9punkt - Die Debattenrundschau
Riskant für die Demokratie
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.03.2025. "Auch Amerika erfährt nun, dass eine demokratische Verfassung Demokraten braucht", konstatiert die FAZ mit Blick auf die Schleifung der Institutionen durch die Trump-Satrapen. Morgen ist Tag der Frau, die taz bringt eine ganze Frauen-taz und macht klar, dass "Pink Globalization" keine gute Sache ist. Die FAZ greift die Geschichte der ukrainischen Reporterin Victoria Roshchyna auf, die von den Russen zu Tode gefoltert wurde. In der Welt erklärt Philip Manow, warum ein Bündnis zwischen CDU und AfD auszuschließen ist.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
07.03.2025
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Politik
"Auch Amerika erfährt nun, dass eine demokratische Verfassung Demokraten braucht", schreibt Majid Sattar im Leitartikel der FAZ mit Blick auf den Umbau der Institutionen durch die Trump-Kamarilla. Noch nie, seit dem Bürgerkrieg, so Sattar, sei die amerikanische Demokratie so herausgefordert worden. Der entscheidende Test finde im Zusammenspiel mit den Gerichten statt: Hält sich die Exekutive an Entscheidungen der Richter? "Anfang Februar stellte aber ein Bundesrichter in Rhode Island fest, dass das Weiße Haus sich seinem Urteil widersetze und sich weigere, eingefrorene Mittel für Bundesprogramme wieder freizugeben, bis obere Instanzen über den Fall entschieden haben. Es war das erste Mal, dass die Trump-Regierung der Judikative trotzte."
Zu den von Umbau betroffenen Instutionen gehören auch die amerikanischen Unis, wo es nach den leidenschaftlichen Pro-Hamas-Demos des letzten Jahres nun auffällig ruhig ist. Deutsche Wissenschaftsfunktionäre hoffen schon, dass deutsche Unis von der verschlechterten Stimmung profitieren können - besonders natürlich in den Naturwissenschaften, berichtet Thomas Thiel, ebenfalls in der FAZ: "Deutschland wird darauf wohl nicht mit Abwerbekampagnen reagieren, aber es ist klar, dass sich beim Kampf um Spitzenkräfte die Gewichte verschieben. Die Verlockung für amerikanische Wissenschaftler liegt in den großen Freiheiten und Sicherheiten, die Wissenschaftler hierzulande genießen, der soliden Grundausstattung und den im Vergleich zu den Vereinigten Staaten langfristigeren Finanzierungszyklen." Bei hpd.de berichtet Adrian Beck en détail zum selben Thema.
Solche Meldungen machen ja irgendwie auch Spaß: Tesla läuft in Deutschland nicht mehr so, berichtet Friedhelm Greis bei golem.de: "Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) sank die Zahl der Neuzulassungen des US-Elektroautoherstellers in Deutschland im Jahresvergleich um 76,3 Prozent. Insgesamt legte der Verkauf von Elektroautos hingegen um 30,8 Prozent zu."
An einen Dritten Weltkrieg glaubt Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) im Tagesspiegel-Gespräch mit Moritz Honert und Stefanie Witte nicht, dennoch: "Wir sind auch nicht mehr im Frieden. Die ganze westliche Welt hat seit Jahren mit Cyberangriffen zu tun, auf Unternehmen, auf Regierungen, auf Institutionen, darunter auch Pressehäuser." Das Gespräch zwischen Trump und Selenski hält sie nicht nur für inszeniert, sie glaubt auch, Trump habe sich verzockt: "Ich glaube, dass Trump mit seinem Verhalten in der westlichen Welt komplett auf Unverständnis gestoßen ist. Und nicht nur dort. Auch Südamerika, Australien, Neuseeland, der Indopazifik, alle schauen auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Und jetzt muss jeder, der ihn besucht, davon ausgehen, einen solchen Einlauf zu bekommen. Nach innen wird er hingegen seine Punkte gemacht haben. America first, oder was auch immer. Aber es wird auch eine Menge Amerikaner geben, die sein Verhalten als unangenehm erachten, als peinlich. Die werden sich jedoch nicht äußern, weil Trump gerade dabei ist, etwas Beängstigendes zu tun, nämlich demokratische Prozesse abzuwürgen. In den USA herrscht inzwischen ein System der Angst."
