9punkt - Die Debattenrundschau

Das gläserne Schlachtfeld

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.08.2024. In der FAZ schildert der Philosoph Olivier Del Fabbro, wie brutal die Russen gegen die Rettung von verletzten Ukrainern vorgehen. Im Perlentaucher mahnt Richard Herzinger, den Warschauer Aufstand in deutsches und westliches Gedenken einzubeziehen. Palästinenser, die sich in Deutschland gegen die Hamas stellen, werden sofort als Verräter beschimpft, erzählt der Journalist Sebastian Leber der Jüdischen Allgemeinen. Auf Zeit Online stellt der Soziologe Danila Medwedew fest: Die Globalisierung hat wenig dazu beigetragen, dass sich der Westen und der Rest der Welt in ihren Werten annähern.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2024 finden Sie hier

Europa

Kürzlich schrieb der Chirurg Jeff Colyer im Wall Street Journal, er habe selten so schreckliche Wunden gesehen wie sie die Ukrainer im Krieg erdulden müssen, erinnert der Philosoph Olivier Del Fabbro, der in der FAZ mit ukrainischen Soldaten und Sanitätern gesprochen hat, die davon berichten, wie schwierig die Rettung von Verletzten inzwischen geworden ist: "Eigentlich sind Sanitäter durch die Genfer Konvention geschützt. Doch nach russischer Kriegsstrategie soll niemand auf feindlicher Seite überleben, denn er könnte wieder rehabilitiert werden. Deshalb werden auch Sanitäter angegriffen. 'Seit einem Jahr werden FPV-Drohnen eingesetzt. Tagsüber ist es somit fast unmöglich geworden zu evakuieren, auch wenn es nur 500 Meter sind', sagt Bogdan. Die ukrainischen Soldaten sitzen nicht nur im Käfig des feindlichen Feuers, sondern auch in einem Panoptikum russischer Drohnen. Fast jede Bewegung kann durch die Sichtgeräte an den Aufklärungsdrohnen überwacht werden - das gläserne Schlachtfeld. Deshalb sind im Moment Evakuierungen nur in der Dunkelheit möglich: 'Jetzt ist es die Aufgabe des Sanitäters, den Verwundeten bis zur Nacht am Leben zu halten', erklärt Bogdan. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis alle Aufklärungsdrohnen mit Nachtsichtgeräten ausgestattet sind."
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Politik

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Neben die Holocaust-Leugner, die Corona-Leugner und die Klimawandel-Leugner sind jetzt auch die Missbrauchs-Leugner getreten, schreibt Salonkolumnist Bernd Rheinberg mit Blick auf die Vergewaltigungen am 7. Oktober, aber auch die Vergewaltigungen im Krieg gegen die Ukraine. Er empfiehlt Sofie Oksanens Essay "Putins Krieg gegen die Frauen", den man unbedingt auch auf den 7. Oktober übertragen sollte: "Für Oksanen ist klar: Sexuelle Gewalt ist eine kostengünstige Waffe, sie traumatisiert Gemeinschaften und Familien für Generationen, sie verändert die Bevölkerungsstruktur des betroffenen Gebiets, sie sind Teil eines Völkermords, weil vergewaltigte Frauen sehr oft keine Kinder mehr bekommen. Ausführlich beschreibt sie auch die indirekte Mittäterschaft von Müttern und Gemeinschaft in Russland, denn ohne die Unterstützung durch die Heimatfront wären diese Kriegsverbrechen nicht möglich - schließlich müssen die Soldaten sicher sein, dass sie zu Hause wieder willkommen sind, am liebsten als Helden. Dass sich auch die Täter vom 7. Oktober gewiss sein konnten, zuhause gefeiert zu werden, während sie ihre geschändeten Geiseln präsentierten, belegen die Bilder und Videos aus den Straßen Gazas."

