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Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

14.08.2004. Nur die Schweiz kann die Rechtschreibreform retten, ruft Peter von Matt in der NZZ. In der Welt verrät uns Georg M. Oswald, wieviel ein Schriftsteller eigentlich verdient. In der taz sehnt sich Georg Seeßlen nach Bildern der Arbeit. In der FR erklärt Ralf Dahrendorf, warum ein Europa als Gegengewicht zu den USA nicht wünschenswert ist. Die FAZ stellt sich der kniffligen Frage, ob Hummer in der Provinz provinziell ist. Die SZ fürchtet sich vor dem therapeutischen Klonen.

NZZ, 14.08.2004

Im Feuilleton wünscht sich Peter von Matt (mehr), dass die Schweiz im Streit um die Rechtschreibreform "aktiv wird und die verhärteten Positionen unterläuft". Schließlich hat sie mit Bürgerbeteiligungen viel mehr Erfahrung als Deutschland. "Es gibt Lösungen. Es gibt gründlich erarbeitete Kompromissvorschläge, die die vernünftigen Ideen aufnehmen und nur den blanken Unsinn beseitigen. Sie wurden vom Tisch gewischt. Kasernenton. Der erste dieser Vorschläge kam aus der Schweiz, von der Redaktion der NZZ. Sie stellte übersichtlich die Orthographie vor, in der diese Zeitung jetzt gedruckt wird (hier). Es wäre ein Ansatz gewesen für eine offene Diskussion, eine goldene Brücke zu einer vernünftigen Übereinkunft im ganzen deutschen Sprachgebiet. Diese Übereinkunft wollte man nicht ... Es ist die Aufgabe der Schweiz, die Fronten im letzten Moment zu lockern, den drohenden Termin in Frage zu stellen und ein neues Gesprächsklima zu schaffen. In der Schweiz kann man das, sonst gäbe es das Land schon lange nicht mehr."

Weitere Artikel: Claudia Schwartz berichtet, wie Berlin für die Rekonstruktion von Schinkels Bauakademie wirbt. Besprochen werden eine Ausstellung der Künstlerin Valie Export im Genfer Musee d'art moderne et contemporain und Bücher, darunter Nicholson Bakers Roman "Checkpoint" und Alistair MacLeods Erzählband "Die Insel" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Ganz wunderbar ist heute die Beilage Literatur und Kunst. Wohin geht das Gedicht, fragt die NZZ seit Anfang dieses Jahres. Heute antwortet - als vierter - der schwedische Dichter Lars Gustafsson. Am Beispiel seines Gedichts "Ramsbergs Daumen" versucht er eine lyrische Selbstsicht und eine Antwort auf die Frage, warum seine Gedichte so arm an Metaphern sind. Hier das Gedicht:

"RAMSBERGS DAUMEN

Es war etwas Eigentümliches
mit einem von Ramsbergs Daumen.
Ich glaube, eine Kreissäge hatte
die Hälfte gekappt.

Er hatte im Jahr 39 unseren Herd
gemauert, und der ist noch intakt.

Das verbleibende Glied
hatte etwas kindlich Rundes
und Schutzloses an sich.

Natur und Unnatur
zur selben Zeit.
Oder die seltsame Fähigkeit der Natur,
unnatürlich zu wirken.

Noch heute
denke ich oft
an Ramsbergs Daumen."


Außerdem: Albert Ostermaier (mehr) erklärt, warum der Dichter "den Tod als seinen Schatten" mitdenkt und fragt: "... hat denn das Gedicht noch einen Platz in unserer Kultur? Liegt es in der Medienlandschaft, blass, waffenlos, ein krankes, altkluges Kind, scheinbar schlafend, aber in Wahrheit tot, fortgespült von der Flut der Bilder? Eine zumindest schöne, weil analoge Leiche."

Und der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch erzählt, wie er mit 16 Jahren entdeckte, "dass ich meine inneren Befindlichkeiten in einer von der üblichen Sprache abweichenden Weise aufschreiben wollte, poetisch nämlich".

