9punkt - Die Debattenrundschau
Voneinander abgespalten
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.08.2024. Die Wahlen in Thüringen und Sachsen drohen, historisch zu werden. Eindringlich schildert Steffen Mau in der SZ "dieses Diffundieren des Rechten in die Alltagskultur". In der Berliner Zeitung zeigt sich unterdessen, wie sich die Membran zwischen links und rechts auflöst: "Die Brandmauer muss weg!", ruft Bernd Stegemann und hofft auf ein neues Einvernehmen mit AfD-Wählern. In der taz betrachtet Caroline Fetscher das Tunnelsystem der Hamas in Gaza als eine "antisoziale Megaskulptur", die direkt ins Jenseits der Aufklärung führt. Kamala Harris wird überall gefeiert, die FAZ beleuchtet einen eher unheimlichen Aspekt ihrer Wählersoziologie.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
24.08.2024
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Europa

Rechts und Links werden im politische Diskurs als weit entfernte Extreme gedacht, dabei ist zwischen ihnen die Membran am dünnsten, wie mal wieder ein Artikel Bernd Stegemanns in der Berliner Zeitung zeigt. Der Dramaturg, neben Wagenknecht Mitbegründer der einstigen linkspopulistischen "Aufstehen"-Bewegung, macht zwar wohl nicht beim Bündnis Sahra Wagenknecht mit, legt aber heute einen Text vor, der dem BSW als theoretische Diskussionsvorlage dienen könnte. Gegen den "Mainstream" schreibt er: "Die Brandmauer muss weg!" Ausführlich prangert er in dem Artikel den "nachholenden Antifaschismus" der heutigen Eliten an. Wie die AfD konstatiert er: "Wer ist der Mächtige in einer Demokratie? Die einfache Antwort wäre: das Volk. Die gegenwärtige Antwort lautet aber: ein Teil des Volkes." Den ersten Schritt zu dem von Stegemann ersehnten neuen Miteinander mit AfD-Wählern soll der Mainstream gehen: "Es ist also an den Brandmauer-Wächtern eine Tür zu öffnen. Die Panik, dass durch den kleinsten Riss eine Flutwelle von 1933 hineinströmt, ist die Fortsetzung ihrer schlechten Gewohnheit, immer als Sophie Scholl erscheinen zu wollen. Wenn es aktuell ein politisches Engagement gibt, das geachtet werden sollte, dann besteht es darin, über Mauern hinweg den Dialog zu suchen und die Gesellschaft nicht weiter zu spalten."
Beim jüngsten Gefangenenaustausch zwischen Russland und westlichen Ländern wurde kein einziger belarussischer Gefangener ausgetauscht, konstatiert der in der Schweiz lebende Autor Sasha Filipenko in der NZZ bitter. Die westlichen Länder, so Filipenko, haben Belarus quasi fallen gelassen. Für die politischen Gefangenen im Land ist es um so finsterer, denn anders als in Russland haben sie nicht mal mehr einen Schatten von Rechten. Belarus sei ein Folterlabor: "Oppositionsführer werden in absoluter Isolationshaft gefangen gehalten, sprich ohne jeden Kontakt gegen außen und von außen, was nach internationalen Standards als schwere Menschenrechtsverletzung gilt. Prominente Gegner des weißrussischen Regimes sehen nicht nur keine Anwälte, sie dürfen auch nicht mit Angehörigen kommunizieren (nicht einmal per Brief). Darüber hinaus wird ihnen auch der Kontakt zu anderen Häftlingen verweigert. Oppositionsführer sitzen ein in Isolierzellen, ohne jede Möglichkeit, sich mit jemandem auszutauschen. Ausgang gibt es in einem geschlossenen Innenhof, in den kein Sonnenstrahl gelangt."
