9punkt - Die Debattenrundschau
Christen, Juden und Nudisten
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.04.2025. Im Spiegel verteidigt Natan Sznaider Omri Boehm und plädiert für eine Art Fließgleichgewicht zwischen Universalismus und Partikularismus. Ebenfalls in der FAZ antworten die Politikwissenschaftler Julian Nicolai Hofmann und Oliver Eberl auf Egon Flaig: Keine Opferpflicht des Bürgers ohne Ausgleich und gerechte Ordnung. In der FR stellt Aleida Assmann den palästinensischen Politologen Bashir Bashir vor, der den Nahostkonflikt durch einen egalitären Binationalismus zu befrieden hofft. Warum schweigt die sonst so mitteilungsbedürftige Annalena Baerbock zu den Protesten in Gaza gegen die Hamas, fragen die Ruhrbarone.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
09.04.2025
finden Sie hier
Ideen
"Uns allen geht es darum, wie wir nach der Katastrophe, die wir und unsere Familien erlebten, weiterleben können", schreibt Natan Sznaider im Spiegel in einer beeindruckenden Antwort auf die jüngste Omri-Boehm-Debatte. So wie Eva Illouz den Israel-Preis hätte bekommen sollen, der ihr abgesprochen wurde, hätte auch Omri Boehm in Buchenwald reden können dürfen, meint er - der intellektuell ein Antipode zu Boehm ist: "Ich glaube zum Beispiel nicht, dass der souveräne Staat Israel seinen ethnischen Charakter aufgeben sollte, der für mich die Grundlage des Landes ist. Das ist mein 'Nie wieder'. Das sieht Omri Boehm anders. Damit fordert er meinen Partikularismus heraus, der auch strittig und kontrovers bleiben soll, denn nur so kann ich ihn verteidigen. Moralisches und humanitäres Denken, Urteilen und Fühlen soll universell, unparteiisch, unabhängig und neutral sein. Darauf beruhen im Idealfall auch globale Solidarität, universelle Empathie und Gerechtigkeit. Aber ich sehe auch, dass es nicht nur um noble Ideale geht, sondern um unser konkretes Leben hier in Israel. Und dafür will ich das Partikulare, Parteiische, Abhängige und Voreingenommene verteidigen."
Der Althistoriker Egon Flaig hatte kürzlich in der FAZ die Ukrainer kritisiert, die sich dem Kriegsdienst in ihrem Land entziehen, und mit Kant argumentiert, dass eine Demokratie im Ernstfall dem Bürger Loyalität und Opferbereitschaft abverlangen können muss (unser Resümee). Die Politikwissenschaftler Julian Nicolai Hofmann und Oliver Eberl antworten heute in der FAZ. Sie werfen Flaig vor, "echten Nationalismus in die Berliner Republik" einführen zu wollen. Laut Kant müssten die Bürger schon selbst für den Kriegsdienst stimmen, er könne ihnen nicht von oben aufgezwungen werden. Und dann leiten sie über zu Machiavelli, der "nur zu gut" wusste, "dass Tugend und Wehrhaftigkeit nicht erzwungen werden können, sondern durch eine gerechte Ordnung kultiviert werden müssen." Doch "der Wehrdienst, der wieder eingeführt werden soll, und auch das Modell des sozialen Pflichtjahrs versprechen jungen Menschen zum Ausgleich weder mehr Teilhabe noch soziale Gerechtigkeit. Was die postheroische Mentalität angeht, ist auch die Ukraine offenbar schon ein normaler Nationalstaat: Die hohen Zahlen von Desertionen, die Flaig beklagt, sind ein Indiz dafür, dass nicht allen Soldaten klar ist, was sie genau verteidigen."
Der Althistoriker Egon Flaig hatte kürzlich in der FAZ die Ukrainer kritisiert, die sich dem Kriegsdienst in ihrem Land entziehen, und mit Kant argumentiert, dass eine Demokratie im Ernstfall dem Bürger Loyalität und Opferbereitschaft abverlangen können muss (unser Resümee). Die Politikwissenschaftler Julian Nicolai Hofmann und Oliver Eberl antworten heute in der FAZ. Sie werfen Flaig vor, "echten Nationalismus in die Berliner Republik" einführen zu wollen. Laut Kant müssten die Bürger schon selbst für den Kriegsdienst stimmen, er könne ihnen nicht von oben aufgezwungen werden. Und dann leiten sie über zu Machiavelli, der "nur zu gut" wusste, "dass Tugend und Wehrhaftigkeit nicht erzwungen werden können, sondern durch eine gerechte Ordnung kultiviert werden müssen." Doch "der Wehrdienst, der wieder eingeführt werden soll, und auch das Modell des sozialen Pflichtjahrs versprechen jungen Menschen zum Ausgleich weder mehr Teilhabe noch soziale Gerechtigkeit. Was die postheroische Mentalität angeht, ist auch die Ukraine offenbar schon ein normaler Nationalstaat: Die hohen Zahlen von Desertionen, die Flaig beklagt, sind ein Indiz dafür, dass nicht allen Soldaten klar ist, was sie genau verteidigen."