Weitere Artikel: Peter Hagmann hat sich mit Michael Haefliger, dem Leiter des gestern eröffneten Lucerne Festivals (mehr hier) über dessen Arbeit unterhalten. Alfred Zimmerlin stellt den britischen Komponisten Harrison Birtwistle und sein Schaffen vor. Birtwistle wurde in diesem Jahr vom Lucerne Festival als "Composer in Residence" eingeladen. Und Verena Naegele schreibt zum fünfzigsten Todestag Wilhelm Furtwänglers über dessen Beziehung zur Schweiz.

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Welt, 14.08.2004

Sehr witzig und ohne Scheu vor Details antwortet Georg M. Oswald (mehr hier) auf die Frage "Was verdient eigentlich ein Schriftsteller?" Für seine beiden ersten Erzählungen erhielt er schon einen hochdotierten Preis und saß bald darauf im Büro eines Verlegers, "konnte vor Aufregung und Verlegenheit kaum sprechen, und er sagte: 'Bei einem ersten Band mit Erzählungen können wir Ihnen natürlich keinen allzu hohen Vorschuss zahlen - wären Sie mit 20.000 Mark einverstanden?' Ich überlegte mir, ob ich, aus taktischen Gründen, mit der flachen Hand auf den Tisch hauen und 'unerhört!' schreien sollte, fiel aber dann doch ganz authentisch vor Verblüffung, Erstaunen, Dankbarkeit beinahe in mich zusammen. Aber nur beinahe."

Außerdem in der Literarischen Welt dieser Woche: eine Laudatio von Rüdiger Safranski (mehr hier) auf Cees Nooteboom (mehr hier), der den Österreichischen Staatspreis erhalten hat.

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TAZ, 14.08.2004

Georg Seeßlen macht sich - als erste Folge einer geplanten Serie - Gedanken zur Darstellung der Arbeit im Kino: "Wenn das Kino eine Maschine zur Produktion des Paares (und der Familie) ist, so muss die Arbeit so furchtbar ambivalent sein: das, was das schmucke Einfamilienhaus, die wohl erzogenen Kinder, Wagen und Rasenmäher erst ermöglicht. Und sogleich ist es auch das, was all das wieder in Frage stellt. Daher taumeln die Kinohelden zwischen Karrierist und Peter Pan." Und: "Jetzt aber, da nicht die Arbeit, sondern die Bereitschaft der Profiteure, für sie zu zahlen, knapp wird, beginnen wir uns nach Bildern der Arbeit zu sehnen. Arbeit spielt im Kino der Migration wieder eine Rolle, hier dürfen wir an das Politische in der Verteilung von Arbeit erinnert werden; an die Stelle der Leute, die sich endlos mit ihren Gefühlen beschäftigen, treten die Konflikte der 'Ressources humaines'."

Weitere Artikel: Susanne Knaul berichtet aus Israel, wie wenig tabu allerhand Nazi- und Holocaust-Vergleiche dort inzwischen sind. Anlässlich der neuen CD von Kante rechnet Guido Kirsten mit der Hamburger Schule ab. Die ganze neuere Richtung passt ihm gar nicht:  "Es scheint, als habe sich in der Hamburger Schule zwar kein Personal-, aber ein Lehrplanwechsel vollzogen. In Zeiten der sozialen Regression im Land besingen die Volkslehrer den Status nach dem neuerlichen dialektischen Umschlag. Mythos statt Aufklärung." Über das Verhältnis von Mensch und Hund meditiert Burkhard Brunn. Detlef Kuhlbrodt besingt das Ende des Sommers. In der Reihe "Neuer Verlag für das Kursbuch" zum Abschluss ein sehr verführerischer Vorschlag: "Warum nicht das Kursbuch im Netz? Als Logbuch für den Perlentaucher. Als Sublabel. Als Metalabel. Als Debattenmaschine."

