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Die Phase des Aufräumens

12.10.2014. Am Ende gab es eine Standing Ovation für Friedenspreisträger Jaron Lanier und eine kleine musikalische Zugabe. Vor dem Internet hat der Börsenverein die Totalkritik am Internet gewürdigt.
Als der Preisträger, der Präsident des EU-Parlaments und die engere Honoratiorenschaft durch den Saal zur Bühne schritten, erhob sich das zuvor munter plaudernde Publikum wie ein Mann und verfiel in ehrfürchtiges Schweigen. Wem galt die Reverenz? Ein König oder Bundespräsident war nicht unter den Anwesenden. Nirgends wird man gründlicher ins steife Demokratiepathos der frühen Bundesrepublik zurückkatapultiert als bei der Friedenspreisverleihung!

Auch Jaron Lanier schien zunächst beeindruckt, wie er da stand unter der enorm hohen Decke des nüchtern feierlichen Kirchensaals. Er selbst erschien zugleich monumental und informell, ein Meter Dreadlocks, zwei Meter Bauchumfang und ein Amulett vor der Brust. Seine Rede las er vor, anfangs noch ein wenig nervös, dann immer sicherer und in hoher Geschwindigkeit, denn er hatte eine Menge Text in der präzise bemessenen Zeit unterzubringen. Man konnte die Rede mitlesen – ab und zu ließ er einen Absatz aus, um in der Zeit zu bleiben.

Zuweilen lehnte ich mich zurück im melodiösen Sog der Rezitation und staunte über die seltsame Konstellation, die sich hier ergeben hatte: Auf der einen Seite der digitale Pionier - auch wenn er nichts mit der Entstehung des Internets zu tun hatte und diese Behauptung hier auch nicht wiederholte -, dort ein allenfalls an Jahren fortgeschrittenes Kulturpublikum, das sich nun von vermeintlich berufenster Seite in seinem Verdacht bestätigt fühlen konnte: Irgendwas ist faul mit dem Internet. Wenn es nicht das Internet selbst ist.

Wem diese Konstellation zu verdanken war, hatte Laudator Martin Schulz zuvor klargemacht. Ja, es schwebte der Geist Frank Schirrmachers über der Veranstaltung. Im Grunde war es der zweite Paulskirchen-Gedenkakt für den großen Herausgeber innerhalb weniger Wochen – denn vor kurzem war er hier ja schon mal gefeiert worden. Ein großer Visionär und Humanist sei Schirrmacher gewesen, sagte Martin Schulz, dem Schirrmacher vor den Europawahlen ein Wahlkampfforum in der FAZ gab, immer mit Blick auf den großen Gegner Google, den Schirrmacher europäisch mit Hilfe Schulz" einhegen wollte. Und noch immer fragt sich ja die gesamte deutsche Geisteswelt, nach welchem Magneten sie sich nun richten soll.

Man muss Lanier mögen. In vielem hat er recht. Seine Kritik an den Internetgiganten ist witzig, er scheut nicht vor Sentiment zurück, und man nimmt ihm seinen tief gefühlten Humanismus ab. Besonders einleuchtend ist sein Bild der "Sirenenserver" im digitalen Kapitalismus. Wer die größten Computer und das Geld für die raffiniertesten Algorithmen hat, konvertiert die Substanz des Netzes in Geld, Geld und nochmal Geld. Durch den Plattformkapitalismus der Googles und Amazons entsteht ein enormes Ungleichgewicht, gegen das sich Politik und Bürger wehren müssen. Für Lanier ist es eine Enteignung, die hier stattfindet. Ein Beispiel für diese Enteignung durch Algorithmen ist für ihn Google Translate: "Um automatische Übersetzungen zu erzeugen, muss die Arbeit realer Übersetzer täglich millionenfach gescannt werden."

Genau diese Passagen sind allerdings auch Balsam für die wunden Seelen der Content-Industrie, die hier in der Paulskirche versammelt waren. "In der Regel verschleiert jede scheinbare Automatisierung die Entrechtung der Menschen, die hinter dem Vorhang die Arbeit leisten", sagte er. Und er schlug vor, Schumpeters Begiff der "kreativen Zerstörung" schlicht in Zerstörung umzubenennen.

Im Grunde sind es zwei Punkte, in denen sich Lanier und sein Publikum einig sind.

- Das Internet ist von Übel.
- Und nicht der Staat, sondern Firmen wie Google sind das Problem.

Außerdem liegt den mit Lanier argumentierenden Honoratioren wie Schulz oder dem Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann, der ein Grußwort sprach, am Herzen, dass Fundamentalkritik am Internet nicht mit Kulturkonservatismus gleichzusetzen sei.

