9punkt - Die Debattenrundschau

Nicht Pessimismus ist gut

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.02.2018. Die Syrer bombardieren gemeinsam mit ihren russischen Hintermännern Ost-Ghuta. Humanitäre Appelle lassen sie verhallen. Zivilisten sterben zu Hunderten. Der Guardian vergleicht das Geschehen mit Srebrenica. Die Washington Post  bringt Bilder. In der NZZ beharrt Steven Pinker auf den Vorteilen der Aufklärung. Im Deutschlandfunk erzählt der Historiker David Motadel von der Sympathie der Nazis für den Islam. In der Welt erinnert Alan Posener an den jüdischen Beitrag zu 1968.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.02.2018 finden Sie hier

Politik

In Ost-Ghuta, nahe Damaskus, wo 2013 schon einmal Giftgas eingesetzt wurde, veranstaltet Baschar al Assad gerade ein Schlachtfest. "48 Stunden, 250 Tote, 1.200 Verletzte", zählt Spiegel online.

Im Guardian vergleicht Simon Tisdall die Bombardierung von Krankenhäusern und die Ermordung von Zivilisten durch Bomben mit Srebrenica: "Wie in Bosnien versuchte niemand, die Zivilbevölkerung zu schützen, nachdem die Offensive im Dezember begann und Verhandlungen gescheitert waren. Die syrischen Truppen und ihre russische Hintermänner bleiben bei ihren Luftangriffen und Bombardierungen mit schrecklichen Opferzahlen völlig unbehelligt. Die Vereinten Nationen haben das Pro-Assad-Bündnis, zu dem auch von Iranern geführte Milizen gehören, fast schon angebettelt, eine humanitäre Feuerpause zuzulassen. Die Appelle wurden ignoriert. Die Bitten von Hilfsorganisationen um Zugang blieben ebenfalls unbeantwortet."

In der Washington Post bringen Olivier Laurent und Louisa Loveluck einige Bilder aus dem Kriegsgeschehen in Ost-Ghuta: "Das Tempo des Todes beschleunigt sich und so auch das der Vorbereitungen. Pathologen und  Totengräber sagen, dass sie vor der Eskalation der Gewalt stets zwanzig bis fünfzig Gräber bereithielten. Am Dienstag sagten sie, dass dies nicht mehr genug sei."

Ideen

In der NZZ beharrt der notorisch optimistische Steven Pinker darauf, dass die Aufklärung die Welt besser stetig mache, dass zwar nicht die Ungleichheit abgenommen habe, wohl aber Armut, Verbrechen, Sterblichkeit. Und nein, das ist nicht naiv: "Es gibt Aktivisten, die Pessimismus für eine gute Sache halten - er sei ein Antrieb, Missstände aufzudecken, die Wohlstandsgesellschaft aufzurütteln, die Machthaber zur Rechenschaft zu ziehen. Aber nein. Nicht Pessimismus ist gut; Sachlichkeit und Genauigkeit sind es. Sicher müssen wir Leiden und Unrecht wahrnehmen, aber wir müssen uns auch im Klaren darüber sein, auf welche Weise sie gelindert werden können. Undifferenzierter Pessimismus kann in Fatalismus umschlagen und uns zur Überlegung verleiten, warum wir überhaupt Zeit und Geld investieren sollen, wenn die Lage ohnehin hoffnungslos ist. Und er kann zum Radikalismus führen - zu Destruktivität oder zum Glauben an einen charismatischen Tyrannen."

Europa

Wer sich fragt, warum Microsoft immer noch genau so gigantische Gewinne wie Google oder Apple macht, der sollte nach Deutschland und Europa gucken, wo Behörden und die öffentliche Hand milliardenschwere Verträge mit dem Konzern machen und sämtliche Rechner von dem Konzern abhängen, schreibt Arne Cypionka in Netzpolitik mit Blick auf eine ARD-Dokumentation Harald Schumanns, die das Problem offenlegt: "Die Monopolstellung Microsofts ist stark: 'Jeder ist betroffen' urteilen die Journalisten, 'die Abhängigkeit reicht tiefer als die Verwendung von Word oder Excel'. Tausende Spezialprogramme der Finanzämter und anderer Behörden seien alle von Windows abhängig. Auch Martin Schallbruch, der bis 2016 IT-Direktor der Bundesregierung war, sieht Probleme, die sich in Zukunft noch verstärken werden: 'Kontrollfähigkeit und Steuerungsfähigkeit des Staates im Hinblick auf seine eigene IT nimmt immer weiter ab'."
Anzeige
Stichwörter: Microsoft, Netzpolitik, Ard

