Efeu - Die Kulturrundschau

Unbestreitbarer Gegenwartswahn

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.04.2015. Im Freitext-Blog fragt sich Nora Bossong, ob es wirklich besser ist, als braves Zirkuspferd in der Arena zu traben statt wie Günter Grass die Hufe zum Keilen zu nutzen. Der Ensemble-Gedanke lebt, auch an jüngeren Bühnen, ruft der Tagesspiegel Claus Peymann zu. Die NZZ lernt von der kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo, wie man das Grauen sichtbar macht. Die taz porträtiert den amerikanischen Filmkritiker und Videoessayisten Kevin B. Lee.

Literatur

In der Häme, die über Grass insbesondere nach dem Waffen-SS-Skandal und dem berüchtigten Israel-Gedicht in den letzten Jahren ausgegossen wurde, offenbart sich der Autorin Nora Bossong auch etwas über den Niedergang der Figur des öffentlichen Intellektuellen in der hiesigen Debattenkultur. Im Freitext-Blog der Zeit schreibt sie nicht ohne merkliches Bedauern: "Die Annahme, Literatur könne in einer direkten Form politisch wirken und dringe tief in die Gesellschaft ein, die Idee, der Schriftsteller sei moralisches und intellektuelles Sprachrohr, anstatt als braves Zirkuspferd in der Arena zu traben, scheint ad acta gelegt ... Ein Weisungsmonopol, wie es Grass innehatte, kann heute kein Intellektueller mehr für sich beanspruchen und es scheint auch nicht mehr erwünscht. Die Frage ist, ob zu viel Stille irgendwann taub macht."

Uwe Wittstock veröffentlicht in seinem Blog einen Auszug aus seiner kommenden Reich-Ranicki-Biografie über das Verhältnis zwischen dem Kritiker und Günter Grass: "In der Gruppe 47 zum Beispiel beteiligte sich Grass als Autor gern und oft an den Debatten über die Lesungen seiner Kollegen, war aber nur in seltenen Fällen der gleichen Meinung wie der mindestens ebenso engagiert diskutierende Reich-Ranicki. Außerdem gehört Grass zu jenen Autoren, die das kollegiale Werkstattgespräch aus der Frühzeit der Gruppe bevorzugten und wenig von der professionellen "Fachkritik" der späten Jahre halten. Dennoch betonte Grass, Reich-Ranicki und er hätten sich "befreundet in dieser Zeit". Reich-Ranicki dagegen, und das belegt noch einmal, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen dieser beiden Menschen sind, gewann den Eindruck, Grass habe sich darum bemüht, "dass man mich wieder rausschmeißt aus der Gruppe"."

Die FAZ schickt den strengen Nachrufen von gestern heute wohlwollendere Künstlerstimmen zu Günter Grass hinterher. Berufskollege Salman Rushdie erinnert sich (hier in der englischen Originalversion aus dem New Yorker, unser Zitat) an gemeinsame Zech- und Tanzabende: "Wie er sich da so entzückt schwang und drehte und beugte, verstand ich mit einem Mal, was er war: der große Tänzer der deutschen Literatur, von den Greueln der Geschichte wirbelnd zur Schönheit der Literatur, Böses kraft des Charmes seiner Persönlichkeit überlebend." Außerdem erinnert sich Volker Schlöndorff unter anderem daran, wie er Grass beim "Herrenabend" vor dem Vorwurf des Antisemitismus in Schutz nahm und mit ihm Pilze suchen ging.

Mehr zu Grass: Im Tagesspiegel erinnert Birgit Rieger an den bildenden Künstler Grass, ohne den der Schriftsteller nicht zu haben sei: "Das Behauen der Worte und das Formen des bildnerischen Materials beeinflussen sich gegenseitig und ergeben zusammen ein Ganzes." Joseph Hanimann beleuchtet in der SZ das Verhältnis zwischen Grass und Frankreich. Luise Checcin bringt in der SZ Informationen zum letzten Grass-Buch, das im Sommer erscheinen wird, und hat überdies das letzte, der spanischen Zeitung El País gewährte Interview des Schriftstellers gelesen, in dem dieser unter anderem seiner Sorge vor einem Dritten Weltkrieg Ausdruck verleiht. Hier eine grobe Google-Übersetzung. In der NZZ resümiert Joachim Güntner die Nachrufe auf Günter Grass in Deutschland. Hans-Christian Rössler (FAZ) liest israelische Stimmen und Nachrufe zum Tod des Autors. Auch Polen nimmt von Grass Abschied, berichtet Marta Kijowska in der FAZ. Außerdem hat die FAZ einige ihrer historischen Rezensionen zu Grass" Romanen online gestellt - hier der Überblick.

