Efeu - Die Kulturrundschau

Sägt die Säge einen Ton

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25.08.2015. In der NZZ fragt Literaturkritiker Rainer Moritz seine Kollegen, wie sie Feridun Zaimoglus Roman besprechen wollen, nachdem sie mit dem Autor durch Istanbul flaniert sind. Im Blog Kwerfeldein dokumentiert Samaneh Khosravi Schönheitsideale im Iran. Witz und Ehrlichkeit findet die Welt in den Porträts des Gesellschaftsmalers John Singer Sargent. Das Literaturcafe erinnert: Es gibt auch gute Romane außerhalb der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Die Musikkritiker stellen sich den Klangerzeugungsgeräten beim Atonal Festival in Berlin.

Kunst


Samaneh Khosravi: "Unter Frauen". Khosravi sammelt über eine Crowdfunding-Kampagne Geld zur Veröffentlichung eines Buchs

Im Blog kwerfeldein stellt Samaneh Khosravi ihr Projekt "Unter Frauen" vor, eine dokumentarische Fotoserie über Schönheitsideale im Iran: "Diese Fotoreportage behandelt die junge iranische Generation in ihrem Alltag und das Streben nach ihrem Schönheitsideal. Ich begleite sie an verschiedenen Tagen und unterschiedlichen Orten wie zu Hause, im Friseursalon, beim Shopping und sogar bis in den Operationsraum während ihrer kosmetischen Korrektur."

Manuel Brug besucht für die Welt die große John-Singer-Sargent-Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum und begegnet dabei mehr Witz und Aufrichtigkeit, als man es sich von diesem Porträtmaler der Reichen und Berühmten erwartet hätte: "Er schöpfte oft aus der Vergangenheit - und doch ist die Orgie in Flammenrot, als welche sich etwa Samuel Jean Pozzi im chevaleresk samtenen Hausmantel samt weißseidenen Spitzenmanschetten und -kragen präsentiert, keine Wiederholung van-dyckscher Manier, sondern fast so etwas wie eine augenzwinkernde Verbeugung vor ihr. Sargent lässt den gefragten Pariser Gynäkologen, der angeblich ebenso vielen Damen die Babys holte, wie er sie mit ihnen machte, in würdevoll gespreizter Handhaltung und mit akkurat gestutztem Bart verträumt-entschlossen ins Leere blicken. Die Pose des Abgebildeten strahlt so gleichzeitig Autorität aus und ist Parodie (weil 1881 eigentlich schon anachronistisch)." (Bild: John Singer Sargent, Dr. Pozzi at Home. 1881. The Armand Hammer Collection)

Fotografie war nicht nur die erste demokratische Kunst, sondern auch die erste emanzipierte. Im Guardian erinnert William Boyd an die großen Fotografinnen, die vor allem Wien hervorbrachte, wo Dora Kallmus (Madama d"Ora) 1906 als erste Frau die Graphische Lehr-und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren besuchen durfte und damit den Weg für Trude Fleischmann, Grete Kolliner und Edith Suschitzky ebnete (Bild: Marlene Dietrich mit Hut, Atelier D"Ora-Benda, Österreichische Nationalbibliothek)

Besprochen werden weiter ein Fotoband von Fazal Sheikh (taz), eine Retrospektive des Malers Charles Pollock (Bruder von Jackson) in der Peggy Guggenheim Collection in Venedig (Welt) und Wolfgang Pensolds "Geschichte des Fotojournalismus" (FR).
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Literatur

Im Freitext-Blog auf ZeitOnline schwärmt Feridun Zaimoglu gerade von der Schönheit der Türken in Istanbul, als ihm eine Gräte im Halse stecken bleibt. Ob es der Text von Rainer Moritz war, Kritiker und Leiter des Hamburger Literaturhauses, der sich in der NZZ fragt, wie ein Kritiker noch eine ehrliche Rezension schreiben kann, wenn er mit dem Autor auf Reisen war? Nach Matthias Polityckis Führung durch Samarkand flanierten derzeit "interessierte Journalisten unterschiedlichster Medien" mit Zaimoglu durch Istanbul, zu den Schauplätzen seines Romans "Siebentürmeviertel": "Ja, gewiss, es macht betroffen, wenn wir so ganz intim erfahren, dass der Roman die Geschichte von Zaimoglus Vater wiedergebe, und es spiegelt sich darin so viel dezent exotisches Lokalkolorit wider, dass wir vergessen, es nicht mit einem Reisebericht, sondern einem schwergewichtigen Roman zu tun zu haben. Um dessen ästhetische Qualitäten oder gar Mängel darzustellen, bleibt in solchen Wanderberichten leider selten genügend Platz."

