Efeu - Die Kulturrundschau

Brutalistisch inspiriert

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16.04.2015. Die Welt fragt gerade noch: Warum gibt es nach Grass nur noch Biedermeier-Intellektuelle in Deutschland? Da lässt der Maler Markus Lüpertz in der Zeit schon die Muskeln spielen: "Es ist doch nur Mist aus dem Osten herübergekommen." Die NZZ singt dafür ein Lob der Ostmoderne. Ebenfalls in der Zeit erzählt Martin Walser, warum er Grass nur betrunken ertrug. Wolkenkratzer werden zum Nadelöhr des sozialen Aufstiegs, meldet der Freitag. Die SZ staunt über die Frauen Leonardo Da Vincis.

Architektur


Die "Reflections"-Türme von Daniel Liebeskind in Singapur. Bild: Büro Daniel Liebeskind

Der Wolkenkratzer-Bau boomt weltweit und anders als frühere Bauten zur Machtdemonstration gibt sich das postmoderne Hochhaus heute verspielt und verquirlt, beobachtet Adrian Lobe im Freitag. Und noch etwas hat sich geändert: Zeugten Wohn-Hochhäuser früher von sozialem Elend, bieten sie der zahlungskräftigen Kundschaft begehrten Wohnraum, während die weniger betuchten Bewohner durch separate Eingänge geschleust werden. "Der Fahrstuhl ist zum Nadelöhr des sozialen Aufstiegs geworden. ... [Wahrscheinlich] ist, dass die Höhe endgültig zum Privileg der Reichen wird und die Stadt von morgen auch sozial gespaltener als die Städte des 19. Jahrhunderts."


Ole Scheerens Siedlung The Interlace in Singapur. Bild: Dezeen

Ob Ole Scheerens in Singapur umgesetzte , statisch waghalsig anmutende Siedlung "The Interlace" dazu ein Gegenmodell liefert? Jörg Häntzschel (SZ) jedenfalls schreibt, dass diese Gebäude einen "Grad von sozialer Interaktion zulässt, der in Singapur zu den Zeiten herrschte, als es noch ein Fischerdorf war. Der aber dennoch dieselbe Zahl von Wohnungen erlaubt wie ein Wolkenkratzer mit Abstandsgrün auf derselben Fläche. Preislich liegen die Wohnungen deshalb auch nur im mittleren Bereich."

In der NZZ macht sich Andrea Gnam für die Bauten der Ostmoderne stark, die langsam zu verschwinden drohten, jetzt aber eine kleine Renaissance erfahren: "Denkmalpfleger, Architekturhistoriker und Fotografen stehen im Fall der Ostmoderne vor einer schwierigen Aufgabe: Spezifische Eigenheiten, die angesichts der ungeliebten Hinterlassenschaft lange übersehen wurden, sind ausfindig zu machen und in ihrer Gesamtaussage zu begreifen. Die Architekten Martin Maleschka und Philipp Meuser zum Beispiel nehmen Ornamente in den Blick. Meuser erfasst in seinem Architekturführer Usbekistan (DOM Publishers) die von islamischen Formen inspirierte Fassadengestaltung in Taschkent, Maleschka fotografiert Mosaikarbeiten, Kacheln und brutalistisch inspirierte Betonbauten in Ostdeutschland."
Archiv: Architektur

Kunst

"Das wiedervereinigte Deutschland ist ein Moloch, der keine Identität hat und nicht weiß, wo er hintaumelt", sagt der Maler Markus Lüpertz in der Zeit in einem äußerst meinungsfreudigen Interview mit Tobias Timm: "Das geteilte Deutschland, das war ein Anfang, das war eine neue Idee für ein Land, das sehr viel Schuld auf sich geladen hat."
Zeit: "Und Sie wären noch immer für ein geteiltes Land?"
Lüpertz: "Selbstverständlich! Es ist doch nur Mist aus dem Osten herübergekommen."
Zeit: "Na ja, wir sitzen hier gerade im Osten des Landes ..."
Lüpertz: "Ich weiß. Aber seit der Wiedervereinigung grassiert der Rassismus. Die Pegida-Nummer in Dresden, der alberne Begriff des Wutbürgers: Jedes vollgefressene, feiste Gesicht denkt, es könne in Deutschland das Maul aufreißen. Das findet alles im Osten statt."

