Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Niemand braucht hier einen safe Space

26.10.2023. Der neue Asterix-Band ist da, erstmal getextet von Fabcaro: Weder woke noch anti-woke, dafür ausgesprochen spritzig, freuen sich die Kritiker. Seit der Nachkriegszeit ist der Judenhass in Deutschland unverändert, meint in der Zeit Michel Friedman, dessen Roman "Fremd" nun von Sibel Kekili auf die Bühne gebracht wird. Die FAZ starrt in Berlin in der Ausstellung "Läuft" auf blutige Sporthosen und lernt, dass Menstruationsblut Pflanzen doch nicht tötet. Und in der FR erklärt Timm Kröger: Er wollte einen Film machen, der so wirkt, als würden Hitchcock und Lynch auf dem Teppich einer alten Hotellobby Liebe machen.

Die Formen unserer Fantasie

25.10.2023. Der Tagesspiegel wirft einen vielleicht letzten Blick auf die marmorweiße elegante spätsowjetische Architektur in Taschkent, die vom Abriss bedroht ist. In Dezeen klagt der Architekturprofessor Aaron Betsky über die neue Langeweile der niederländischen Architektur, findet dann aber doch ein paar eindrucksvolle neue Blüten. Die FAZ bewundert in Timm Krögers Film "Die Theorie von Allem" elegante Schwünge im Inneren der Schweizer Berge. Der Antizionismus der Clubszene ist immer stärker antisemitisch grundiert, meint in der SZ der Antisemitismusforscher Jakob Baier.

Kaleidoskop der Details

24.10.2023. Wo war eigentlich das besondere Sicherheitskonzept auf der Frankfurter Buchmesse, fragt die SZ. Außerdem schwärmt sie vom neuen Entwurf für die deutsche Botschafterresidenz in Tel Aviv. Die Schriftstellerin Rebecca F. Kuang will vor allem als Geschichtenerzählerin, nicht als asiatische Autorin wahrgenommen werden, verrät sie ZeitOnline. Die taz blickt zurück auf das Werk von Füsun Onur - einer unerschrockenen Pionierin der türkischen Avantgarde.

Ekstatische Posen als Genussverstärker

23.10.2023. Salman Rushdie erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Die Welt schwärmt von seiner Rede, in der er den Ernst der politischen Lage mit den Spinnereien der Literatur zu verbinden wusste. Diese Rede war ein wahres Geschenk, freut sich auch die SZ. Eine Lizenz der Literatur auf beißende Satire sieht die FAZ darin. Die Zeit erklärt, warum sie ihr Gespräch mit Adania Shibli doch nicht veröffentlicht hat. Die Kritiker bewundern die Tänzerin Veronika Frodyma als verzweifelte "Bovary" in Christian Spucks Einstandsstück am Staatsballett Berlin.

Etwas zu viel Flow

21.10.2023. Die Feuilletons teilen Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse: Wo bleibt bei den ganzen politischen Debatten eigentlich die Literatur, fragt die taz. Salman Rushdie folgen die Kritiker auf Schritt und Tritt: Die FR lauscht hingerissen seinem Geplauder und und hätte gerne noch mehr davon gehört. Die SZ denkt mit Ingrid Lausunds Monolog "Der geflügelte Froschgott" über Pizza im Jenseits nach. Und die Filmkritiker gratulieren Catherine Deneuve zum Achtzigsten.

In Schweiß gebadet von der Jubel-Permanenz

20.10.2023. Permanente Polizeibewachung und angespannte Stimmung auf der Buchmesse: Der Hamas-Terror und der Fall Shibli sind die bestimmenden Themen, auch bei ZeitOnline. Die SZ ist genervt von Verlagen, die sich in den sozialen Medien als infantil jubelnde Marktschreier betätigen. Mit dem Opernmonstrum "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauss hat die Lyoner Oper einiges gewagt - und gewonnen, schreibt die mitgerissene nmz. Dass Schriftsteller ihr Leben gerne wie eine ihrer Geschichte inszenieren, lernt die FAZ in einem Doku-Film über John Le Carré. Der Standard empfiehlt außerdem die Einnahme von Halluzinogenen für den vollen Krautrock-Hörgenuss.

Wesen mit Besenfrisur

19.10.2023. Die abgesagte Preisverleihung an Adania Shibli sorgt weiter für Wirbel. In der taz greift Julia Hubernagel die Verteidiger der Autorin an: Möglich, dass Shibli nicht mehr gar so krasse Anti-Israel-Positionen vertritt wie früher; aber warum schweigt sie jetzt? Martin Scorseses "Killers of the Flower Moon" begeistert die Kritiker durch Opulenz, Bildgewalt und Rassismuskritik. Nur der Tagesspiegel findet, der Film hätte etwas mehr Critical Race Theory vertragen. Außerdem trauert das Feuilleton um die Jazzmusikerin Carla Bley und den Architekturkritiker Wolfgang Pehnt.

Divers kuratiert

18.10.2023. Die Frankfurter Buchmesse hat eröffnet: Israel sollte eigentlich Ehrengastland werden, findet die FAZ. Slavoj Zizek hingegen wirbt in seiner Eröffnungsrede um Verständnis für die Palästinenser. Auch die Debatte um Meinungsfreiheit zündet weiter: Im Fall der verschobenen Preisverleihung für die Autorin Adiana Shibli sieht Ilija Trojanow in der taz tribale Selbstgerechtigkeit am Werk. Die Welt wiederum fragt, wie divers der Literarische Herbst in Leipzig ist, wenn Alice Schwarzer wie gefordert ausgeladen wird. Die FAZ begeistert sich für rotierende Totenschädel in einer Londoner Frans-Hals-Ausstellung. Die NZZ begutachtet nigerianische Architektur auf dem Wasser.

Gedankenreiche Paradoxie

17.10.2023. Tonio Schachinger erhält für "Echtzeitalter" den Deutschen Buchpreis 2023. ZeitOnline ist begeistert, die übrigen Kritiker zürnen zumindest nicht. Ein gutes Buch zur falschen Zeit, findet die Welt. Im Freitag spricht der slowenische Schriftsteller Drago Jančar darüber, warum in seinen Romanen zwar der Zweite Weltkrieg eine Rolle spielt, aber nicht der Zerfall Jugoslawiens. Bei dem am Samstag ermordet aufgefundenen iranischen Regisseur Dariusch Mehrdschui sind zuletzt offenbar Morddrohungen eingegangen, schreiben taz und FAZ.

Zwischen den Gedichten

16.10.2023. Die Feuilletons trauern um Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück: Die FAZ umarmt mit ihr das Nichts als stofflichen Wert des bedeutsamen Gedichts, die FR feiert ihr Genie der Einfachheit. Die Nachtkritik erlebt mit Johan Simons "Die Brüder Karamasow" in Bochum einen monumentalen Abend der großen Fragen. Die FAZ stellt fest: Franz von Assisis Ideen sind heute aktueller denn je, genauso wie die Kunstwerke, die ihn zeigen.