9punkt - Die Debattenrundschau
Diese langlebigen Superorganismen
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.11.2026. Die Demokraten mögen bei den Midterm-Wahlen einen Erdrutschsieg eingefahren haben, können deutschen Experten wie Claudia Major, Herfried Münkler, Bernd Greiner aber nicht die schlechte Laune verderben. Nur Hans Ulrich Gumbrecht will in der Welt das Positive sehen. Bei Tilo Jung bedauert Claudia Roth unterdessen, dass sie sich nicht von der deutschen Schuld befreit hat - es liegt am Zentralrat der Juden. In Frankreich zerfleischt laut Librejournal.fr die extreme die gemäßigte Linke, bei Instagram die ARD allen literarischen Anspruch, und in der Reinen Mathematik laut taz die KI alle Karrierehoffnungen junger Rechenkünstler.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
06.11.2026
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Politik
Das ist das Gute an den sozialen Medien. Man kann mal einen Politiker wie den Demokraten Jon Ossoff reden hören, ohne dass ein Korrespondent drüberquatscht. Beeindruckend.
"In der Außen- und Sicherheitspolitik könnten die Ergebnisse mehr Chaos bedeuten", warnt in der taz die Sicherheitsexpertin Claudia Major nach dem Wahlsieg der Demokraten in den Midterms. Die Freude sei zwar begründet und verständlich, aber "der Ansatz: 'Der Populist ist abgewählt, und das wird schon wieder' - das ist leider nicht so. Was hat die Wahl entschieden? Die hohen Lebenshaltungskosten, der Krieg in Iran und die schlechte Performance dieser Regierung. Europa, die Außenpolitik außer Iran, hat kaum eine Rolle gespielt. Wenn Post-Trump Rubio heißt oder wenn Post-Trump Vance heißt, dann können wir uns nicht in die Hängematte legen. Selbst die Demokraten haben in den letzten Jahren klargemacht, dass die strategischen Prioritäten der USA nicht mehr in Europa sind. Was die Europäer sich wünschen, ist Vorhersehbarkeit und Verlässlichkeit. Das wäre schon ein Fortschritt."
Auch Herfried Münkler sieht in der SZ wenig Anlass zu Optimismus. Er befürchtet, ein innenpolitisch geschwächter Trump könne sich jetzt vor allem in der Außenpolitik austoben: Hier sei "das Feld, auf dem Trump meint, jene Meriten sammeln zu können, die ihn seiner Auffassung nach zu einem Verfechter US-amerikanischer Interessen, also einem ganz großen, in Trumps Vorstellung dem größten US-Präsidenten machen können: Außer dem Sieg über Iran sind das die Beendigung des Ukrainekriegs, dazu das Aufbürden der bisherigen Kosten des Kriegs wie der des Wiederaufbaus einer verbliebenen Rest-Ukraine auf die Europäer, wie überhaupt die Knebelung der einstigen Verbündeten als eilfertige Zahler an die USA und Käufer von Gütern in den USA. Da Trumps Position gegenüber Putin durch die Wahlniederlage geschwächt ist, wird er in der Ukrainefrage wohl noch größere Zugeständnisse machen, als er das bisher schon geplant hatte. Kurzum: Für die Europäer und die Deutschen in Europas Mitte wird alles wahrscheinlich erst noch schlechter werden, bis es besser werden kann."
Im Interview mit der FR sieht der Politikwissenschaftler und Amerikakritiker Bernd Greiner ebenfalls wenig Anlass zur Freude über das Wahlergebnis der Midterms: Erstens haben die Wähler seiner Ansicht nach die Republikaner aus den falschen Gründen abgestraft: "Die Skandale dieser Regierung, ihre Normverletzungen, die moralischen Abgründe, der Rassismus, die Inkompetenz, die Egomanie, auch das imperialistische Gebaren nach außen, all das war offenbar nicht wahlentscheidend. Entscheidend war vielmehr, dass die Menschen ihre Rechnungen bezahlen müssen und sich den Sprit nicht mehr leisten können. Und dahinter tun sich weiterhin die besagten Abgründe auf." Und zweitens sei nach wie vor unklar, wofür die Demokraten stünden: Ein reformerisches Profil kann er nicht erkennen. Kurz: "Ich kann diesen aus der Hüfte geschossenen Wahlanalysen, den vollmundigen Behauptungen, Amerika habe seine Kraft zur Selbstkorrektur bewiesen und das demokratische System habe seine Vitalität unter Beweis gestellt, wenig abgewinnen."