In der tazzwei flucht Pascale Hugues über die Rechtschreibreform: "Für uns Ausländer, die wir jahrelang büffelten, um mehr oder weniger geschickt die Sprache Goethes zu beherrschen, ist die Rechtschreibreform eine Frechheit. Eine Zumutung. Eine Katastrophe. Diese Kehrtwende ist eine Undankbarkeit, die uns hinterrücks überrumpelt. Alles fängt noch mal bei Null an. So viel Schweiß, Tränen und Gespeichel für nichts!" Jan Feddersen übt Kulturkritik-Kritik und feiert die Kommerzialisierung der Olympischen Spiele als Chance für die Dritte Welt. Ralf Leonhard berichtet das Neueste aus St. Pölten.

Das tazmag eröffnet mit Rainer Moritz'  Bekenntnissen zu seinem ganz persönlichen Verhältnis zu Olympia: "Mal errichtete ich mit Legosteinen und einem Bleistift eine feine Hochsprunganlage, vor der ein dicker Radiergummi so geschickt aufzusetzen war, dass er die Latte mühelos überwand. Der Radiergummi hieß abwechselnd Dick Fosbury, Valeri Brumel und Gunther Spielvogel und vollbrachte mitunter famose Leistungen. Meine Mutter sah diesen Freizeitbeschäftigungen gelassen zu. Welche Resultate ihr Sohn dort mit Gummi und Notizpapier peinlich genau festhielt, blieb ihr schleierhaft, doch angenehm war gewiss, dass ihr Kind sich gut selbst zu beschäftigen wusste."

Außerdem: Helmut Höge porträtiert den noch immer rührigen Ex-DDR-Fluchthelfer Wolfgang Welsch. Detlef Siegfried berichtet, wie sich die Zeitschrift konkret im Jahr 1964 nach dem Ende der "Förderung" durch die DDR entwickelte.

Besprochen werden politische Bücher, unter anderem über ethnische Vertreibungen in Europa, das Neueste in Sachen Marx und Engels und Literarisches: der neue Roman von Gerhard Seyfried und ein anagrammatisches Mega-Poem von Brigitta Falkner (mehr dazu in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.)

Und Tom.

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FR, 14.08.2004

Im Interview äußert sich Lord Dahrendorf über den gegenwärtigen Zustand der westlichen Demokratien - "In der Nachkriegszeit hatte sich der Staat neue Rechte angemaßt: Wirtschafts- und Sozialpolitik sind zentrale Beispiele. Glücklicherweise ist nun eine Periode angebrochen, in der Bürger und Bürgervereinigungen mehr Mitspracherecht besitzen." -, aber auch über das Verhältnis von Europa und den USA: "Nach meiner Überzeugung wird ein Europa, das sich als Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten versteht, nicht zustande kommen, und wichtiger noch, es sollte auch nicht zustande kommen. Je zersplitterter der Westen ist, desto verwundbarer wird er, und wenn er sich selbst spaltet, dann hat er den Kern seiner Kraft aufgegeben. Westliche Werte sollten Europa, die Vereinigten Staaten von Amerika und wichtige Länder in anderen Teilen der Welt verbinden."

Weitere Artikel: In Times Mager berichtet Martina Meister, wie der katalanische Sternekoch Ferran Adria (hier ein Porträt aus Time, hier ein Rezept für Parmesan-Eis) jetzt mit Spitzen-Fast-Food den Erfolg sucht: "Jeden Morgen werden die Pommes Frites frisch hergestellt, das heißt Kartoffeln geschält, geraspelt und in spanischem Olivenöl gebacken, das täglich gewechselt wird. Auch Hamburger kann man ordern, allerdings a l'espagnole, also hergestellt aus spanischen Freilandrindern, serviert mit schwarzer Tapenade feinster Oliven. Das alles zu zivilen Preisen, die den Managern von McDonald's schlaflose Nächte bereiten müssten. Der Bocadillo de jamon iberico de bellota kostet 2 Euro 80."

Außerdem: Ulrich Rüdenauer porträtiert den Chicagoer Saxofonisten und Klarinettisten Ken Vandermark. Hans-Jürgen Linke stellt die Kölner Saxofon Mafia vor. Für mehr Bescheidenheit plädiert Berlins Kultursenator Thomas Flierl in seinen knackig betitelten "Kulturpolitischen Positionen und Handlungsorientierungen zu einer Berliner Agenda 21 für Kultur" - Thomas Medicus findet das sympathisch.

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Weitere Medien, 14.08.2004

Harald Jähner hat für die Berliner Zeitung die neuen Leitlinien von Thomas Flierl gelesen und versucht, den Berliner Kultursenator zu verstehen: "Im Theoretischen und teilweise auch im Praktischen spricht aus Flierls Leitlinien das Ideal der Bürgerselbstermächtigung, wie es in der Wendezeit um 1989 ausgeprägt wurde. Auch als Baustadtrat von Mitte focht Flierl ja schon für den Schutz des leeren städtischen Raumes vor kommerzieller Riesenreklame, und zwar im Dienste einer Öffentlichkeit, die sich erst noch bilden sollte - eine Donquichotterie mit historischem Tiefsinn."

Außerdem: In der Berliner Zeitung und im Tagesspiegel ein Nachruf auf den Architekten Josef Paul Kleihues.

Stichwörter: Thomas Flierl

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FAZ, 14.08.2004

Eleonore Büning resümiert in einem Leitartikel auf Seite 1 des Politikteils die Festivals von Bayreuth und Salzburg und findet, dass beide frischen Wind gebrauchen könnten: "Kinder! macht Neues! Neues! Und abermals Neues!" hatte Wagner selbst in einem Brief an Liszt gefordert.

Jürgen Dollase stellt in seiner Gastro-Kolumne eine knifflige Frage: "Ist der Genuss von Hummer in ländlicher wie städtischer gastronomischer Abgeschiedenheit ein Zeichen von Weltläufigkeit oder von Provinzialität?" Lorenz Jäger sagt in der Leitglosse einen wahren Satz über Ephraim Kishon, der demnächst achtzig wird: "Geist, Melancholie und Witz findet man bei diesem populären Schriftsteller in viel höherem Maß als bei den Intellektuellen unter seinen Verächtern." "csl" besucht den Bundespressestrand, eine Freiluftkneipe mit Strand unweit des Kanzleramts, findet aber, dass die "freundliche Aufbruchstimmung" des letzten Jahres verschwunden sei. Gemeldet wird, dass in Wales ein neuer, nach Dylan Thomas benannter Literaturpreis ausgelobt wurde.

Mark Siemons versucht, den ungeheuren Erfolg der Moma-Ausstellung in Berlin zu verstehen ("Es herrscht eine Atmosphäre angestrengtester Bereitwilligkeit. Die Zeiten sind vorbei, da man eine solche Ausstellung besucht, um sich gehen zu lassen mit seinen Ressentiments"). Wilhelm Genazino (mehr hier) erklärt Ilse Aichingers (mehr hier)  Gedichtband "Kleist, Moos, Fasane" zu seinem Lieblingsbuch. "F.L." gratuliert dem Fotografen Lucien Clergue zum Siebzigsten. Joseph Croitoru liest osteuropäische Zeitschriften, die sich mit den Themen des Pro- und Antiamerikanismus auseinandersetzen. Der Altersforscher und Regierungsberater Axel Börsch-Supan entwickelt in einem recht technisch zu lesenden Artikel keineswegs nur dunkle Perspektiven für die alternde Gesellschaft.

In der Ruinen von Bildern und Zeiten singt der Kunsthistoriker Robert Hughes ein Loblied auf die Londoner Royal Academy. Andreas Kilb schildert mit allen Details die Schlacht von Höchstädt, die vor 300 Jahren die Kräfteverhältnisse in Europa veränderte.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite muss Eleonore Büning eingestehen, dass sie die neue CD mit italienischen Opernarien der "außergewöhnlichen Stimmbandbesitzerin" Anna Netrebko fast wider Willen durchaus goutieren konnte. Außerdem geht's um die Jazzmusikerin Terri Lyne Carrington, um französische Violinsonaten mit Sarah Chang und Lars Vogt  (laut Alfred Beaujean "eine reine Freude"), um eine Verdi-CD mit Julia Varady, um wiederaufgelegte Aufnahmen des Dirigenten Karel Ancerl, um eine CD von Stephan Smith und um eine Funk-CD von King Khan & The Shrines.

Auf der Medienseite unterhält sich Michael Hanfeld mit dem Sportsoziologen Gunter Gebauer über die Olympischen Spiele. Und Jordan Mejias wundert sich sehr, dass die Washington Post eine Selbstkritik zu ihrer Berichterstattung über den Irak-Krieg erscheinen ließ: "Es wirkt schon fast wieder etwas blauäugig, wenn amerikanische Medien sich in ihrem Selbstkasteiungsfuror ein blaues Auge nach dem anderen zufügen." So etwas würde sich diese Zeitung selbstverständlich nie erlauben!

Besprochen werden eine kleine, aber sehr feine Rubens-Schau in Braunschweig (mit dieser unglaublichen "Judith mit dem Haupt des Holofernes"), eine Konzert von Jon Spencer und "The Blues Explosion" in Berlin, die dänische Kriminalkomödie "Stealing Rembrandt" von Jannik Johansen und Bücher, darunter Nicholson Bakers "Checkpoint" und Comics von Joann Sfar.

In der Frankfurter Anthologie stellt Peter von Matt ein Gedicht von Karl Kraus vor - "An den Schnittlauch":

O gutes Grün, wie sprichst du mich zärtlich an,
Wie heilig schweigst du von dem Geheimnisse
Du letzter Schmuck der armen Mutter,
Die ihren Schoß mit der Söhne Blut färbt. (...)

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SZ, 14.08.2004

Die Süddeutsche hört ein Rumoren im deutschen Ethikrat, der nun, so jedenfalls wird kolportiert, unter der Führung von Jens Reich das therapeutische Klonen erlauben will. Für Alexander Kissler der Untergang des Abendlands: "Ein Platz an der Sonne des biotechnischen Fortschritts ist Gerhard Schröders und Wolfgang Clements vornehmstes Ziel, doch bereits die Wissenschaftsministerin verweigert die Gefolgschaft. Edelgard Bulmahn will am Verbot des Klonens nicht rütteln, und sie weiß fast den gesamten Bundestag hinter sich. Ein Muster ohne Wert ist die Stellungnahme des Ethikrates dennoch nicht. Sie zeigt, dass jedes Weltbild als Wortbild beginnt. Über die Begriffe muss herrschen, wer neue Realitäten schaffen will. Ist aus dem menschlichen Embryo ein Zellverband geworden, ein Objekt wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Interessen, hat sich ein epochaler Wertewandel vollzogen. Was Mensch heißt, soll Ware werden, und die 'menschenrechtsbasierte Sozialethik' der Klon-Gegner ist nur die Erinnerung an ein gebrochenes Versprechen."

Weitere Artikel: Einigermaßen traurig nimmt  Tom Holert Abschied vom Glamour, der im Deutschland der neunziger Jahre durchaus überraschend zuhause war. Im Interview äußert sich der Regisseur Jim Jarmusch: "Ich mag amerikanisches Geld nicht. Amerikaner lügen einen von vorne bis hinten an. Wenn dir Europäer oder Japaner ihr Wort geben, dann stehen sie dazu." Jörg Häntzschel berichtet, wie sich in den USA Pop und Christentum zusammenreimen lässt - und verkündet die frohe Botschaft, dass 59 Prozent der Amerikaner in naher Zukunft die Apokalypse erwarten. Von einer Hölderlin-Liederwerkstatt in Bad Reichenhall berichtet Kristina Maidt-Zinke. Zudem gratuliert sie dem Wagenbach Verlag zum Vierzigsten.

Außerdem: Andreas M. Bock informiert über die Online-Enzyklopädie Wikipedia ("Brockhaus des Halbwissens"). Gert Kähler porträtiert das Architekturbüro Behnisch und Partner. Kurz vorgestellt wird die Hauptstadtkulturagenda des Hauptstadtkultursenators Thomas Flierl. Der neue CIA-Chef Porter Goss hält sich nicht für CIA-würdig, das hat er, erfahren wir in einer Meldung, vor ein paar Monaten ausgerechnet Michael Moore erzählt. Gemeldet wird der Tod des in Berlin nicht ganz unwichtigen Architekten Josef Paul Kleihues.

Besprochen werden unter anderem ein Buch über Musen und der Briefwechsel Gustave Flauberts mit den Brüdern Goncourt .(Dazu mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr.)

Im Aufmacher der SZ am Wochenende preist der Schriftsteller und Johnny-Cash-Biograf Franz Dobler die wahre Country-Musik als alles andere als reaktionär. Harald Hordych wurde ein Männertraum erfüllt: Er durfte einen Lamborghini Gallardo fahren. Etwas ruhiger ließen es Benjamin Henrichs & Marcus Jauer angehen: Sie sind in Ausflugsbooten über Berliner Gewässer geschippert. Der Übersetzer und Schriftsteller Stefan Weidner zeigt in einem Bericht aus dem Libanon, wie Eurythmie und Aufklärung, europäischer Skeptizismus und das Leugnen des Holocaust zusammenfinden könne. Im Interview äußert sich Kader Loth zum Thema Ruhm, aber schon die ersten beiden Fragen gefallen ihr überhaupt nicht: "Und ich hoffe wirklich, Sie haben nicht vor, mich die ganze Zeit zu beleidigen."

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Archiv: Heute in den Feuilletons

Dekorativ-degoutante Dekadenz

20.01.2014. Widersprüchliche Auskunft geben die Zeitungen über Karin Beiers siebenstündiges Atridenfluchspektakel "Die Rasenden" nach Euripides, Sartre, Aischylos und Hofmannsthal. Die NZZ hält den Erkenntnisgewinn für so mittel, die FAZ für null, und für die Welt steht fest: Das Hamburger Schauspielhaus ist zurück. In der Berliner Zeitung befasst sich Anetta Kahane mit der Diskrepanz zwischen dem Äußeren Beate Zschäpes und ihren Taten. Springteufel Morozov ploppt heute in der SZ auf. Mehr lesen

Sie sind schon denkend

18.01.2014. Die ersten Reaktionen auf Barack Obamas Rede sind zwiespältig bis kritisch. The Verge und die Electronic Frontier Foundation vergleichen Obamas Maßnahmen Punkt für Punkt mit Forderungen von Bürgerrechtsgruppen. Wir binden Julian Assanges CNN-Interview ein: Der Wikileaks-Gründer kritisiert vor allem, dass die Geheimgerichte nicht abgeschafft werden. Auch Deutsche Politiker reagieren laut FAZ bis hin zur CDU recht skeptisch auf Obamas Rede. Außerdem: Arno Schmidt in der taz. Und Luc Bondys Pariser Marivaux-Inszenierung mit Isabelle Huppert allüberall. Mehr lesen

Bei der Kante hat man nur eine Chance

17.01.2014. In der Berliner Zeitung erzählt Marina Hoermanseder, warum sie so gerne Korsette aus Leder macht. In der FAZ bangt die Ökonomin Shoshana Zuboff um Barack Obama, der in seiner heutigen NSA-Rede gewaltig versagen könnte. Die NSA bringt sowieso nix, hat die SZ herausgefunden. Man kann Schriftsteller nicht züchten, ruft die Welt der Zeit zu. Die NZZ hält dem lauernd anmutenden Blick eines Papstes namens Innozenz stand. Mehr lesen

Der Heintje-Effekt

16.01.2014. In der taz fordert Steve McQueen, dass sich Briten und Amerikaner in punkto Vergangenheit an die eigene Nasen fassen. Die NZZ fordert ungewöhnliche Lehrer. Im Freitag erinnert Wolfgang Müller die reaktionären Aspekte am Werk Arno Schmidts. Kenan Malik plädiert in seinem Blog gegen das Verbot der Dieudonné-Shows. Die Zeit arbeitet den Fall Beltracchi auf und bringt selbstkritische Anmerkungen zum Literaturbetrieb. Außerdem im Freitag: ein Interview mit Karl Ove Knausgård und Armond Whites Kritik an Steve McQueens Film "12 Years a Slave". Mehr lesen

Es toben Bassläufe wie Harpyien herauf

15.01.2014. In der FAZ antwortet Evgeny Morozov auf Sascha Lobo und rät jenen Staaten, die uns NSA und Co. bescherten, uns von Google und Co. zu befreien. Die New York Times erklärt, wie die NSA Computer infiltriert, die nicht im Netz sind. Verlage jammern zwar rum, aber laut kress.de verdienen sie prächtig: dank überlasteten Redakteuren und unterbezahlten Freien. Die SZ geriet bei Mahler unter Kirill Petrenko in Ekstase. Und wenn Russland und die USA auf Franziska Augstein hören, ist demnächst auch Friede in Syrien. Mehr lesen

Gar kein Platz mehr für Gezicke

14.01.2014. Die NZZ verfolgt mit Entsetzen den Erfolg des Films "Fack ju Göhte". Die SZ traut sich nach Sankt Pauli. Für die FAZ reist Andrzej Stasiuk nach Belzec. In der Welt entpuppt sich Rolando Villazón als Rolando-Villazón-Bewunderer. Die taz fordert mit Thomas Mießgang eine neue Kultur der Unhöflichkeit. Mehr lesen

Seltsam sacht, schwebend fast

13.01.2014. Die NZZ ging nach Halberstadt, John Cage hören. In der taz freut sich Jochen Schimmang über die Wiederentdeckung des Autors Christian Geissler. Die französischen Medien fragen: Wie privat oder wie öffentlich ist François Hollandes Affäre mit einer Schauspielerin? Nicht das Internet ist kaputt, meint Martin Weigert in Netzwertig in einer Replik auf Sascha Lobo in der Sonntags-FAZ, sondern der Mensch in seinem Sicherheitswahn. Die SZ sucht nach glasklaren Tatbeständen, um einst von den Nazis requirierte Kunstwerke zu restitutieren. Mehr lesen

Mit offensiver Offenheit

11.01.2014. Mit Übertreibung ist der Dekadenz der Banker und Broker nicht beizukommen, stellt die taz zu Martin Scorseses Film "The Wolf on Wall Street" fest. Die Welt erinnert an eine Zeit, als die Öffentlich-Rechtlichen ihr Publikum noch überforderten. Die NZZ plädiert dafür, die Werke türkischstämmiger Künstler in Deutschland nicht länger bloß als Zeugnisse von Migration und Hybridität zu begreifen. Die SZ würdigt die Verdienste des chinesischen Kurznachrichtendienstes Weibo. Und die FAZ verneigt sich vor Arno Schmidt. Mehr lesen

Jeder Passant ein Mörder

10.01.2014. Das TLS erzählt, wie französische und tschechische Surrealisten 1935 über Kunst und Revolution diskutierten. Die NZZ bewundert die Blumensamen-Designs von Paul Smith. Ein Untersuchungsausschuss der EU erklärt die Massenüberwachung durch NSA und GCHQ für illegal, berichtet der Guardian. Die Welt bewundert Martha Argerich beim Nägel lackieren. Als E-Book ist "Mein Kampf" ein Besteller, meldet Gawker. Die SZ schleicht mit dem legendären Superverbrecher Fantomas durch Paris. Mehr lesen

Absolute Theatermanie

09.01.2014. Im Tagesspiegel erklärt die schwarze Autorin Zadie Smith, warum alle weißen Figuren in ihrem Roman "London NW" als solche ausgewiesen werden, während die Hautfarbe der anderen Personen nicht benannt wird. Die taz erklärt, warum das digitale Filmerbe zurück auf Zelluloid soll. In der NZZ schreibt die russische Schriftstellerin Elena Chizhova über das traurige Leben der Architekten in Petersburg. In der Zeit feiern Haruki Murakami und Thomas Hitzlsperger ihr Coming Out - der eine von beiden als Superman. Mehr lesen

Zeit für eine Rasur

08.01.2014. In der taz spricht Ilija Trojanow über die Wirkungen des Schriftstelleraufrufs gegen den digitalen Überwachungsstaat und wettert über "Defätisten, die es sich auf dem Hochsitz der pessimistischen Weltanschauung" bequem machen. Die NZZ stellt die Seite Alfredflechtheim.com vor, die von mehreren Museen erstellt wurde. Die Welt bewundert den alten Mann Robert Redford und das Meer. Die FAZ veröffentlicht einen Aufruf für Liu Xia. Und die SZ überlegt, wer sich Dissident nennen darf. Mehr lesen

Solange man es nicht schwul nennt

07.01.2014. In der FAZ beklagt der Philosoph Marco Wehr die fatale Wissenschaftsgläubigkeit der Politik - und der Wissenschaft selbst. In der NZZ erklärt Shlomo Sand, was er meint, wenn er von der "Erfindung des jüdischen Volkes" spricht. Die Welt erkundet die "Macht der Machtlosen". Die SZ möchte die Achse Paris-Berlin-Warschau stärken. Und die taz staunt über den Kurator Kaspar König, der behauptet, in Russland alles zu dürfen. Mehr lesen

Wir dynamisieren das Hamsterrad

06.01.2014. In der NZZ erinnert Bora Cosic an den jugoslawischen Architekten und Freund Bogdan Bogdanovich. Der Guardian bringt einen Auszug aus Claudia Roth Pierponts neuer Philip Roth-Biografie. In der FAZ wendet sich Kunsthistoriker Jeffrey Hamburger entschieden gegen die Ökonomisierung der Wissenschaft. In der Welt legt der Historiker Thomas Weber ein Wort für die deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs ein. Und Necla Kelek fordert, dass die Kinder der Roma und Sinti von der Politik nicht im Stich gelassen werden. Mehr lesen

Wie die Krallen einer Katze auf Glas

04.01.2014. In der Welt verlieren Andrzej Stasiuks Augen die Bodenhaftung. In der FR erzählt Steve McCurry, was die Zeit mit dem Fotografen und dieser mit der Zeit macht. In der NZZ spricht Junot Díaz über das Schreiben und die Zeit. Spiegel Online zitiert eine Studie über das immer religiösere Weltbild der Amerikaner: Ein Drittel nimmt die Bibel wörtlich. Die taz fordert analogen Protest gegen digitale Überwachung. Mehr lesen

Die Melodie der Macht

03.01.2014. Die Washington Post erklärt mithilfe von Snowden-Papieren, wie die NSA das Netz in Besitz nehmen will. Die Welt porträtiert den rechtsextremen und postkolonialen Komiker Dieudonné, dem durch ein mögliches Tourneeverbot in Frankreich unverdiente Aufmerksamkeit zuteil wird. Schriftsteller Alberto Nessi erinnert in der NZZ an Stalins Staatsdichter Maxim Gorki, der einst Ossip Mandelstam einen Pullover, aber keine Hosen genehmigte. David Chipperfield und Okwui Enwezor erklären in der SZ, wie sie das Haus der Kunst in München sanieren wollen. Die FAZ eröfffnet eine Reihe zum Ersten Weltkrieg. Mehr lesen

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