Zu den von Umbau betroffenen Instutionen gehören auch die amerikanischen Unis, wo es nach den leidenschaftlichen Pro-Hamas-Demos des letzten Jahres nun auffällig ruhig ist. Deutsche Wissenschaftsfunktionäre hoffen schon, dass deutsche Unis von der verschlechterten Stimmung profitieren können - besonders natürlich in den Naturwissenschaften, berichtet Thomas Thiel, ebenfalls in der FAZ: "Deutschland wird darauf wohl nicht mit Abwerbekampagnen reagieren, aber es ist klar, dass sich beim Kampf um Spitzenkräfte die Gewichte verschieben. Die Verlockung für amerikanische Wissenschaftler liegt in den großen Freiheiten und Sicherheiten, die Wissenschaftler hierzulande genießen, der soliden Grundausstattung und den im Vergleich zu den Vereinigten Staaten langfristigeren Finanzierungszyklen." Bei hpd.de berichtet Adrian Beck en détail zum selben Thema.
Solche Meldungen machen ja irgendwie auch Spaß: Tesla läuft in Deutschland nicht mehr so, berichtet Friedhelm Greis bei golem.de: "Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) sank die Zahl der Neuzulassungen des US-Elektroautoherstellers in Deutschland im Jahresvergleich um 76,3 Prozent. Insgesamt legte der Verkauf von Elektroautos hingegen um 30,8 Prozent zu."
An einen Dritten Weltkrieg glaubt Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) im Tagesspiegel-Gespräch mit Moritz Honert und Stefanie Witte nicht, dennoch: "Wir sind auch nicht mehr im Frieden. Die ganze westliche Welt hat seit Jahren mit Cyberangriffen zu tun, auf Unternehmen, auf Regierungen, auf Institutionen, darunter auch Pressehäuser." Das Gespräch zwischen Trump und Selenski hält sie nicht nur für inszeniert, sie glaubt auch, Trump habe sich verzockt: "Ich glaube, dass Trump mit seinem Verhalten in der westlichen Welt komplett auf Unverständnis gestoßen ist. Und nicht nur dort. Auch Südamerika, Australien, Neuseeland, der Indopazifik, alle schauen auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Und jetzt muss jeder, der ihn besucht, davon ausgehen, einen solchen Einlauf zu bekommen. Nach innen wird er hingegen seine Punkte gemacht haben. America first, oder was auch immer. Aber es wird auch eine Menge Amerikaner geben, die sein Verhalten als unangenehm erachten, als peinlich. Die werden sich jedoch nicht äußern, weil Trump gerade dabei ist, etwas Beängstigendes zu tun, nämlich demokratische Prozesse abzuwürgen. In den USA herrscht inzwischen ein System der Angst."
Europa


Viktor Orban hat angekündigt, keine Pride-Paraden mehr in Ungarn zulassen zu wollen, berichtet Alan Posener in der Welt: "Orbán begründete seinen Angriff auf die Freiheitsrechte mit dem Kinderschutz. Eltern müssten das Recht haben, ihre Kinder vor 'Gender-Aktivismus' zu schützen." Dabei "hat Ungarn trotz all dieser vorgeblich dem Kindeswohl dienenden Unterdrückungsmaßnahmen - oder vielmehr, eben weil deren verklemmter Geist vorherrscht - ein Problem mit dem Kindesmissbrauch. Die Dunkelziffer ist hoch, aber einem Bericht der Unicef zufolge hat Ungarn eine der höchsten Missbrauchsraten von allen entwickelten Ländern. Die Täter sind nicht offen lebende Schwule und Lesben, sondern ganz 'normale' Leute, bei Mädchen meistens die Väter und Stiefväter, bei Jungen nicht zuletzt auch katholische Priester."
Medien
Anlässlich des 25-jährigen Perlentaucher-Jubiläums (mehr hier und hier) blickt Mitgründer Thierry Chervel im Interview mit Ruhrbaron Stefan Laurin auch auf die Geschichte der Feuilletton-Debatte zurück, die der Perlentaucher abgebildet und mitgestaltet hat: "Die Feuilletondebatte ist eine deutsche Besonderheit. Lange Zeit war das Feuilleton der einzige Ort in der Zeitung, in dem die Öffentlichkeit zugelassen war. Nur dort konnten externe Autoren zu einem bestimmten Thema etwas schreiben. Die Meinungsseiten der Zeitungen dagegen waren komplett abgeriegelt. Um auf der berühmten Seite vier der Süddeutschen Zeitung veröffentlichen zu dürfen, musste man angestellter Redakteur sein. Die goldene Zeit der Feuilletondebatte reichte bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Damals wurden Debatten tatsächlich noch von der Kunst ausgelöst. Man debattierte zum Beispiel leidenschaftlich über den neuesten Film von Rainer Werner Fassbinder. Dann kam aber irgendwann der Punkt, an dem sich die Debatten politisierten. Der Urknall der modernen Debatte war dann der Historikerstreit, der 1986 mit einem Text des Historikers Ernst Nolte in der FAZ begann."
