9punkt - Die Debattenrundschau

Als Uber-Fahrer ein hohes Rating

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.12.2022. In der FAZ pocht Reinhard Merkel auf die moralische Pflicht der Ukraine zu verhandeln. Die Ukrainer werden nicht einknicken, die Deutschen vielleicht schon, glaubt Carlo Masala in der SZ. Corona ist nicht vorbei, warnt die SZ. Das Kopftuch ist ein Symbol der Unterdrückung, aber auch ein Symbol der Freiheit, finden  Saba-Nur Cheema und Meron Mendel in ihrer FAZ-Kolumne.  Im Guardian bekennt George Monbiot seine "brennende Scham" darüber, dass er mit Holz heizt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.12.2022 finden Sie hier

Europa

Nach umständlichen akademischen Erwägungen kommt der Rechtsprofessor Reinhard Merkel in der FAZ zum Schluss, dass die Ukraine verpflichtet ist, mit Russland zu verhandeln (auf die Tatsache, dass es in Russland keinen ernsthaften Verhandlungswillen gibt, kann er für seine Argumentation keine Rücksicht nehmen). Er spricht von "ius ex bello", einer zumindest moralischen Pflicht jedes Kriegsbeteiligten, an Friedensszenarien mitzuwirken. Es sei "eine Pflicht der Regierung in Kiew, Verhandlungen ex bello zu akzeptieren und deren konzessionslose Ablehnung zu beenden. Diese Pflicht ist, im Unterschied zu der Moskaus, kein unmittelbares Gebot des Völkerrechts, wohl aber eines der politischen Ethik. Ihre Basis ist eine spezifische Verantwortung auch der ukrainischen Regierung und reicht über die triviale Grundnorm jeder Moral, menschliches Leid zu vermeiden, weit hinaus. Denn die Ukraine ist kausal beteiligt an der fortdauernden Erzeugung des Elends dieses Krieges."

Im Interview mit SZ spricht der Sicherheitsexperte Carlo Masala über den Ukraine-Krieg, wo Russland nicht zur die Infrastruktur zerbombt, sondern sogar Wälder und Felder. So soll "der Eindruck erzeugt werden, dass der Wiederaufbau der Ukraine ein Milliardengrab für die westlichen Geldgeber sein wird", sagt Masala. "Das ist genau Putins Strategie. Es ist nicht auszuschließen, dass die deutsche Bevölkerung irgendwann sagt, jetzt ist Schluss. Wir stecken da Milliarden rein, die Ukrainer haben noch immer nicht gewonnen, das entwickelt sich zu einem Stellungskrieg, das soll aufhören. Dann könnte die Forderung laut werden, dass die Ukrainer endlich Teile ihres Landes aufgeben." Die Ukrainer selbst werden "nicht einknicken", glaubt er.

In der NZZ blickt der Volkswirtschaftler Mathias Binswanger skeptisch auf die Ankündigungen von Unternehmen, demnächst klimaneutral zu sein. Was heißt das schon, fragt er, wenn man seine Emissionen einfach durch Kompensation auf Null rechnen kann? "Würde man die im Ausland anfallenden Emissionen tatsächlich berücksichtigen, ergäbe sich nämlich folgendes Dilemma: Je umfassender, globaler und damit ehrlicher man das Ziel der Klimaneutralität definiert, umso klarer wird, dass man es weder 2040 noch 2050 erreicht. Mit dieser unangenehmen Wahrheit will aber niemand konfrontiert werden. Also definiert man Klimaneutralität möglichst selektiv und lokal, um die Illusion der Erreichbarkeit dieses Ziels nicht zu zerstören."
Archiv: Europa

Religion

Das Multikulti- und Politikberaterehepaar Saba-Nur Cheema und Meron Mendel legt in seiner jüngsten FAZ-Kolumne seine Solidarität mit dem Iran dar. Besonders wichtig ist ihnen aber die Klärung der Kopftuchfrage: "Unbenommen, das Kopftuch wurde jahrhundertelang den muslimischen Frauen von der patriarchalischen Gesellschaft aufgezwungen. Aus unserem Familienkreis kennen wir genug solcher Geschichten von Mädchen und Frauen, die dem Druck der Eltern oder Religionsgemeinden nachgeben mussten. Doch gibt es in Europa auch Frauen, die das Tragen des Kopftuchs als emanzipatorischen Akt begreifen. Erst kürzlich trafen wir eine Bekannte, die neuerdings Kopftuch trägt. Unsere fragenden Blicke kommentierte sie damit, dass sie 'nach langer Zeit wieder einmal etwas nur für mich' mache wollte."

Mit den Kirchen geht es recht heftig bergab. Selbst zu Weihnachten waren die Gottesdienste kaum gefüllt. Der Religionssoziologe Detlef Pollack macht im Gespräch mit Hilmar Schmundt vom Spiegel auf einen Aspekt des Niedergangs aufmerksam, der auch Feministinnen interessieren könnte. Es waren die Mütter, die für die Tradierung der Religion sorgten: "Sie sind wichtiger als die oft ins Spiel gebrachten 'Peers', Freunde und Gleichaltrige. Als die Mütter noch weitgehend zu Hause waren und für die religiöse Erziehung ihrer Kinder sorgten, war Kirchenmitgliedschaft relativ stabil. Seitdem sie stärker in den Arbeitsmarkt eingebunden sind, seit den Sechzigerjahren, geht die religiöse Bindung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen massiv zurück. Viele Frauen haben vielleicht schlicht nicht mehr die Kraft und Zeit, um neben ihrer Erwerbstätigkeit auch noch große Energie in die religiöse Erziehung zu investieren."
Archiv: Religion