Ein erstes Problem für die Demokraten könnten die Datenzentren werden, die für KI benötigt, von vielen Wählern jedoch abgelehnt werden, berichtet auf Zeit online Heike Buchter: "Der Wunsch vieler Wähler, KI aufzuhalten oder zumindest sozial verträglicher zu gestalten, hat den Demokraten maßgeblich geholfen, die Wahl zu gewinnen. Doch dieses Versprechen stellt sie nun vor ein Dilemma. Denn die US-Wirtschaft ist inzwischen abhängig von den riesigen Investitionen, die in den Ausbau der KI fließen. Das liegt weniger an der Technologie selbst, deren Anwendung in den Unternehmen erst am Anfang steht. Es ist der Ausbau der Infrastruktur, der das Wachstum treibt - von der Planierraupe, die das Grundstück ebnet, bis zum Computerchip, der in den Servern verbaut wird. Zum einen gibt es ohne die Datencenterprojekte kaum noch Bautätigkeit. Mehr als 3.000 Datenzentren sind aktuell in der Planung, allein im Oktober kündigte die Branche mehr als 800 neue Projekte an, zeigen Statistiken von Landgate, einer Datenanalysefirma, die Unternehmen bei der Standortwahl berät. Sollten diese Vorhaben auf Eis gelegt werden, könnte das die US-Konjunktur kippen lassen."
Nur in der Welt besteht Hans Ulrich Gumbrecht darauf, dass der Wahlausgang etwas Positives über die USA aussagt: "Vor allem brachte die nicht nur im amerikanischen Rahmen rekordverdächtig hohe Wahlbeteiligung ein ungebrochenes oder möglicherweise erneuertes Vertrauen in die Kraft parlamentarischer Demokratie zum Ausdruck. Offenbar hat sie ihr Potenzial noch längst nicht ausgespielt, was auch in europäischen Nationen ermutigend wirken sollte. Zugleich repräsentieren die Gestalten der neuen Abgeordneten und Senatoren eine faszinierende Diversität der amerikanischen Gesellschaft. Mehr Latinos denn je und mehr afroamerikanische Frauen werden während der kommenden vier Jahre an der politischen Macht teilhaben, und zum ersten Mal ist im Bundesstaat New Hampshire ein offen homosexueller Mann zum Senator unserer ehemals christlich-bigotten Nation gewählt worden. Diese neue Generation wird den politischen Alltag in Washington nachhaltig verändern, ohne dass sie sich auf die gemeinsamen Nenner klassisch 'linker' oder 'rechter' Programme festlegen lässt."
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In China wurde Joshua Wong, einer der Anführer der Regenschirmproteste in Hongkong, zu zehn Jahren Haft verurteilt. In Deutschland interessiert das kaum jemanden. Ein Fehler, ruft Lea Sahay in der SZ. "Wongs Schicksal ist sichtbarer als das vieler Menschen in Festlandchina, die verschwinden, ohne je Solidarität zu erfahren. Nun wurde ihm 'Verschwörung mit ausländischen Kräften' vorgeworfen. Peking will nicht nur jeden Widerstand brechen, sondern auch verhindern, dass die Verfolgten Unterstützung aus dem Ausland bekommen. Umso wichtiger wäre es, sich aktiv für die Hongkonger einzusetzen. Sie kämpften nicht nur für sich. Sie appellierten an die Welt: Schaut hin, wozu dieses Regime fähig ist. Was hier passiert, wird euch passieren. Die schwache internationale Antwort war für Peking ein Freifahrtschein. Die Führung lernte: Internationales Recht zu brechen, kostet kaum etwas."