Im Freitag porträtiert Stefanie Schneider den Performancekünstler Mischa Badasayan, der für sein Projekt "Save the Date" seit September des vergangenen Jahres jeden Tag mit einem anderem Mann schläft. Er versteht darunter eine "Installation von Einsamkeit", die das Verhältnis zwischen Überfülle der Möglichkeiten und Einsamkeit erkunden will. Und er macht das, "weil er herausfinden will, was dieses serielle Dating mit ihm ganz persönlich macht. Weil er wissen will, wie es sich anfühlt, Menschen zu konsumieren und von Menschen tagtäglich konsumiert zu werden. Und um herauszufinden, wieso von der Fülle an Optionen letztendlich nur das Gefühl der Leere übrig bleibt." (Bild: Mischa Badasayan)

Groß und überwältigend fällt die Leonardo-Da-Vinci-Schau im Palazzo Reale in Mailand aus, erfahren wir von Kia Vahland in der SZ. Zwar mangele es der Schau an zugespitzten Thesen, dafür fällt sie umso reicher aus und gestatte manche Verdeutlichung, etwa wie es dem Künstler gelang, "die Frauen in die Welt zu werfen, sie erstmals mit ihren Blicken die Männer vor dem Rahmen herausfordern zu lassen - weil seine ölfarbenen belle donne eben keine fügsamen Geschöpfe sind, sondern ernstzunehmende Gegenüber, Persönlichkeiten eigenen Rechts. ... [Und] wo er die Frauen ins Leben hinausschickt, rückt er den Männern auf die Pelle." (Bild: Leonardo Da Vinci, "Belle Ferronière". Paris, Musée du Louvre, Département des Peintures, Collection de François Ier)
Archiv: Kunst

Literatur

Letzte Nachzügler der allgemeinen Trauer um Günter Grass: Die Literaturkritiker des Freitag erinnern sich an den Verstorbenen. In der FAZ erinnert sich Martin Kämpchen an gemeinsame Indien-Reisen mit Grass. Und die Zeit räumt für den Abschied noch einmal sieben Seiten frei. Daniel Kehlmann, Benjamin Lebert, Feridun Zaimoglu, Eva Menasse, Christoph Dieckmann und Adam Krzeminski steuern kurze Nachrufe bei, Christof Siemes und Martin Walser längere. Letzterer erinnert sich mit gemischten Gefühlen an einen Abend im Hause Grass: "Sobald mehrere zugegen waren, zeigte sich Grass als der, der bestimmte. Eine Art lyrische Herrschsucht. Die genoss ich sogar, weil er in seiner Szenebeherrschung nie peinlich war. Wie er an einem solchen Abend in seinem Haus jeden Augenblick zur Selbstinszenierung nutzte, war immer schön. Das war ihm gegeben, tonangebend und liebenswürdig zu sein. Und weil ich das mir selber nicht eingestehen durfte, floh ich in den Alkohol und benahm mich entsprechend."

Außerdem druckt die Zeit das letzte Interview von Günter Grass. Moderiert von Christof Siemes hatte sich Grass am Karfreitag mit dem belgischen Regisseur Luk Perceval unterhalten, der die "Blechtrommel" in Hamburg auf die Bühne gebracht hat. Unsere Überblicke über die Berichterstattung zum Tod von Günter Grass finden Sie hier und hier.

