Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.08.2024. Deutschland denkt über den Osten nach. Das Buch "Freiheitsschock" des ostdeutschen Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk bietet einen guten Blick in antiwestliche, antidemokratische Einstellungen, wie sie AfD und BSW repräsentieren, findet Gustav Seibt in der SZ. Die Ruhrbarone rechnen nach, welche Last der Aufbau Ost für das Ruhrgebiet bedeutete. Zugleich müssen Lehrer in Thüringen lernen, wie sie sich einer möglicherweise bald regierenden AfD entgegenstellen, berichtet die taz. In Frankreich streiten sich die Comedians und Lejournal.info hofft auf die Sozialdemokratie.
In Frankreich gibt es in diesem Sommer - eine Zeitlang überdeckt von der Euphorie der Olympischen Spiele - einen wahren Krieg der Comedians. Kolleginnen haben die Satirikerin Sophia Aram als "islamophob" und als "Herpes am Arsch" beschimpft. Ihr Verbrechen war, dass sie bei der Verleihung der "Molières", des wichtigsten Theaterpreises in Frankreich, ihre Solidarität mit den Opfern des 7. Oktober ausgedrückt hatte. Sie ist maghrebinischen Ursprungs, hat den Druck des Islamismus in ihrer Jugend selbst erlebt - und nun wird sie als "antimuslimische Rassistin" beschimpft, sagt sie im Gespräch mit Peggy Sastre von Le Point, also sozusagen als "Rassenverräterin", setzt sie hinzu. Sie hatte sich auch über die Marathonläuferin Sifan Hassan lustig gemacht, die nie Kopftuch trug und es nur bei der Medaillenvergabe anlegte - und war auch dafür angegriffen worden. Das französische Verbot des Kopftuchs bei Sportveranstaltungen sei "archaisch", hatte der Journalist Edwy Plenel gesagt, nein, das Kopftuch ist archaisch, antwortet sie: "Diese neuen 'Revolutionswächter' haben gemein, dass sie den Schleier sakralisieren, aber vor allem jede Form von Spott oder Ausdruck verbieten, die die Archaik dieses Instruments der Geschlechterapartheid anprangert. Die Freiheit Sifan Hassans, den Schleier zu tragen, bedingt für sie, dass ich nicht über die Art und Weise lachen darf, wie sie ihn bindet. Und vor allem soll ich nicht meine Meinung über den Hidschab äußern, nämlich dass er ein Instrument der männlichen Dominanz und des Proselytismus ist. Meine Meinung ist, dass sie mit ihrem Haar tun kann, was sie will, und dass es mir freisteht, darüber zu lachen."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Bisschen polemisch, aber vielleicht doch mal ein nötiger Rüffel? Gustav Seibt hat das Buch "Freiheitsschock" des ostdeutschen HistorikersIlko-Sascha Kowalczuk, eine Abrechnung mit dem Demokratieverständnis der Ostdeutschen, jedenfalls mit Sympathie gelesen. Vor allem als Ergänzung zu Oschmann und Mau. "Der wichtigste Befund: Kaum jemand im Osten habe, so Kowalczuk, die repräsentative, liberale Demokratie verstanden, die Mühsal der Kompromissfindung, die anstrengende Forderung nach eigener Beteiligung im Klein-Klein des politischen Alltags. Das Verhältnis zu Staat und Politik blieb unreif, infantil und paternalistisch, faul, fordernd und dauerenttäuscht zugleich. Man hübscht sich die Vergangenheit mit Geschichtslügen auf, spricht von Solidarität, wo es keine gab, ergeht sich in Gekränktheit, Selbstmitleid und Ostalgie. Es geht also eher um einen Kulturkampf als um soziale Schieflagen, so Kowalczuks Tenor. ... Da Kowalczuk beim Fremdeln mit der repräsentativen Demokratie kaum Unterschiede zwischen der AfD und der Wagenknecht-Truppe erkennt, kommt er auf eine starke Hälfte antiwestlicher, antidemokratischer Einstellungen."