Wolfgang Tischer warnt in Literaturcafé davor zu glauben, die zwanzig Romane der Longlist des Buchpreises seien die besten der Saison. Zwar dürfte "dieser Tunnelblick in den kommenden Monaten noch verstärkt werden, denn Feuilletonredaktionen werden sich nun auf diese zwanzig Titel stürzen und sie besprechen, sofern es noch nicht geplant war, und andere Titel zurückstellen. Schließlich will man am 16. September 2015 kompetenter urteilen können, wenn von den zwanzig Titeln nur noch sechs auf der Shortlist übrig bleiben... Jedoch können auf der Liste nur die Titel stehen, die die Verlage für den Wettbewerb eingereicht haben, wofür eine Einreichungsgebühr fällig ist. Wenn also ein Verlag die besten deutschsprachigen Bücher der Welt verlegt und sie nicht einreicht, werden sie nie auf der Short- oder Longlist stehen." Als Beispiel eines Romans, der auf der Liste stehen müsste, nennt Tischer "Im Frühling sterben" von Ralf Rothmann. Hier hat der Autor allerdings selbst entschieden, dass er nicht antritt.

Weitere Artikel: Felicitas von Lovenberg schreibt zum Tod des Germanisten und Literaturkritikers Walter Hinck. Regina Mönch gratuliert in der FAZ dem Aufbau Verlag mit einem historischen Rückblick zum siebzigjährigen Bestehen.

Besprochen werden Maria Matios" Roman "Mitternachtsblüte" (NZZ), E. L. Doctorows letzter Roman "In Andrews Kopf" (NZZ), Monique Schwitters "Eins im Andern" (Zeit), Wladimir Kaminers auf 3sat ausgestrahlte Provinz-Reiseberichte (FR, die erste Folge hier), Christine Wunnickes longlist-nominierter Roman "Der Fuchs und Dr. Shimamura" (FAZ) und Navid Kermanis "Ungläubiges Staunen" (SZ).
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Bühne


Orfeo. Ruhrtriennale 2015. Foto © Julian Röder

Patrick Wildermann porträtiert im Tagesspiegel die Theatermacherin Susanne Kennedy, deren "Orfeo"-Bearbeitung gerade bei der Ruhrtriennale zu sehen ist und die künftig bei Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen und ab 2017 bei Chris Dercon an der Volksühne arbeiten wird: "Eine ziemliche Blitzkarriere. ... Es ist dennoch kein Wunder, dass sich heute die Intendanten um sie reißen. Kennedy steht für den radikalen Bruch mit Gewohntem. Für kompromisslose bis schmerzhafte Form-Experimente. Für eine rahmensprengende Ästhetik, die so versiert mit Wirklichkeitsfiltern und Mehrfachbelichtungen arbeitet, dass plötzlich nackte Menschen in ungeschönter Menschlichkeit sichtbar werden."

Von Kennedys "Orfeo" (dazu mehr hier) zeigt sich Egbert Tholl heute in der SZ sehr beeindruckt: Diese Inszenierung erlebe man "nicht als die erste erhaltene Oper der Musikgeschichte, sondern als Soundtrack eines beklemmenden, todtraurigen Gangs durch die eigene Psyche. ... Wenn man ganz am Ende allein dem singenden, auch maskierten Orfeo gegenübersteht, weiß man, dass jedes intellektuelle Verstehen dieser Produktion Mumpitz ist. Dieses Teil wirkt viel tiefer."

In der Presse resigniert Wilhelm Sinkovicz angesichts stückeverfremdender Regieeigenmächtigkeiten in der Oper: "So hat man in Wien etwa nicht nur [Meyerbeers] "Propheten" unmöglich gemacht, sondern auch Wagners "Rienzi" oder - angesichts der Wiener Aufführungstradition besonders schlimm - Hans Pfitzners "Palestrina". Repertoirereduktion statt Bereicherung ist die wahre Bilanz dieser Eigenmächtigkeiten."

Besprochen werden Krzysztof Warlikowskis "Die Franzosen" nach Marcel Prousts "Recherche" bei der Ruhrtriennale (NZZ, Welt), Choreografien von Gilles Jobin und Stephanie Thiersch (Tagesspiegel) beim Berliner "Tanz im August" und David Mouchtar-Samorais an der Neuköllner Oper aufgeführte "Carmen"-Adaption (Tagesspiegel).
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Film

Tim Neshitov bringt in der SZ Hintergründe zum Prozess gegen den ukrainischen Regisseur Oleg Senzow, der vom russischen Geheimdienst auf die Krim entführt wurde. Ein Urteil soll heute ergehen: "Er wird des Terrorismus bezichtigt, unter anderem soll er eine Sprengung der Lenin-Statue vor dem Ministerrat in Simferopol geplant haben. An diesem Dienstag soll der Richter in Rostow am Don das Urteil verkünden. Die Staatsanwaltschaft fordert 23 Jahre Haft. Es kommt selten vor, dass sich Wim Wenders oder Doris Dörrie an Wladimir Putin wenden, aber genau das taten sie nun. Die Europäische und die Deutsche Filmakademie schickten Protestbriefe nach Moskau."

