9punkt - Die Debattenrundschau

Die Grenzen der Zugehörigkeit

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.02.2025. Die Narrative der Rechtspopulisten zu übernehmen, macht diese nur stärker, mahnt der Politologe Marcel Lewandowsky die etablierten Parteien im FR-Gespräch. Die AfD wird so schnell nicht verschwinden - wir sollten uns endlich damit auseinandersetzen, was das langfristig bedeutet, fordert der Soziologe Marcel Schütz in der NZZ. "Ave Trump", ruft derweil die FAZ. The Atlantic stellt fest, dass sich die Sprachreglementierung in den USA nun auf die Seite der Rechten verschoben hat: Die Regierung hat eine Liste mit verbotenen Wörtern erstellt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.02.2025 finden Sie hier

Gesellschaft

Die AfD schwächt man nicht, indem man einfach ihre Forderungen übernimmt, mahnt der Politologe Marcel Lewandowsky im FR-Interview mit Florian Weber. Die etablierten Parteien müssten auf den Erfolg der Rechtspopulisten eine andere Antwort finden: "Diese multiplen Krisen haben eigentlich ein Stück weit, muss man fast sagen, die Parteien überfordert. Viele Parteien haben dann reagiert, indem sie die Narrative der Rechtspopulisten aufgriffen. Die Rechtspopulisten wären weniger erfolgreich, wenn die Parteien des politischen Mainstreams diese Narrative nicht bedienen würden. Wenn wir eine Außenseiterpartei hätten, die nicht gehört und größtenteils ignoriert würde und die als nicht satisfaktionsfähig gezeichnet wird, inklusive ihrer Erzählungen und Positionen, dann wäre sie womöglich nicht so stark wie in dem Moment, wo auch konservative Parteien versuchen, diese Rhetorik, diese Position zu übernehmen. Dann nützt es auch nichts mehr zu sagen, dass diese Partei in Teilen extremistisch sei, denn im Grunde genommen goutiert man bereits, wofür sie steht."

Die AfD ist gekommen um zu bleiben. Zeit sich mit den Folgen für die gesamte Gesellschaft zu befassen, fordert hingegen der Soziologe Marcel Schütz in der NZZ. Die Konsequenzen, die eine gesellschaftliche Normalisierung der AfD hat, wurden nämlich bisher recht wenig besprochen, warnt er. "Eine dauerhafte Etablierung über Jahre, der Aufbau parlamentarischer Stärke, Routine und hohe Präsenz stellen tragende Säulen der Etablierung der AfD dar. Hinzu kommt [...] die Möglichkeit der sozialen Durchdringung in die Mitte der Gesellschaft. Lange wurde angenommen, der extreme Gestus der AfD limitiere ihr Wählerpotenzial unterhalb der Machtoptionen. Wurde jenes vor wenigen Jahren im Bund auf 20 Prozent geschätzt, liegt es ausweislich neuerer Daten inzwischen eher bei 30 Prozent. Einen sehr hohen Durchdringungsgrad hat die AfD in Ostdeutschland erreicht, wo sie vielerorts stärkste Partei ist. Nur nebenher sei angemerkt, dass dort auf kommunaler Ebene die Brandmauer sichtbare Risse aufweist."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Der Großteil der Bevölkerung empört sich nicht mehr über die AfD-Rhetorik, weil sie sich an sie gewöhnt hat, meint Peter Laudenbach in der SZ. "Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering hat schon 2019, zwei Jahre nach dem Einzug der AfD in den Bundestag, die 'Rhetorik der parlamentarischen Rechten' in einem luziden Essay untersucht ("Was heißt hier 'wir'?"). Detering unterzieht die Reden von AfD-Politikern mit philologischer Genauigkeit einem ideologiekritischen Close Reading, um die völkischen Denkmuster, die Demokratieverachtung, die Anklänge an NS-Ideologie freizulegen. Dabei klingt zwischen den Zeilen immer wieder die Fassungslosigkeit des Autors darüber an, dass derartige Reden im Bundestag gehalten werden. Inzwischen haben wir uns so sehr an diesen Sound gewöhnt, dass er kaum noch als Skandalon auffällt."

Auch am Wochenende wurde wieder gegen AfD und CDU protestiert. Nutzen diese Proteste irgendwem? Ja, Demonstrationen können durchaus einen Einfluss auf das Wahlergebnis haben, findet Johannes Pennekamp in der FAZ heraus und stützt sich auf Ergebnisse des Protestforschers Lennart Schürmann: "'In Wahlkreisen, in denen die Demonstrationen stattgefunden haben, gab es bei der Bundestagswahl 2021 Stimmenzuwächse von mehr als zwei Prozentpunkten für die Grünen', sagt Schürmann. Weil die Proteste nur in etwa der Hälfte der Wahlkreise stattgefunden haben, schätzt er den Effekt bundesweit etwa halb so groß ein. Der Stimmzuwachs sei kausal auf die Demonstrationen zurückzuführen, gelte also unabhängig und zusätzlich dazu, dass Proteste vor allem in Städten und Stadtteilen stattfinden, in denen die AfD ohnehin besonders kritisch gesehen wird."

