9punkt - Die Debattenrundschau

Ins Unzählbare und Namenlose

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.02.2025. Der Wahlkampf geht in den Endspurt. Die FAZ bemerkt: Der Kultur stehen große Streichungen bevor - und dem Publikum ist es egal. An der FU Berlin soll die Israelhasserin Francesca Albanese auftreten, während die FU zuvor eine Ausstellung über den Holocaust abgesagt hatte - die "Werteinitiative" protestiert. Vor achtzig Jahren wurde Dresden bombardiert: Der Historiker Matthias Neutzner  erzählt in der FAZ, wie erst die Nazis, dann die DDR, dann Rechtsextreme das Ereignis zum Mythos machten. Andrei Kolesnikow erzählt in der NZZ, warum Putin eher die Techniker fördert: Er braucht sie für den Krieg. Die Geisteswissenschaftler sind Kanonenfutter.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.02.2025 finden Sie hier

Europa

Heinrich August Winkler hat am Wochenende im Spiegel geschrieben, den Eltern des Grundgesetzes hätte nie ein subjektives individuelles und also einklagbares Asylrecht vorgeschwebt, sondern nur ein institutionelles, das eine viel leichtere Abweisung ermöglicht. Aber Winkler hat keine Ahnung, antwortet Christian Rath in der taz. Und schlimmer noch: Er hat offene Türen eingerannt: "Der heute 86-jährige Winkler schlägt hier Schlachten vergangener Jahrzehnte. Bereits 1993, vor mehr als 30 Jahren, wurde das deutsche Grundrecht auf Asyl nach einer jahrelangen Hetzkampagne der CDU/CSU weitgehend abgeschafft. Das Asyl-Grundrecht wurde damals nicht, wie Winkler meint, um 'Detailbestimmungen' ergänzt, sondern fast völlig entleert. Das Grundrecht gilt nicht mehr für Flüchtlinge, die Deutschland über einen sicheren Drittstaat erreichen." Hier die KI-Antwort von Perplexity auf die Frage "Was ist der Unterschied zwischen einem subjektiven individuellen Asylrecht und einem institutionellen, vom Staat zu gewährenden Recht?"

Der Theologe und Bürgerrechtler Ralf-Uwe Beck vom Verein "Mehr Demokratie" hofft im Gespräch mit Konrad Litschko von der taz, durch Änderungen im Wahlrecht die AfD eindämmen zu können. Unter anderem schlägt er die Abschaffung der Fünf-Prozent-Klausel vor und die Einführung einer "Proteststimme": "Wenn Sie sich bisher enthalten und kein Kreuz auf dem Wahlzettel machen, ist Ihre Stimme ungültig. Sinnvoller aber wäre ein weiteres Kästchen, mit dem man die Möglichkeit hat, anzukreuzen, dass man sich bei keiner der Parteien wiederfindet. Für Menschen, die einfach die Schnauze voll haben und bei Wahlen kein Angebot finden. Weshalb viele dann die Partei wählen, die den größten gesellschaftlichen Wirbel verursacht. Und das sind dann eben oft die Rechtsextremisten. "

Das Erstarken der AfD mache ihr natürlich auch Sorgen, erklärt die Schriftstellerin Asal Dardan im Tagesspiegel-Interview mit Markus Ehrenberg. Doch für eine migrationsfeindliche Stimmung im Land brauche es keine AfD. "Schauen Sie auf die Asyldebatte der 1990er, da gab es noch keine AfD, die Verlautbarungen klangen teilweise genauso wie heute: Asylflut, Überfremdung und so weiter. Schauen Sie auf die Reihe an rechtsterroristischen Gewalttaten von Mölln und Solingen über den NSU bis Halle und Hanau. Schauen Sie auch auf die jüngsten Verschärfungen im Asylrecht unter der Ampel-Regierung, beispielsweise, dass Menschen ohne Vorwarnung in der Nacht abgeholt und abgeschoben werden können. Dies alles ist Teil unserer Realität, in dieser Realität bleibt die AfD hoffentlich nichts weiter als ein Vogelschiss der Geschichte. Auf Parteien und Wahlen können wir uns dabei aber nicht allein verlassen."

