Efeu - Die Kulturrundschau

Vehikel des Vergnügens

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03.12.2014. Die Welt guckt Ostfußball mit Corneliu Porumboius wunderbarem Fußballfilm "The Second Game". Im Guardian tanzt Turner-Preisträger Duncan Campbell den Marxismus. Im Freitag erklärt Gregor Hens, warum er Romane am liebsten linear liest. Die Wiener Zeitung sieht nur zwei potenzielle Nachfolger für Simon Rattle. Die NZZ denkt über die Rolle der Architekturkritik nach.

Film



Schön, dass Corneliu Porumboius wunderbarer Fußballfilm "The Second Game" doch noch ins Kino kommt! Man sieht ein rumänisches Meisterschaftsspiel von 1988 im Winter, im Schneematsch! Es spielen Steaua, der Armeeverein, und Dinamo, der Securitate-Club. Auf der Tonspur unterhält sich der Regisseur mit seinem Vater, der damals den Schiedsrichter machte, über das Spiel und die Rolle des Fußballs in Rumänien: Porumboiu erzählt "gleich drei Geschichten", meint Michael Pilz in der Welt: "Wie ein Fußballspiel am Vorabend einer Revolution aussieht. Warum der Ostfußball noch 25 Jahre später Ostfußball genannt wird. Und was dieser Fußball, der im Winter 1988 in Rumänien gespielt wurde, mit dem, was alle Welt heute im Fernsehen als Fußball sieht, zu tun hat." (Hier auch unsere Berlinale-Kritik und hier ein Interview mit dem Regisseur)

Für EpdFilm unterhält sich Frank Arnold mit Terry Gilliam über dessen Science-Fiction-Groteske "Zero Theorem" (unsere Kritik).

Besprochen werden Ulrich Seidls "Im Keller" (critic.de), Monika Treuts "Von Mädchen und Pferden" (critic.de), der Gangsterfilm "The Drop" mit Tom Hardy (critic.de, ZeitOnline), Lee Sang-Ils japanisches Remake von Clint Eastwoods Western "Unforgiven" (critic.de), Woody Allens neue Komödie "Magic in the Moonlight" (Berliner Zeitung, critic.de, SZ, taz) und der Kinderfilm "Paddington" (filmosophie.com, FAZ).
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Literatur

Eher wenig hält der Schriftsteller Gregor Hens im Freitag von Lukas Latz" Plädoyer für das Hyperlink-Ebook, das sich den linearen Vorgaben gedruckter Literatur entzieht: Reportagen mag das wohl bereichern, die schöne Literatur möge davon aber unbehelligt bleiben. "Im Lesen tauche ich ein in einen Strom fremder Gedanken und Möglichkeiten, die ich mir im besten Fall blätternd, staunend oder mitfühlend zu eigen mache. ... Es ist gerade die Linearität, um derentwillen ich immer wieder zum Roman greife. Ich genieße es, dass mir der Autor die Entscheidung abnimmt und sich die Geschichte Seite für Seite entfaltet."

Holger Schulze und Dominique Silvestri setzen auf dem Blog des Merkur ihre Lektüre der Goncourt-Tagebücher (mehr) fort: "Edmond begibt sich mitten hinein in die modernistische Dialektik zwischen Romanfiktion und Realität ... Die Fiktion des Romans ist als Membran zwischen zwei alltäglichen Realitäten aufgespannt, zwischen den historischen Vorbildern seiner Figuren und seiner eigenen erlebten Gegenwart: Diese dünne Haut der Fiktion erschließt dann die Stimmigkeit beider Realitäten - jenseits von Fiktion oder Realität." Hier alle bisherigen Lieferungen im Überblick.

Weitere Artikel: Jonas Lage skizziert in der Welt die Veränderungen in der Bibliothekslandschaft durch die Digitalisierung. Ralf Leonhard unterhält sich für die taz mit dem philippinischen Autor Francisco Sionil José. Im Tagesspiegel kürt Andreas Platthaus seine Lieblingscomics des Jahres. Botho Strauß zum 70. Geburtstag gratulieren Peter Uehling in der Berliner Zeitung, Michael Krüger in der NZZ und Peter Iden in der FR.

Besprochen werden u.a. Ulla Hahns "Spiel der Zeit" (Zeit), Sigrid Damms "Goethes Freunde in Gotha und Weimar" (Berliner Zeitung), Georg Haderers Krimi "Sterben und sterben lassen" (Welt) und Thomas Gnielkas Romanfragment "Als Kindersoldat in Auschwitz: Die Geschichte einer Klasse" (SZ).
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Kunst



Mit einer 54-minütigen Filmmeditation über den Marxismus gewann Duncan Campbell in diesem Jahr den Turner Preis. Charlotte Higgins hat den Künstler zum Gespräch für den Guardian getroffen. Sie zeigt sich besonders beeindruckt von dem Teil des Films, in dem Campbell "collaborated with choreographer Michael Clark to express ideas from Marx"s "Das Kapital" through the medium of dance. Shooting black-clad dancers from above, the film shows figures shifting and assembling to form shapes that resemble Marx"s equations and diagrams, the white ground on which they move recalling a page. Clark, whose work is beloved by the art world, performed in the Barrowland ballroom in Glasgow in 2012, and Campbell sat in on rehearsals. "The really interesting thing is that there"s always a point at which the performers take to the ground. So if you are sitting far enough up, this kind of other space opens up," he says - a different world of shapes and gestures from that visible at stage level."

Dass der Turner-Preis an Duncan ging, findet Alexander Menden in der SZ angesichts der schwachen Konkurrenz okay: "Das heißt aber nicht, dass er (...) in einem stärker besetzten Jahrgang besonders gute Aussichten auf Erfolg gehabt hätte."

