9punkt - Die Debattenrundschau

Wir sprechen von Editieren

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.08.2016. Zeit und taz beobachten fassungslos, wie tatenlos der Westen die Katastrophe von Aleppo heraufziehen lässt. Die New York Times berichtet über das IS-Kommando EMNI, das internationale Anschläge koordinieren soll. Ian Buruma dechriffiert in der Welt die einstudierten Manierismen von Populisten. Und die Scheicha von Katar erklärt in der Zeit, was sie unter der Freiheit versteht.

Politik

Plastisch beschreibt Andrea Böhm in der Zeit die Lage in Aleppo. Die Amerikaner, konstatiert sie, überlassen Assad das Feld. Und "Russland will den Fall Aleppos - anders sind seine Kampfeinsätze dort nicht zu verstehen. Assad hält sich dank russischer Hilfe inzwischen für unbesiegbar. Der nächste Flüchtlingstreck ist abzusehen - auch wenn unklar ist, welche Wege er sich suchen wird. Der zivilen Opposition bleibt nicht viel, außer die Verbrechen aller Seiten zu dokumentieren für ein Tribunal, das vielleicht in zehn oder fünfzehn Jahren den Syrien-Krieg juristisch aufarbeiten wird."

In der taz berichtet auch Inga Rogg über die sich anbahnende Katastrophe in Aleppo, wo sich gemäßigte und radikale Rebellengruppen mit zunehmender Verzweiflung gegen die Belagerung durch Assads Truppen wehren: "Indem der Westen tatenlos zuschaut, könnte genau das passieren, was Europäer und Amerikaner fürchten: die Stärkung der Radikalen und Extremisten wie der ehemaligen Nusra-Front und Ahrar al-Scham. Sollte Assad die Oberhand gewinnen, droht den Zivilisten der Hungertod. Das Regime hat die Öffnung von vier Fluchtkorridoren angeboten - drei für Zivilisten und einen für Kämpfer, die sich ergeben. Wer nicht die Flucht ergreift, den betrachtet das Regime als 'Terroristen'."

In einem Report, der bereits viel Aufsehen erregt hat, berichtet die New York Times über das IS-Kommando EMNI, das nach Aussagen von inhaftierten IS-Mitgliedern wie dem Bremer Harry Sarfo international Anschläge koordiniert: "What they describe is a multilevel secret service under the overall command of the Islamic State's most senior Syrian operative, spokesman and propaganda chief, Abu Muhammad al-Adnani. Below him is a tier of lieutenants empowered to plan attacks in different regions of the world, including a 'secret service for European affairs,' a 'secret service for Asian affairs' and a 'secret service for Arab affairs,' according to Mr. Sarfo."

2016 ist nicht das schlimmste Jahr in der Geschichte der Menschheit, tröstet Rebecca Onion auf Slate.fr: 1919 und 1943 waren viel schlimmer, ganz zu schweigen von 1348.
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Europa

Der türkische Autor Burhan Sönmez, der jahrelang im Exil lebte und erst 2010 in die Türkei zurückging, schreibt in der Zeit: "Seit die Regierung Opfer eines Putschversuchs wurde, behauptet sie, ihre Maßnahmen unterschieden sich von denen eines Militärputsches. Als ich das hörte, hoffte ich, es würde keine heimlichen Bücherverbrennungen geben. Das dachte ich. Aber ich lag falsch." Ebenfalls in der Zeit startet Can Dündar, Chefredakteru der Cumhuriyet, eine Kolumne über "Meine Türkei" - in Nummer eins schreibt er über den schiefen Blick der so religionsfreundlichen Amerikaner auf den angeblich gemäßigten Fethullah Gülen und Erdogans prompte Abkehr von Amerika.

Yavuz Baydar setzt in der SZ seinen Bericht über die Lage in der Türkei fort: "Gegen Mittag, just während dieses Tagebuch geschrieben wird, erfahre ich, dass Ausreiseverbote gegen weitere 1297 Personen verhängt worden sind, darunter 35 Journalisten und 51 Anwälte."