Politik
In der FR fragt Aleida Assmann, wie eine israelisch-palästinensische Koexistenz aussehen könnte und bezieht sich auf drei verschiedene Visionen von Omri Boehm, Moshe Zimmermann und schließlich dem palästinensischen Politologen Bashir Bashir: "Sein Modell nennt er 'egalitären Binationalismus'. Es geht ihm also ebenfalls um eine Zweistaatenlösung, diesmal jedoch aus einer palästinensischen Perspektive. Seine Vision beginnt mit den Rahmenbedingungen. Bashir bringt dabei neben Politik und Erziehung auch die Ethik mit ins Spiel, denn seine politische Lösung schließt das Projekt einer historischen Versöhnung in Israel/Palästina ein." Auch die Strukturen innerhalb Palästinas müssen sich ändern, so Bashir: "Das politische System der Palästinenser sei schwach und korrupt, es müsse sich neu erfinden. Er betont dabei auch, dass sich diese Nation nicht nur auf ihre Opfergeschichte stützen kann, sondern sich auch ihre eigene Zukunft entwerfen und um einen demokratischen Neuanfang bemühen muss. Dieser kann nur mit einer verantwortlichen politischen Führung gelingen und muss den Aufbau von Institutionen vorantreiben."
Warum sagt eigentlich Annalena Baerbock nichts zu den Protesten gegen die Hamas in Gaza, fragt bei den Ruhrbaronen Thomas Wessel. Seit zwei Wochen demonstrieren dort Zehntausende, "sie demonstrieren friedlich und werden gemetzelt, den Leichnam des 22jährigen Oday Nasser Al-Rubai, von Hamas zu Tode gefoltert, warfen die Mörder wie einen Müllsack auf die Straße vor das Haus seiner Familie. ... Oday hätte zum Gesicht einer internationalen Soli-Welle werden können, wie es Neda Agha-Soltan 2009 und Jina Mahsa Amini 2022 im Iran geworden sind. Und? 'Wo waren die Proteste in den westlichen Hauptstädten für Oday? Nirgendwo.' Schrieb Hamza Howidy jetzt auf USA Today, 2019 hatte er selber Proteste gegen Hamas in Gaza organisiert und Hamas-Haft und deren Folter überlebt, bevor er in die USA und inzwischen nach Deutschland entkommen ist: 'Ich kenne das tiefe Gefühl des Verrats, die schmerzliche Einsicht, allein gelassen zu werden.' Es sei, als ginge die 'sogenannte pro-palästinensische Bewegung' davon aus, dass es nun einmal Menschen geben müsse, die unter der Herrschaft der Hamas zu leben hätten und zu sterben 'als Werkzeuge in ihren ideologischen Kämpfen'." Und Baerbock enttäuschte nicht minder: "Keine Erklärung des Auswärtigen Amtes zu den Protesten gegen den Terror der Hamas, keine Passage in einer von Baerbocks Reden, kein Post auf ihrem X-Account, wo sich Dutzende sammeln, in denen sie Israel maßregelt und mahnt."