Selbst wenn Laniers Vorredner, darunter Heinrich Riethmüller vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, brav einige Vorzüge des Internets aufzählten – Fundamentalkritik ist es schon, was sie loben, wenn sie Lanier loben. Für Lanier ist das Internet selbst schon der Konstruktionsfehler. In seinem Buch "Wem gehört die Zukunft?" schlägt er vor, das Internet kollektiv und radikal umzubauen: Er will eine doppelte Verlinkung. Auf jeden Hyperlink, den man setzt, soll die verlinkte Seite zurückverweisen. Jedes mal wenn wir im Perlentaucher einen ausnahmsweise online stehenden FAZ-Artikel verlinken, soll die FAZ auf unsere Presseschau zurückverlinken. Ein unendlich bürokratischer Vorschlag, der selbst bei Laniers Parteigängern für Gelächter sorgt. Für Lanier hätte ein solches Modell den Vorteil totaler Transparenz. Er würde es außerdem erlauben, dass die verlinkten Einzelnen eine Art Mikrosteuer von Großverlinkern wie Google erheben könnten und so der Reichtum der Plattformkapitalisten zurückverteilt werden könne.

Lanier machte in seiner Rede keinen Versuch, für dieses Modell zu werben. Ihm und seinem Publikum reichte es vollauf, den im Hyperlink verwirklichten Akt des Teilens – die Grundidee des Internets, wie sie zumindest Tim Berners-Lee und die Open-Source-Szene verkörpern – als Ursprung allen Übels herauszustellen. Teilen setzt Lanier gleich mit Schwarzkopie, Pauperisierung der Kreativen und der Mittelschicht und Aneignung fremder Inhalte. Digitale Netzwerke untergraben funktionierende ökonomische Strukturen wie das Taxi- oder Hotelbusiness und natürlich Buch- und Medienindustrie. "Die "Sharing Economy" bietet nur die Echtzeitprofite informeller Wirtschaftssysteme, die wir bisher nur aus Entwicklungsländern, besonders Slums, kannten. Nun haben wir sie in die entwickelte Welt importiert, und junge Menschen lieben sie, weil das Gefühl des Teilens so liebenswert ist."

Onkelhafter hätte es kein Funktionär einer Rechteindustrie formulieren können! Lanier hat es geschafft, nicht mehr nur die "Kostenlosmentalität" des Nehmens anzuschwärzen, sondern schon die des Gebens. Was Tim Berners-Lee, Richard Stallman oder Linus Torvalds taten - Verzicht auf Lizenzen für eigene kreative Arbeit zum Wohle der Allgemeinheit – führte geradewegs in die heutige Hölle des Netzes. Hier spricht der Microsoft-Mann aus der Welt der Computerspiele und Datenhandschuhe, der mit dem Internet so wenig gerechnet hatte wie der Rest der Kulturindustrien.

Aber der Saal war einverstanden und applaudierte genau an diesen Stellen!

Da sich die Freiheit des Internets nun als die Freiheit des Fuchses im Hühnerstall entpuppt, stellt sich also auch die Frage der Regulierung. Diesen Part hatte schon Martin Schulz in der Laudatio übernommen, der einen Ethikrat für die Weiterentwicklung des Internets forderte, und überhaupt: "Nach der Party kommt nun die Phase des Aufräumens, nach dem Tohuwabohu muss der Zustand der weitgehenden Regellosigkeit beendet werden."

Lanier sieht es genauso: "Wenn wir den Schutz der Gewerkschaften durch die Sharing Economy untergraben und den Staat durch dieselbe Sharing Economy der Austerität und Schuldenkrise ausliefern – wer wird sich um die Bedürftigen kümmern?"

Mit erstaunlicher Nonchalance hat Lanier darum auch die Geheimdienstaffäre abgetan, die er als bloßen "Nebeneffekt der algorithmischen Überwachungsökonomie" ansieht. Viel wichtiger ist ihm eine Stärkung jenes Staats, der gerade gezeigt hat, wie ungeniert er hinter dem Rücken seines Souveräns agiert: "Regierungsüberwachung einzuschränken ist zwar wesentlich für die Demokratie, aber die Aktivisten sollten in Erinnerung behalten, dass die Staaten insgesamt gesehen zugunsten jener Unternehmen geschwächt werden, die diese Daten eigentlich sammeln."

Am Ende gab es eine Standing Ovation und eine kleine musikalische Zugabe. Vor dem Internet hat der Friedenspreis die Totalkritik am Internet gewürdigt. Aber nicht aus Kulturkonservatismus.

Thierry Chervel

twitter.com/chervel

(Teaserbild: unter cc von ALA / Flickr)