9punkt - Die Debattenrundschau

Begehung der Stätten des Jenseits

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.08.2015. Die taz staunt, wie schlampig Behörden Anfragen stellen, um an gespeicherte Daten von Mailanbeitern zu kommen. Ebenfalls in der taz erklärt die Anwältin Miriam Saage-Maaß, warum sie mit der Kairoer Menschenrechtserklärung nichts anfangen kann. Libération berichtet über die Verfolgung Homosexueller durch den Islamischen Staat. Auch die Zerstörung von Tempeln in Palmyra sorgt weiter für Empörung.

Überwachung

Ausgesprochen aufschlussreich findet Meike Laaf in der taz den Transparenzbericht des Berliner Mailanbieters Posteo, der erstmals zeigt, wie Behörden Anfragen stellen, wenn sie an Daten wollen: "Besonders sorglos bis schlampig ausgeführt zeigen sich Auskunftsanfragen zu Bestandsdaten - also Informationen über Namen, Geburtsdaten und Adressen von Nutzern. Teils wurden Angaben wie der konkrete Tatvorwurf oder Aktenzeichen der Ermittlung unverschlüsselt übersandt - was laut Posteo rechtswidrig ist. Teils wurden die Mails an den Kundensupport geschickt, statt an die zuständigen Personen. In einigen Fällen wurde unrechtmäßig Verkehrsdaten oder IP-Adressen abgefragt. Oder die Rechtsgrundlage für die Abfrage wurde nicht genannt."
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Politik

Schreckliche Grausamkeiten begehen die IS-Schergen an Homosexuellen im Irak und in Syrien, berichtet Libération mit AFP und zitiert Betroffene, die sich auf einem Hearing des UN-Sicherheitsrats per Telefon äußerten: ""Wenn sie einen fangen, inspizieren sie zunächst sein Telefon, seine Kontakte und seine Facebook-Freunde", sagt ein Mann, der sich Adnan nennen lässt, um seinen wahren Namen aus Angst vor Verfolgung nicht preiszugeben. Er sei auch schon von irakischen Sicherheitskräften vor Ankunft des Islamischen Staates brutal behandelt worden. Da er Angst hat, von seiner Familie ausgeliefert zu werden, ist er geflohen. "Sie versuchen alle Homosexuellen zu schnappen, und es ist ein Domino-Effekt. Wenn einer fällt, fallen auch die anderen.""

Die Anwältin Miriam Saage-Maaß spricht im taz-Interview mit Hannes Koch über ihr internationales Engagement für Menschenrechte, die sie auch in der Ökonomie etwa vom Billigeinkleider Kik einfordert. Und auch wenn sie die westliche Demokratie nicht für die einzig mögliche hält, bleibt sie bei den Menschenrechten kompromisslos. Eine islamische Version wie die Kairoer Erklärung von 1990, lehnt sie ab: "Diese Erklärung hat das Königshaus von Saudi-Arabien initiiert. Ein autoritäres, religiöses Regime will damit die eigene Macht stärken. Herrschaftslogik wurde in Recht gegossen."

Der aserbaidschanische Journalist Emin Milli hat sich nach mehreren Verhaftungen nach Berlin geflüchtet. In der taz berichtet er von einer neuen Repressionswelle gegen Regimekritiker und Menschenrechtler. "Präsident Alijew fühlt sich nicht mehr so sicher an der Macht wie früher. Alijew ist 2003 an die Macht gekommen, zu einer Zeit des hohen Ölpreises und der steigenden Ölexporte. Und jetzt kommt mit niedrigen Ölpreisen und sinkender Ölproduktion der erste richtige Test für seine autoritäre Infrastruktur. Das Regime in Aserbaidschan fußt auf einem Clansystem. Weniger Öleinahmen bedeuten in diesem System weniger Loyalität."

In der SZ fragt sich Johan Schloemann, wie es eigentlich hierzulande um all die Reformen bestellt ist, die Deutschland so gern anderen abverlangt. Viel sieht er da nicht: "Was anderswo einfach "Regieren" heißt, das heißt hierzulande inzwischen "Koalitionsgipfel", "Pflegegipfel", "Flüchtlingsgipfel" und so weiter. Nun kann man das Problem sicher nicht nur auf die Spitzenkräfte schieben. Es lässt sich schwer auseinanderhalten, ob es die Regierung unter Angela Merkel ist, die diese leicht lethargische Selbstgefälligkeit verbreitet, oder ob sie damit ein in der Gesellschaft weit verbreitetes Gefühl aufnimmt."
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Medien

Auch die New York Times entwickelt immer neue E-Mail-Newsletter, schreibt Lucia Moses in digiday.com und setzt bei den einzelnen Newslettern einen immer engeren Fokus. Einer von ihnen ist allein dem Starjounalisten Nicholas Kristof gewidmet. "E-Newsletter erleben einen neuen Boom als Antwort auf den endlosen Strom von Socia Media News. Allerdings wird der Wettbewerb mit mehr Newslettern auch härter, und es wird schwieriger, einen wertvollen Inhalt zu entwickeln. Die sehr hohen Öffnungsraten werden sich mit der Entwicklung der Times-Newsletter wahrscheinlich senken."