Die Abstimmung mit der AfD hat Friedrich Merz' Ansehen geschadet, schreibt der Politikwissenschaftler Claus Leggewie in der FR. Durch diese Zusammenarbeit und die Abkehr von den Kirchen reite sich die CDU in ein "strukturelles Problem" hinein. "Schon länger entwickeln sich CDU/CSU zu Parteien ohne Unterleib, die nicht nur Kirchenprotest ignorieren, sondern auch die Sensibilitäten der Sozialverbände, und die namentlich im Osten und im Ruhrgebiet scharenweise Arbeitnehmer an die Rechtsradikalen verlieren. Der Junge Union-Nachwuchs ist für solche Verluste überwiegend taub, und Markus Söders Verweis auf die Kruzifixe in bayrischen Klassenzimmern macht klar, wie das 'hohe C' gemeint ist - als xenophobes Mirsanmir von Wohlstandsbürgern, ohne jede ethische Substanz von Mitmenschlichkeit und Gastfreundschaft in einer Welt, die aus den Fugen gerät."

An den russischen Universitäten wird heutzutage statt eines "wissenschaftlichen Kommunismus" ein "wissenschaftlicher Putinismus" gelehrt, konstatiert der russische Journalist und "ausländische Agent" Andrei Kolesnikow in der NZZ. Außerdem lasse man die geisteswissenschaftlichen Fächer ausbluten, während die technischen Lehrgänge stark gefördert werden. "Eine militarisierte Wirtschaft braucht technische Fachleute. Kaum oder keinen Bedarf haben die Behörden an Geisteswissenschaftern - statt ihnen braucht man Politik-Technologen und Propagandisten. (...) Was die Hochschulbildung betrifft, die der Staat auf diese Weise bewusst diskreditiert, wird die Einschreibung an technischen und naturwissenschaftlichen Universitäten gefördert. ... Übrigens kommt die Hochschulbildung dem Staat auch anders in die Quere: Wer an einer staatlichen Universität studiert, wird nicht in die Armee eingezogen."

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Gesellschaft

Am Institut für Philosophie der FU Berlin sind ein Vortrag und eine Diskussion mit Francesca Albanese angekündigt. Albanese ist "UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas", ein Ehrenamt, wie sie neulich auf Twitter betonte, und für ihre scharfen antiisraelischen Positionen bekannt. Erst jüngst wurde eine entsprechende Veranstaltung an der LMU München abgesagt. Titel der Veranstaltung an der FU: "Conditions of Life Calculated to Destroy - Legal and Forensic Perspectives on the Ongoing Gaza Genocide". Mit-Organisator der Veranstaltung ist die BDS-nahe Organisation "Forensic Architecture". Als Organisator werden außerdem die Professoren Robin Celikates und andere angegeben. Gegen die Veranstaltung richtet sich der Protest der deutsch-jüdischen "Werteinitiative", berichten die Welt (hier) und die Jüdische Allgemeine (hier). In dem offenen Brief der Werteinitiative heißt es: "Wir sind höchst irritiert, dass solchen Personen eine Bühne an der Freien Universität geboten werden soll. Diese Entscheidung erscheint angesichts der jüngsten Absage der Ausstellung 'The Vicious Circle' des britischen 'National Holocaust Centre and Museum' in einem ganz besonderen Licht. Diese Ausstellung, die sich kritisch mit der über 2000-jährigen Geschichte des Antisemitismus auseinandersetzt, wurde von der Universitätsleitung aus Angst vor 'emotionalen Reaktionen'und 'intensiven Debatten' gestrichen." Die Jüdische Allgemeine zitiert Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), zu dieser widersprüchlichen Haltung der FU: "Hamaskritik wird beschränkt, Hamasverharmloser erhalten eine Bühne."
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Politik

Wir befinden uns nach vier Wochen Donald Trump inmitten eines "Staatsstreichs", konstatiert die schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy in der SZ. Dieser gehe auch mit dem Aufzwingen der Ideologien der Trumps und Musks auf die gesamte Gesellschaft einher. "Die Broligarchen der Welt haben sich den Bevölkerungsrückgang im Westen angesehen und eine Zukunft ins Auge gefasst, in der Legebatterie-Mütter 'Handmaid'-Hauben tragen und angemessen isoliert aufwachsenden Nachwuchs produzieren. (...) Zudem fänden sie es gut, wenn von ihnen verursachtes wirtschaftliches Chaos, Umweltkollaps und eskalierende Krankheiten die Schwachen beseitigen. Es ist all dies ein großer Haufen selbstzerstörerischer Fantasien von Junkie-Sadisten." 

Richard Herzinger nimmt in seinem Blog die verheerenden Äußerungen Trumps zur Ukraine unter die Lupe: "Trumps Einlassungen verraten, dass ihm das Wohlergehen Russlands deutlich mehr am Herzen liegt als das Überleben der Ukraine. Beteuert er doch geradezu beschwörend, Russland mit seinem Angebot von Verhandlungen einen 'großen Gefallen' zu tun, drohe der russischen Wirtschaft bei Fortsetzung des Krieges doch großer Schaden. Als ob die Aussicht auf schlechte Wirtschaftsdaten ein Regime, dessen ganze Identität mit dem Krieg verknüpft ist, zur Friedfertigkeit bekehren könnte!"

