Efeu - Die Kulturrundschau

Die endlose Schönheit des kurzen Augenblicks

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.10.2015. Die NZZ studiert die Bildgründe Joan Mirós. Die Jungle World hofft auf eine Sprechtextbombe von Rainald Goetz in Darmstadt. Die NZZ feiert den Pianisten Igor Levit, der gerade drei große Variationswerke von Bach, Beethoven und Rzewski eingespielt hat. Die Zeit stimmt für Wanda, reuelosen Sex und mitleidlose Romantik. Die nachtkritik beobachtet in Ivan Panteleevs "Peer Gynt"-Inszenierung fasziniert, wie der Theaterstaub aus den Handgelenken Margit Bendokats rieselt.

Bühne


Samuel Finzi und Margit Bendokat in "Peer Gynt", inszeniert von Ivan Panteleev. Foto: Arno Declair

Am Deutschen Theater in Berlin hat der ehemalige Gottscheff-Dramaturg Ivan Panteleev Ibsens "Peer Gynt" inszeniert. Bei der Premiere ist die Energie auf "Sparlampenniveau" gedimmt, imponiert hat der Abend nachtkritiker Christian Rakow dennoch. Das lag vor allem an den Schauspielern: "Wer an diesem Abend in den Kammerspielen des Deutschen Theaters sieht, wie die Bendokat für luftige Sekunden einen imaginären Theaterstaub aus den Handgelenken rieseln lässt, wenn sie mit schalkhafter Festigkeit rezitiert "Gulden und Taler, ein blankes Geriesel, /Streut er hinunter wie Hände voll Kiesel"; oder wer erlebt, wie Finzi, bloß mit einem weißen Herrentaschentuch bewaffnet, Gebetsrituale aller Weltreligionen anzitiert, der darf glücklich sagen: Der Gotscheffsche Minimalismus lebt. In Momenten."

In der FAZ vermisst Simon Strauss dagegen "alle Naivität des Märchenhaften, alles Triviale, Stürmische des Stücks". In der SZ sieht Peter Laudenbach "eher ein Gedankenspiel als eine Geschichte. Das kann nicht wirklich aufgehen, ist aber zumindest wagemutig."

Besprochen werden außerdem Sibylle Bergs in Berlin aufgeführtes Stück "Und dann kam Mirna" (Freitag), eine "Giselle"-Choreografie am Luzerner Theater (NZZ), eine zweibändige Ausgabe von George Taboris Dramen (Tagesspiegel) und Bohuslav Martinůs in Essen gespielte Flüchtlingsoper "Die griechische Passion" (FAZ).
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Kunst


Mauerdetail aus Mirós Gemälde "La ferme", 1921-22. Bild: Successió Miró / © ProLitteris

Kaum ein Maler erfüllt so leicht das Bedürfnis nach Raumdekor wie der Katalane Joan Miró. Und doch, meint Maria Becker in der NZZ nach dem Besuch der Miró-Ausstellung im Kunsthaus Zürich, war es ihm ernst mit seinem Spruch, die Malerei zu ermorden: Indem er Farbe und Form hervorhob statt Tradition. So "sind die abbröckelnden Steine der Mauer auf "La ferme" ein Verweis auf ein zentrales Element seiner Kunst. Für Miró sind Bildgründe Malerei. So geben die Saaltexte Auskunft über seine Techniken, die Ölfarbe mit Sand, Kies und Teer zu mischen und dadurch Flächen zu erreichen, deren haptische Qualitäten die Malerei durchdringen und mitgestalten. ... Wand, Bild und Material sind bei Miró zu einer Stofflichkeit verbunden, die per se Malerei schafft."

Catrin Lorch freut sich in der SZ über die große Retrospektive Walker Evans im Museum Quadrat in Bottrop: "Eine sorgfältige Aufarbeitung dieses Œuvres war mehr als überfällig. ... Dass sich nun ein kleines Museum in Deutschland diesem Werk als Ganzem stellt - und die Ausstellung an zwei Folgestationen in den USA und Kanada vermittelte - ist auch ein Ausweis hiesiger Museumskultur."

Besprochen werden Barbara Köppes im Berliner Willy-Brandt-Haus ausgestellte Fotografien von DDR-Frauen (Berliner Zeitung) sowie Rosa Loys und Neo Rauchs Ausstellung "Perlmutt - Arbeiten aus der eigenen Sammlung" in Zwickau (FAZ).
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Musik

Drei große Variationswerke hat der Pianist Igor Levit eingespielt: Bachs "Goldberg-Variationen", Beethovens "Diabelli-Variationen" und Frederic Rzewskis "The People United Will Never Be Defeated" von 1975. Für den NZZ-Rezensenten Marco Frei erweist er sich damit als ungewöhnlich kühner und origineller Kopf in der Klassikszene: Wie für den französischen Dichter Stéphane Mallarmé, so ist auch für Igor Levit "die Variation eine Studie um "Sein" und "Werden", von Veränderung und Umbildung, die aus dem Augenblick erwächst. Der 28 Jahre alte Pianist spricht von einer Art "Reiseliteratur", bei der er nie im Voraus wisse, wie er die einzelnen Stationen erleben werde - offen in der Form, aber doch "geschützt" und "aufgehoben"."