Apropos BSW - auf der Meinungsseite der SZ staunt Angelika Slavik, wie schnell sich die zuerst um Seriosität bemühte Wagenknecht-Partei in einen Verein von Schwurblern gewendet hat, insbesondere, wenn es um die Ukraine-Hilfe geht: Sie "plakatierte: 'Krieg oder Frieden? Sie haben jetzt die Wahl!' - und suggerierte damit, eine diplomatische Lösung des Konflikts sei zum Greifen nah, die Möglichkeit werde bloß mutwillig ignoriert. Das ist, mit Verlaub, geradezu unverschämt. Es ist natürlich zulässig, alle Unterstützungsbeschlüsse für die Ukraine zu hinterfragen. Aber die Debatte so darzustellen, als gäbe es in Deutschland Friedensbefürworter auf der einen und kriegsgeile Waffenfreunde auf der anderen Seite, ist hoch unseriös. Tatsächlich wird über den besten Weg gestritten, um Frieden zu erreichen und Frieden zu sichern. Aber niemand unterstützt den Krieg um des Krieges willen. ... Kurzum: Das BSW dient sich Russland an. Und nun lässt Wagenknecht auch noch wissen, man müsse den Umgang mit der AfD 'normalisieren'. Die Frage, wie radikal und wie schwurbelig sie sich positionieren will, wird offenkundig gerade neu verhandelt."
Auf den Wissenschaftsseiten der FAZ nimmt Walter Rosenthal, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz in typischer Funktionärsprosa zu antisemitischen Ausschreitungen an deutschen Hochschulen Stellung: "Es bedrückt mich zutiefst, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder ihre jüdische Identität verbergen, um unbehelligt und unversehrt durch den Tag zu kommen." Rosenthal verwahrt sich trotzdem gegen die Vorwurf, Hochschulen seien Horte des Antisemitismus und zitiert Umfragen - auf die Lage in den Geisteswissenschaften geht er aber nicht eigens ein. Aber immerhin: "Wir müssen weltweiten Boykottaufrufen im Interesse aller eine vertiefte Zusammenarbeit mit der israelischen Wissenschaft entgegensetzen."
Bei Qantararesümiert Benjamin Isakhan, Gründungsdirektor von Polis, die deprimierenden kulturellen Zerstörungen des "Islamischen Staats" im Irak, "unzählige Moscheen, Kirchen, Heiligtümer, historische Gebäude, Bibliotheken, Kunstwerke und Artefakte wurden zerstört - alles mit dem Ziel, einen religiös und ideologisch homogenen Staat zu schaffen." Vieles ist unwiederbringlich verloren, aber es glühen auch kleine Lichter der Hoffnung, zum Beispiel in den Dörfern Bashiqa und Bahzani, wo Jesiden und Christen sich zusammengetan haben, um die Stätten wiederaufzubauen, die ihnen am heiligsten sind. "Diese Gruppe, die durch Tragödien und Zerstörungen zusammengeführt wurde, erzählte, wie sie gemeinsam in Bussen fuhren und zum ersten Mal die Dörfer der anderen besuchten. Sie übermalten die dschihadistischen Graffiti der IS-Kämpfer mit leuchtenden Farben und Botschaften der Hoffnung. Sie fegten die Trümmer weg und ersetzten sie, wo immer möglich, durch Blumenbeete. Am wichtigsten war jedoch, dass sie als geschlossene Gruppe arbeiteten, um zunächst Geld zu sammeln und dann physisch wiederaufzubauen, was sie konnten. Es brauchte viel Zeit und harte Arbeit, aber nach und nach brachten sie den religiösen und kulturellen Herzschlag ihrer winzigen Enklaven wieder zum Leben. Tempel und Kirchen erstanden aus der Asche, und sie konnten ihre religiösen Bräuche und Rituale wieder ausüben" - auch eine Botschaft an den "Islamischen Staat", wie ein junger Jeside meint.
Der Osten jammert, während der Westen bis heute unter der Last der Wiedervereinigung stöhnt. Und das gilt auch für den Westen, wo er arm ist. Ruhrbaron Stefan Laurin hat mal ermittelt, welche Summen die Städte des Ruhrgebiets aufbringen mussten, damit es Dresden und Co. wieder gut geht. "So musste sich die Stadt Duisburg zwischen 1991 und 2021 mit 559 Millionen Euro am Aufbau Ost beteiligen. Da die Stadt das Geld nicht hatte, musste sie teilweise Kredite aufnehmen. Inklusive der Verzinsung wurde der Haushalt Duisburgs so mit rund 757 Millionen Euro belastet. Die Jahre 1993 bis 2014 waren für Duisburg hart. Sie schrieb rote Zahlen, musste ihr Eigenkapital vollständig verbrauchen und war durchgängig zur Aufstellung von Haushaltssicherungskonzepten und Haushaltssanierungsplänen verpflichtet. Während Duisburg die Abgaben und Gebühren für seine Bürger erhöhen musste und viel zu wenig Geld für Investitionen oder Sanierung von zum Beispiel Schulgebäuden hatte, finanzierte es mit seinem Geld die Luxussanierung ostdeutscher Städte."