Weitere Artikel: Der Künstler Gregor Schneider hat das Geburtshaus von Joseph Goebbels entkernen lassen und stellt den dabei entstandenen Schutt nun unter dem Ausstellungstitel "Unsubscribe" in Warschau und demnächst auch in Berlin aus. In der SZ fragt sich Catrin Lorch gebannt: "Ist das "Geburtshaus" (...) einfach historisch kontaminiertes Material, dessen Entsorgung er öffentlich zelebriert? Hat die Kunst den Stein wirklich nicht angerührt?" ZeitOnline bringt eine Strecke mit Fotografien von Bruce Davidson.

Besprochen werden die Ausstellung von Nanne Meyers Zeichnungen im Kupferstichkabinett in Berlin (taz) und eine Ausstellung mit Kunstwerken von psychisch Kranken in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg (Berliner Zeitung).
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Musik

In der Wiener Zeitung spekuliert Edwin Baumgartner über die Rattle-Nachfolge bei den Berliner Philharmonikern. Für ihn gibt es nur zwei Kandidaten, "auf die alles zutrifft, was man sich von einem Rattle-Nachfolger wünschen kann, wenn es ungefähr in dieser Richtung weitergehen soll: Der eine ist der Russe Kirill Petrenko, dessen bescheidenes menschliches Wesen nicht ahnen lässt, welche Feuerstürme er am Pult entfacht, der andere der Lette Andris Nelsons, ein Ekstatiker am Pult. Allerdings auch einer, der sich am liebsten doch mit der bekannten Klassik befasst, während Petrenkos musikalische Welt allumfassend und international ist."

Weitere Artikel: Auf VAN berichtet Hartmut Welscher von seinem beglückenden Erlebnis, Martha Argerich in der Berliner Philharmonie vom Stehplatz aus zu sehen. In der Welt annonciert Lucas Wiegelmann ein Berliner Konzert mit Musik von Komponisten, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Und Uwe Schmitt porträtiert Foo-Fighter Dave Grohl. Das Interview Magazine präsentiert aktuelle Musikvideos, darunter das zu Mr. Oizos "Ham" mit dem wie stets großartigen John C. Reilly:



Besprochen werden das neue Album von Von Spar (ZeitOnline), ein Auftritt der Smashing Pumpkins (Tagesspiegel), ein Gastspiel von Tugan Sokhiev und seinem Orchestre Du Capitole De Toulouse in Berlin (Tagesspiegel) sowie Konzerte von Gregory Porter und Benjamin Clementine (FAZ).
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Architektur


"Textbau. Schweizer Architektur zur Diskussion" im Schweizerische Architekturmuseum (SAM) in Basel

Eine ungerührt textlastige Ausstellung in Basel hat Gabriele Detterer in der NZZ zu einem anregenden Artikel über die Rolle der Architekturkritik inspiriert. Um die steht"s heute nicht zum Besten: "Lifestyle-Hype und Kostendruck führen zu einer zunehmenden Einflussnahme auf das unabhängige Urteil des Kritikers. Verlage wollen eben, wie Wolfgang Bachmann (Baumeister) festhält, dass die "freundlichen, erfolgreichen Seiten der Architektur" gezeigt werden, wofür eher Praktikanten zu haben seien als erfahrene Autoren mit Urteilsvermögen und Mut zum Widerspruch. Andreas Denk (Der Architekt) fasst die Lage lapidar zusammen: "Anstatt Kunst der Unterscheidung ist Architekturkritik oftmals nur noch blosse Beschreibung.""

Mit enormer Skepsis begegnet Laura Weißmüller (SZ) dem Architekturwettbewerb für ein Guggenheim Museum in Helsinki: Dieser zeige, "wie sich das Franchise-System des Guggenheim (...) ad absurdum führt. Kaum einer der Entwürfe interessiert sich für seine Umgebung in Helsinki."
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Bühne

Einen prächtig wuchtigen "Otello" in der Regie von Calixto Bieito hat Gerhard R. Koch (FAZ) im Stadttheater Basel gesehen: "Den Siegestaumel choreographiert Bieito als exzessives Sekt-verspritzen: Suff, Sex und Gewalt sind untrennbar. Eine gefesselte Frau wird hin und her geworfen, Vehikel des Vergnügens." (Hier auch Thomas Schachers Kritik in der NZZ.) Foto: Markus Nykänen, Simon Neal ©Hans Jörg Michel

Weitere Artikel: In Frankfurt ist man bekümmert darüber, dass Oliver Reese 2017 als Intendant des Schauspiel Frankfurts ans Berliner Ensemble wechselt, berichtet Claus-Jürgen Göpfert in der FR. Annette Walter porträtiert in der taz Regisseurin Susanne Kennedy, die gerade mit ihrer Bühnenadaption von Fassbinders und Fenglers Film "Warum läuft Herr R. Amok" die Kritik begeistert.

Besprochen werden Herbert Fritschs an der Komischen Oper in Berlin aufgeführtert "Don Giovanni" (Tagesspiegel), Helena Waldmanns in Karlsruhe aufgeführtes Tanzstück "Made in Bangladesh" (FR), Vincenzo Bellinis "La Sonnambula" an der Oper Frankfurt (Hier "war alles Pose, nichts Position", meint Stefan Schickhaus in der FR) und Stefan Puchers "Baal"-Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin (FAZ).
Archiv: Bühne

Design



(via boingboing) Vorsicht, Suchtgefahr! Bei Faces in Things kann man stundenlang scrollen und Gesichter suchen.
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