Der Ruhrpott war lange Zeit fest in SPD-Hand. In Gelsenkirchen könnte jedoch dieses Mal die AfD stärkste Partei werden - und zwar auch mit Stimmen von Menschen mit Migrationshintergrund, erzählt Zeit-Reporter Philipp Daum, der in Gelsenkirchen unterwegs war und lernt, dass die "Grenzen der Zugehörigkeit" beweglich sind: "Sie werden immer wieder neu gezogen. Diesen Mechanismus hat eine große amerikanische Studie untersucht. Der Zuzug einer neuen Gruppe - in jenem Fall mexikanischer Einwanderer - verbesserte das Verhältnis zwischen den älteren Gruppen, also hier zwischen weißen und schwarzen US-Amerikanern. In Gegenden, in die viele mexikanische Migranten gezogen waren, fanden weiße Amerikaner Gleichstellungspolitik für Schwarze plötzlich besser. Dort gab es auch weniger Hassverbrechen. Gleichzeitig wuchsen die Vorurteile gegenüber Latinos. Die Forscher schrieben, dass ihre Resultate sich auf andere multikulturelle Gesellschaften übertragen ließen. Man könnte also sagen: Die Latinos des Ruhrgebiets sind die Rumänen, die Bulgaren, die Syrer. Die Neuen. Und wenn Neue dazukommen, werden aus den alten Neuen die Alten. Es gibt eine Beißordnung in Gelsenkirchen. Biodeutsche lästern über die Türken. Türken lästern über die Syrer. Und über eine Gruppe können alle lästern: die Roma."

Weiteres: In der taz fordert der Kriminologe Manuel Heinemann die Einrichtung von "Gewaltschutzzentren" nach österreichischem Vorbild, um Attentaten wie in München vorzubeugen.
Archiv: Gesellschaft

Europa

Je weiter die Unterstützung der türkischen Wähler für Erdogan bröckelt, desto massiver werden seine Repressionsversuche, wie Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne aufschlüsselt. Vor allem gegen Journalisten geht die Regierung mit allen Mitteln vor. Mumay ist nun selbst von einem Verfahren bedroht, weil er über einen Korruptionsfall berichtete: "Drei leitende Redakteure einer oppositionellen Zeitung sind in Gewahrsam, weil sie über ein Treffen zwischen dem Chefredakteur einer regierungsnahen Zeitung mit dem als 'mobile Guillotine' bekannten Generalstaatsanwalt berichtet hatten. Der Leiter der staatlichen Rundfunkaufsicht RTÜK gab bekannt, Berichte, 'die den Eindruck erweckten, es gebe nichts Positives im Land', seien verboten. Bei diesem Schlag gegen die Medien bekam auch ich mein Fett weg. Die Finanzaufsicht MASAK fand heraus, dass eine staatliche Bank Unternehmen, die Geld eines in Ankara inhaftierten Mafiabosses gewaschen hatten, einen Kredit von rund 18 Millionen Euro eingeräumt hat. Der Bericht darüber wurde in die Anklageschrift des Mafia-Verfahrens aufgenommen. Weil ich darüber berichtet habe, wird mir vorgeworfen, den Ruf der staatlichen Bank geschädigt zu haben. Ich wurde zur Anhörung dazu einbestellt. Sollte man mich für schuldig befinden, drohen mir drei Jahre Haft."

Bestellen Sie bei eichendorff21!

Die Politik kann nicht gleichzeitig Migration gänzlich abschaffen wollen und auf dem Arbeitsmarkt von ihr stillschweigend einfach weiter profitieren, konstatiert der niederländische Migrationsforscher Hein de Haas im Zeit-Online-Interview mit Lea Mohr. "Wir haben eine Migrationskrise, aber es ist vor allem eine politische Krise. Die Politik schafft es nicht, erfolgreich mit Migrationsproblemen umzugehen. Zum Beispiel wird seit Jahrzehnten ein schärferes Vorgehen gegen illegale Einwanderung gefordert, gleichzeitig wird die Ausbeutung legaler und irregulärer Arbeitsmigrantinnen oft toleriert. Das ist heuchlerisch. Es mangelt auch an Solidarität zwischen den europäischen Ländern, um Asylsuchende gleichmäßiger zu verteilen. Deutschland nimmt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern einen unverhältnismäßig hohen Anteil von Geflüchteten pro Kopf auf. Und es hat allen Grund, darüber nicht besonders glücklich zu sein."