Über den Anschlag in Mannheim wurde bedeutend weniger berichtet als über die Anschläge zuvor. Der Nachrichtenwert sei geringer, weil der Tatverdächtige Deutscher ist, sagt der Medienforscher Thomas Hestermann im Zeit-Online-Gespräch mit Anant Agarwala - und erinnert daran, dass es ein Taxifahrer mit pakistanischen Wurzeln war, der den deutschen Amokfahrer von Mannheim stoppte. Der Journalismus habe sich von der AfD treiben lassen, der Druck auf Redaktionen sei enorm, fährt er fort: "Die Medien berichten über Gewalt eher nach den Deutungsmustern der AfD. 2018 haben meine Leipziger Kollegin Elisa Hoven und ich systematisch untersucht, welches Bild von Kriminalität in Deutschland die AfD produziert. Dafür haben wir die Pressemitteilungen analysiert, die deren Bundesverband, Landesverbände, Bundestagsfraktion und die Landtagsfraktionen herausgeben. In 95 Prozent der Fälle, in denen die Herkunft eines Tatverdächtigen erwähnt wurde, war dies ein Ausländer."
Yelizaveta Landenberger greift in der FAZ die Geschichte der ukrainischen Reporterin Victoria Roshchyna auf, die in den von Russland besetzten Gebieten recherchierte, festgenommen wurde und in Folterhaft, auf 30 Kilogramm abgemagert starb. Hilfe hatte sie nie bekommen: "Auf einer Trage sei Roshchyna im vergangenen Juni schließlich in ein Krankenhaus gebracht und nach ihrem Aufenthalt dort in Isolationshaft verlegt worden. Zuletzt wurde sie am 8. September gesehen, als sie aus ihrer Zelle an einen unbekannten Ort gebracht wurde. Eigentlich hätte Roshchyna bei einem großen Gefangenenaustausch am 14. September 2024 freikommen sollen, doch dazu kam es nicht. Anfang Oktober vergangenen Jahres erfuhr ihr Vater aus einem an ihn adressierten Brief des russischen Verteidigungsministeriums vom Tod seiner Tochter, angeblich sei sie am 19. September gestorben."
Dieser Dokumentarfilm erzählt die Geschichte Roshchynas (Untertitel lassen sich hinzuschalten).
Über den Anschlag in Mannheim wurde bedeutend weniger berichtet als über die Anschläge zuvor. Der Nachrichtenwert sei geringer, weil der Tatverdächtige Deutscher ist, sagt der Medienforscher Thomas Hestermann im Zeit-Online-Gespräch mit Anant Agarwala - und erinnert daran, dass es ein Taxifahrer mit pakistanischen Wurzeln war, der den deutschen Amokfahrer von Mannheim stoppte. Der Journalismus habe sich von der AfD treiben lassen, der Druck auf Redaktionen sei enorm, fährt er fort: "Die Medien berichten über Gewalt eher nach den Deutungsmustern der AfD. 2018 haben meine Leipziger Kollegin Elisa Hoven und ich systematisch untersucht, welches Bild von Kriminalität in Deutschland die AfD produziert. Dafür haben wir die Pressemitteilungen analysiert, die deren Bundesverband, Landesverbände, Bundestagsfraktion und die Landtagsfraktionen herausgeben. In 95 Prozent der Fälle, in denen die Herkunft eines Tatverdächtigen erwähnt wurde, war dies ein Ausländer."
