Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Blumensträuße der Reifezeit

09.06.2023. Die NZZ erliegt in Winterthur der bizarren Schönheit von Wimperntierchen in den Werken von Odilon Redon, die FAZ sieht sich mit Diane Arbus in Arles derweil in Nudistencamps und Altersheimen um. FAZ, SZ und Freitag versuchen die teils bizarren Kommentare zur Rammstein-Debatte einzuordnen. Die SZ schaut sich in der Berliner Akademie der Künste außerdem die Knusperhäuschen der Nazis an. Die taz hört japanischen Postpunk von Non Band und Saboten.

Der Zorn dieser Generation

08.06.2023. Der Tagesspiegel bewundert Talent, Wahnsinn und großartige Frisuren wie den ghanaischen Mehrfachdutt in Thomas Hardimans Whodunit "Medusa Deluxe". Die NZZ amüsiert sich mit Sylvie Fleury, die im Kunstmuseum Winterthur die großen Meister der Nachkriegskunst persifliert. Die Welt unterhält sich mit Diogenes-Chef Philipp Keel. Die taz fragt mit Daniel Goldhabers Film "How to Blow Up a Pipeline", ob so eine kleine Explosion den Kampf gegen den Klimawandel nicht weiterbringen würde.

Diskurstheatermäßig

07.06.2023. Im Tagesspiegel erzählen Olena Goncharouk und Maria Glazunova, wie der Krieg den postsowjetischen Geist aus den ukrainischen Filmarchiven vertrieb. Der Freitag fürchtet mit der Rammstein-Debatte die Rückkehr des unschuldigen weiblichen Opfers. Die SZ staunt, wie normal und mittig in Berlin die neue Diversität in der Architektur daherkommt. Die FAZ wiegt sich noch einmal in den Bossanova-Klängen, die Astrud Gilberto einst in die Welt trug.

Der Mensch ist nichts, der Staat ist alles

06.06.2023. In der Berliner Zeitung erzählt der russische Regisseur Artur Solomonow, wie er dem traurigsten Publikum seines Lebens begegnete. Die NZZ liest George Orwell in China. Der Guardian stürzt sich mit Chris Ofilis "Sieben Todsünden" in den reinsten Bilderrausch. Die SZ  erzählt, wie die Schauspielerin Merve Dizdar in der Türkei zur Verräterin gestempelt wird, weil sie in Cannes ein paar feministische Worte wagte. Außerdem schwant ihr, dass Groupietum schon immer Unterdrückung war.

Ein relativ unbestreitbares Sexismus-Problem

05.06.2023. Die Feuilletons stehen fassungslos vor dem Abgrund, der sich mit Rammsteins Ausbeutungsystem vor ihnen auftut. Die Welt fragt, warum Till Lindemanns Vergewaltigungsfantasien so lange mit dem lyrischen Ich verharmlost werden konnten. Der taz war das Spektakel um die Band eh nie geheuer. Die SZ lässt sich derweil von Bonaventure Ndikung in den Bann des Pluriversums schlagen. Die FAZ fragt nach Kyle Abrahams Choreografie "Mixed Repertoire", warum der moderne Tanz jemals Körper nach Geschlechtern trennte.

Wehe Salonschönheit

03.06.2023. Die FAZ fragt sich mit der amerikanischen Autorin R.F. Kuang, wie kreative Freiheit und Ideologie zusammenpassen. In der Welt denkt der 101-jährige Georg Stefan Troller ganz wunderbar über die Liebe nach. Der Filmdienst widmet dem zeitgenössischen Kino Argentiniens einen Essay. Monopol bewundert bildschöne Synthesen aus Pflanzen und Maschinen beim New Now Festival für Digitalkunst in Essen. Die Filmkritiker trauern um die Schauspielerin Margit Carstensen, deren sibyllinisches Lächeln sie vermissen werden.

Adonis, ungeliebt

02.06.2023. Die Welt freut sich auf eine Rainald-Goetz-Uraufführung am Deutschen Theater Berlin und hofft auch sonst auf weniger biedere Gemütlichkeit am DT unter der neuen Intendanz von Iris Laufenberg. FAZ und Tagesspiegel empfehlen begeistert das geheimnisvolle vierstündige Erzählkunstwerk "Trenque Lauquen" der Filmregisseurin Laura Citarella. Es gibt kaum Vergleichbares im Kino von heute, versichert auch Artechock. Die SZ begeistert sich für die Ökonomie radikal begrenzter Klänge und Klangbewegungen in Salvatore Sciarrinos Oper "Venere e Adone".

Eine Art digitaler Piranesi

01.06.2023. Die FAZ lässt sich von Clemens Setz eine Dicyaninbrille aufsetzen. Die SZ unterhält sich mit Axel Ranisch über dessen Opern-Kino-Mashup "Orphea in Love". Die FR staunt über den fantastischen Stilmix im Zeichentrickfilm "Across the Spider-Verse". Die nmz hüpft mit Lorenzo Fioronis Inszenierung von Jules Massenets selten gespielter Oper "Hérodiade" fröhlich zwischen Belle Epoque und Gegenwart hin und her. In der Zeit erklärt Bonaventure Ndikung, neuer Leiter des Hauses der Kulturen der Welt, warum er so gern katholisch ist.

Ich komme mir nur selbst entgegen

31.05.2023. Die FAZ bewundert in Tübingen, wie sich Daniel Richter aus dem Gefängnis der Abstraktion befreite. Die SZ erklärt, wer sich hinter dem niederländischen Kollektiv Kirac verbirgt, das Michel Houellebecq vorführte. Die Welt rät, Ludwig Tieck zu lesen. Der Filmdienst feiert die Wiederentdeckung von Djibril Diop Mambétys senegalesischem Klassiker "Touki Bouki". Große Trauer herrscht über den Tod des großen Schauspielers Peter Simonischek, der Grandiosität mit Grazie verband und nur als Toni Erdmann zum Virtuosen der Peinlichkeit wurde.

Ich als Ganzes war nichts mehr

30.05.2023. Die Fimfestspiele in Cannes haben nicht die  versprochenen Entdeckungen gebracht, aber immerhin das Kino wiederhergestellt, bilanziert der Tagesspiegel. Die Goldene Palme für Justine Triets Gerichtsdrama "Anatomie eines Falls" reißt die Kritiker nicht vom Hocker: Die Welt sieht darin ein Zeichen gegen den politisierten Zeitgeist, ZeitOnline hätte aber lieber Sandra Hüller ausgezeichnet gesehen. Außerdem: Bei den Wiener Festwochen lassen sich die Nachtkritik und Standard widerstandlos in die Rätselwelten der Susanne Kennedy entführen. Die SZ nimmt erleichtert auf, dass sich das Berliner Theatertreffen von seiner verrätselten Konzeptkunst-Hermetik verabschiedet.