Warum sagt eigentlich Annalena Baerbock nichts zu den Protesten gegen die Hamas in Gaza, fragt bei den Ruhrbaronen Thomas Wessel. Seit zwei Wochen demonstrieren dort Zehntausende, "sie demonstrieren friedlich und werden gemetzelt, den Leichnam des 22jährigen Oday Nasser Al-Rubai, von Hamas zu Tode gefoltert, warfen die Mörder wie einen Müllsack auf die Straße vor das Haus seiner Familie. ... Oday hätte zum Gesicht einer internationalen Soli-Welle werden können, wie es Neda Agha-Soltan 2009 und Jina Mahsa Amini 2022 im Iran geworden sind. Und? 'Wo waren die Proteste in den westlichen Hauptstädten für Oday? Nirgendwo.' Schrieb Hamza Howidy jetzt auf USA Today, 2019 hatte er selber Proteste gegen Hamas in Gaza organisiert und Hamas-Haft und deren Folter überlebt, bevor er in die USA und inzwischen nach Deutschland entkommen ist: 'Ich kenne das tiefe Gefühl des Verrats, die schmerzliche Einsicht, allein gelassen zu werden.' Es sei, als ginge die 'sogenannte pro-palästinensische Bewegung' davon aus, dass es nun einmal Menschen geben müsse, die unter der Herrschaft der Hamas zu leben hätten und zu sterben 'als Werkzeuge in ihren ideologischen Kämpfen'." Und Baerbock enttäuschte nicht minder: "Keine Erklärung des Auswärtigen Amtes zu den Protesten gegen den Terror der Hamas, keine Passage in einer von Baerbocks Reden, kein Post auf ihrem X-Account, wo sich Dutzende sammeln, in denen sie Israel maßregelt und mahnt."
Gesellschaft
In der Welt macht sich Henryk M. Broder über einen mit Mehrheit verabschiedeten Antrag der Berliner Jusos lustig, der vorsieht den Begriff "Islamismus" zukünftig nicht mehr zu verwenden, sondern stattdessen von "religiös begründetem Extremismus" oder "islamischem Extremismus" zu sprechen - die begriffliche Nähe zum Wort "Islam" wirke "stigmatisierend": "Nun kann nicht bestritten werden, dass es eine 'begriffliche Nähe' zwischen Islam und Islamismus tatsächlich gibt. Ähnlich wie bei 'Alkohol' und 'Alkoholismus' kommt es vor allem auf die Dosis an. Zu viel ist ungesund. Das gilt auch für Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften, Christen, Juden und Nudisten; wobei nicht übersehen werden sollte, dass es nicht 'australische Austauschstudenten', katholische Pfadfinder oder jüdische Schachspieler sind, die für ein 'Kalifat' auf die Straße gehen, sondern vor allem Menschen, die zwischen Islam und Islamismus hin und her oszillieren. Schwer zu sagen, wo die Trennlinie verläuft, das eine aufhört und das andere anfängt, die Schnittmenge dürfte erheblich sein."
Kulturpolitik
In der NZZ resümiert Birgit Schmid eine Diskussion an der Berliner Schaubühne zwischen Theaterregisseur Milo Rau und Caroline Emcke: Es geht um das von Rau lancierte Projekt "Resistance Now Together", das sich gegen die Verreinnahmung der Kultur durch die Politik wehrt. Ziel ist eine europäische Gesetzgebung, die die Kunstfreiheit gewährt. Anlass ist die Entlassung des Direktors des slowakischen Nationaltheaters: "'Wenn man auf solche Vorfälle nicht reagiert, ist es gut möglich, dass wir die Nächsten sind.'"(...) Man kenne das Wahlprogramm der AfD und der FPÖ und deren Angriffe auf kulturelle Institutionen. 'Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass das nicht umgesetzt wird, wenn die einmal an der Macht sind.' Nur staatliche Unterstützung könne die Unabhängigkeit der Kunst garantieren, während private Sponsoren oft inhaltlich mitreden wollten."
Geschichte
In der NZZ vergleicht Thomas Fuster die von Trump verhängten Zölle mit den Ereignissen rund um die Weltwirtschaftskrise 1929. Auch damals führten die USA mit dem "Smoot-Hawley Act" abrupt hohe Zölle ein. Könnte es zu einer vergleichbar schlimmen Situation kommen? "Viel hängt davon ab, wie das Ausland reagiert und ob es zu einer Eskalation wie in den 1930er Jahren kommt. Ökonomen sprachen damals von einer 'Beggar thy neighbour'-Politik. Gemeint sind Maßnahmen wie Gegenzölle, Importquoten, Devisenkontrollen und Währungsabwertungen, die den Nachbarn zum Bettler machen sollen. Die Erfahrung zeigte jedoch, dass die Eskalation letztlich beide Seiten zu Bettlern machte (...) Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen waren verheerend. Zwar geht die Behauptung, Smoot-Hawley habe die Weltwirtschaftskrise ausgelöst, an der Realität vorbei. So fand der New Yorker Börsencrash, der den Roaring Twenties ein jähes Ende bereitete, schon im Oktober 1929 statt, also mehr als ein halbes Jahr vor der Verabschiedung der Zollerhöhungen. Unbestritten ist aber, dass der Zollkrieg die Wirtschaftskrise verschärfte."
1 Kommentar



