Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.11.2023. Die israelische Clubszene ist in Schockstarre, erzählt der Musikmanager Guy Dreifuss der taz: Das Spiel, sich im Ausland für die eigene Existenz entschuldigen zu müssen, will man aber nicht mehr mitspielen. Erforscht die Nazi-Verstrickungen der Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft, ruft die Zeit. Die FAZ rast mit Vasily Barkhatovs Inszenierung von "Le grand macabre" auf den Weltuntergang zu. Beim Jazzfest Berlin gab es neben wenigen Glücksmomenten viel zum Gähnen, stellen die Musikkritiker fest.
06.11.2023. Am Samstag wurde Lutz Seiler mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Die Feuilletons berichten von einer trauten Atmosphäre und Reden, die wie selten miteinander korrespondierten. Wie Seiler von Büchners "Woyzeck" über die eigene Biografie bis zu den Schrecken des Atomzeitalters fand, beeindruckte alle Kritiker im Saal. Die taz kann kaum fassen, wie wenig sich die Kulturszene bei ihren Kooperationen mit Saudi-Arabien für die Menschenrechte interessiert. Und die SZ ist erschüttert von Marta Górnickas Chor der Geflüchteten am Gorki Theater.
04.11.2023. Das Regime in Teheran spaltet die iranische Filmszene gleich doppelt, berichtet die FAZ. Außerdem blickt sie unter den Eindrücken der Mängellisten-Affäre skeptisch darauf, dass Ingo Schulze künftig Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wird. Die taz gestattet einen Blick in die ukrainische Verlags- und Literaturszene. Der Standard ist sich unklar, ob er mit einer neuen Komposition von Georg Friedrich Haas in die Weiten des Kosmos fliegt oder maschinelle Urbanität auskostet. Und der Tagesspiegel findet mit Israel Hershbergs fotorealistischen Landschaften seltene Juwele der Malerei.
03.11.2023. Die digitalen Plattenteller laufen heiß mit den Beatles: Der mithilfe von KI aufbereitete Song "Now and Then" spaltet die Gemüter und wird von der Welt als "erhabener Abgesang", von der FAZ indes als "Totgeburt" bezeichnet. Vom Zeitgeist überfrachtet fühlt sich die Nachtkritik mit Robert Ickes "Ärztin" am Theater St. Gallen. Die Feuilletons sind sich uneinig, ob der Paradigmenwechsel in der Sammlung Bührle gelungen ist. Ein schmerzliches Zeugnis des Trauerns zeigt sich der FAZ in Ari Folmans Interviewfilm "Bring Them Home". Und die FR irrlichert mit dem philippinischen Punkauteur Kavn und Lilith Stangenberg in aktionistischer Sinnlichkeit durch Manila.
02.11.2023. Die fünfte Kiev-Biennale gibt der Kunst Raum, den Krieg zu verarbeiten, berichtet die Zeit: der Künstler Volodymyr Kuznetsov schickt Tütensuppe an die Front. Ihr sollt politisch engagiert sein, nicht Eure Romane, ruft Thea Dorn ebenfalls in der Zeit ihren Schriftstellerkollegen zu. Im US-Rap grassiert der Antisemitismus auch wegen der seit langem anhaltenden Verflechtung mit der Nation of Islam, erklärt die Jungle World. Die Dylanologen verzetteln sich mit großer Lust in einem neuen Luxusband mit Dylan-Archivalia. Und der Standard schlendert durchs verstummte Musikerviertel Kabuls.
01.11.2023. Der Tagesspiegel bejubelt William Turner, einen Berserker der Kunst, der seine Farben mit Sahne, Schokolade und Eigelb anrührte. Außerdem staunt er über ein georgisches Jugendorchester, das probt, während nur zwanzig Kilometer weiter russische Panzer stehen. Müde Künstleraugen strahlen, wenn der Pianist Maurizio Pollini Chopin spielt, weiß die NZZ. Ein bayerisches Südseegewitter an Pointen genießt die SZ im Münchner Volkstheater bei einer Shakespeare-Aufführung. Außerdem trauern die Feuilletons um Elmar Wepper, einen unterschätzten Schauspieler, der gelegentlich gar seinem eigenen Schatten beim Tanzen zuschaute.
31.10.2023. Die Filmkritiker gehen auf die Knie vor Sandra Hüller: In Justine Triets cannes-prämiertem Gerichtsdrama "Anatomie eines Falls" spielt die deutsche Schauspielerin auf Oscar-Niveau! Veröffentlicht mehr Bücher aus dem ukrainischen Krieg, ruft die Lyrikerin Ulrike Almut Sandig in der FAZ . Die Literaturinstitutionen reagieren auf die Vorwürfe, sie würden zu Israel schweigen, etwas verschnupft. Die taz bewundert, wie der Künstler Sarkis Traumata heilt. Die SZ schwärmt von Asmik Grigorians girrender und zärtelnder "Salome" an der Staatsoper Hamburg.
30.10.2023. Im Kino kehrt der Krieg in der Ukraine wieder in die Aufmerksamkeit zurück: Zeit-Online hat beim Ukrainian Film Festival in Berlin erschütternde Dokumentarfilme gesehen. Die NDR-Doku "Deutsche Schuld" über die Kolonialzeit in Namibia ruft viel Protest hervor, berichtet die taz. Die FAZ schmilzt dahin, wenn Keith Jarrett Bach spielt: Was für eine behutsame Anschlagskultur! Außerdem entdeckt sie auf der Fotobuch-Messe in Bristol wahre Schätze. Die Nachtkritik reist mit Jan-Christoph Gockels Inszenierung von Heiner Müllers "Der Auftrag" ins Herz der Finsternis.
28.10.2023. Im Spiegel kritisiert die Künstlerin Hito Steyerl scharf einen Offenen Brief "für die Befreiung Palästinas!" in Artforum, den Tausende Künstler unterzeichnet haben. Warum Antimoderne und Antisemitismus fast zwangsläufig Hand in Hand gehen, erklärt in der taz der Künstler Leon Kahane. In der FAS staunt Salman Rushdie noch immer, dass seine "Mitternachtskinder" nicht das Ende einer Tradition einläuteten, sondern einen Anfang. Die taz amüsiert sich mit Lars von Triers "Geistern" und berichtet begeistert von der Kibera Fashion Week in Nairobi. Die SZ bewundert in Venedig die Frechheit Marcel Duchamps.
27.10.2023. In der Welt fordert Mirna Funk - nachdem der Münchner Kunstverein auch nach unsäglichen Tweets an der Künstlerin Noor Abuarafeh festhält - eine Ent-Hamasifizierung des Kunstbetriebs. In der nachtkritik steht der linke israelische Theatermacher Gad Kaynar Kissinger ratlos vor dem Schweigen seiner palästinensischen Kollegen. Der iranische Regisseur Ali Samadi Ahadi erinnert in der Welt an den iranischen Filmemacher Dariush Mehrjui, der vor wenigen Tagen in seinem Haus ermordet aufgefunden wurde. Van resümiert die Donaueschinger Musiktage. FAZ und FR feiern die große Lyonel-Feininger-Ausstellung in der Frankfurter Schirn.