Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst als Rohstoff

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04.01.2019. In der taz trägt der japanische Musiker Haruomi Hosono exotisches Vogelgezwitscher von den USA nach Hawaii, nach Okinawa und dann in die ganze Welt. Die FAZ sucht die Wildnis in der Frankfurter Schirn. Die NZZ lernt von dem irakisch-schweizerischen Schriftsteller Usama Al Shahmani, wieviele Facetten der Begriff "Heimat" hat. In der SZ fürchtet der chinesische Science-Fiction-Autor Cixin Liu, das Internet könnte eine neue Kulturrevolution befördern.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2019 finden Sie hier

Musik

Im Westen kennt man den japanischen Musiker Haruomi Hosono vielleicht als Mitglied des Yellow Magic Orchestra (YMO) in den 70er und 80er Jahren, in Japan ist er ein Superstar, erzählt Olaf Maikopf, der Hosono für die taz inverview hat. Jetzt hat eine amerikanische Plattenfirma mehrere alte CDs von Hosono veröffentlicht, und neue Musik gibts auch. Man muss sein eigenes Ding machen, erklärt der Musiker im Gespräch. Das schließt kulturelle Aneignung in jede Richtung durchaus ein, lernen wir, als Honoso erzählt, wie er in den 70ern den amerikanischen Lounge-Komponisten Martin Denny entdeckte: "Seine Musik war für mich ein wahrer tropischer Dschungeltrip, in dem Vögel zwitschern und allerlei unbekannte Perkussionsklänge zu hören sind. Mein Lieblingsstück hieß 'Quiet Village'. Seine Musik blieb unbewusst in mir und so um 1975 ... hörte ich täglich Martin Denny und seinen Kollegen Arthur Lyman; beide US-Komponisten, und sie lebten auf Hawaii. Ihre Vorstellungswelt von Hawaii und 'Exotica' eignete ich mir umgekehrt wieder an und stellte mir dabei Okinawa vor, die eine japanische Inselwelt ist, die von der Vegetation her mit Hawaii vergleichbar ist. Ich fand diese umgekehrte Spiegelung von mir als Asiaten auf US-Künstler, die Fernost imaginieren, reizvoll."

Vogelgezwitscher und Gebrumm gibts auch auf Hosonos Album "Cochin Moon":



Stephan Hilpold unterhält sich für den Standard mit dem österreichischen Liedermacher Arik Brauer, der gerade 90 Jahre alt geworden ist: "Ich habe gelernt, dass jede Strömung nur eine Teilwahrheit in sich trägt. In meinem Weltbild ist das etwas ganz Grundlegendes. Man muss alles hinterfragen, vor allem die Mainstreams", sagt Brauer, einer Linker, der für seine Gesprächsbereitschaft mit der FPÖ kritisiert wurde.

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel erzählt Frederik Hanssen, wie sich die Musikwelt auf die zwei anstehenden großen Komponisten-Jubiläen vorbereitet: den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach in diesem Jahr und den 250. von Ludwig van Beethoven 2020. In der FR schreibt Frank Junghänel den Nachruft auf die Musikerin Pegi Young. Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder zum Tod des Rockmusikers Ray Sawyer, Gründer der Rockband Dr. Hook. In der NZZ feiert Christian Wildhagen die großartige Cecilia Bartoli in Zürich und auf einer Vivaldi-CD.

Besprochen wird Anthony Naples' Album "Take Me With You" ("tanzbare Momente sind hier als Echos der letzten Nacht zu lesen, als jene Fragmente, die sich tief im Gedächtnis der Feiernden verbarrikadieren", lobt Lars Fleischmann in der taz)
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Bühne

Besprochen werden Aufführungen der Tiroler Festspiele Erl (NMZ) und Georges Bizets Musikkomödie "Don Procopio" in der "Opera Box" des Zürcher Kammerorchesters (NZZ).
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Film

Besprochen werden "Die Frau des Nobelpreisträgers" mit Glenn Close (Tagesspiegel, daneben gibts ein Interview mit Close in der Berliner Zeitung), "Colette" mit Keira Knightley (zeit online, Berliner Zeitung), Jim Carreys Serie "Kidding" (Presse) und Niles Atallahs Film "Rey" (Tagesspiegel).
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Literatur

Im Interview mit der Süddeutschen spricht der chinesische Science-Fiction-Autor Cixin Liu über Zukunftsvisionen, die ihm im 21. Jahrhundert immer müder, aber auch realistischer erscheinen, und über das Internet, das ihn ängstigt: "Ich mache mir gerade große Sorgen, weil die Chinesen so viele geworden sind und jeder Zugang zum Internet hat. Im Internet kann man nicht nur seine Meinung ausdrücken, es funktioniert wie ein Katalysator, auch für irrationale Meinungen. Das birgt ein großes Gewaltpotenzial und kann unkontrollierbar werden. In China gab es das schon einmal, nämlich die Kulturrevolution. Ich wohne und arbeite in China unter ganz normalen Verhältnissen, deshalb kenne ich die Masse sehr gut, besser als viele Intellektuelle. Deshalb macht mir das große Sorgen."

