "strategische Delegitimierung ganzer Institutionen".

Ähnlich sieht es auch Boris Herrmann, der eine ganze Seite 3 der SZ über Harvard schreibt und der mit dem deutschen Professor Harvard-Professor Mathias Risse gesprochen hat: "Niemand bestreitet, dass es auch in Harvard antisemitische Vorfälle gab, sagt Risse. Aber erstens habe die Uni lang vor Trumps Amtsübernahme begonnen, sie systematisch aufzuarbeiten, was die Regierung komplett ignoriere. Und zweitens zeigten Studien, dass das Epizentrum des Antisemitismus in den USA eindeutig im extrem rechten Milieu liege und nicht an den Universitäten."

Auf Twitter wehrt sich Harvard so:


Auch wenn laut Professor Risse (siehe oben) Antisemitismus vor allem rechts zu verorten sei, ist noch der letzte antisemitische Mord an Sarah Milgrim, 26, and Yaron Lischinsky, 30 in Washington aufzuarbeiten, dessen Täter Elias Rodriguez aus dem linksradikalen, "propalästinensischen" Spektrum kam. Andy Newman und Andrea Kannapell schildern in der New York Times den Tathergang, der auf einem Überwachungsvideo nachzuvollziehen ist und der in einem Bericht des FBI geschildert wird. Hier ist zu sehen, wie Rodriguez "an seinen beiden Opfern vorbeiging, sich dann hinter sie stellte, mehrfach in den Rücken der Opfer schoss und weiter schoss, nachdem sie zu Boden gefallen waren... Nach den Schüssen versuchte Sarah Milgrim, 26, laut dem Bericht wegzukriechen, aber Rodriguez 'folgte ihr und schoss erneut'. Während einer Pause, in der es so aussah, als würde er seine Waffe nachladen, setzte sich Frau Milgrim laut der eidesstattlichen Erklärung auf, woraufhin Herr Rodriguez mehrere weitere Schüsse abgab." Danach rief er noch "Free Palestine".

In der Nähe der Humboldt-Uni wurde unterdessen dieses unglaublich abstoßende Plakat aufgehängt - laut Tagesspiegel ermittelt die Berliner Polizei.


Und so spricht der sich sicher als links lesende Influencer Guy Christensen (3,4 Millionen Follower auf Tiktok) über die Morde in Washington.


"Israel hat viel an Sympathie und an Unterstützung eingebüßt", schreibt Daniel Brössler im Leitartikel der SZ. "Eine Mehrheit der europäischen Länder übt mittlerweile scharfe Kritik und stellt die engen Beziehungen zu Israel infrage. Bundeskanzler Friedrich Merz ließ sich noch nach seinem Wahlsieg eine Einladung des mit einem Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs belegten Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu entlocken. Nun steht er unter starkem Druck, sich hier einzureihen." Zur Frage, ob Israel zu sanktionieren sei, schreibt Brössler aber, es sei unmöglich, "auf die Regierung in Jerusalem zu zielen, ohne die Menschen in Israel zu treffen".

Stefan Reinecke plädiert dagegen in der taz für Sanktionen gegen Israel: "Berlin hat die Wahl: Wenn Israel den Krieg mit Hunger und Bomben fortsetzt, dann kann, dann muss auch die Bundesregierung eindeutig reagieren. Also keine Waffenlieferungen mehr, kein privilegierter Handel mit der EU, Anerkennung Palästinas."

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Europa

Die "Letzte Verteidigungswelle" (unser Resümee) ist nur eine von vielen rechtsextremen Gruppen, in denen sich Jugendliche in Deutschland zusammengeschlossen haben - offenbar hat sich hier eine ganze Subkultur gebildet, fürchtet Konrad Litschko in der taz: "Es ist nicht nur verstörend, wie jung die Festgenommenen sind und wie rasant ihre Radikalisierung verlief. Sondern auch, dass sie niemand stoppte. Die Eltern nicht, auch nicht Freunde, nicht die Schule. Weil niemand etwas mitbekam? Oder weil sie niemand stoppen wollte? Dieser Terror hat einen Nährboden. Zwei Jahre ist es her, dass Lehrer in Südbrandenburg, unweit von Altdöbern, einen Brandbrief schrieben: Der Rechtsextremismus habe sich in ihren Klassenräumen breitgemacht, wer widerspreche, müsse um seine Sicherheit fürchten. Auch andernorts zeigten sich Schülervertreter*innen alarmiert. Bei der Bundestagswahl votierten Jungwählern zu 21 Prozent für die AfD." Zum "Brandbrief" der Lehrer vor zwei Jahren unsere Resümees hier und hier.

