9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Kolonie der eigenen Elite

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.12.2014. In der NZZ erinnert Hans-Christoph Buch an jene Zeit, als Berlin die Hoffnung der kolonisierten Länder war. Im Blog der NYRB erklärt Ahmed Rashid, warum sich die USA so schwer tun, eine Strategie gegen die IS-Miliz zu finden. BHL plädiert in Le Point gegen die französische Anerkennung eines palästinensischen Staates. Das NiemanLab staunt über die geplante europäische Google-Steuer.

Politik

Im Blog der NYRB erklärt Ahmed Rashid, warum sich die USA so schwer tun, eine Strategie gegen den Islamischen Staat zu finden: Der IS interessiert sich nicht für den Westen! "Während al-Qaida ihre Wut auf den entfernten Feind, die USA, richtete, will der IS zuerst den nahen Feind schlagen, die arabischen Regimes. Hier geht es zuallerst um einen Krieg innerhalb des Islams: um einem Konflikt von Sunniten gegen Schiiten, aber auch einen Krieg von sunnitischen Extremisten gegen moderate Muslime... Die Führer des IS wollen alle muslimischen und nicht-muslimischen Minderheiten des Mittleren Ostens eliminieren, nicht nur alte, vom Westen auferlegte Grenzen und Staaten ausradieren, sondern die ganze ethnische und religiöse Zusammensetzung der Region verändern."

Das größte Kontingent von Kämpfern der IS-Miliz kommt aus Tunesien, berichtet Martin Gehlen in Zeit online - über 3.000 Männer (und ein paar Frauen): "Auffallend viele stammen aus Mittelklasse-Familien, waren Studenten, angestellt im öffentlichen Dienst oder hatten gut bezahlte Berufe im Privatsektor. "Die Armen wollen nach Europa, die besser Gestellten gehen nach Syrien - das ist besonders beunruhigend", erläutert Mohamed Iqbal Ben Rejeb, Gründer von Ratta, einer Organisation, die tunesischen Familien hilft, ihre Söhne aus Syrien oder dem Irak zurückzuholen."

Bernard-Henri Lévy zählt in seiner Kolumne für Le Point die Gründe auf, die ihn gegen die französische Anerkennung eines palästinensischen Staates optieren lassen. Der letzte Vorwurf an die Adresse der Befürworter "liegt genau darin, dass sie nur die Blockaden einer Seite sehen, nämllich die israelischen. Es gibt nur einen Akteur, auf den sie Druck machen wollen, Israel. Und vom Lager der Palästinenser erwarten sie nichts, buchstäblich nichts: Rührt euch nicht, ergreift keine Intitiative, verlangt vor allem nicht, dass die Charta der Hamas, deren Judenhass aus jeder Linie schwitzt, für hinfällig erklärt wird. Ihr kriegt euren Staat auch so. Schwer zu sagen, was hier obsiegt, die Israelfeindlichkeit, die Verachtung für die Palästinenser oder schlicht Leichtfertigkeit."

Mehr zum Thema: Die Welt druckt die Rede des israelischen UN-Botschafters Ron Prosor bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen zur "Palästinafrage". Rue89 verweist auf eine Fernsehdiskussion zwischen BHL und Alain Finkielkraut einerseits und dem ehemaligen israelischen Botschafter in Frankreich Nissim Zvili zur Frage, ob Frankreich einen palästinensischen Staat anerkennen soll - Zvili gibt den beiden kräftig Contra:

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Medien

Über die Hälfte der 300 Mitarbeiter des Darmstädter Echos müssen gehen, meldet turi2 unter Bezug auf den Hessischen Rundfunk und Kress: "Ein mit dem Betriebsrat abgestimmter Sozialplan soll Abfindungen und die Gründung einer Transfergesellschaft finanzieren... Wegen sinkender Auflagen und Werbeeinnahmen werden ganze Abteilungen aufgelöst, auch der Stammsitz des Echo-Verlags in Darmstadt wird geschlossen."