Weitere Artikel: Roman Bucheli porträtiert für die NZZ den aus dem Irak geflohenen, heute in der Schweiz lebenden Schriftsteller Usama Al Shahmani und lernt von ihm, die verschiedenen Facetten des Begriffs "Heimat" kennen. Rolf Spinnler besucht für den Tagesspiegel im Literaturarchiv Marbach die Ausstellung über Thomas Mann, mit der sich Direktor Ulrich Raulff von Marbach verabschiedet.

Besprochen werden Juan Pablo Villalobos' Erzählband "Ich hatte einen Traum" (taz), Johanna Maxls Roman "Unser großes Album elektrischer Tage" (Zeit online), Martin Meyers Band "Gerade gestern. Vom allmählichen Verschwinden des Gewohnten" (Standard), Davide Morosinottos Roman "Verloren in Eis und Schnee" erleben Zwillinge den Beginn der Belagerung von Leningrad (Tagesspiegel) und Géraldine Schwarz' Buch "Die Gedächtnislosen" über den europäischen Faschismus (Tagesspiegel)
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Architektur

Besprochen wird eine Ausstellung zur Architektur unter Ludwig II. im Architekturmuseum der TU in München (Tagesspiegel).
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Kunst

Kein Museum: Die Raw Material Company im senegalesischen Dakar. Foto: RMC


Sonja Zekri stellt in der SZ die kamerunische Kuratorin Koyo Kouoh vor, die in Dakar im Senegal mit der Raw Material Company "eine der kreativsten Kulturinstitutionen des Kontinents" gegründet hat, wie Zekri versichert: "Kouohs Institut bietet Gastaufenthalte für Künstler, Programme für Anwohner und Ausstellungsflächen, es will Kunst und Intellektualität aus Afrika auf höchstem Niveau zeigen, der Welt und Afrika selbst, denn das Unwissen der Welt über Afrika ist beschämend, aber das Afrikas über sich selbst eine Tragödie. Der Name ihres Instituts spielt auf vieles an, Afrika als Rohstoffproduzent, Kunst als Rohstoff. Aber 'Raw' ist auch ein Wort in Wolof, der meistgesprochene Sprache in Senegal, dort heißt es 'der Erste'. Was Raw nicht ist: ein Museum."

Weiteres: Nicht nur die Debatte um Raubkunst und Kolonialismus wird den Museen zusetzen, glaubt Catrin Lorch zudem in der SZ, auch von anderer Seite werden sie sich Fragen stellen müssen: "Wie kamen die Sammlungen überhaupt zustande? Wer entscheidet über Museumsgründungen und Ankäufe? Die Museen werden sich den neuen Ansprüchen auf Aufarbeitung und Wahrheitsfindung stellen müssen, wenn sie die hohe Zustimmung des Publikums nicht verspielen wollen." Auf Hyperallergic berichtet Zachary Small unterdes etwas verstört, dass Uffizien-Direktor Eike Schmidt seinen Streit mit deutschen Behörden um ein von den Nazis gestohlenes Gemälde via Twitter austrägt - "with deadpan seriousness".

Sehr beeindruckt kommt FAZ-Autor Christian Geyer aus der Wildnis-Schau der Frankfurter Kunsthalle Schirn: "Die reich belegte Erkenntnis, die man von dieser Ausstellung mitnimmt, lautet: "Wildnis war immer schon Kunst, ein ästhetisches Artefakt, ein inszenierter Sehnsuchtsort." Stefan Koldehoff meldet in der FAZ, dass zur Freude des Fine Arts Museum in San Francisco das Stillleben "Kastanien und Birnen" als echtes Van-Gogh-Gemälde anerkannt wurde (Bild). Im Standard unterhält sich Stephan Hilpold mit dem Künstler und Liedermacher Arik Brauer über Juden in Österreich, seine Nähe zur FPÖ und den Nonkonformismus: "Wenn alle in eine gewisse Richtung springen, werde ich skeptisch."

Besprochen werden die Max-Slevogt-Retrospektive, die das Landesmuseum Hannover zum 150. Geburtstag des Malers ausrichtet (Welt), eine Ausstellung in der Zeche Zollverein zum Ruhrgebietsfotografen Albert Renger-Patzsch (der FAZ-Kritiker Hubert Spiegel zufolge Ordnung dokumentierte, wo es sie nicht gab), Julia Schers "Wonderland" in der Galerie Esther Schipper (taz), eine Stipendiaten-Ausstellung im Fotografie-Forum Frankfurt (FR), die Schau "Empfindliches Gleichgewicht" des Künstlerpaars Iris Andraschek und Hubert Lobnig im Museum Moderner Kunst Kärnten (Standard).

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