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"Die russische Opposition ist leider ein Witz", sagt der russische, im deutschen Exil lebende Autor Sergej Lebedew im Gespräch mit Jens Uthoff von der taz. Er ist Herausgeber des Sammelbands "Nein! Stimmen aus Russland gegen den Krieg". Im Grunde sieht er die prominenten Stimmen der Exilopposition fast alle kritisch: "Eine geeinte Exilopposition existiert nicht. Einflussreich sind der Kreis um Michail Chodorkowski und die Leute aus dem Nawalny-Team. Beide sind aber nicht in der Lage, eine gemeinsame Agenda zu formulieren. Und beide sagen nicht klipp und klar, dass sie die Ukraine unterstützen. Julija Nawalnaja hat ausweichend reagiert, als sie nach den westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine gefragt wurde. Nawalny selbst erwähnte den Krieg gegen die Ukraine sehr selten, er konzentrierte sich auf die innerrussische Korruption. Ich denke, nur der Zirkel um Garri Kasparow befürwortet die westlichen Militärhilfen für die Ukraine ohne Wenn und Aber."
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Ideen

Dan Diner erhält morgen den Ludwig-Börne-Preis. Im Gespräch mit Andreas Kilb und Paul Ingendaay von der FAZ spricht er über seine Kindheit in Deutschland, über seine heikle Liebe zu diesem Land, aber auch über die Aktualität in Israel: "Ich sehe, wie sich eine Katastrophe aufbaut, deren Eintritt ich immer befürchtet hatte. Die radikalsten Tendenzen setzen sich durch. Israel ist ein gespaltenes Land - gespalten, was die Frage seiner Legitimität und damit des politischen Handelns angeht. Für die gegenwärtigen Machthaber geht es eher um die 'Erlösung des Landes', also ein politisch-theologisches Prinzip. Deswegen spielt für sie etwa das Schicksal der Entführten keine Rolle. Die Geiseln müssen notfalls geopfert werden. Die andere Seite rückt die Menschen in den Vordergrund, sie ist bereit, auf Anteile des Landes zu verzichten."

Ohne das "fremde Eigene" ist Russland nur ein Schatten seiner selbst, erläutert Sonja Margolina für die NZZ in einem interessanten Essay über das verzwickte und von Komplexen geprägte russische Selbstbild. So betrachteten die Russen die baltischen Länder etwa als ihren eigenen "Westen". Ähnlich verhielt es sich mit anderen Gebieten im Westen Russlands: "Vor dem endgültigen Sieg über das Osmanische Reich am Ende des 18. Jahrhunderts besaß Russland nur eine bescheidene historische Tiefe. Während sich angestammte europäische Völker auf die griechische oder die römische Antike berufen konnten, fing die russische Geschichte erst mit der Eroberung Kiews durch Fürst Wladimir an, der seinen älteren Bruder 978 ermordet haben soll und sich in Chersones christlich-orthodox taufen ließ. Erst an der Schwarzmeerküste, wo griechische Kolonien bereits im 6. bis 7. Jahrhundert vor Christus gegründet worden waren, fand das Kaiserreich seine eigene Antike und durfte sich als Nachfolger antiker Reiche inszenieren."

Rein neurologisch gesehen existiert das Hufeisen doch, sagt die Neurologin Leor Zmigrod im Gespräch mit Rico Bandle von der NZZ (sie verwendet den Begriff aber nicht). Sie ist Autorin des Buchs "Das ideologische Gehirn - Wie politische Überzeugungen wirklich entstehen". Bei ihren Tests hat sie Folgendes festgetellt: "Lange Zeit ging man davon aus, dass politisch sehr rechts stehende Menschen psychologisch am unflexibelsten sind, da es ihnen oft darum geht, die Vergangenheit wiederherzustellen und Traditionen hochzuhalten. Die Linke hingegen sei flexibel, schließlich strebt sie den gesellschaftlichen Wandel an. Dem ist aber nicht so. Unsere neuropsychologischen Tests zeigen klar eine U-förmige Kurve auf: Die moderaten Teilnehmer, also jene, die keiner festgelegten Ideologie folgen, schneiden bei der kognitiven Flexibilität am besten ab, die extremen Teilnehmer beider politischen Ränder am schlechtesten. Links- und Rechtsextreme sind sich in dieser Hinsicht sehr ähnlich."
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Geschichte

