Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Stimmig, kostbar, seltsam und schräg

14.10.2023. Gut, dass Salman Rushdie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, meint die taz. Aber gerade jetzt hätte die Jury auch würdigen können, dass Rushdie mit den "Satanischen Versen" eines der wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts geschrieben hat. Auf Zeit Online betont der polnische Fotograf Rafal Milach die Bedeutung linker Protestkultur in Polen, nur: Die katholische Kirche ist immer mächtiger. Der Tagesspiegel lernt in der Berliner AdK, dass die Masse allen verbauten Betons bald die weltweite Biomasse übertrifft. Die amerikanische Lyrikerin Louise Glück ist gestorben, melden die Zeitungen.

Mozart, Matrose, Zylinder-BH

13.10.2023. Die taz berichtet über einen Kongress des Instituts für Neue Soziale Praktik, der die antisemitische Kritik an Israel in der Kunstszene aufs Korn nimmt. Die SZ fragt sich in einer Hamburger Otto-Dix-Ausstellung: Wo bleibt sein Opportunismus? Die NZZ feiert die sinnlichen Qualitäten des italienischen Kinos mit Alice Rohrwachers "La Chimera". Die Theaterkritiker amüsieren sich mit Tanz und mit hundert Millionen Svarowski-Kristallen besetzten Gaultier-Kostümen in der neuen  Friedrichstadtpalast-Revue "Falling in Love". In der taz erinnert der israelische DJ Moscoman die zum Terror der Hamas schweigende Clubszene: Es hätte auch sie treffen können.

Wir sind gefordert, uns einzumischen

12.10.2023. FAZ und SZ verteidigen Adania Shiblis Roman "Eine Nebensache" gegen den Vorwurf des Antisemitismus: "Lesarten sind Interpretationen, noch keine Tatsachen", meint die FAZ. In der Zeit möchte Jon Fosse vollkommen hinter seinem Werk verschwinden. Die taz findet in Dresden Trost in den surrealen Kabinetten von Orhan Pamuk. Die SZ lässt sich in Wolfsburg von Kapwani Kiwangas Farben manipulieren. Ist das noch Pollesch, fragt sich die nachtkritik nach dessen Fantomas-Inszenierung an der Volksbühne. Und die Zeit erschrickt vor der "klirrenden Kälte", die ihr nach dem Hamas-Massaker aus der hiesigen Clubszene entgegenweht. 

Die Stille ist doch laut

11.10.2023. Ausgerechnet die deutschen Theater, die sonst so groß sind in Solidaritätsbekundungen, im Mahnen und Einmischen, vermeiden Solidaritätsbekundungen mit Israel, stellt die nachtkritik fest. Kaum auszuhalten findet es die taz, dass Adania Shibli auf der Frankfurter Buchmesse für ihren Roman "Eine Nebensache" der "Literaturpreis 2023" verliehen werden soll, obwohl er antisemitische Narrative bedient. Wer ethische Leitlinien sucht, sollte sich besser an die Literatur als an die Religion halten, empfiehlt Salman Rushdie im Tagesspiegel.

Das Wort bannt die Wirklichkeit

10.10.2023. Nach den Anschlägen auf Israel herrscht in der hiesigen Kunst- und Clubszene "ohrenbetäubendes Schweigen". Kein Wunder, wenn man BDS-Sympathisanten und Antisemiten in die Institutionen lässt, notieren taz und Welt. Die FAZ nimmt Salman Rushdies angekündigten Besuch auf der Frankfurter Buchmesse zum Anlass einer literarischen Würdigung. Im c/o Berlin entdeckt sie Schönheit, die wehtut in den Fotografien von Mary Ellen Mark. Essen ist zu beneiden, ruft die SZ nach dem Saisonauftakt am dortigen Schauspielhaus.

Endlich wieder Menschenopfer in Athen!

09.10.2023. Die FAZ erlebt ein "Maximum an künstlerischer Originalität" in der Werkschau des georgischen Malers Niko Pirosmani, die die Fondation Beyeler ausgerichtet hat. Die NZZ bewundert im Strauhof Zürich wilde, anarchische und bösartige Kinder - . zumindest in der Literatur. Die nachtkritik hat wenig Freude an Tina Laniks Inszenierung von Nino Haratischwilis "Phädra, in Flammen": zu viel Herzschmerz. Die taz stellt die ukrainische Modedesignerin Irina Dzhus vor. Die FAZ verneigt sich vor dem Bluesmusiker John Fahey.

Jede seiner Figuren schweigt anders

07.10.2023. Die SZ begeistert sich für Wes Andersons unsagbar kluge Verfilmung von Roald-Dahl-Geschichten. In der FAZ trauert die Schriftstellerin Iris Hanika um die Musen, die derzeit Zwangsarbeit in Russland verrichten. Die FAS fragt entsetzt, warum amerikanische, deutsche, italienische und französische Verlage so gar kein Problem mit dem Antisemitismus von Bernardo Zannonis Tierfabel "I miei stupidi intenti" haben. Die Welt geht mit der britischen Künstlerin Sarah Lucas Spaghetti Bolognese frühstücken. Und: Die Theaterregisseure Thomas Ostermeier, Marius von Mayenburg und Falk Richter erinnern sich an ihre erste Begegnung mit Literaturnobelpreisträger Jon Fosse.

Enigmatische Mitteilungen

06.10.2023. Der Literaturnobelpreis für Jon Fosse kam etwas unerwartet. Und älter, weißer und männlicher ging's auch nicht. Aber die Literaturkritiker sind dennoch zufrieden: atemberaubendes sprachliches Rhythmusgefühl bescheinigt ihm die taz. Die Welt geht sehr gern mit ihm auf Sinnsuche in die Grenzregion des Poetischen. Die FAZ würdigt ihn als Meister der Schwarzmalerei. Die FR freut sich schon, ihn für sich entdecken zu können. Außerdem: Ihr habt keine Chance, aber nutzt sie, ermuntert Dominik Graf laut Artechock den deutschen Filmnachwuchs. FR und Berliner Zeitung freuen sich über die neue Wertschätzung von DDR-Malern wie Willi Sitte und Eric Keller.

Es werden sämtliche Triggerpunkte gedrückt

05.10.2023. Die Filmkritiker suchen mit Paul Schrader und einem Ex-Neonazi im Garten Eden nach Erlösung. Die FAZ plustert mit Constantin Brancusi im rumänischen Temeswar ihren Bronzeleib auf. Die Welt blickt mit Jean-Michel Landon in Mannheim hinter die Fassaden der Massenbauten in den Pariser Banlieues. In der SZ möchte Matthias Schulz, Intendant der Berliner Staatsoper, seine Schutzfunktion gegenüber Anna Netrebko nicht aufgeben. Dank Yussef Dayes atmet die SZ auf: Polyrhythmen können wir immer noch besser als Maschinen.

Alles Finesse

04.10.2023. FAZ und FR schwelgen in einem zähnefletschenden Frankfurter "Figaro". Ein gigantisches Marx-Mosaik wird in Halle ausgerechnet mit Wüstenrot-Geld restauriert, berichtet Zeit Online. Die Welt sieht in einer Bonner Architekturausstellung Berliner Häuser mit den Augen klimpern. Die Literaturkritik trauert um den syrischen Schriftsteller Khaled Khalifa, der sich von den Fundamentalisten dieser Welt die Komik nicht nehmen ließ. Und Teodor Currentzis lässt sich in Russland direkt von Wladimir Putin finanzieren, hat das Badblog herausgefunden.