 

Weiteres: Andrian Kreye (SZ) geht dem Treiben von Elon Musk in seinem inoffiziellen Amt für Regierungseffizienz (DOGE) nach und wie die neuen Herren den Demokraten den Zugang zum Bildungsministerium verweigern.

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Stichwörter: Trump, Donald, Musk, Elon, Doge

Geschichte

Heute vor achtzig Jahren wurde von den Westalliierten Dresden bombardiert. 25.000 Menschen kamen ums Leben. Solche Bombardierungen hatte es in den meisten deutschen Städten gegeben. In den Hamburger Bombennächten 1943 kamen schätzungsweise 34.000 bis 40.000 Menschen ums Leben. Aber Dresden wurde zuerst von den Nazis und dann von der DDR-Regierung mit besonderer Bedeutung aufgeladen, sagt der Dresdner Historiker und Publizist Matthias Neutzner im Gespräch mit Markus Wehner von der FAZ: "Die Erzählung wurde in der DDR sogar weiter dramatisiert, indem man die Zahl der getöteten Menschen, die die NS-Propaganda bereits verzehnfacht hatte, in den Fünfzigerjahren ins Unzählbare und Namenlose erweiterte, in eine mythische Dimension trieb. Die Toten wurden kollektiviert und ihre Gräber eingeebnet. Man hat die Namen entfernt und eine Gedenkanlage darauf gebaut. Das war eine willkommene Anklage gegen den imperialistischen Westen und zugleich eine Abgrenzungsstrategie gegenüber der westdeutschen Bundesrepublik, die man in der Tradition des Dritten Reichs sah." Nach dem Mauerfall schlossen rechtsextreme Narrative nahtlos an, so Neutzner." Nachdem um 2005 diese rechtsextreme Instrumentalisierung unerträglich wurde, hat die Zivilgesellschaft in einem mühevollen Prozess zusammengefunden, sodass man immer mehr die Deutungshoheit zurückgewinnen konnte."

Ebenfalls vor achtzig Jahren fand die Konferenz von Jalta statt, über die Reinhard Veser in der FAZ schreibt. Sie ist unter anderem in Polen in schlechter Erinnerung, denn sie steht "für eine Entscheidung von Großmächten über die Köpfe der Betroffenen hinweg, für die Teilung Europas in einen freien und einen unfreien Teil nach Kriegsende und für Zynismus, Schwäche und Naivität des Westens im Umgang mit dem Machthaber im Kreml." Und "auf der Konferenz wurde die von der Sowjetunion in Polen eingesetzte provisorische Regierung anerkannt; die legitime polnische Exilregierung mit Sitz in London wurde vor vollendete Tatsachen gestellt."

Außerdem: Heute vor fünfzig Jahren besiegte Margaret Thatcher ihren Konkurrenten Edward Heath im Rennen um den Parteivorsitz der britschen Konservativen und prägte daraufhin die Welt bis heute, hält Arno Widmann in der FR fest.
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Kulturpolitik

Die FAZ bringt eine Beilage "Demokratie & Verfassung", wo man sich zuerst fragt: Wo ist die Anzeige? Dann kommt aber keine, sondern FAZ-Redakteure durchpflügen von sich aus in Besinnungsaufsätzen die Politikfelder. Andreas Kilb macht zur kulturpolitischen Stimmung in Deutschland eine interessante Bemerkung: "Der in siebzig Jahren Nachkriegszeit entstandene Konsens, dass die Kultur von den Auf- und Abwärtsbewegungen der Konjunktur und ihren Folgen für die öffentlichen Haushalte verschont bleiben muss, beginnt zu bröckeln. In München, Dresden, Köln, Hannover und vielen anderen Städten sind teils drastische Kürzungen im Kulturetat geplant. Am tiefsten indes ist der Einschnitt in Berlin." Die Politik kann auch zuschlagen, weil der Rückhalt des Publikums, anders als in früheren Kürzungsrunden, morsch geworden ist, so Kilb: "Damals gingen die Zuschauer gemeinsam mit den Theaterleuten auf die Straße. Ob es heute wieder so käme, ist die Frage. Eine Erkenntnis aus dem Berliner Haushaltsdrama ist, dass die Kulturszene bei ihren Protestkundgebungen unter sich blieb."
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