"Zinskurven können die Welt dramatisch verändern", schreibt Michael Hesse in der FR. Gerade die wirtschaftliche Situation in den USA wird immer prekärer, die Furcht vor einem Börsencrash und Inflation steigt. Ökonomen halten Donald Trumps Wirtschaftspolitik für katastrophal, so Hesse, im Falle einer massiven Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage könnte er jedoch trotzdem vor Kamala Harris liegen: "Die Zinskurve könnte die Demokratische Partei ... empfindlich treffen. Aber gilt dies auch dann, wenn nicht der Amtsinhaber, sondern wie in diesem Fall seine Stellvertreterin Kamala Harris ins Rennen um das höchste Amt geht?" Bliebe die Situation einigermaßen stabil, habe Harris aber gute Chancen: "Alles in allem müsse 'viel schiefgehen, damit Harris verliert', sagte der Historiker Lichtman (der seit Jahren mit einem von ihm entwickelten System erfolgreich den Wahlausgang vorhersagt, Anm.d.Red.) vor kurzem zu 'News Nation'."

Buch in der Debatte

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Im Tagesspiegel-Interview mit Charlotte Greipl und Adrian Schulz, erklärt der Jurist Maximilian Steinbeis, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat, was passieren könnte, wenn die AfD bei der Landtags-Wahl in Thüringen die stärkste Kraft wird: "Die AfD nutzt ihre parlamentarischen Informationsrechte schon jetzt erkennbar nicht nur dazu, sich Wissen zu verschaffen, um die Regierung zu kontrollieren, sondern auch, um die Arbeit in den Ministerien zu behindern. Sie stellt eine Flut sogenannter kleiner Anfragen, und jede davon muss von der Verwaltung beantwortet werden. Wenn sie nun stärkste Fraktion im Thüringen Landtag wird, hat sie das Recht, einen Kandidaten als neuen Landtagspräsidenten vorzuschlagen." Er warnt davor, die Thüringer als "Versuchskaninchen" zu benutzen: "So etwas sagt sich leicht aus vermeintlich sicherer Distanz: Probieren wir es halt aus, was soll schon schiefgehen. ... Ich halte auch die Erwartung, dass sich autoritäre Populisten an der Regierung irgendwie von allein 'entzaubern', für völlig unplausibel. Die AfD ist kein politischer Gegner wie jeder andere. Autoritäre Populisten regieren nicht einfach und sind mit ihren Entscheidungen erfolgreich oder eben nicht, sondern setzen ihre Regierungsmacht dazu ein, sich gegen demokratischen Wettbewerb, rechtsstaatliche Kontrolle und öffentliche Kritik zu immunisieren."
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Gesellschaft

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Die deutsch-iranische Journalistin Gilda Sahebi, die gerade ein Buch über Rassismus in Deutschland geschrieben hat, glaubt in der taz, dass es eine Frau mit nichtdeutschem Hintergrund in Deutschland nicht in die Position von Kamala Harris bringen könnte. Nicht, weil Deutschland rassistischer oder sexistischer als die USA wäre, betont sie, sondern weil die deutsche Frauenbewegung anders als feministische Bewegungen in den USA die Realitäten von Frauen mit nichtdeutschen Wurzeln negiere: "Zwischen den Identitäten 'Frau', 'of Color' oder 'Migrationshintergrund' (oder trans oder bi oder mit Behinderung oder, oder, oder) gibt es keine Hierarchie. Alle Identitäten sind in einem Menschen integriert; es ist unmöglich, einen Menschen auf eine Identität zu reduzieren. Genau das aber passiert in Deutschland. Die deutsche Frauenbewegung denkt größtenteils eindimensional: sie sieht nur die Frau. Der Mainstream-Feminismus schließt die Realitäten von Frauen mit nichtdeutschen Wurzeln systematisch aus."

Er habe auch Morddrohungen bekommen, sagt im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen Sebastian Leber, der im Tagesspiegel vor einigen Wochen geschrieben hatte, es gebe keine hörbaren moderaten Stimmen im propälästinensischen Protest (unser Resümee): "Diese Reaktionen zeigen auch ein gestörtes Verhältnis zur Presse: Viele halten es für normal, Kritik mit Hass zu beantworten. Unter den Hunderten Nachrichten konnte mir übrigens niemand einen Gegenbeweis liefern: also eine größere Demonstration zeigen, die nicht von Terrorverherrlichern oder sonstigen Israelhassern organisiert wurde." Zugleich schrieben ihm viele Palästinenser: "Wir würden gern auf die Straße gehen, aber mit unseren Positionen werden wir dann gleich beschimpft. Man gilt sofort als Verräter."