Catherine Stupp bringt im NiemanLab einen Artikel über den Stand europäischer Bemühungen für eine "Google-Steuer", die traditionellen Medien zugutekommen soll. Das Leistungschutzrecht in Deutschland, schreibt sie "konfrontiert neue kleine News-Seiten und große traditionelle Zeitungsverlage". Sie zitiert auch Perlentaucher Thierry Chervel, "der den Zeitungen vorwirft, den Übergang zum digitalen Zeitalter verschlafen zu haben".
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Geschichte

Hans Christoph Buch erinnert in der NZZ an jene Zeit, als Berlin zur Hoffnung der Kolonisierten wurde, also an das Kaiserreich, und an Berliner Studenten wie Mori Ogai, José Rizal und natürlich W.E.B. Dubois: "Obwohl Rassismus verbreitet war, wurde Dubois nach eigenem Bekunden nicht diskriminiert, im Gegenteil: Der dunkelhäutige Dandy, der sich einen wilhelminischen Schnurrbart wachsen ließ und mit Korpsstudenten um die Wette soff, genoss die Narrenfreiheit eines Paradiesvogels. Er trug einen Zettel mit Namen und Adresse bei sich, damit Droschkenkutscher ihn, wenn er betrunken war, nach Hause karren konnten, und schwängerte eine Deutsche, die er nicht heiratete, um ihr die Rassendiskriminierung in den USA zu ersparen. "Entbehren sollst du, sollst entbehren", lautete fortan das aus "Faust" entlehnte Motto des germanophilen Schwarzen." (Das Bild zeigt Dubois mit wilhelminischem Schnurrbart, Quelle: Wikipedia.)

Im Interview mit Ralf Leonhard spricht der Autor Francisco Sionil José in der taz über die miserable Lage der Philippinen, die korrupten Eliten und den Kolonialismus, über den ihm beinahe ein positives Wort über die Lippen gekommmen wäre: "Der Imperialismus ist langfristig nie positiv, denn ihm liegt die Logik der Ausbeutung zugrunde. Aber die Einrichtung der öffentlichen Schulen hat Leuten wie mir zu Bildung und damit zu einer gewissen sozialen Mobilität verholfen. Gleichzeitig wurde natürlich eine Abhängigkeit von den USA etabliert. Unsere Eliten haben immer mit den Kolonialmächten kollaboriert. Sie haben sich die Gewohnheiten der imperialen Mächte zu eigen gemacht. Sodass wir jetzt eine Kolonie der eigenen Elite sind."

Weiteres: Für alle, die nicht dabei waren, erstellt Matthias Heine in der Welt ein "ABC des Kalten Krieges".
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Gesellschaft

Saskia Hödl stellt in der taz klar, dass Deutschland nur unter den OECD-Ländern das "zweitbeliebteste Einwanderunsland" der Welt sei. Global betrachtet sind Jordanien oder Pakistan deutlich "beliebter": "Die beachtlichen Wanderungsbewegungen etwa zwischen Südasien und der Arabischen Halbinsel werden in dem Bericht nicht berücksichtigt. Mit dieser Rosinenpickerei zeichnet man - bewusst oder unbewusst - ein sehr realitätsfernes Bild. Nach absoluten Zahlen stimmt es zwar, dass Deutschland - unter den OECD-Ländern - das zweitgrößte Einwanderungsland nach den USA ist. Wenn man aber den Anteil der Einwanderer an der Bevölkerung betrachtet, klingt das Ganze schon weniger sexy. Denn mit 0,5 Prozent liegt Deutschland auf Platz 12 unter den OECD-Ländern. Davor liegen unter anderem noch die Schweiz und Österreich, wo die Deutschen mit Abstand die größte Migrationsgruppe stellen."

In der SZ zeigt sich Heribert Prantl zwar erleichtert, dass Migranten heute deutlich besser behandelt werden als noch vor 25 Jahren (vor allem weil die Wirtschaft sie braucht), meint aber: "Europa sollte kein Kontinent von Flachwurzlern werden. Flexibilität und Mobilität sind nicht Selbstzweck." Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons freut sich Christian Geyer über ein Urteil des Bundsverfassungsgrchts, das die Rechte der Eltern gegenüber Behörden und Gutachtern stärkt.
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