Auch Ulf Poschardt kritisiert in der Welt das Schweigen zu dem Urteil: "Der Westen lässt die Freiheitskämpfer im Stich. In der Ukraine exemplarisch, aber auch in Venezuela, in der Türkei, im Iran und erst recht in China. ... Jemand wie Joshua Wong hat die westliche Freiheit besser verstanden als weite Teile des bequem, satt und denkfaul gewordenen westlichen Establishments."
He has that Obama elocution. https://t.co/DPHaRi4bAJ
- mayplanoba ∞ (@mayplanoba) November 4, 2026
"In der Außen- und Sicherheitspolitik könnten die Ergebnisse mehr Chaos bedeuten", warnt in der taz die Sicherheitsexpertin Claudia Major nach dem Wahlsieg der Demokraten in den Midterms. Die Freude sei zwar begründet und verständlich, aber "der Ansatz: 'Der Populist ist abgewählt, und das wird schon wieder' - das ist leider nicht so. Was hat die Wahl entschieden? Die hohen Lebenshaltungskosten, der Krieg in Iran und die schlechte Performance dieser Regierung. Europa, die Außenpolitik außer Iran, hat kaum eine Rolle gespielt. Wenn Post-Trump Rubio heißt oder wenn Post-Trump Vance heißt, dann können wir uns nicht in die Hängematte legen. Selbst die Demokraten haben in den letzten Jahren klargemacht, dass die strategischen Prioritäten der USA nicht mehr in Europa sind. Was die Europäer sich wünschen, ist Vorhersehbarkeit und Verlässlichkeit. Das wäre schon ein Fortschritt."
Auch Herfried Münkler sieht in der SZ wenig Anlass zu Optimismus. Er befürchtet, ein innenpolitisch geschwächter Trump könne sich jetzt vor allem in der Außenpolitik austoben: Hier sei "das Feld, auf dem Trump meint, jene Meriten sammeln zu können, die ihn seiner Auffassung nach zu einem Verfechter US-amerikanischer Interessen, also einem ganz großen, in Trumps Vorstellung dem größten US-Präsidenten machen können: Außer dem Sieg über Iran sind das die Beendigung des Ukrainekriegs, dazu das Aufbürden der bisherigen Kosten des Kriegs wie der des Wiederaufbaus einer verbliebenen Rest-Ukraine auf die Europäer, wie überhaupt die Knebelung der einstigen Verbündeten als eilfertige Zahler an die USA und Käufer von Gütern in den USA. Da Trumps Position gegenüber Putin durch die Wahlniederlage geschwächt ist, wird er in der Ukrainefrage wohl noch größere Zugeständnisse machen, als er das bisher schon geplant hatte. Kurzum: Für die Europäer und die Deutschen in Europas Mitte wird alles wahrscheinlich erst noch schlechter werden, bis es besser werden kann."
Im Interview mit der FR sieht der Politikwissenschaftler und Amerikakritiker Bernd Greiner ebenfalls wenig Anlass zur Freude über das Wahlergebnis der Midterms: Erstens haben die Wähler seiner Ansicht nach die Republikaner aus den falschen Gründen abgestraft: "Die Skandale dieser Regierung, ihre Normverletzungen, die moralischen Abgründe, der Rassismus, die Inkompetenz, die Egomanie, auch das imperialistische Gebaren nach außen, all das war offenbar nicht wahlentscheidend. Entscheidend war vielmehr, dass die Menschen ihre Rechnungen bezahlen müssen und sich den Sprit nicht mehr leisten können. Und dahinter tun sich weiterhin die besagten Abgründe auf." Und zweitens sei nach wie vor unklar, wofür die Demokraten stünden: Ein reformerisches Profil kann er nicht erkennen. Kurz: "Ich kann diesen aus der Hüfte geschossenen Wahlanalysen, den vollmundigen Behauptungen, Amerika habe seine Kraft zur Selbstkorrektur bewiesen und das demokratische System habe seine Vitalität unter Beweis gestellt, wenig abgewinnen."