Gesellschaft

Ideen
Ein solches Tunnelsystem wie das der Hamas im Gazastreifen, finanziert von westlichen und arabischen Hilfsgeldern, hat es noch nie gegeben. Caroline Fetscher fragt in der taz, für was für eine Psychologie eine solche "antisoziale Megaskulptur" eigentlich steht: "Gaza ist doppelt vorhanden, oberirdisch und unterirdisch, sichtbar und unsichtbar. Und auf konkretistische Weise bilden die beiden Ebenen ab, wie stark Bewusstsein und Unbewusstes voneinander abgespalten sein sollen. So führt das Tunnelsystem den Tunnelblick derer vor, die sich freiwillig in die Lichtlosigkeit begeben haben, ins Jenseits der Aufklärung. Ohne es zu wollen zeigen die Tunnel, wie sehr ihre Erbauer in ihre Phantasmen abgetaucht sind, wie massiv sie sich abschotten von Ratio und den Räumen des Diskursiven."
Medien
Claudia Tieschky, Medienredakteurin der SZ will die Hoffnung auf eine Reform der ARD und der Öffentlich-Rechtlichen insgesamt nicht aufgeben. Im Moment finden im Hintergrund entscheidende Verhandlungen statt, erzählt sie. Und es gibt den "Diskussionsentwurf für einen Reformstaatsvertrag" von den Rundfunkreferenten der Länder, den sie sinnvoll findet und der eine Verschlankung der ARD einleiten würde. Dann gäbe es sogar "einen Medienrat, in dem externe Experten prüfen, ob die Sender ihren öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllen. Es gäbe dann einen Kostendeckel für den Erwerb von Sportrechten und eine kluge und augenscheinlich auch rechtlich passable Lösung für eine verfassungsgemäße Beitragsanpassung ohne ständiges Geschrei."
Politik
Der Nominierungsparteitag der amerikanischen Demokraten war ein Rausch! Noch vor ein paar Wochen schien Joe Biden das Bild der Hinfälligkeit von Demokratie zu bieten. Dann wurde er nach einer heute verdrängten Palastrevolte ausgetauscht, und alles ist anders. "Die Begeisterung ist echt", schreibt Majid Sattar in der FAZ. "Harris hat es vermocht, die Stimmung zu drehen. Das bisherige Urteil über die Vizepräsidentin war voreilig. Übersehen wurde vielfach, dass die Profilierungsmöglichkeiten in diesem Amt begrenzt sind. Es verdammt seinen Träger zur Rolle als Ersatzmann beziehungsweise -frau. Die Legitimation leitet sich vom Präsidenten ab. Nun, da Harris als Kandidatin aus eigener Kraft agieren kann, wirkt sie wie ausgewechselt. Das hat nicht nur in der Partei, sondern auch im Land die Stimmung verändert, wie Umfragen nahelegen."
Kamala Harris hatte auch gemäßigte Republikaner zu ihrem Parteitag eingeladen, um im gegnerischen Lager zu fischen, so etwas geht in den USA, ergänzt Frauke Steffens im Feuilleton. "Einer der prominentesten republikanischen Trump-Gegner blieb der Veranstaltung indessen fern. Mitt Romney, ehemaliger Präsidentschaftskandidat und Senator aus Utah, schrieb bei X: 'Entgegen einiger Fake-News-Posts bin ich nicht der Überraschungsgast bei der DNC heute Abend. Mein Tipp ist, dass es Beyoncé oder Taylor Swift sein werden. So enttäuschend, ich weiß.'"
Ein dritter Artikel macht auf ein eher verdrängtes soziales Problem in Amerika aufmerksam: "Kamala Harris hat ein Männerproblem", schreibt Winand von Petersdorff auf den Wirtschaftsseiten. Die soziale Lage von Männern, gerade von weißen, hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verschlechtert - das zeigt sich etwa an Unis, wo "Gleichstellung" nicht mehr das Problem ist: "42 Prozent der eingeschriebenen Studenten waren 2021 Männer, 58 Prozent waren Frauen. ... In brutaler Deutlichkeit zeigt die Kluft zwischen Schulabgängern und Hochschulabsolventen sich in der Sterblichkeit: Menschen mit Collegeabschluss konnten zuletzt erwarten, 8,5 Jahre länger zu leben als jene zwei Drittel der amerikanischen Erwachsenen ohne Hochschulabschluss. Diese Kluft hat sich nach einer Analyse der Ökonomen Anne Case und Angus Deaton seit 1992 verdreifacht. Männer sind die Verlierer dieses Trends." Trump macht sich das zunutze und gewinnt immer mehr Stimmen junger Männer, so Petersdorff, der auch mit dem Männer-Forscher Richard Reeves gesprochen hat: "Nach seiner Analyse sind Demokraten zwar an aktiver Politik interessiert, aber nicht an Männern. Republikaner hätten dagegen ein Herz für Männer, aber kein Interesse an einem politischen Programm, das ihnen helfe."