Yelizaveta Landenberger greift in der FAZ die Geschichte der ukrainischen Reporterin Victoria Roshchyna auf, die in den von Russland besetzten Gebieten recherchierte, festgenommen wurde und in Folterhaft, auf 30 Kilogramm abgemagert starb. Hilfe hatte sie nie bekommen: "Auf einer Trage sei Roshchyna im vergangenen Juni schließlich in ein Krankenhaus gebracht und nach ihrem Aufenthalt dort in Isolationshaft verlegt worden. Zuletzt wurde sie am 8. September gesehen, als sie aus ihrer Zelle an einen unbekannten Ort gebracht wurde. Eigentlich hätte Roshchyna bei einem großen Gefangenenaustausch am 14. September 2024 freikommen sollen, doch dazu kam es nicht. Anfang Oktober vergangenen Jahres erfuhr ihr Vater aus einem an ihn adressierten Brief des russischen Verteidigungsministeriums vom Tod seiner Tochter, angeblich sei sie am 19. September gestorben."
Dieser Dokumentarfilm erzählt die Geschichte Roshchynas (Untertitel lassen sich hinzuschalten).
Gesellschaft
Zum morgigen Weltfrauentag erklärt Annick Wibben, Professorin für Gender, Peace und Security, im Tagesspiegel-Gespräch, wie sich Krisen und Krieg auf die Sicherheit von Frauen auswirken: "Frauen sind meist weniger mobil, ganz einfach weil sie sich aus dem Rollenverständnis heraus vielmehr um Kinder, Kranke und Alte kümmern. Insofern sind sie oft direkt von der ersten Welle der Gewalt betroffen, Männer können eher fliehen oder sind im Militär und können sich deshalb mit Waffen verteidigen. Obwohl Kinder und Männer das auch erleben, sind Frauen häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen. Auf der anderen Seite müssen die höheren Rüstungsausgaben aber irgendwo herkommen, dabei wird oft bei Sozialausgaben gekürzt und davon sind wiederum überdimensional häufig Frauen betroffen. Oft wird über die Auswirkungen von solchen Kürzungen, die sowohl kurz- als auch langfristige Effekte haben, zu wenig nachgedacht."
Das Land Berlin hat eine alte Tradition der DDR wiederbelebt und den 8. März, den Tag der Frau zum Feiertag erklärt (der Perlentaucher wird erscheinen). Die taz bringt eine 52-seitige Frauen-taz. Das Editorial stellt eine Frage zur aktuellen deutschen Politik: "Vielsagend das erste Foto der wohl neuen Führungsriege der Union: mittelalte lächelnde Herren in Anzügen, die Ministerposten wollen - ohne eine einzige weibliche Person am Tisch. Im nächsten Bundestag liegt der Frauenanteil bei gerade mal 32,4 Prozent und ist damit so niedrig wie seit 16 Jahren nicht. Queere Menschen, Menschen mit Migrationsgeschichte, Nichtakademiker*innen sind noch deutlicher in der Minderheit als zuvor. Das Patriarchat holt sich die Macht zurück."
Es gibt eine Menge neuen Feminismus in der taz-Beilage: Die Philosophin Antje Schrupp bringt die unvermeidliche Frage ins Spiel, ob Frauen überhaupt "Frauen" sind, ob es sich hier nicht um eine Zuschreibung handelt: "Die Zuschreibung von Weiblichkeit erfolgt nicht willkürlich, sondern anhand der Genitalien. 'Es ist ein Mädchen' wird über jene Babys gesagt, bei denen kein Penis sichtbar ist, und zwar deshalb, weil das ein starker Hinweis darauf ist, dass sie vermutlich einen Uterus haben und später einmal schwanger werden können."
Die Zurichtung erfolgt dann nunter anderem über eine Farbcodierung, erzählt Luisa Faust : "'Pink Globalization' nennt die Anthropologin Christine Reiko Yano das Phänomen, das uns seit den Neunzigern begleitet. Sie meint, dass diese Form der Globalisierung, statt abzuflauen, immer weiter Fahrt aufnimmt. Bei den Kleidungsstücken, die in den Kinderabteilungen über den Verkaufstresen gehen, unterscheiden sich nicht nur die Farben und Muster, sondern auch die Schnitte. Für die Jungen gibt es Latzhosen, Jacken aus festem Stoff, für die Mädchen niedliche feine Kleidchen aus Tüll, Miniröcke und Skinny Jeans. Wenn es nach H&M geht, wollen Mädchen der Welt schon ihre Beine präsentieren, wenn sie noch gar nicht richtig laufen können."