Ein erstes Problem für die Demokraten könnten die Datenzentren werden, die für KI benötigt, von vielen Wählern jedoch abgelehnt werden, berichtet auf Zeit online Heike Buchter: "Der Wunsch vieler Wähler, KI aufzuhalten oder zumindest sozial verträglicher zu gestalten, hat den Demokraten maßgeblich geholfen, die Wahl zu gewinnen. Doch dieses Versprechen stellt sie nun vor ein Dilemma. Denn die US-Wirtschaft ist inzwischen abhängig von den riesigen Investitionen, die in den Ausbau der KI fließen. Das liegt weniger an der Technologie selbst, deren Anwendung in den Unternehmen erst am Anfang steht. Es ist der Ausbau der Infrastruktur, der das Wachstum treibt - von der Planierraupe, die das Grundstück ebnet, bis zum Computerchip, der in den Servern verbaut wird. Zum einen gibt es ohne die Datencenterprojekte kaum noch Bautätigkeit. Mehr als 3.000 Datenzentren sind aktuell in der Planung, allein im Oktober kündigte die Branche mehr als 800 neue Projekte an, zeigen Statistiken von Landgate, einer Datenanalysefirma, die Unternehmen bei der Standortwahl berät. Sollten diese Vorhaben auf Eis gelegt werden, könnte das die US-Konjunktur kippen lassen."
Nur in der Welt besteht Hans Ulrich Gumbrecht darauf, dass der Wahlausgang etwas Positives über die USA aussagt: "Vor allem brachte die nicht nur im amerikanischen Rahmen rekordverdächtig hohe Wahlbeteiligung ein ungebrochenes oder möglicherweise erneuertes Vertrauen in die Kraft parlamentarischer Demokratie zum Ausdruck. Offenbar hat sie ihr Potenzial noch längst nicht ausgespielt, was auch in europäischen Nationen ermutigend wirken sollte. Zugleich repräsentieren die Gestalten der neuen Abgeordneten und Senatoren eine faszinierende Diversität der amerikanischen Gesellschaft. Mehr Latinos denn je und mehr afroamerikanische Frauen werden während der kommenden vier Jahre an der politischen Macht teilhaben, und zum ersten Mal ist im Bundesstaat New Hampshire ein offen homosexueller Mann zum Senator unserer ehemals christlich-bigotten Nation gewählt worden. Diese neue Generation wird den politischen Alltag in Washington nachhaltig verändern, ohne dass sie sich auf die gemeinsamen Nenner klassisch 'linker' oder 'rechter' Programme festlegen lässt."
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In China wurde Joshua Wong, einer der Anführer der Regenschirmproteste in Hongkong, zu zehn Jahren Haft verurteilt. In Deutschland interessiert das kaum jemanden. Ein Fehler, ruft Lea Sahay in der SZ. "Wongs Schicksal ist sichtbarer als das vieler Menschen in Festlandchina, die verschwinden, ohne je Solidarität zu erfahren. Nun wurde ihm 'Verschwörung mit ausländischen Kräften' vorgeworfen. Peking will nicht nur jeden Widerstand brechen, sondern auch verhindern, dass die Verfolgten Unterstützung aus dem Ausland bekommen. Umso wichtiger wäre es, sich aktiv für die Hongkonger einzusetzen. Sie kämpften nicht nur für sich. Sie appellierten an die Welt: Schaut hin, wozu dieses Regime fähig ist. Was hier passiert, wird euch passieren. Die schwache internationale Antwort war für Peking ein Freifahrtschein. Die Führung lernte: Internationales Recht zu brechen, kostet kaum etwas."