Wissenschaft

Die Pandemie ist vorbei und jetzt eine Endemie, so sieht's zumindest im Augenblick aus, sagen Christian Drosten und andere Virologen bis hin zur WHO. Viele sind jetzt durch Impfungen geschützt, offen ist noch, ob das Coronavirus in China, wo die Ansteckungen Höchstraten erreichen, in eine neue gefährliche Variante mutiert. In einem "Thema des Tages" zeichnet Christina Berndt (SZ) noch einmal den Verlauf der jüngsten Welle nach, die glimpflicher ablief als befürchtet: "So klingt das Jahr 2022 pandemiemäßig recht beschaulich aus, jedenfalls gefühlt. Denn tatsächlich bringt das Virus immer noch viel Leid über das Land. Täglich sterben mehr als 100 Menschen direkt an Covid-19, viele weitere an den Folgen der Infektion wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Hinzu kommt Long Covid. Und auch die vielen Fälle anderer Infektionskrankheiten wie Influenza und RSV, die das Land im Dezember heimgesucht haben, könnten mit der Pandemie zu tun haben, sagt [die Immunologin] Christine Falk. Nicht nur, weil das Immunsystem wegen der Corona-Maßnahmen zwei Jahre lang kaum Begegnungen mit diesen Viren hatte und sich deshalb nicht mehr so gut an sie erinnert. 'Immer mehr Daten zeigen zudem, dass eine durchgemachte Infektion mit Sars-CoV-2 das Immunsystem lange beeinträchtigen kann. Man kann noch viele Monate danach eine geringere Immunkompetenz haben, das Immunsystem ist weniger schlagkräftig.'"
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Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: Corona, Pandemie, Omikron-Variante

Politik

Der slowenische Dichter Aleš Steger schickt der FAZ einen seltenen Bericht aus Hargeisa in Somaliland, einem "Land, das es nicht gibt", anerkannt ist es nur von Taiwan. Eine lebendige Kultur findet er vor, vor allem eine Tradition oralen Dichtens, die sehr populär ist. Aber Hargeisa war auch Ziel eines Genozids, der vom somalischen Präsidenten Siad Barre und teilweise von südafrikanischen Söldnern verübt wurde. Zehntausende wurden im Jahr 1988 umgebracht. Im Land selbst gibt es kaum eine Aufarbeitung, so Steger: "In der Zwischenzeit sterben die noch gut 170 identifizierten Zeugen der Massenmorde langsam weg. Viele der Täter sind ihnen durchaus bekannt, sie haben sogar die Namen und Adressen der Piloten, die die Stadt zerbombten. Der Schlächter von Hargeisa, der ehemalige Leibwächter von Diktator Barre, der nach der Heirat mit Barres Tochter Vizepräsident von Somalia war und das Heer leitete, Major Morgan, wurde vor einem Jahr Vertreter der Region Puntland im Somalischen Parlament. General Tukeh, der schrecklichste Kriegsverbrechen verübte, lebte nach dem Fall des Regimes in den USA, arbeitete als Sicherheitskraft am Dulles Airport und hatte als Uber-Fahrer ein hohes Rating von zufriedenen Kunden."
Archiv: Politik
Stichwörter: Somaliland, Steger, Ales

Gesellschaft

Auch in Deutschland gibt es die Romantik des eigenen Kamins im eigenen Heim oder der Pellet-Heizung. George Monbiot bekennt im Guardian seine "brennende Scham", dass er in seinem Haus mit Holz heizt - das hatte er 2008 so arrangiert, weil er auf fossile Brennstoffe verzichten wollte, aber er musste unter anderem durch die Berichterstattung des Guardian lernen, dass "Holzfeuer überraschend schädlich ist". Holzfeuer erzeugt Feinstaub. Und wenn man die Öfen aufmacht, werden gefährliche Substanzen ins Innere des Hauses freigesetzt, so Monbiot: "Diese Gifte können jedes Organ im Körper beeinträchtigen. Winzige Partikel gelangen über die Lunge direkt in den Blutkreislauf. Wo immer sie landen, richten sie Schaden an. Sie werden mit einer Vielzahl von Krebsarten, Herz- und Lungenerkrankungen, Schlaganfällen, Demenz und Intelligenzverlust in Verbindung gebracht. Sie lassen Ihre Haut altern und schädigen Ihre Leber. Sie schädigen Föten im Mutterleib und die Entwicklung von Kindern. Es ist eine besondere Ironie, wenn man Holzöfen in Häusern von Menschen findet, die nur Bioprodukte kaufen, um die chemische Belastung ihres Körpers zu verringern. Das Verbrennen von Holz steht im Einklang mit der 'Natürlichkeit' dieses Ansatzes, aber das, was wir für 'natürlich' halten..., ist nicht immer das Beste."

Der Widerstand der Ukrainer und der Iranerinnen wirft indirekt auch ein Licht auf die Mutlosigkeit, die sich in der deutschen Gesellschaft breitgemacht hat, schreibt Jagoda Marinić in ihrer taz-Kolumne: "Es hätte im deutschen Diskurs dieses Jahr viel mehr Respekt geben sollen vor dem Mut der Ukrainer, anstatt dass wir Debatten darüber führen mussten, wie viel Angst manche in Deutschland vor Putin haben. Die Debatten über die Ukraine zeigten, wie bequem wir Deutschen es uns gemacht haben mit unseren Ängsten, wie legitim es geworden ist, die eigenen Ängste öffentlich zu betrachten und sie trophäenartig als Entschuldigung für Handlungsunfähigkeit anzuführen."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Holzfeuer, Feinstaub