Mit Günter Grass starb der letzte, politisch intervenierende Intellektuelle der alten Bundesrepublik. Das neue Deutschland hat keine solche Figur hervorgebracht. Warum eigentlich nicht, fragt in der Welt Jacques Schuster? "Günter Grass und seine Generationsgenossen ... waren und sind die Letzten, denen es noch gelang, die öffentliche Gemütslage zu erregen. Ihr Fehlen reißt eine Lücke, obgleich ihre Auftritte oftmals nervten und mitunter brutal schief gingen. Am Ende steht eine Stille, die der zur Schläfrigkeit und zum Biedermeier neigenden Gesellschaft im Allgemeinen und der Smartphone-Generation mit ihrer Lust auf die Flucht in virtuelle Lebenswelten im Besonderen nicht gut bekommt."

Weitere Artikel: Für den Freitag liest Lukas Latz bislang unübersetzte Romane von Nobelpreisträger Patrick Modiano. Jens Uthoff erinnert an den in den 70ern verunglückten Popliteraten und Außenseiterschriftsteller Rolf Dieter Brinkmann, der heute 75 Jahre alt geworden wäre (siehe dazu auch ein Feature des SWR). In seinem Welt-Blog schreibt Thomas Schmid zum 100. Geburtstag Stephan Hermlins (mit kleiner Korrektur). Bettina Cosack und Cornelia Geißler (Berliner Zeitung) sprechen mit dem holländischen Thrillerautor Herman Koch. Alexander Menden (SZ) berichtet von der London Book Fair. Gegor Dotzauer (Tagesspiegel) liest neue Literaturzeitschriften.

Besprochen werden Sarah Kirschs "Ænglisch" (FR, NZZ, FAZ), John Williams" "Butcher"s Crossing" (Freitag), David Nicholls" "Drei auf Reisen" (Zeit) und Stefano D"Arrigos "Horcynus Orca" (Freitag, mehr). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

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Archiv: Literatur

Bühne


Nina Stemme als "Elektra" in Wien. Foto: Staatsoper/Michael Poehn

In der Welt porträtiert Manuel Brug die "beste hochdramatische Sopranistin der Gegenwart", die Schwedin Nina Stemme, die gerade in Wien erstmals die "Elektra" gesungen hat: "Wenn Nina Stemme jetzt Elektra gibt, dann präsentiert sie nicht - wie manche ihre Kolleginnen - die den Vatermord rächen wollende Atridentochter mit einer offenen Fleischwunde anstelle von Stimmbändern. Sie singt deren hypertrophe Noten ohne vokale Risse und scheunentorgroßes Dauervibrato. Ruhig, balanciert, sich bohrend steigernd und entäußernd. Sie singt das schön - und trotzdem erschrickt man vor dem Furor dieser nach Mord und Tod sich verzehrenden Frau, die eben kein Monster ist, sondern ein schwer gestörter Mensch."

Hier stirbt sie den Liebestod:



Im Standard befürchtet Barbara Frey, Leiterin des Zürcher Schauspielhauses, von der Diskussionen über die Großtheater in Deutschland das schlimmste: ""Es passiert eine gefährliche Form von Wachablösung. Die Menschen, die von der "alten Richtung" herkommen, wie Peymann oder Castorf, haben unglaublich viel für die Theater des deutschsprachigen Raums getan. Die werden abgelöst durch Kultureventmanager. Das ist etwas, was wir in Zürich auch kennen".

Besprochen wird Peter Konwitschnys Genfer Inszenierung von Halévys Oper "La Juive" (FAZ)
Archiv: Bühne

Musik

SZ-Rezensent Jakob Biazza liegt Brittany Howard zu Füßen, der Sängerin der soullastigen Southern-Rock-Band Alabama Shakes, deren zweites Album den Popkritiker restlos überzeugt. Nicht nur, aber eben auch des Gesanges wegen, denn der "ist nicht mehr nur sehr wirkmächtiger Soul-Gesang. Es ist Gefühlsexzess bis in die dreckigsten Ecken der Emotionen. Und die lieblichsten. Howard keift und brüllt und croont und schmatzt, sie greint und säuselt und flüstert und fleht und klagt und beschwört. Und sie hält dieses Erregungsniveau auch noch mit einer Abgeklärtheit, die man eigentlich nicht haben kann, wenn man Mitte 20 ist und immer noch in seiner Geburtsstadt lebt mit kaum 20 000 Einwohnern." Hier ihr Song "Don"t Wanna Fight":



Weitere Artikel: Jörg Wunder porträtiert im Tagesspiegel den Popmusiker Benjamin Clementine. Michael Jäger rekapituliert im Freitag die Berliner MaerzMusik. Jan Wiele schreibt in der FAZ zum Tod von Percy Sledge.