Das Deutsche Historische Museum rekonstruiert in seiner Schau "Gewalt ausstellen" die ersten, zwischen 1945 bis 1948 gezeigten europäischen Ausstellungen über die nationalsozialistischen Verbrechen (unser Resümee der FR-Besprechung). Jetzt erinnern wir schon an das Erinnern. Ist das noch sinnvoll? Absolut, erklärt Raphael Gross, Direktor des DHM, im Gespräch mit der FAS: "Diese Ausstellungen hatten noch ein europäisches Narrativ. Auch in Frankreich wurde gezeigt, was in Osteuropa passierte. Und andersherum. Insofern sind sie ein interessantes, tatsächlich vollkommen übersehenes Phänomen in der Geschichte. Darum hat es mich so gereizt, das genauer anzuschauen", so Gross, der außerdem hofft, dass die neue Bundesregierung an der 2023 beschlossenen Errichtung eines Okkupations-Museums festhält.

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Außerdem: In  der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ empfiehlt der Afrikanist Andreas Eckert Ravi Ahujas Studie "Shipping Lords and Coolie Strikers - Class, Race, and Maritime Capitalism in the Early Twentieth Century" über das "rassifizierte" (so Eckert) "Arbeitsmanagement in der britischen Handelsflotte im Zeitalter des Imperialismus". Der Historiker Jochen Hellbeck erzählt in der NZZ nochmal die Geschcihte der Schlacht von Stalingrad - gespiegelt auch in vielen Zitaten des damaligen Kriegsberichterstatters Wassili Grossman.
Archiv: Geschichte

Gesellschaft

In Deutschland arbeiten knapp 70 Prozent der berufstätigen Mütter in Teilzeit. In Frankreich ist der Anteil nicht einmal halb so groß, stellen Johannes Pennekamp und Niklas Záboji im Wirtschaftsteil der FAZ fest. Und finden es seltsam, dass diese Thematik im deutschen Diskurs nicht mal vorkommt: Die Ökonomin Ulrike Malmendier "bezeichnet es als 'Hürde Nummer eins', dass in Deutschland nicht genug Stunden gearbeitet werden. Fachkräfte sollen aus dem Ausland angeworben werden, Industriearbeiter für Zukunftsbranchen umgeschult werden, doch bestens ausgebildete Frauen in Teilzeit stehen politisch nicht im Fokus." Die Autoren machen kulturelle Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland aus. In Frankreich gibt es ein gut ausgebautes und staatlich garantiertes Netz der Betreuung, dafür aber kein Elterngeld "von bis zu 1.800 Euro im Monat über 14 Monaten hinweg".

Moritz Baumstieger und Ronen Steinke gehen in einer intensiven Recherche für die SZ glatt nochmal der Frage nach, ob die Eltern von Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, wirklich jüdisch waren - Deborah Feldman hatte die Herkunft Engels in einem Artikel für die Weltbühne des putinistischen Verlegers Holger Friedrich in Frage gestellt (unser Resümee). Für Baumstieger und Steinke Anlass genug zur Frage: "Hat Engel seine Familiengeschichte ein wenig geglättet, eine Komplexität unterschlagen, die er womöglich - warum auch immer - für störend hielt?"
Archiv: Gesellschaft

Kulturpolitik

Die parteilose Kulturmanagerin und neue Berliner Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson kann kommunizieren, meint Andreas Kilb in einem kleinem Profil, das er für die FAZ zeichnet. "Genau daran ist Wedl-Wilsons Vorgänger Joe Chialo gescheitert. Als im Herbst letzten Jahres bekannt wurde, dass der Kulturetat der Hauptstadt um 130 Millionen Euro schrumpfen sollte, fiel Berlins Kulturszene aus allen Wolken. Nach öffentlichen Protesten, gegenseitigen Bezichtigungen und hektischem Nachverhandeln konnte für das Haushaltsjahr 2025 das Schlimmste verhindert werden. Aber die Einsparungen wurden zum großen Teil aus Rückstellungen und langfristigen Planungen erbracht."
Archiv: Kulturpolitik
Stichwörter: Wedl-Wilson, Sarah