Zu einer Erpressung gehören immer zwei, schreibt Henryk M. Broder in der Welt und denkt darüber nach, wie Merkel Erdogan einen "Dämpfer versetzen" könnte: Sie "bietet allen Türken, die seit dem 'Putsch' festgenommen wurden, Asyl an. Die paar Tausend 'Schutzsuchenden' mehr würde die Bundesrepublik mühelos verkraften, zumal es sich um ausgebildete Fachkräfte handelt, denen man nicht erst beibringen muss, wie man sich in einer säkularen, multikulturellen Gesellschaft benimmt. Erdogan wäre seine Störenfriede los, und wir könnten uns aufrichtig über die Bereicherung freuen."
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Internet

Karten waren schon immer auch ein Abbild von Machtverhältnissen, weiß Adrian Lobe. Trotzdem ärgert er sich in der FAZ, dass Google Maps jetzt Viertel mit hoher Kneipendichte zu areas of interest erklärt: "Es drängt sich der Verdacht auf, dass Google seine Nutzer 'nudgen', also ihnen einen Schubs geben und zu Geschäften lotsen will, die für ihre digitale Präsenz bezahlen. Es ist im Grunde eine Umwertung von Sehenswürdigkeiten: Sehenswert ist nicht mehr, was Kultur und Geschichte repräsentiert, sondern was Geld bringt."
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Medien

Dirk Pilz will den FAZ-Redakteur Jasper von Altenbockum dabei ertappt haben, sich innerhalb von zwei Tagen komplett selbst widersprochen zu haben, und fordert in der FR nun auch von Journalisten eine selbstkritischere Grundhaltung in der Debatte um den Terror: "Die Erklärungen für schwer Erklärbares ändern sich je nach politischem, medialem und psychologischem Interesse. Damit verlieren sie jede Überzeugungskraft."

Die taz meldet, dass hinter dem Sturm auf die Redaktionsräume des Recherchekollektivs Correctiv Mitarbeiter von Russia Today und Junger Freiheit steckten.
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Gesellschaft

Ian Buruma denkt in einem von der Welt übersetzten Essay über das häufig groteske Aussehen von Diktatoren und Populisten wie Donald Trump nach. Allem Spott zum Trotz geht der Plan einstudierter Exzentrizität auf, schreibt Buruma: "Die Träume derjenigen zu bestätigen, die sonst kaum etwas haben, ist für einen Populisten der Schlüssel zum Erfolg. Die Hauptsache ist, dass diese Politiker nicht dem langweiligen, gemäßigten Mainstream entsprechen. Selbst Insider müssen als Outsider posieren, die dem kleinen Mann gegen das politische Establishment zur Seite stehen. Marotten - insbesondere Manierismen der Oberschicht, ein pompöser Lebensstil, unmögliche Witze, vorsätzliche Krassheit und eine übergeschnappte Frisur - sind ein Aktivum."

In der SZ informiert uns Gerhard Matzig, dass die Fachmänner der Bundeswehrhochschule in München mit Hochdruck daran arbeiten, unsere Städte zu schützen: "Es geht um terrorsichere Stadtmöblierung, also etwa um Pflanzkübel in der Fußgängerzone, um Laternenpfähle, Brunnen oder Bänke, um Alltägliches."
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Kulturmarkt

Die Zeit entsandte ihren Kunstredakteur Hanno Rauterberg nach Katar, wo ihm "Ihre Exzellenz" Scheicha al-Majassa bint Hamad bin Chalifa alThani eines ihrer seltenen Interviews gewährte. Die Schwester des Emirs ist von Künstlern und Kuratoren nur so umschwärmt, denn sie gilt als die größte Käuferin der ganzen Welt. Im nächsten Jahr will sie deutsche Künstler ausstellen. Zu Kunst hat sie nicht allzuviel zu sagen, aber in drei Punkten wird sie im Interview sehr deutlich: 1. Bei der Abwehr "übertriebener" Kritik an der Behandlung der Bauarbeiter im Emirat, die schließlich von Privatfirmen angestellt seien. 2. Bei der Verteidigung des Kopftuchs: "Man muss mit dem Begriff der Freiheit vorsichtig sein. Einige Frauen wollen ihr Gesicht verbergen, wer hat das Recht, das zu verbieten?" 3. Bei der Ansage an die deutschen Künstler: "Es gibt keine Restriktionen, die Künstler sind frei. Aber wenn wir sie einladen, und sie wollen etwas zeigen, das in unserer Kultur als heikel empfunden wird, dann sagen wir nein. Das kann man als Zensur verstehen, doch wir nennen es nicht Zensur, wir sprechen von Editieren." Hauptsache ist doch, es lohnt sich!
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Stichwörter: Katar