Silke Burmester schreibt über die Wechseljahre. Katja Kullmann schildert Sex in den besten Jahren. Bei Jasmin Kalarickal geht es um obdachlose Frauen in Köln-Mülheim. Anne Fromm spricht mit der Gynäkologin Mandy Mangler über Frauengesundheit. Nichts über Frauen in Afghanistan, Frauen im Iran, nichts übers Kopftuch, nichts über Gewalt gegen Frauen in aktuellen Kriegen wie im Sudan oder im Pogrom des 7. Oktober. Nichts übe den Streit zwischen dem neuen und dem alten Feminismus.
Birgit Schmid (NZZ) führt zum Weltfrauentag indes ein Interview mit dem Schriftsteller Matthias Politycki über die "Rückkehr der traditionellen Männlichkeit", die Politycki in seinem neuen Essay und im Interview verteidigt: "Im Lauf der Zeit verkrusten die meisten gesellschaftlichen Bewegungen ideologisch und erschöpfen sich irgendwann. So auch der Genderdiskurs, der in den vergangenen Jahrzehnten die Debatten bestimmt hat."
Das Land Berlin hat eine alte Tradition der DDR wiederbelebt und den 8. März, den Tag der Frau zum Feiertag erklärt (der Perlentaucher wird erscheinen). Die taz bringt eine 52-seitige Frauen-taz. Das Editorial stellt eine Frage zur aktuellen deutschen Politik: "Vielsagend das erste Foto der wohl neuen Führungsriege der Union: mittelalte lächelnde Herren in Anzügen, die Ministerposten wollen - ohne eine einzige weibliche Person am Tisch. Im nächsten Bundestag liegt der Frauenanteil bei gerade mal 32,4 Prozent und ist damit so niedrig wie seit 16 Jahren nicht. Queere Menschen, Menschen mit Migrationsgeschichte, Nichtakademiker*innen sind noch deutlicher in der Minderheit als zuvor. Das Patriarchat holt sich die Macht zurück."
Es gibt eine Menge neuen Feminismus in der taz-Beilage: Die Philosophin Antje Schrupp bringt die unvermeidliche Frage ins Spiel, ob Frauen überhaupt "Frauen" sind, ob es sich hier nicht um eine Zuschreibung handelt: "Die Zuschreibung von Weiblichkeit erfolgt nicht willkürlich, sondern anhand der Genitalien. 'Es ist ein Mädchen' wird über jene Babys gesagt, bei denen kein Penis sichtbar ist, und zwar deshalb, weil das ein starker Hinweis darauf ist, dass sie vermutlich einen Uterus haben und später einmal schwanger werden können."
Die Zurichtung erfolgt dann nunter anderem über eine Farbcodierung, erzählt Luisa Faust : "'Pink Globalization' nennt die Anthropologin Christine Reiko Yano das Phänomen, das uns seit den Neunzigern begleitet. Sie meint, dass diese Form der Globalisierung, statt abzuflauen, immer weiter Fahrt aufnimmt. Bei den Kleidungsstücken, die in den Kinderabteilungen über den Verkaufstresen gehen, unterscheiden sich nicht nur die Farben und Muster, sondern auch die Schnitte. Für die Jungen gibt es Latzhosen, Jacken aus festem Stoff, für die Mädchen niedliche feine Kleidchen aus Tüll, Miniröcke und Skinny Jeans. Wenn es nach H&M geht, wollen Mädchen der Welt schon ihre Beine präsentieren, wenn sie noch gar nicht richtig laufen können."
Silke Burmester schreibt über die Wechseljahre. Katja Kullmann schildert Sex in den besten Jahren. Bei Jasmin Kalarickal geht es um obdachlose Frauen in Köln-Mülheim. Anne Fromm spricht mit der Gynäkologin Mandy Mangler über Frauengesundheit. Nichts über Frauen in Afghanistan, Frauen im Iran, nichts übers Kopftuch, nichts über Gewalt gegen Frauen in aktuellen Kriegen wie im Sudan oder im Pogrom des 7. Oktober. Nichts übe den Streit zwischen dem neuen und dem alten Feminismus.
Birgit Schmid (NZZ) führt zum Weltfrauentag indes ein Interview mit dem Schriftsteller Matthias Politycki über die "Rückkehr der traditionellen Männlichkeit", die Politycki in seinem neuen Essay und im Interview verteidigt: "Im Lauf der Zeit verkrusten die meisten gesellschaftlichen Bewegungen ideologisch und erschöpfen sich irgendwann. So auch der Genderdiskurs, der in den vergangenen Jahrzehnten die Debatten bestimmt hat."
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