Hier spielt er Beethovens Sonate op. 2, Nr. 2:



In der Zeit denkt Thomas Winkler über den Erfolg des Austropop-Phänomens Wanda nach. Sein Fazit: "Statt sich (...) zu optimieren für die Arbeitswelt und den eigenen Körper denkbar lange im bestmöglichen Zustand zu erhalten, propagieren Wanda in Tun und Text reuelosen Sex und hemmungslosen Rausch, mitleidlose Romantik und die endlose Schönheit des kurzen Augenblicks. ... [Sie] verfahren mit dem Rock "n" Roll wie Jeff Koons mit dem Kitsch: Indem sie Klischees nachgerade pornografisch überhöht noch einmal ausstellen, können sie sich auch ohne ironischen Sicherheitsabstand in ihnen suhlen." Hier das aktuelle Video:



In der taz spricht der kalifornische DJ Dâm-Funk über seinen Background und sein neues Album "Invite the Light". Dabei erklärt er auch den Funk: "Funk ist inklusiv. Alle sind willkommen.... Du willst dich mit der Gitarre um den Verstand gniedeln, dann gniedel mit der Gitarre! Keiner hält dich auf, auch das ist Funk. Und der Slang, absolut speziell: Das Funk-Thing ist mehr so ein Funk-Thang, verstehste? Du kannst alles sagen, aber wenn du Scheiße laberst, ist es Fake." Hier eine Hörprobe:



Weiteres: Der Musikproduzent Nhoah Hoena und der DJ Frank Kittelmann erinnern sich im Tagesspiegel an die Berliner Musik- und Clubszene zur Wendezeit.
 
Besprochen werden das neue Album von Deafheaven (Pitchfork), eine Box mit frühen Alben von David Bowie (Pitchfork), das neue Album von Mercury Rev (Pitchfork), "Foam Island" von Darkstar (Spex), Lana Del Reys "Honeymoon" (The Quietus), ein Morrissey-Konzert (FR), Romanos Album "Jenseits von Köpenick" (FR), Richard Thompsons Konzert mit dem Electric Trio in Stuttgart (FAZ) und das neue Album "Unbreakable" von Janet Jackson ("ein Traum", jubelt Jan Kedves in der SZ).
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Archiv: Musik

Film

In der Welt unterhält sich Christian Meier mit Produzentin Regina Ziegler über die Serie "Weissensee". Thomas Stillbauer berichtet in der FR vom Lucas Kinderfilmfestival in Frankfurt. Susanne Ostwald berichtet in der NZZ vom 11. Zurich Film Festival. David Steinitz plaudert in der SZ mit der Schauspielerin Emma Watson über ihre Rolle in Alejandro Amenábars Horrorfilm "Regression" (mehr dazu im Tagesspiegel).

Besprochen werden Joshua Oppenheimers "The Look of Silence" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Denis Villeneuves "Sicario" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Lars Kraumes Biopic über Fritz Bauer (Welt) und der neue Pixar-Film "Alles stet Kopf" (FR).
Archiv: Film

Literatur

In der Jungle World würdigt Klaus Birnstiel Rainald Goetz, der am 31. Oktober in Darmstadt mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wird, "als eigent­lichen Akzelerationisten, als dauerbeschleunigten Gegenwartskonfrontierer. ... Möglicherweise plant er für Darmstadt ja die präzisionsgesteuerte Zündung einer Sprechtextbombe mit wohlkalkuliertem Realitäts-Fallout. Vielleicht geht er auch gar nicht erst hin."

Weiteres: Dirk Knipphals empfiehlt in der taz die Lektüre von Detlev Schöttkers Recherche über Kafkas Beziehung zum Kubismus in der aktuellen Lettre. Der Schriftstellerin Katerina Poladjan erscheint im Traum Adrian Celentano mit den falschen Zeilen auf den Lippen, wie sie im Freitext-Blog auf ZeitOnline bekennt. In einer taz-Reportage von Ulla Lenze erfährt man viel darüber, wie Ulla Lenze sich bei ihrer Reise durch Indonesien fühlte. Die neue Bibliothek im dänischen Aarhus versteht sich immer weniger als Bibliothek klassischen Zuschnitts und immer mehr als soziokulturelles Zentrum für Vergemeinschaftung, berichtet Simon Strauss in der FAZ.

Achtung, Spoileralarm: Die Kritiker (Tagesspiegel, NZZ, FAZ) erzählen, wie das Literarische Quartett heute abend gewesen sein wird.

Besprochen werden Monique Schwitters "Eins im Andern" (taz), Alejandro Zambras "Bonsai" (Freitag), Rolf Lapperts "Über den Winter" (FR), Anne Kanis" "Nichts als ein Garten" (SZ) und Charlotte Roches "Mädchen für Alles" (FAZ).
Archiv: Literatur