9punkt - Die Debattenrundschau

Weder im Park noch im Wald

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.10.2015. Die taz bringt ein großartiges Dossier mit Texten von Flüchtlingen: Die tunesische Autorin Najet Adouani erzählt, wie die heimischen Probleme sie bis hierhin verfolgen. Der transnistrische Autor Alexander Nikiforov wundert sich über die Kaninchen im Tiergarten. Im Quotidien d'Oran dankt Kamel Daoud dem Hause Saud für das Privileg, in Mekka sterben zu dürfen. Die New York Times surft mit Adblocker und stellt fest: Das lohnt sich wirklich! Und Ulrike Simon fragt bei rnd-news.de: Ist Googles Innovationsfonds heiße Luft?

Europa

Die taz ist heute eine Flüchtlings-taz. Die Flüchtlinge schreiben selbst, und ein Text liest sich beeindruckender als der nächste, etwa die Reflexionen der tunesischen Autorin Najet Adouani, die aus einer Begegnung mit einem anderen Flüchtling bei einer Lesung gelernt hat, dass sie die heimischen Probleme nicht losgeworden ist: "Er fühlte sich wohl in seiner Männlichkeit durch mich bedroht, weil ich über meine journalistischen Erfahrungen erzählte und vom Leiden der Frauen in einer so männlich dominierten Gesellschaft. Der Mann erhob seine Stimme in dem stillen Raum und forderte mich auf: "Geh in deine Küche und erfüll deine Pflichten!" Nicht was er gesagt hatte, tat mir da weh, sondern die Tränen des kleinen Mädchens, das neben mir stand. Bevor er mich beleidigte, hörte sie mir zu und lächelte; ich merkte, wie stolz sie war, ein Mädchen zu sein."

Und Alexander Nikiforov aus Transnistrien schreibt: "Die ersten drei Monate durfte ich den Innenstadtbereich nicht verlassen. Ich lief durch die Straßen und sog alles in mich auf. Was für Einheimische zur Norm gehörte, war für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Wilde Kaninchen im Tiergarten etwa. In meinen 37 Jahren hatte ich weder im Park noch im Wald Kaninchen gesehen. Unsere Kaninchen sind längst aufgegessen."

Die Texte lassen sich hier nicht resümieren. Einige Hinweise: Der kamerunische Filmregisseur Richar Djif erzählt, warum er fliehen musste (weil er einen Film über die herrschenden Dynastien in der Region gemacht hatte). Sharmila Hashimi versucht, den Verlust der Intellektuellen für Afghanistan zu ermessen. Der Syrer Ramy al-Asheq fragt: "Werden wir Teil der deutschen Gesellschaft sein?" Der Journalist Yahya Alaous schreibt über Prostitution in Syrien - und jetzt in Deutschland. Außerdem spricht Benno Schirrmeister mit der Historikerin Simone Eick vom Migrationsmuseum in Bremerhaven. Diese taz reicht fürs ganze Wochenende!

Die Welt erfreut sich unterdessen in einer weniger originellen Textlawine - brauchen wir Matusseks "Liebeserklärungen an den deutschen Osten" wirklich? - des 25. Jahrestags der Wiedervereinigung.
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Gesellschaft


In Säcke verpackte abgetragene Erde aus Fukushima. Foto: Arkadiusz Podniesinski

Der polnische Fotoreporter Arkadiusz Podniesiński erzählt in seinem Blog und mit höchst eindrucksvollen Fotos auf Polnisch, Deutsch und Englisch von seiner Reise ins strahlenverseuchte Fukushima: "Beim Betreten der Zone fällt einem als Erstes die unglaubliche Größenordnung der Dekontaminierungsarbeiten auf. Zwanzigtausend Arbeiter säubern hier gewissenhaft jedes einzelne Stück Erdboden. Sie entfernen die oberste, am stärksten verstrahlte Schicht und verstauen sie in Säcke, die dann zu einer der tausenden Deponien gebracht werden. Diese Säcke sind einfach überall. Sie werden zu einem dauerhaften Teil der Landschaft von Fukushima."
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Stichwörter: Fukushima

Kulturpolitik

Wer sich gern mit Kulturdiplomatie beschäftigt, wird begeistert sein von dem Tagesspiegel-Gespräch zwischen Hermann Parzinger von der Preußen-Stiftung und Marina Loschak vom Puschkin-Museum in Moskau über Fragen von Raub- und Beutekunst: Beide versichern, dass sie sich sehr gern haben.
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Politik

Kamel Daoud schreibt in seiner jüngsten Kolumne in Le Quotidien d"Oran: "Bild des Jahres - 700 übereinandergehäufte Leichen in Mekka, bei den Prinzen der Familie Saud. Eine Woche nach der Tragödie, bei der 700 Pilger zu Tode getrampelt wurden, hat dieses Land, dieses harte Regime, keine Entschuldigung präsentiert, keine Verantwortung übernommen, keinen Büttel rausgeschmissen. Dieses Regime ist nicht verantwortlich. Übrigens ist es ein Privileg, in diesem Land zu sterben."
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Internet

Eine sehr nützliche Recherche zur aktuellen Debatte um Adblocker und Internetwerbung - besonders aus Smartphones - bringt eine Reportergruppe der New York Times. Und was kommt raus? Adblocker lohnen sich! "Der Unterschied war leicht festzumachen: Viele Websites luden schneller und waren leichter zu nutzen. Daten sind auch teuer. Wir schätzen, dass jedes Megabyte bei einem normalen amerikanischen Datentarif ungefähr einen Penny kostet. Wer täglich die Homepage des Boston Globe besuchte, würde gut und gern 9,50 Dollar zahlen - nur für die Anzeigen!"

Und noch eine Episode aus der ewigen Schlacht der Internetgiganten: Amazon verkauft kein Videostramingzubehör von Apple und Google mehr, da beide Dienste den Streamingservice von Amazon nicht unterstützen, um ihre eigenen Angebote durchzudrücken, berichtet Bloomberg.
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Medien

(Via turi2) Glaubt man Ulrike Simon bei rnd-news.de, dann ging"s bei der so großartig angekündigten Digital News Initiative von Google und einigen Zeitungsverlagen (aber Google gibt die 150 Millionen Dollar!) um nicht viel mehr als heiße Luft: "Auf meine Frage bei den beteiligten Verlagen, was sich denn seither getan habe, mäanderten die Antworten zwischen "nix!", "da ruckelt"s noch" und "fragen Sie Google". Einer sprach von einem "closed shop" der acht Gründungsverlage, ein anderer hatte den Eindruck, Google habe es wohl im Frühjahr mit der Ankündigung sehr eilig gehabt."
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