Abseits von Grass: Nach Richard Kämmerlings in der Welt (unser Resümee), aber etwas überzeugender bedauert nun auch Michi Strausfeld, die große Kulturvermittlerin, in der NZZ das schwindende Interesse an Lateinamerika und seiner Literatur: "Europa beschäftigt sich mit seinen eigenen Problemen; Spanien, vormals madre patria, verteidigt nicht länger die Interessen des Kontinents in Brüssel, und die USA hat den "Hinterhof" dank George W. Bush ein wenig aus den Augen verloren... Ja, es scheint, als stehe Lateinamerika mit seinen riesigen Sorgen alleine in der globalisierten Welt - sieht man von der zunehmenden ökonomischen Präsenz der Chinesen ab."

Weitere Artikel: Thomas David unterhält sich in der NZZ mit Patricia Highsmiths Biografin Joan Schenkar. Marc Zitzmann schreibt in der NZZ zum Tod des Pariser Verlegers, Romanciers und Übersetzers François Maspero. Der WDR bringt ein Hörspiel/Feature über Schriftsteller und Gonzo-Journalist Hunter S. Thompson. Der Bayerische Rundfunk hat unterdessen den ersten Teil von Elfriede Jelineks "Wirtschaftskomödie" online gestellt.

Besprochen werden unter anderem Jens Steiners "Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit" (FR), Leif Randts Roman "Planet Magnon" (NZZ), Isaak Babels gesammelte Erzählungen (NZZ), Marina Keegans Essays "Das Gegenteil von Einsamkeit" (ZeitOnline), Britta Bolts Krimi "Das Büro der einsamen Toten" (SZ), Theresa Prammers "Wiener Totenlieder" (SZ) und Ulla Lenzes "Die unendliche Stadt" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Wenn Claus Peymann in seinen jüngsten Polemiken wider Tim Renner den Gegensatz zwischen Ensemble- und Projekttheater zu einem Generationenkonflikt zuspitzt, irre der Intendant des Berliner Ensembles gewaltig, schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel. Gerade junge Erfolgstheater wie das Maxim Gorki in Berlin und das Staatsschauspiel in Dresden punkten mit dem Ensemblegedanken und einem wachen Blick auf ihre soziale Umgebung: "Mit einer Aneinanderreihung eingekaufter und fremd produzierter einzelner Events ist eine nachhaltige Profilierung schwerlich zu erreichen. Und vieles hat sich auch an der forcierten Projektkultur überholt, wirkt alt. ... Es [ist] gut möglich, dass das Theater in Zeiten des unbestreitbaren Gegenwartswahns, in denen das Geschichtsbewusstsein schwindet, gerade in seiner buchstäblichen Verortung im Stadttheatersinn wieder an Wichtigkeit gewinnt."

Sehr angeregt unterhält sich Stefan Schickhaus in der FR mit dem Bass John Timlinson, der zwar stolz auf seine langjährigen Leistungen als Wotan in Bayreuth ist, insgeheim aber auch gestehen muss: "Es wäre schön, ein Bariton zu sein." In Ungarn diskutierte ein internationales Podium über "Nationaltheater in Europa", berichtet Ralf Leonhard in der taz.

Besprochen werden Philipp Löhles neues, in Wiesbaden uraufgeführtes Stück "Kollaps" ("alles nur heiße Luft", stöhnt Jürgen Berger in der SZ, Nachtkritik), Milo Raus Projekt "The Dark Ages" in München (NZZ) und Marc Sinns im Berliner Maxim Gorki aufgeführtes dokufiktionales Musiktheater "Komitas" (SZ).
Archiv: Bühne

Kunst


Doris Salcedo, Installation view, Doris Salcedo Studio, Bogotá, 2013. Photo: Oscar Monsalve Pino. Reproduced courtesy of the artist; Alexander and Bonin, New York; and White Cube, London

Kann man das Grauen eines Bürgerkriegs in der Kunst packen? Die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo kann es, lernt ein beeindruckter NZZ-Rezensent Hans-Michael Herzog in der ersten großen Salcedo-Retrospektive im Museum of Contemporary Art Chicago: "Zu der universellen Verständlichkeit ihres Werkes trägt entscheidend bei, dass sie Gegenstände des ganz banalen Alltagslebens in ihrer Kunst transformiert ... Stählerne Bettrahmen, die an der Wand lehnen, sind zart mit transparenten Tierhäuten umnestelt; ein stählernes Kinderbettchen aus dem Hospital ist hermetisch mit feinem Stahldraht umwickelt, so dass es zu einem sargähnlichen Behältnis wird. All diese subtilen Eingriffe tragen die persönliche Handschrift der Künstlerin. Mögliche Romantik oder gar Kitsch vermeidet sie a priori durch den durchgehend kühlen und minimalistischen äußeren Aspekt ihrer Arbeiten, die einen unspezifischen, elegischen Eindruck vergangener Gewalt im Betrachter zurücklassen - Gewalt, die unsichtbar bleibt, aber spürbar wird."