Auch Ulf Poschardt kritisiert in der Welt das Schweigen zu dem Urteil: "Der Westen lässt die Freiheitskämpfer im Stich. In der Ukraine exemplarisch, aber auch in Venezuela, in der Türkei, im Iran und erst recht in China. ... Jemand wie Joshua Wong hat die westliche Freiheit besser verstanden als weite Teile des bequem, satt und denkfaul gewordenen westlichen Establishments."
Europa
Mittlerweile verdichten sich in Frankreich die apokalyptischen Szenarien - die Mélenchonisten tun alles, um ihren Kandidaten auf Platz 2 der Präsidentenwahl und Marine Le Pen somit an die Macht zu bringen. Stadtgespräch in Paris ist die gestrige Demo, bei der Aktivisten der extremen "France Insoumise" den gemäßigt linken Kandidaten Raphaël Glucksmann daran hinderten, teilzunehmen. Laurent Joffrin kommentiert in Librejournal.fr: "Eine Stunde lang war Raphaël Glucksmann vor Ort blockiert und sah sich einer brüllenden Meute gegenüber, die ihm Flugblätter der LFI ins Gesicht warf. Er hielt der Situation durchaus mit Selbstbewusstsein stand, musste jedoch schließlich gehen, ohne am Demonstrationszug teilzunehmen, versprach aber, bei der ersten Gelegenheit wiederzukommen. So haben diese kritischen Demokraten, die versicherten, auch für das Demonstrationsrecht zu demonstrieren - das ihrer Meinung nach von der Regierung mit Füßen getreten wird -, mit gutem Gewissen den anderen Teil der Linken daran gehindert, zu demonstrieren. Bewundernswerte Kohärenz."
Medien
Das ganze Internet staunt über die große literarische Kompetenz, die die ARD nun auch bei Instagram an den Tag legt. Die Revolution: Auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Büchern wird gänzlich verzichtet. Young Adults wollen einfach nur wissen, ob ein Buch in ihren Kanon passt. Das ist die Zukunft!
Digitalisierung
Wer braucht KI überhaupt? Nicht die kalifornische Schriftstellerin Bonnie Garmus, die in der SZ das Parasitentum der "KI-Visionäre" aufs Korn nimmt: "Die Hybris der Menschheit bestand schon immer in unserer Überzeugung, wir seien besser als jede andere Spezies, obwohl uns die Pfeilschwanzkrebse in Sachen Langlebigkeit um mehrere Hundert Millionen Jahre übertreffen und der schwarze Schimmel in unserer Dusche im Gegensatz zu uns einen Atomkrieg überleben könnte. Doch anstatt Antworten bei diesen langlebigen Superorganismen zu suchen, wenden sich die KI-Bros ihren Science-Fiction-Comics zu und streiten sich endlos darüber, wer diesmal Mister Fantastic oder Luke Skywalker sein darf, während sie eine Armee von Beamten bestechen, damit die wegschauen, wenn sie ihre hässlichen, lauten und umweltschädlichen Data-Centers errichten, um uns (gegen Bezahlung) Zugang zu einem Buch zu verschaffen, das wir selbst geschrieben, der Illustration, die wir gezeichnet, dem Lied, das wir komponiert, den Innovationen, die wir erdacht haben."
Erst hat uns der Computer in Schach geschlagen, dann in Go, nun gleich in der Reinen Mathematik. Mehrere Probleme, auf die Preisgelder von einer Million Dollar ausgesetzt waren, sind bekanntlich von den KI-Programmen gelöst worden. Mathematiker sind verzweifelt, erzählt in der taz Ruth Lang Fuentes, die selbst Mathe studiert hat: "Egal mit wem man spricht, KI ist zurzeit das Thema Nummer eins unter Mathematikern. 'Alles wertlos jetzt', schreibt mir ein ehemaliger Mathekollege, der seine Dissertation zum Glück schon abgeschlossen hat. 'Wenn man sein Leben mit einem einzigen Problem verbringt und dann KI alles vom Tisch weht, kann das vernichtend sein', schreibt ein anderer. Vor allem für Nachwuchsmathematiker mit befristeten Stellen seien die OpenAI-Preprints ein Rieseneinschnitt. Viele sorgten sich nun darum, wie es für sie weitergeht, erklärt Maximilian Stegemeyer. Er arbeitet zurzeit als Postdoc an der Uni Freiburg, ebenfalls im Bereich der Reinen Mathematik. 'Bislang brauchte man, um sich auf bestimmte Stellen zu bewerben, eine hohe Publikationsleistung. Das wird durch die KI nun ad absurdum geführt', sagt er."