Die Humo ist die führende Wochenzeitschrift in Flandern, dort hat der Schriftsteller, Dichter und Dramaturg Herman Brusselmans eine Kolumne, in der er nun schrieb: "Ich sehe das Bild eines weinenden und schreienden palästinensischen Jungen, der völlig außer sich ist und nach seiner Mutter ruft, die unter den Trümmern liegt, und ich stelle mir vor, dass der Junge mein eigener Sohn Roman ist und die Mutter meine Freundin Lena, und ich werde so wütend, dass ich jedem Juden, dem ich begegne, ein spitzes Messer in die Kehle rammen möchte." Die Humo wollte sich auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen nicht äußern, schreibt Michail Thaidigsmann ebenda, dabei war es nicht das erste Mal, "dass sich der 66-jährige Schriftsteller dergestalt äußerte. Im Dezember unterstellte er Israel, es wende dieselben Methoden an wie einst die Deutschen, um 'eine ganze Rasse zu vernichten'. Jüdische Organisationen zeigten sich in einer ersten Reaktion auf den Artikel entsetzt und forderten strafrechtliche Konsequenzen für Brusselmans und die Chefredaktion von Humo."
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Geschichte

Viel zu wenig wird der Warschauer Aufstand in deutsches und westliches Gedenken einbezogen, schreibt Richard Herzinger in seiner Perlentaucher-Kolumne. Für die Polen dagegen hat sich die brutale Niederschlagung des Aufstands durch die Deutschen, während Stalins Truppen genüsslich zusahen, "wie der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 bis 1941 als traumatischer Einschnitt und Symbol für das Zusammenspiel der beiden totalitären Mächte in das nationale Gedächtnis eingebrannt." Auch die westlichen Alliierten sind aus dieser Katastrophe nicht gerade ruhmvoll herausgekommen. Sie müssten sich fragen, "ob es nicht vorschnell war, die Freiheit Polens dem harmonischen Verhältnis zu dem sowjetischen Kriegsalliierten zu opfern. Gehörte es doch zur Tragik des Warschauer Aufstands, dass - was die Aufständischen nicht wussten - die Westalliierten den Sowjets schon längst zugesagt hatten, ihnen Polen als Teil ihrer Einflusssphäre zu überlassen."

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In der taz rät Caroline Fetscher anlässlich des 120. Geburtstags von Ralph Bunche, den schwarzen Friedensnobelpreisträger und Mitgestalter der Vereinten Nationen, der 1949 auch zwischen Israel und den arabischen Anrainern vermittelte, wiederzuentdecken. Am besten mit der 2023 erschienenen Biografien von Kal Raustiala, die zeigt, wie unkonventionell Bunche versuchte, Frieden zu stiften: "Eine der Episoden illustriert das gut. Frustriert beorderte Bunche einmal das ägyptische wie das israelische Team in seine Suite. Er holte einen Schmuckteller aus einer Schublade, schön bemalt mit grünen und blauen Schleifen. Darauf stand: 'Armistice Negotiations Rhodes 1949'. Waffenstillstands-Verhandlungen, Rhodos 1949. 'Nach der Unterzeichnung bekommt jeder so einen als Souvenir', verkündete Bunche. 'Unterzeichnet ihr nicht', donnerte er, 'dann zerbreche ich diese Teller über euren Köpfen!' Alle mussten lachen - vielleicht sogar über sich selber. Ende Februar 1949 kam das israelisch-ägyptische Abkommen zustande, gefeiert bei einem Pingpongturnier mit gemischten israelisch-ägyptischen Teams."

In der FAZ erinnert Daniel Damler an das Triumvirat Ludwig Landmann, seit 1924 Oberbürgermeister in Frankfurt, den Stadtkämmerer Bruno Ash und den Stadtbaurat Ernst May, die im Frankfurt der Zwanziger schafften, wovon Berlin nur träumen kann: "In Rekordzeit entstanden in Frankfurt von 1925 an rund 12.000 Wohnungen für mehr als zehn Prozent der Bevölkerung." Auf Initiative Landmanns erwarb die Stadt 90 Prozent der Anteile von dem jüdischen Bankier Georg Speyer 1890 gegründeten "Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen" (ABG): "Man wollte der ungesunden Immobilienspekulation ein Ende bereiten, nicht aber die Marktwirtschaft beseitigen oder das Subventionsfüllhorn so lange ausschütten, bis alles Geld verbraucht und die Stadt pleite war. Auch ein dem Gemeinwohl verpflichteter Wohnungsbau musste sich ihrer Ansicht nach selbst tragen und durfte der Stadt nicht auf der Tasche liegen. Zur ganzen Wahrheit gehört freilich auch, dass das Frankfurter Modell in dem Moment nicht mehr funktionierte, in dem - wie im Verlauf der Weltwirtschaftskrise - die Menschen verarmten und sich beim besten Willen nicht länger kostendeckend am Wohnungsbau beteiligen konnten."
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Ideen