In der SZ klingt Peter Burghardt etwas skeptisch: "Was zum Beispiel wird aus den Anhängern des Querdenkers Robert F. Kennedy jr., der das Rennen aufgibt und nun Trump unterstützt? Kann Donald Trump seine offenkundige Verwirrung über seine neue Gegnerin Harris bald ablegen? Bei Inhalten ist auch sie angreifbar. Trumps Lügen und Geprahle kennt jeder. Wer kennt Kamala Harris so genau? Die einstige Strafverfolgerin verkörpert außer sozialer Toleranz einen Rechtsstaat, den Trump verachtet, wenn ihm die Justiz nicht nützt. Doch ohne Skript hat sie sich auf großer Bühne noch nicht bewährt." Und Carolin Emcke mahnt: "In den USA geht es nicht nur darum, Trump zu verhindern, sondern auch zurückzufinden zu den Grundwerten von Demokratie und menschlichem Miteinander."
Und noch eins: John McWhorter erklärt in der New York Times, wie Tim Walz mit dem gar nicht so harmlosen Wörtchen "weird" Donald Trump erledigte.
Wer erinnert sich noch an den Dalai Lama, einst ein Superstar, geradezu Pop? Auch westliche Politiker zeigten sich gern mit ihm. Nun kommt er in die Schweiz, berichten Katrin Büchenbacher und Robin Schwarzenbach in der NZZ, eine große Veranstaltung mit ihm ist ausverkauft. Aber die Politik? "Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) teilt mit, dass man über den Besuch informiert worden sei. Der Aufenthalt des Dalai Lama sei spiritueller Natur, es handle sich nicht um ein Arbeitstreffen zwischen Staatsvertretern. Weiter bestätigt das EDA auf Anfrage, dass die chinesische Botschaft in Bern 'ihre Sicht auf den Besuch des Dalai Lama' dargelegt habe. Man habe dies zur Kenntnis genommen."
In der selben NZZ wird allerdings auch ein rasanter Niedergang Chinas vorausgesagt. Der Ökonom Heribert Dieter von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, belegt ihn mit drastischen Zahlen: "China wird nicht nur alt, bevor es reich wird, es verliert auch wegen des sich beschleunigenden Bevölkerungsrückgangs das geopolitische Ringen um die globale Vorherrschaft mit den USA. Nach Prognosen der Uno, die im Juli 2024 veröffentlicht wurden, wird die Bevölkerung der Volksrepublik von gegenwärtig etwa 1.400 Millionen Menschen auf rund 640 Millionen Einwohner im Jahr 2100 zurückgehen. Diese prognostizierte Implosion der Bevölkerung ist außerhalb von Kriegszeiten und Pandemien des Mittelalters ohne Beispiel."
Kamala Harris hatte auch gemäßigte Republikaner zu ihrem Parteitag eingeladen, um im gegnerischen Lager zu fischen, so etwas geht in den USA, ergänzt Frauke Steffens im Feuilleton. "Einer der prominentesten republikanischen Trump-Gegner blieb der Veranstaltung indessen fern. Mitt Romney, ehemaliger Präsidentschaftskandidat und Senator aus Utah, schrieb bei X: 'Entgegen einiger Fake-News-Posts bin ich nicht der Überraschungsgast bei der DNC heute Abend. Mein Tipp ist, dass es Beyoncé oder Taylor Swift sein werden. So enttäuschend, ich weiß.'"