Und doch kann KI sehr nützlich sein, wenn man verantwortungsbewusst damit umgeht, hält die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel in der NZZ dagegen. Ihr Beispiel: die dysfunktionale Bürokratie und der Stillstand in der Bundesrepublik, die das Vertrauen in die Demokratie schwächen. "Wenn man nicht an die Architektur ranwill, dann könnte man wenigstens wagen, neue Elemente auszuprobieren, mit denen die Menschen ihre Verbindung zu Politik und Staat neu knüpfen und positiv aufladen können. Dabei kann künstliche Intelligenz helfen. Im Frühjahr 2025 fragte der Verwaltungschef des Warren County im amerikanischen Gliedstaat Kentucky, was sich die Bewohner für das Jahr 2050 wünschten. Er ließ auf der KI-Plattform Polis der Stanford-Universität diskutieren und die mehr als 4000 Vorschläge mit dem Sensemaking-Tool von Google Jigsaw interpretieren. Heraus kam eine Reihe von konkreten Vorschlägen, die nun umgesetzt werden, beispielsweise die Umgestaltung des Flussufers. Die KI ordnete die Ideen und fasste sie zusammen, mehr als die Hälfte davon bekamen mehr als 80 Prozent Zustimmung."
Erst hat uns der Computer in Schach geschlagen, dann in Go, nun gleich in der Reinen Mathematik. Mehrere Probleme, auf die Preisgelder von einer Million Dollar ausgesetzt waren, sind bekanntlich von den KI-Programmen gelöst worden. Mathematiker sind verzweifelt, erzählt in der taz Ruth Lang Fuentes, die selbst Mathe studiert hat: "Egal mit wem man spricht, KI ist zurzeit das Thema Nummer eins unter Mathematikern. 'Alles wertlos jetzt', schreibt mir ein ehemaliger Mathekollege, der seine Dissertation zum Glück schon abgeschlossen hat. 'Wenn man sein Leben mit einem einzigen Problem verbringt und dann KI alles vom Tisch weht, kann das vernichtend sein', schreibt ein anderer. Vor allem für Nachwuchsmathematiker mit befristeten Stellen seien die OpenAI-Preprints ein Rieseneinschnitt. Viele sorgten sich nun darum, wie es für sie weitergeht, erklärt Maximilian Stegemeyer. Er arbeitet zurzeit als Postdoc an der Uni Freiburg, ebenfalls im Bereich der Reinen Mathematik. 'Bislang brauchte man, um sich auf bestimmte Stellen zu bewerben, eine hohe Publikationsleistung. Das wird durch die KI nun ad absurdum geführt', sagt er."
Und doch kann KI sehr nützlich sein, wenn man verantwortungsbewusst damit umgeht, hält die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel in der NZZ dagegen. Ihr Beispiel: die dysfunktionale Bürokratie und der Stillstand in der Bundesrepublik, die das Vertrauen in die Demokratie schwächen. "Wenn man nicht an die Architektur ranwill, dann könnte man wenigstens wagen, neue Elemente auszuprobieren, mit denen die Menschen ihre Verbindung zu Politik und Staat neu knüpfen und positiv aufladen können. Dabei kann künstliche Intelligenz helfen. Im Frühjahr 2025 fragte der Verwaltungschef des Warren County im amerikanischen Gliedstaat Kentucky, was sich die Bewohner für das Jahr 2050 wünschten. Er ließ auf der KI-Plattform Polis der Stanford-Universität diskutieren und die mehr als 4000 Vorschläge mit dem Sensemaking-Tool von Google Jigsaw interpretieren. Heraus kam eine Reihe von konkreten Vorschlägen, die nun umgesetzt werden, beispielsweise die Umgestaltung des Flussufers. Die KI ordnete die Ideen und fasste sie zusammen, mehr als die Hälfte davon bekamen mehr als 80 Prozent Zustimmung."