Den Vorschlag der Verfassungsblogger Florian Meinel und Maximilian Steinbeis einen deutschen "Nouveau Front Populaire" gegen die AfD (und CDU) zu gründen (unser Resümee), lehnt Welt-Autor Thomas Schmid entschieden ab. Dieser Vorschlag zeige nur die Verzweiflung des linken Spektrums. "Es ist unschwer zu erkennen, dass diese schnell hingeworfene Idee Ausdruck von Resignation, wenn nicht Verzweiflung sind. Verzweiflung darüber, dass die Zeiten einer ungebrochenen Deutungshoheit zu Ende gehen, in denen die Gleichung 'links = richtig' ein Glaubenssatz war. Täten sie nicht besser daran, auf eine solche politische Verelendungsstrategie zu verzichten und stattdessen über die Gründe für ihren sich anbahnenden Bedeutungsverlust nachzudenken? Die Linke braucht keine erklügelten taktischen Winkelzüge und keine Durchhalte-Mentalität. Sondern politische Klugheit, um aus ihrer selbstverschuldeten Defensive herauszukommen."

Archiv: Europa

Politik

Eine neue "verbale Eskalationsstufe" erreichte Donald Trump mit einem Tweet am Samstag, berichtet Victor Loxen in der FAZ. Er teilte das Napoleon zugeschriebenene Zitat: "He who saves his Country does not violate any Law". Für Loxen ist klar: Wir haben die Stufe des "Cäsarismus" erreicht: "Denn der Cäsarismus bedeutet das Ende aller Institutionen. Sie werden zu bloßen Hüllen, und 'Bedeutung hat nur die ganz persönliche Gewalt, welche der Cäsar oder an seiner Stelle irgend jemand durch seine Fähigkeiten ausübt'. Es bedarf keiner großen Mühe, die zweite Amtszeit Donald Trumps darin prognostiziert zu sehen, wenn einerseits der Raubbau bereits im vollen Gange, andererseits der Personenkult frenetischer ist als je zuvor. Da ist es dann fast schon erwartbar, dass im philosophischen Antichambre des Präsidenten, bei den Autoren des kalifornischen Claremont Institute, die Phantasie vom 'roten Cäsaren' offen gepflegt wird." Auch Patrick Bahners schreibt in der FAZ zum (vermeintlichen) Napoleon-Zitat.

In der FR nimmt Michael Hesse nach der Rede von J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz (unser Resümee) ohne Bedauern Abschied von den USA als Partner der Deutschen: "Wenn Amerika nun abzieht, ist das militärisch vielleicht verheerend, ansonsten verabschiedet sich keine Vorzeigedemokratie, sondern ein Land, das einen tiefen Rassismus aufweist, wie der Historiker Adam Tooze in der FR betonte."
Archiv: Politik

Ideen

Trumps Vize J. D. Vance hat gerade auf dem Münchner Sicherheitsgipfel behauptet, Europa respektiere die Meinungsfreiheit nicht mehr. Und auch im eigenen Land will die Trump-Regierung die Öffentlichkeit vom woken Sprachterror befreien. Erstaunlich, denn in Amerika ist wokeness gerade von links nach rechts gewandert, konstatiert der amerikanische Autor und Kulturkritiker Thomas Chatterton Williams in dem amerikanischen Magazin The Atlantic. Fast sofort nach seinem Amtsantritt hat Donald Trump "das Gegenteil von dem getan, was er versprochen hatte, und seine eigenen sprachlichen Verbote aufgestellt. Die meisten der verbotenen Wörter bezogen sich auf Geschlecht und Vielfalt, und dieses Mal haben die Regeln die Kraft einer Regierung hinter sich. 'Die Befürchtung, dass auch andere Wörter gegen die neuen Verordnungen verstoßen könnten, veranlasste besorgte Beamte der Behörde, selbst Listen mit potenziell problematischen Wörtern zu erstellen', schrieb Shawn McCreesh in der New York Times. Dazu gehören: 'Gleichheit. Geschlecht. Transgender. Nicht-binär. Schwangere Menschen. Bei der Geburt als männlich eingestuft. Antirassistisch. Trauma. Hassrede. Intersektionell. Multikulturell. Unterdrückung. Diese Wörter wurden von den Websites der Bundesbehörden entfernt.' Plus ça change. Es ist unbestreitbar, dass eine Regierung, die selbst die Grenzen zulässiger Meinungsäußerung bestimmen will, weitaus abschreckender und bedenklicher - und potenziell verfassungswidriger - ist als private Akteure, die dies zu tun versuchen. Am meisten aber fällt an diesem düsteren Hin und Her auf, dass der illiberale Impuls zu diktieren, was gesagt werden darf und was nicht, im Grunde immer derselbe ist, egal ob er als rechts oder links auftritt."
Archiv: Ideen