Ein dritter Artikel macht auf ein eher verdrängtes soziales Problem in Amerika aufmerksam: "Kamala Harris hat ein Männerproblem", schreibt Winand von Petersdorff auf den Wirtschaftsseiten. Die soziale Lage von Männern, gerade von weißen, hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verschlechtert - das zeigt sich etwa an Unis, wo "Gleichstellung" nicht mehr das Problem ist: "42 Prozent der eingeschriebenen Studenten waren 2021 Männer, 58 Prozent waren Frauen. ... In brutaler Deutlichkeit zeigt die Kluft zwischen Schulabgängern und Hochschulabsolventen sich in der Sterblichkeit: Menschen mit Collegeabschluss konnten zuletzt erwarten, 8,5 Jahre länger zu leben als jene zwei Drittel der amerikanischen Erwachsenen ohne Hochschulabschluss. Diese Kluft hat sich nach einer Analyse der Ökonomen Anne Case und Angus Deaton seit 1992 verdreifacht. Männer sind die Verlierer dieses Trends." Trump macht sich das zunutze und gewinnt immer mehr Stimmen junger Männer, so Petersdorff, der auch mit dem Männer-Forscher Richard Reeves gesprochen hat: "Nach seiner Analyse sind Demokraten zwar an aktiver Politik interessiert, aber nicht an Männern. Republikaner hätten dagegen ein Herz für Männer, aber kein Interesse an einem politischen Programm, das ihnen helfe."
In der SZ klingt Peter Burghardt etwas skeptisch: "Was zum Beispiel wird aus den Anhängern des Querdenkers Robert F. Kennedy jr., der das Rennen aufgibt und nun Trump unterstützt? Kann Donald Trump seine offenkundige Verwirrung über seine neue Gegnerin Harris bald ablegen? Bei Inhalten ist auch sie angreifbar. Trumps Lügen und Geprahle kennt jeder. Wer kennt Kamala Harris so genau? Die einstige Strafverfolgerin verkörpert außer sozialer Toleranz einen Rechtsstaat, den Trump verachtet, wenn ihm die Justiz nicht nützt. Doch ohne Skript hat sie sich auf großer Bühne noch nicht bewährt." Und Carolin Emcke mahnt: "In den USA geht es nicht nur darum, Trump zu verhindern, sondern auch zurückzufinden zu den Grundwerten von Demokratie und menschlichem Miteinander."
Und noch eins: John McWhorter erklärt in der New York Times, wie Tim Walz mit dem gar nicht so harmlosen Wörtchen "weird" Donald Trump erledigte.
Wer erinnert sich noch an den Dalai Lama, einst ein Superstar, geradezu Pop? Auch westliche Politiker zeigten sich gern mit ihm. Nun kommt er in die Schweiz, berichten Katrin Büchenbacher und Robin Schwarzenbach in der NZZ, eine große Veranstaltung mit ihm ist ausverkauft. Aber die Politik? "Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) teilt mit, dass man über den Besuch informiert worden sei. Der Aufenthalt des Dalai Lama sei spiritueller Natur, es handle sich nicht um ein Arbeitstreffen zwischen Staatsvertretern. Weiter bestätigt das EDA auf Anfrage, dass die chinesische Botschaft in Bern 'ihre Sicht auf den Besuch des Dalai Lama' dargelegt habe. Man habe dies zur Kenntnis genommen."
In der selben NZZ wird allerdings auch ein rasanter Niedergang Chinas vorausgesagt. Der Ökonom Heribert Dieter von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, belegt ihn mit drastischen Zahlen: "China wird nicht nur alt, bevor es reich wird, es verliert auch wegen des sich beschleunigenden Bevölkerungsrückgangs das geopolitische Ringen um die globale Vorherrschaft mit den USA. Nach Prognosen der Uno, die im Juli 2024 veröffentlicht wurden, wird die Bevölkerung der Volksrepublik von gegenwärtig etwa 1.400 Millionen Menschen auf rund 640 Millionen Einwohner im Jahr 2100 zurückgehen. Diese prognostizierte Implosion der Bevölkerung ist außerhalb von Kriegszeiten und Pandemien des Mittelalters ohne Beispiel."
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