Nicht so ergiebig wie es scheint, aber viel retweetet: Gabriel Shermans NYMag-Recherche über die Nachfolge im Clan der Sulzbergers, dem die größten Anteile an der New York Times gehören.
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Stichwörter: New York Times, Newsletter

Kulturpolitik

Der Schweizer Archäologe Rolf A. Stucky kannte Khaled Asaad, den Chefarchäologen in Palmyra, persönlich. In einem schönen Nachruf in der NZZ vermutet er hinter al-Asads brutaler Hinrichtung durch den IS das reine Beutemachen: "Er allein besaß die Schlüsselgewalt über die Grabanlagen. Wer das Glück hatte, sie mit ihm zu besuchen, wird die Begehung der Stätten des Jenseits niemals vergessen. Diese Kenntnis wurde ihm jetzt zum tödlichen Verhängnis: Nach Meldungen internationaler Medien hatte er die beweglichen Schätze des Museums in nur ihm bekannte unterirdische Grabkammern transportieren lassen, um sie vor unerlaubtem Zugriff zu schützen. Nachdem der sogenannte Islamische Staat Palmyra im Mai dieses Jahres eingenommen und eine Schar jugendlicher Soldaten der Regierungstruppen auf der Bühne des antiken Theaters geköpft hatte, blieb der einundachtzigjährige Khaled al-As"ad dennoch in der Stadt, um die Sicherheit der Kunstwerke zu überwachen."

Der Ermordung Asaads folgten Zerstörungen von Bauwerken. Andreas Kilb kommentiert in der FAZ: "Mit der Sprengung des Baal-Schamin-Tempels in Palmyra ist ein Baustein aus der historischen Überlieferung herausgebrochen worden, der genauso wichtig war wie die vor zwölf Jahren von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan. Und wie in Bamiyan ging es dabei um ein Kunstwerk, in dem sich das verkörperte, was den Islamisten am meisten verhasst ist: die Versöhnung der Religionen im Zeichen der Zivilisation."

In der SZ berichtet Sonja Zekri ausführlich über die Zerstörungen und zitiert einen erbosten Wiener Archäologen Andreas Schmidt-Colinet: "Die Region blutet aus. Der Antikenhandel - betrieben, so vermutet Schmidt-Colinet, von allen Parteien - finanziert den Konflikt auf lange Sicht. "Im Internet können Sie palmyrenische Reliefs bestellen", giftet Schmidt-Colinet, "die Lieferzeit dauert drei bis vier Wochen.""

Rüdiger Schaper weiß übrigens im Tagesspiegel: "Baal Schamin war einer der Hauptgötter von Palmyra. Ein Himmelsgott mit den Attributen Blitz und Adler, eine östliche Variante des griechischen Zeus. Früheste Quellen, in denen Baal-Shamin erwähnt wird, gehen zurück ins zweite Jahrtausend vor Christus."

Ideen

Max Beck und Nicholas Coomann wenden sich in Literaturkritik.de gegen einen Text von Hermann Heidegger in der Zeit, der seinen Vater gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigte und dabei schon mit dem vergifteten Begriff der "Halbjuden" daneben greife: "Auch dass der Philosoph Edmund Husserl ("ein Jude") bekanntlich 1886 zum Protestantismus konvertierte und somit höchstens als Jude von den Nazis verfolgt wurde, spielt in den Ausführungen keine Rolle. Die rassenbiologische Terminologie wird in diesem ungeheuerlichen Text noch zum Argument gegen Heideggers Antisemitismus."

Der amerikanisch-pakistanische Schriftsteller Mohsin Hamid lamentiert im Guardian über die Menschheit, die sich in "Zeiten des Permakrieges" teilen lasse, anstatt dem großen Mörder gemeinsam gegenüber zutreten - dem Tod, der uns alle teffe, ob in einer Pariser Supermarkt oder in den Bergen Afghanistans: "Es gibt keinen Hai, sagen wir, die sieben Milliarden flimmernden Fische, es gibt nur Kannibalen."

Außerdem viel retweetet: Lutz Hachmeisters Essay "Es gibt keine Gdigitale Gesellschaft" in der Medienkorrespondenz, der sich mit den Visionen von Internetutopisten auseinandersetzt.
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