Besprochen werden Marie Wilkes Dokumentarfilm "Staatsdiener" über die Ausbildung junger Polizisten (ZeitOnline), Kornél Mundruczós Film "Underdog" (Standard), die im Max-Ernst-Museum in Brühl gastierende Tim-Burton-Ausstellung (FAZ) und eine Ausstellung in Turin über den neorealistischen Film Italiens (SZ).
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Architektur


Friedrich Weinbrenner, 1792/97. Bild: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe.

Für die SZ hat Gottfried Knapp die dem Klassizisten Friedrich Weinbrenner gewidmete Ausstellung in der Städtischen Galerie Karlsruhe besucht, dessen Entwürfe und Arbeiten er mit großem Interesse in Augenschein nimmt: "Vor allem die idealistisch kühnen Erstentwürfe, bei denen sich der junge Architekt noch radikale Vereinfachungen im Sinne der französischen Revolutionsarchitektur leistete und auf eine ideal gedachte Landschaft als Umgebung Bezug nahm, waren von einer Schönheit, wie sie leider fast nirgendwo verwirklicht werden konnte."

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Stichwörter: Friedrich Weinbrenner

Musik

Nach einem von Krachen und Brummen durchwirkten Wochenende erstatten Berlins Popkritiker vom Atonal-Festival Bericht. Jens Balzer liebte den mit unorthodoxen Mitteln erstellten Techno von Pierre Bastien. Dessen "Klangerzeugungsgeräte", schreibt er in der Berliner Zeitung, "tickten und ratterten und klickten und klackten wie ein ordentlicher Techno-Beat; nur dass dieser Techno-Beat beispielsweise von einer auf einem künstlichen Gebiss herumschrubbenden und dabei elektrisch verstärkten Zahnbürste erzeugt wurde oder von einer Teekanne mit einem klappernden Deckel. ... Ich hätte nächtelang davorstehen und zuhören können."

Faszinieren ließ er sich auch von Tony Conrad und den Krautrockern Faust, die gemeinsam ihr 1972 aufgenommenes Album "Outside The Dream Syndicate" aufführten. In der taz schreibt Julian Weber über den Auftritt: "Minutenlang sägt die Säge einen Ton, dann zwei, nach etwa 15 bis 20 Minuten drei. Irgendwann steigen Faust ein (...) Beat und Groove halten sie kaum. Es klingt eher, als kämen sich die Umlaufbahnen von drei Planeten näher und landen dann doch in ihren je eigenen Klanguniversen. Wobei Conrads Geigen­drones für sich genommen einzigartig klingen. Und doch ergibt die Performance Sinn, weil sie den maschinellen Klangerzeugern von heute menschliche Unzulänglichkeiten entgegensetzen, getreu dem Motto: "Atonal"."

Im Berlin-Teil der taz betreibt Andreas Horstmann unterdessen Stilkritik. Das Atonal-Publikum trug, wie zuvor auch Julian Weber feststellte, vor allem schwarz und ließ sich auffallend oft auf dem Fußboden nieder, statt die Füße zu bewegen. Der taz-Kritiker bewertet das als "ungeahnte Lockerheit und Entspanntheit".

Zwischen Mikrofonie und Mikrotonalität: Thomas Schacher berichtet in der NZZ vom der "Tag für Pierre Boulez" beim Lucerne Festival. Tim Caspar Boehme erklärt in der taz, was es mit dem Berliner Festival Mikromusik auf sich hat. Jennifer Beck befragt in der Spex Amande Dagod und Anton Teichmann nach ihren Gründen, nach dem mittlerweile etablierten Record Store Day für den 17. Oktober nun auch einen Cassette Store Day auszurufen. Auf ZeitOnline porträtiert Felix Johannes Enzian den Musiker Abel Tesfaye, der mit seinem Projekt The Weeknd bescheidene Ziele verfolgt: Er möchte lediglich der "größte Popstar seiner Generation" werden. Im Tagesspiegel unterhält sich Fabian Wolff mit Ice Cube, über dessen alte Band N.W.A. diese Woche ein Film ins Kino kommt. Und die Kritiker von Pitchfork geben ihre 200 Lieblingslieder aus den 80ern bekannt.

Besprochen werden Giant Sands neues Album "Heartbreak Pass" (FR), der Auftritt von Denis Kozhukhin beim Rheingau Musik Festival (FR), das Konzert des New Georgian Philharmonic bei Young Euro Classic (Tagesspiegel), der Londoner Auftritt von Sunn o))) (The Quietus), das neue Album der Sleaford Mods (The Quietus) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Box mit frühen Aufnahmen von Arvo Pärt (SZ).
Archiv: Musik