Besprochen werden eine umfangreiche CD-Box mit Kompositionen von Pierre Boulez (Freitag), die Autobiografie von Kim Gordon (Zeit), die Wiederveröffentlichung von Sonic Youths 1985er Album "Bad Moon Rising" (Pitchfork), das neue Album der Doldrums (Spex) und ein Auftritt der Sopranistin Diana Damrau (FR).

Außerdem bringt die Spex das neue Video von Caribou:


Archiv: Musik

Film

Alle lieben "House of Cards" - nur Nicklas Baschek von ZeitOnline nicht. In der prestigereichen Netflix-Serie mit Kevin Spacey sieht er in erster Linie eine teuer produzierte und also "schön anzuschauende Bestätigung abgeschmackter Ressentiments", die lediglich unterkomplexe Vorstellungen ihres Publikums, wie Politik funktioniert, bedient. Sein Befund: Ein "eklatanter Mangel an politischer Theorie". Wie hervorragend war dagegen doch "The Wire", wo mitunter auch der Stillstand Thema war. ""House of Cards" fehlt hierzu die Geduld, es geht ständig mit großen Schritten voran. So sah Geschichtsschreibung noch vor Jahrzehnten aus: Große, weiße Männer treiben durch ihre genialen Entscheidungen die Weltgeschichte voran."

Heute schon vor dem Fernseher meditiert? Aus Norwegen schwappt jedenfalls der Trend zum Slow-TV nach Deutschland (etwa in Form von Echtzeit-Dokus über Handwerker, die man sich beispielsweise hier und dort auch online ansehen kann), erfahren wir von Lennart Laberenz im Freitag. Das übt durchaus seinen Reiz auf ihn aus: "Das Fernsehen entsagt der selbst auferlegten Neurose, alles erklären zu wollen. Der Zuschauer beginnt einen Dialog mit seinem Fernseher."

Mit Sanna Lenkens "Stella" legt das Internationale Frauenfilmfestival in Dortmund einen gelungenen Auftakt hin, berichtet Sophie Charlotte Rieger bei der Filmlöwin. Beim Arabischen Filmfestival in Berlin lag der Fokus auf ägyptischen Filmen, schreibt Fabian Tietke im Freitag. In der taz wirft Jenni Zylka einen Blick aufs Programm des Berliner Festivals FilmPolska. Anlässlich des Kinostarts von "Dessau Dancers" erinnert sich der Schriftsteller Jochen Schmidt im Freitag an seine Jugend als Breakdancer in der DDR. In der NZZ stellt Claudia Schwartz die Web-Doku-Reihe "Do Not Track" vor. Für den Tagesspiegel porträtiert Dagmar Dehmer den globalisierungskritischen Filmemacher Valentin Thurn. Thomas Knauf schreibt im Freitag den Nachruf auf den Dokumentarfilmemacher Peter Voigt.

Besprochen werden die Komödie "Top Five" mit Chris Rock (Perlentaucher, taz, SZ), Jaume Collet-Serras New-York-Thriller "Run All Night" mit Liam Neeson (Perlentaucher), John Torturros auf DVD veröffentlichte Beziehungskomödie "Plötzlich Gigolo" mit Woody Allen (taz), das griechische Drama "A Blast" von Syllas Tzoumerkas (ZeitOnline), Oliver Hirschbiegels "Elser" (NZZ), Jan Martin Scharfs "Dessau Dancers" (Welt), Patrice Lecontes "Nur eine Stunde Ruhe!" (Welt) und der Fernsehkrimi "Aus der Kurve" (FAZ, hier in der Mediathek).
Archiv: Film