In den Neuen Ländern kostet es um einiges mehr Mut, Lehrer zu sein und sich der AfD entgegenzustellen, denn es ist etwas anderes, ob eine solche Partei von großen Gruppen der Bevölkerung getragen wird oder nur von einer kleinen. Amelie Sittenauer besucht für die taz in Nordhausen, Thüringen, einen Workshop des Verfassungsblogs, der Lehrer gegen eine AfD-Regierung wappnen soll. Denn "die AfD könnte einiges tun, um den Unterricht an Thüringens Schulen nach ihren Vorstellungen zu verändern: die Lehrpläne umbauen, speziell den Geschichts- und Sozialkundeunterricht. Unter dem Vorwand der 'ideologiefreien Schule' könnte sie gesellschaftskritische Diskurse verstummen lassen und mehr 'Heimatliebe' propagieren. Kritisches Lehrpersonal könnte sie durch aufwendige interne Verfahren abschrecken. Schon heute gibt es Online-Meldeportale der AfD, in denen Schüler anonym ihre Lehrer melden können, wenn sich diese AfD-kritisch äußern."
Die Rechten versuchen gerade, die Linken in ihrem Antiamerikanismus zu überholen, lernt Benedikt Neff, der für die NZZ einer Zürcher Diskussionsveranstaltung von Roger Köppel (Weltwoche) und Markus Somm (Nebelspalter) lauschte. "Die AfD frönt nun fast geschlossen der Multipolarität. Das klingt wunderbar. Aber wer glaubt, dass die Welt ein besserer Ort wird, wenn Staaten wie China und Russland an Einfluss gewinnen, dürfte sich täuschen. Der AfD-Politiker Björn Höcke bezeichnet Amerika - nach Carl Schmitt - als 'raumfremde Macht', die in Europa nichts zu suchen habe. Ausserdem würden die Amerikaner 'ein deutsch-russisches Zusammengehen' verhindern. Die Rede, dass Deutschland ein Vasall der Amerikaner sei, gehört zur AfD-Standardrhetorik. Köppel hält 'Sklave' für die passendere Bezeichnung. Die Dankbarkeit der AfD für die Amerikaner, die Deutschland befreit und entnazifiziert haben, scheint aufgebraucht zu sein. Vielleicht war sie auch nie besonders ausgeprägt. Im Gegenteil, es scheint im sehr rechten deutschen Lager ein - je nachdem - unterdrücktes oder offenes Ressentiment gegen diejenigen zu geben, die Nazideutschland besiegt haben. Manche glauben sogar, die Besetzung Deutschlands dauere fort."
"Man setzt sich nur, indem man sich entgegensetzt", sagt Laurent Joffrin, einst Chefredakteur von Libération, heute des Onlinemediums Lejournal.info, an die Adresse Raphaël Glucksmanns. Als Sozialdemokrat soll dieser sich aus der "Volksfront" der linkspopulistischen "France Insoumise" lösen, rät Joffrin. Aber er freut sich auch, dass es in Frankreich eine neue Sozialdemokratie gibt: "Als wir diese Idee vor vier Jahren aufrachten und gegen alle Analysten behaupteten, dass sie in die Zukunft wies, was hatten wir da nicht alles an Sarkasmus und mitleidigen Kommentaren geerntet? Die Sozialdemokratie? Eine Idee aus einer anderen Zeit, bestenfalls gut für nostalgische Boomer. Eine Ungereimtheit von gestern, unmöglich in Frankreich zu akklimatisieren, gerade gut genug für einige verspätete europäische Länder. Le Monde und Libération schworen auf jene Radikalität, die per Definition schick ist, während andere von der angeblichen Modernität des Macronismus fasziniert waren."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Tomer Gardi: Liefern Aus dem Hebräischen von und in Zusammenarbeit mit Anne Birkenhauer. Sie sind überall, wir sehen sie jeden Tag. Egal ob in Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Istanbul oder Berlin,…
Colleen Hoover: Woman Down Aus dem Amerikanischen von Anja Galic und Katarina Ganslandt. Der Shitstorm um die Verfilmung ihres Romans stürzte Bestsellerautorin Petra Rose in eine Schreibkrise. Sie…
Wolfram Lotz: Träume in Europa Du sitzt im Taxi in Amsterdam, aber seltsamerweise musst du selbst fahren, während der Taxifahrer daneben sitzt. Ein Bekannter aus dem Internet umarmt dich zu Hause, du fühlst…
Detlev Piltz: 150 Jahre Erbschaftsteuer Die Erbschaftsteuer spiegelt den gesellschaftlichen Interessenkonflikt zwischen Reich und Arm wider. In Deutschland besteht der politische Kampf um die Erbschaftsteuer seit…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier