Efeu - Die Kulturrundschau

Schweigen gehört zum Handwerk

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08.01.2019. Die SZ stellt betreten fest, dass Strawalde, der Kompromisslose unter den großen DDR-Malern, erst jetzt seine erste Retrospektive bekommt. Die peruanische Künstlerin Teresa Burga war auch nicht gerade vom Betrieb gefördert, ergänzt die FAZ. In der taz plädiert die Unternehmerin Guya Merkle für fairen Schmuck. Die Tell-Review unterzieht Houellebecq dem gefürchteten Page-99-Test. Die NZZ wärmt sich am Ölofen der Änderungsschneiderei.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2019 finden Sie hier

Kunst

Schwerst formalistisch: Strawalde über Liotards Schokoladenmädchen, um 1981. Bild: Museen der Stadt Dresden

Jürgen Böttcher alias Strawalde war der kompromissloseste unter den großen DDR-Malern, aber weil er sich weder der Staatskunst verschreiben wollte noch in die Bundesrepublik ausreisen, bekam er keine Ausstellungen, keine Ehrungen, keinen Ruhm. Und schlimmer noch, meint Till Briegleb in der SZ: Erst jetzt richtet ihm die Städtische Galerie Dresden - gerade noch zu Lebzeiten - die erste Retrospektive überhaupt aus: Wiedergutmachung hätte anders ausgesehen, seufzt Briegleb: "Er galt als 'Gangster-Maler'. Trotzdem verteidigte er sich mit den besten Argumenten im Sinne der Kunst. Wieder falsch. Ausstellungsverbot. Bis in die Achtziger. Und auch da wurde in der kurzen Tauwetterperiode der Kunstzensur aus ihm keiner, den Funktionäre umarmten, sondern ein Galerie-Maler. Betrachtet man die Bilder heute, ist die aggressive Ablehnung des Künstlers durch die SED (in die er 1949 voller Optimismus eingetreten war) nur durch die Angst der Zensoren vor jedem Freiheitswillen zu erklären. Strawaldes 'anstößige' Bilder wirken für den unbefangenen Blick politisch extrem harmlos. Sie zeigen Frauen beim Nähen, Paare im Gespräch, eine Familie bei der Trauer, später abstrakte Kompositionen, frei von jedem Aufrührertum. Doch alle Motive erzeugen ein Gefühl von Freiheit und Ungezwungenheit. Und das konnte in diesem Angststaat nicht durchgehen."

Teresa Burga: Sin titulo / Untitled, 1967, Pinault Collection. Bild: Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich.

Großartig findet Beate Söntgen in der FAZ die Ausstellung "Aleatory Structures", die Hannovers Kestnergesellschaft der peruanischen Künstlerin Teresa Burga widmet. Burga, erzählt Söntgen, wurde vom Kunstbetrieb in Peru so übel mitgespielt, dass sie ihr Leben lang in der Zollverwaltung arbeiten musste: "So unterschiedlich diese Werke auch sind, teilen sie ein Anliegen, nämlich künstlerische Arbeitzu entsubjektivieren. Die Künstlerin erscheint nicht als Ausnahmemensch, der sich im Selbstbildnis prägnant und originell zum Ausdruck bringt, sondern als ein systematisch aufgezeichnetes, berechnetes und verwaltetes Wesen. Handschrift, sofern sie vorkommt, ist eine entliehene, eine angeeignete. Zwar übermittelt sie Einbildungs- und Gestaltungskraft, aber nicht die der Künstlerin. Es geht also nicht um genialisches Schöpfertum, sondern um die Frage, wie Bilder in welchem Medium erscheinen. Und was macht das Medium, das Umfeld mit ihrer Bedeutung und mit ihrem Wert?"

Weiteres: Peter Richter berichtet in der SZ von Protesten der selbsterklärten Angry Asian Girls gegen die Berliner Ausstellung des japanischen Künstler Nobuyoshi Araki in der C/O Galerie ("der Sexbesessene mit der Clown-Ferdinand-Frisur und den gefesselten nackten Frauen"). Für den Tagesspiegel besucht Bernhard Schulz Schwedens wiedereröffnetes Nationalmuseum in Stockholm.

Besprochen werden die Ausstellung "Saul Leiter. David Lynch. Helmut Newton. Nudes" in der Helmut-Newton-Stiftung Berlin (taz), Tomás Saracenos Installationen in der Wiener Karlskirche (Standard) und Mary Gabriels Buch über den Expressionismus aus der Perspektive der Malerinnen Lee Krasner, Elaine de Kooning, Grace Hartigan, Joan Mitchell und Helen Frankenthaler (Monopol).
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Literatur

Sieglinde Geisel unterzieht Michel Houellebecqs "Serotonin" auf Tell-Review dem Page-99-Test und kommt insbesondere nach der fortgesetzten Lektüre zu dem Schluss, dass der Autor "das uneigentliche Sprechen kultiviert": Denn "selbst wenn der Ich-Erzähler beim Thema bleibt, wirkt es, als erzähle er uns etwas nur, um etwas anderes nicht zu erzählen. ... Houellebecq füttert seine Sprachmaschine mit jedem beliebigen Sujet, doch wir lesen im Leerlauf. Wollte ich diesem literarischen Verfahren etwas abgewinnen, könnte ich als wohlerzogene Germanistin darin eine Übereinstimmung von Form und Inhalt erkennen. Wir schauen in diesem Roman einem Mann beim Verschwinden zu, und das obsessiv uneigentliche Sprechen wäre dann gewissermaßen ein Vollzug des Verschwindens. Nur: Wozu das alles?" Robin Detje attestiert dem Roman in Republik, "schlampig und unkonzentriert" geschrieben worden zu sein: Houellebecq ist seinem eigenen Geniekult aufgesessen. Am Ende ist "Serotonin" für den Kritiker kein "Roman, der das Thema Ekel gestaltet - Weltekel, aus der Perspektive einer selbst ekelhaften Hauptfigur -, sondern ein Roman, der Ekelgefühle erzeugt. Das Dokument eines Wahns, der Europa und die Welt erfasst hat".

Weitere Artikel: Im NZZ-Interview spricht der Schriftsteller Richard Powers über seinen Freund, den Baum, dem er mit "Die Wurzeln des Lebens" einen Roman gewidmet hat. Besprochen werden unter anderem Daniel Wissers gerade mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichneter Roman "Die Königin der Berge" (NZZ), Vladimir Sorokins "Manaraga" (SZ) und Yu Huas nach 27 Jahren übersetzter Debütroman "Schreie im Regen" (FAZ).
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Design

Die Unternehmerin Guya Merkle plädiert im taz-Gespräch angesichts der bedrückenden post-kolonialen Verhältnisse, unter denen an der wirtschaftlichen Peripherie für die Industrienationen Schmuck hergestellt wird, für die Produktion fairer, vor allem aber konfliktfreier Schmuckstücke: Doch "solange es keine Idee von ethischem Design gibt, wird es schwer werden, substantielle Veränderungen zu bewirken. Die großen Firmen könnten zum Beispiel sagen, von jetzt an produzieren wir einfach 30 Prozent weniger Kollektionen, weil unsere KundInnen nicht ständig neuen Schmuck brauchen. Und warum bauen wir nicht eine Design-Schule in Ghana? Wir könnten den Leuten dort zeigen, wie sie den Schmuck selbst produzieren. Statt einer Milliarde Gewinn wäre es dann eben nur noch eine halbe Milliarde."

Weiteres: Bernd Noack singt in der NZZ ein Loblied auf Änderungsschneidereien: "Die Läden sind aus der Zeit gefallen, und so fühlt man sich darin. Der Raum existiert außerhalb jeglicher Norm. Ein Ölofen grummelt in einer Ecke. Es ist, abgesehen von den Radioklängen, still, das Schweigen gehört zum Handwerk." Besprochen werden Annette Geigers Buch "Andersmöglichsein. Zur Ästhetik des Designs" (taz) und ein Kino-Dokumentarfilm über den Modedesigner Alexander McQueen (Standard).
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Architektur

Im Standard berichtet Christopher Erben von der umstrittenen Erweiterung am Mozarteum in Salzburg und den generell zunehmenden Schwierigkeiten, den Denkmalschutz in Österreich durchzusetzen: "Denkmalschützer Martin F. kritisiert zudem eine Zweiklassengesellschaft: Während sich kleinere Eigentümer mit dem Denkmalschutz herumschlagen müssten - etwa wenn sie ein Fenster originalgetreu nachbilden müssen -, könnten einflussreiche Eigentümer, die einen guten Draht zur Politik und zum Denkmalschutz haben, es sich 'richten'."
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Stichwörter: Denkmalschutz, Österreich

Musik

Gerhard R. Koch schreibt in der FAZ über den französischen Pianisten und Komponisten Alfred Cortot, der vor dem Zweiten Weltkrieg zu den einflussreichsten Musikern zählte, sich dann aber in den Dienst des Okkupationsregimes stellte und auch im "Dritten Reich" auftrat. Für die taz hat sich Christian Nefe mit einem alten Schulkameraden aus Hoyerswerda getroffen, der einen Sampler über die Musikszene der Stadt herausgebracht hat.

Besprochen werden Herbie Hancocks Autobiografie (FAZ), ein Offenbach-Konzert des Gürzenich-Orchesters (FAZ) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter bislang unveröffentlichte, von Claudio Abbado 1971 dirigierte Schubert-Aufnahmen (SZ).
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Film

Von einer eher lauwarmen Golden-Globe-Verleihung berichtet Susan Vahabzadeh in der SZ: "Es gab keinen klaren Sieger, kein Film bekam mehr als drei Preise, keiner räumte so richtig ab." Kurz: Hier zeigt sich ein "Relevanzproblem", an dem der sich ausdifferenzierende Markt keinen geringen Anteil hat. "Es gibt keine Straßenfeger mehr im Wust der Sender und Streamingdienste, selbst die erfolgreichsten Shows und Fernsehfilme sind heutzutage ein Minderheitenprogramm." Auf ZeitOnline fasst Mariette Steinhart den Abend zusammen.

Im Tagesspiegel macht Peter von Becker nochmal seinem Ärger über "Die Frau des Nobelpreisträgers" Luft, dessen Hauptdarstellerin Glenn Close mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde: Der Film lege nahe, dass eine Frau in den 60ern ihren Mann per Ghostwriting zum literarischen Durchbruch verhilft, weil sie glaubt, als Frau könne man in der Literatur nicht erfolgreich sein. Dabei spielt der Film in einer "Zeit, in der ganz real die Romane von Mary McCarthy an der Spitze der Bestsellerlisten stehen und US-Autorinnen es zu Weltruhm gebracht haben, seit Gertrude Stein oder Margret Mitchell bis hin zu Susan Sontag. Nein, diese Schmonzette ist in Wahrheit die pseudofeministische Denunziation der ständig von Geigen umdröhnten Frau eines Nichts."

Weiteres: Im Deutschlandfunk berichtet Matthias Dell vom 18. Hofbauerkongress, der am Wochenende in Nürnberg stattfand. Besprochen wird die Netflix-Serie "Wanderlust" (Freitag).
Archiv: Film
Stichwörter: Golden Globes, Netflix