Lange gingen "klassische Modernisierungstheorien" davon aus, dass sich Gesellschaften durch Fortschritt und Globalisierung auch in ihren Werten annähren. Der Soziologe Danila Medwedew stellte in einer Studie fest, dass sich im Gegenteil seit 1981 "die Werte und kulturellen Unterschiede in vielen Gesellschaften auseinanderentwickelt" haben, wie er im Zeit-Online-Interview mit Xifan Yang erklärt: "Wir haben große Unterschiede bei emanzipatorischen Werten zwischen westlichen Ländern und dem Rest der Welt festgestellt", sagt Medwedew, "bei Werten wie Autonomie und Selbstverwirklichung oder bei der Akzeptanz von Abtreibung und Homosexualität. Die Akzeptanz von Homosexualität in Ländern wie Australien oder Dänemark ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. In vielen nicht westlichen Ländern ist sie niedrig geblieben, die Lücke ist dadurch größer geworden. Bei manchen Werten entwickeln sich die Einstellungen sogar gegensätzlich." Die genauen Ursachen müssen von Fall zu Fall untersucht werden, so der Soziologe. Es gebe aber eine Tendenz dazu, sich bewusst vom Westen abzugrenzen: "Viele muslimische Länder etwa konstruieren ihre nationale Identität in Opposition zum Westen, gerade solche, die eine koloniale Vergangenheit haben. Und es gibt Länder wie Russland, wo Regierungen mehr oder weniger offen sagen: Wir führen Krieg gegen westliche Werte."
Archiv: Ideen

Medien

Auf den Medienseiten der FAZ überlegt Ole Kaiser, was gegen die von Russland aus gesteuerten Doppelgänger-Kampagnen, die Websites von Qualitätsmedien spiegeln und mit Fake-News und Russland-Propaganda fluten getan werden kann: "Die Akteure dahinter sind russische Netzwerke, unter anderem die russische PR-Agentur Social Design Agency und die Structura National Technologies. Sie stehen auf der Sanktionsliste der EU und der Vereinigten Staaten." Die EU müsse die Social-Media-Plattformen verstärkt mit Sanktionen auf den Digital Services Act verpflichten, sagt Peter Stano, Sprecher der EU für Auswärtige Angelegenheiten und Sicherheitspolitik im EAD, gegenüber Kaiser.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss und kann sich verändern, ruft der Filmregisseur und Autor Andreas Veiel in der SZ. Die Einberufung eines "Zukunftsrates", wie sie Anfang des Jahres geplant wurde, nun aber von den Verantwortlichen blockiert wird, wäre ein vielversprechender Ansatz. Die "Bildung einer ARD-Zentrale als Dachorganisation" könnte den bisher unnötig aufgeblasenen bürokratischen Apparat verschlanken und würde zur schnelleren Entscheidungen über die Realisierung von Projekten führen, so Veiel.
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Kulturpolitik

Jana Talke und Alexander Estis erzählen in der NZZ, wie russische Museen unter direkter Ägide von Wladimir Putin dessen Geschichtsbild über die Ukraine zementieren sollen. Lernen sollen die  kleinen Russen, was "Malorossija" (Kleinrussland) und "Noworossija" (Neurussland) sind. Das Vokabular kommt aus der Zarenzeit, gemeint sind damit Gebiete der Ukraine. In einer Handreichnung wird das alles dargelegt: "So sei der Donbass 'schon zu Zeiten des Russischen Reiches von einer bunten nationalen Vielfalt geprägt' gewesen, gegen die sich die 'totale Ukrainisierung' der 1920er Jahre gerichtet habe. Dass diese im Zug einer gesamtsowjetischen Planpolitik der 'Einwurzelung' stattfand, erwähnen die Autoren nur beiläufig. Die darauf folgende radikale Russifizierung durch die Sowjetführung lassen sie vollends verschwinden."
Archiv: Kulturpolitik
Stichwörter: Estis, Alexander