Mit "Les Clefs d"une passion" schneidert sich Bernard Arnault in seinem privat geführten, vergangenes Jahr unter einigem Aufsehen (mehr) in Paris eröffneten Museum Fondation Louis Vuitton eine Ausstellung ganz nach eigenem Geschmack auf den Leib. Tolle Kunstwerke dabei, klar, doch bleibe die Ausstellung dabei bemerkenswert kulinarisch und kanonisch, schreibt Annabelle Hirsch in der FAZ: Dies zeige, "dass sich das Machtzentrum der Kunstwelt verschoben hat. Dass die großen öffentlichen Museen dennoch immer noch den Goldstandard für Qualität liefern, führt zu einem Paradox: Die öffentlichen Häuser stehen durch die privaten unter Druck, werden von diesen aber dringender als je gebraucht - als Objektivierungsinstanz für Werte. Sie könnten schon von daher selbstbewusster auftreten."

Außerdem besprochen wird eine Ausstellung von Paul Strands Arbeiten im Fotomuseum Winterthur (FAZ).
Anzeige
Archiv: Kunst

Film

In der taz stellt Tilman Baumgärtel den amerikanischen Filmkritiker Kevin B. Lee vor, der sich vor allem auf die Anfertigung von Videoessays (unter anderem im Auftrag des British Film Institutes) spezialisiert hat. Insbesondere Lees "Transformers: The Premake (A Desktop Documentary)" imponiert ihm: Es handle sich dabei um "einen filmischen Essay über Globalisierung, Neoliberalismus und die Rolle des Kinos in einer Welt, in der die Mehrheit der Menschen der Ersten Welt ein mit einer Videokamera ausgestattetes Telefon in der Tasche hat und jeder ein potenzieller Filmemacher ist. ... So eindringlich wie Lee hat wohl noch niemand die globale Macht gezeigt, die derartige gigantische Hollywood-Produktionen haben." Hier kann man sich die Arbeit ansehen:



Weitere Artikel: Beim Filmfestival in Istanbul wurden sämtliche Wettbewerbe abgebrochen, nachdem die türkische Regierung die Entfernung des Films "Bakur" über die Kämpfe der PKK aus dem Festivalprogramm veranlasst hat, berichtet Thomas Seibert im Tagesspiegel: "Rund hundert Filmemacher, darunter Nuri Bilge Ceylan, der Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, protestierten in einem Offenen Brief gegen die Einmischung des Kulturministeriums. Gleichzeitig zogen etwa zwei Dutzend Regisseure ihre Beiträge aus den Wettbewerben des Filmfestivals zurück." Weiteres dazu bringen FR und taz und Tagesspiegel.

Hanns-Georg Rodek informiert uns in der Welt über das Programm des Filmfestivals in Cannes. In der NZZ stellt die Kunsthistorikerin Maja Naef anlässlich einer Retro in Basel das Werk des amerikanischen Avantgardefilmers Gregory J. Markopoulos vor.

Besprochen werden Robert Bramkamps Meta-Kunst-Film "Art Girls", der Georg Seeßlen in der Zeit zu einer seiner legendären, grandios schwurbeligen Kritiken hinreißt, J. C. Chandors "A Most Violent Year" (NZZ), Ana Lily Amirpours Vampirfilm "A Girl Walks Home Alone at Night" (NZZ) und ein bei arte online zu sehender Dokumentarfilm über den Vietnamkrieg (FR).
Archiv: Film

Musik

In der Berliner Zeitung schildert Jens Balzer das Konzert der Band Purity Ring, die im Berliner Postbahnhof ihr neues Album vorstellten und es dabei an eindeutigen Sehnsüchten nach körperlicher Geselligkeit nicht mangeln ließen. "Wobei Megan James, wenn sie sich Vereinigung wünscht, nicht bloß ein Glied in ihrer Vagina zu spüren gedenkt", schreibt der Popkritiker. "Sie möchte auch Därme mit Därmen umschlingen und Knochen mit Knochen verkeilen ... Das klangliche Panorama [ist] gegenüber dem Debüt erweitert, es gab nun beispielsweise auch perlende Synthesizer-Arpeggien zu hören, dick mit Pathos bekremte Schwelgfächen oder (...) rauschend übersteuert erblühende Rave-Fanfaren."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Alain Claude Sulzer hat für die NZZ eine Asien-Tournee des Sinfonieorchesters Basel mit dem türkischen Pianisten Fazil Say und der amerikanischen Violinistin Yumi Hwang-Williams begleitet. Im Tagesspiegel unterhält sich Fabian Wolff mit dem Rapper Denyo unter anderem über deutschen Hiphop. Jan Brachmann (FAZ) berichtet von einem Festival zu Ehren von George Onslow in Venedig. Und: Percy Sledge ist gestorben, meldet die FAZ. Jürg Zbinden hat in der NZZ den Nachruf verfasst.

Besprochen werden ein Konzert von Carlo Grante (Tagesspiegel), eine neue Schostakowitsch-Aufnahme des Borodin-Quartetts (FR) und das neue Album der Orsons (ZeitOnline).
Archiv: Musik