Internet

Auch in Deutschland versuchten Rechtsextreme die Wahlen mit "russischen Methoden" zu beeinflussen, hat ein Recherche-Team aus allen möglichen Sendern und Zeitungen herausgefunden, berichtet Lena Kampf in der SZ - dabei schuf man ähnlich wie die russischen Geheimdienstler Fake-Konten in sozialen Netzen und befeuerte von dort aus die Seiten gegnerischer Parteien: "So gab es eine Art Countdown vor der Bundestagswahl, mit täglichen Attacken auf Wahlkampfvideos der Grünen, der Linkspartei, der SPD und der CDU. Ein Video der Linkspartei erhielt über Nacht eine dreistellige Zahl von Hasskommentaren, das Verhältnis von positiven und negativen Bewertungen bei einem Video der Grünen-Bundestagsfraktion wurde mit Hunderten 'Dislikes' umgedreht. Wahlkampfmanager der Parteien sahen sich gezwungen, die Kommentarfunktion ihrer Youtube-Kanäle zu schließen oder Kommentare nur nach vorheriger Moderation freizuschalten."

Geschichte

Marko Martin besucht für die Salonkolumnisten das Genozid-Museum in Vilnius, Litauen - das in erster Linie der Ermordung von 60.000 sogenannt 'bürgerlich-reaktionärer' Litauer durch die Stalinisten beleuchtet. Der Holocaust und die litauische Beteiligung dagegen sind unterbelichtet: "Würde dem gegenwärtigen Litauen, das seit der 'zweiten Unabhängigkeit' von 1990 eine stabile und wirtschaftlich prosperierende Demokratie ist, wirklich ein Zacken aus der Identitäts-Krone fallen, wenn man statt unkritischer Hagiografie ein wenig mehr Mut aufbrächte, historischer Komplexität gerecht zu werden? Bislang erinnert jedoch im 'Genozid-Museum' mit seinen original erhaltenen Verhör- und Kellerzellen lediglich ein (!) Raum an den Holocaust. Mit historischen Fotos und Quellentexten wird hier an die nahezu vollständige Vernichtung der litauischen Juden zur Zeit der deutschen Besatzung erinnert, die einheimische Mitschuld nicht geleugnet, jedoch recht kursorisch abgehakt."

Die Nazis schlossen in den Kriegsjahren zahlreiche Bündnisse mit muslimischen Alliierten, erzählt der Historiker David Motadel im Gespräch mit Andreas Main vom Deutschandfunk. Und sie kümmerten rührend um das geistliche Wohl der Soldaten: "Islamische Rituale und Praktiken, wie zum Beispiel das Gebet oder das Schächten, wurden in diesen Einheiten gestattet. Und das Schächten, das ist ein besonders klares Beispiel, dadurch, dass das Schächten eigentlich immer ein großes Thema der Antisemiten in Deutschland gewesen war. Seit dem 19. Jahrhundert gab es diese Schächt-Debatte, die natürlich gegen Juden gerichtet war. Und so kam es auch, dass in einem der ersten Gesetze des NS-Regimes 1933, das Reichstierschutzgesetz, das Schächten verboten wurde. 1941 wurde dieses Verbot dann aufgehoben, um Muslimen, die in der Wehrmacht und SS kämpften, das Schächten zu gestatten."

In der Welt erinnert Alan Posener an den sehr starken jüdischen Beitrag zur 68er-Bewegung, besonders in den USA und Frankreich, aber auch in den osteuropäischen Ländern. Aber dann drehte sich die Atmosphäre: "Wie konnte eine Bewegung, die in ihren Anfängen internationalistisch und blockübergreifend war, proisraelisch und von der jüdischen Idee des 'Tikkun Olam', der Heilung der Welt, inspiriert, zu einer antiamerikanischen, antiisraelischen und oft genug antisemitischen Bewegung werden? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Aber neben den Panzern in Prag, den Knüppeln in Warschau und der Stasi in Ost-Berlin muss man auch die Rolle der SPD und der moskauhörigen Kommunisten im Westen nennen."