Gesellschaft
In einem Gespräch mit dem einstigen Nachwuchsjournalisten Tilo Jung kommt Claudia Roth, ehemals Staatsministerin für Kultur, auf die Antisemitismusdebatten der letzten Jahre zurück und bedauert, ganz wie es sonst auch in rechten Kreisen üblich ist, sich nicht "von der Schuld befreit" zu haben, eine Argumentationsfigur, die auf der Linken von postkolonialen Denkern wie A. Dirk Moses popularisiert wurde:
Michael Thaidigsmann fasst das über zweistündige Gespräch mit Roth in der Jüdischen Allgemeinen ausführlicher zusammen. Sie geht auch auf die Documenta-Debatte ein, beteuert ihr reines Herz bei der Israelkritik, auch wenn sie in einem Spiegel-Gespräch einen Fehler gemacht habe, als sie die antiisraelische Position des Filmemachers Yuval Abraham bei der Berlinale 2024 kritisiert habe. "Auch einen Schuldigen hat sie ausgemacht: Der 'unfassbare Druck vom Zentralrat, von so vielen Kreisen' sei Auslöser für ihre damaligen Äußerungen gewesen, sagt Roth. Wörtlich spricht sie von der 'schlimmsten Zeit meines Lebens'. Negativ in Erinnerung geblieben ist ihr auch ihre Teilnahme beim jüdischen Jewrovision-Musikfestival 2024 in Hannover, nur wenige Wochen nach dem Berlinale-Eklat. Dort habe man sie 'gezielt und kampagnenmäßig ausgepfiffen', so Roth. Sie habe das Gefühl gehabt, ihr werde 'alles weggenommen, was dein ganzes Leben bestimmt hat'."
Ruhrbaron Stefan Laurin will Roth nicht auf eine Stufe mit Björn Höcke oder Alexander Gauland stellen, deren Relativierungen noch drastischer waren, merkt aber an: "Die Nähe liegt im Entlastungsmotiv: Historische Verantwortung erscheint als Fessel der eigenen politischen Freiheit. Dabei lässt sich Netanjahus Regierung an ihren Entscheidungen messen und scharf kritisieren, ohne sich zuvor von der deutschen Geschichte freisprechen zu müssen. Dafür braucht man Argumente. Eine Absolution ist überflüssig." Laurin stellt einen Zusammenhang mit den Koalitionsgesprächen in Berlin her: "Im selben Interview wirbt Roth ausdrücklich dafür, die Berliner Koalitionsverhandler zu unterstützen. Grüne, SPD und Linke verhandeln seit dem 2. November. Den eigenen Grünen rät sie, man müsse die Berliner 'machen lassen und sie konstruktiv unterstützen'."
Claudia Roth möchte sich endlich von Deutschlands historischer Verantwortung befreien, um den Staat der Juden künftig ohne lästige Schuldgefühle als "Genozid"- und "Apartheidstaat" bezeichnen zu können. https://t.co/WJj5mM7TWn
- ThoSo (@th_so2) November 4, 2026
Michael Thaidigsmann fasst das über zweistündige Gespräch mit Roth in der Jüdischen Allgemeinen ausführlicher zusammen. Sie geht auch auf die Documenta-Debatte ein, beteuert ihr reines Herz bei der Israelkritik, auch wenn sie in einem Spiegel-Gespräch einen Fehler gemacht habe, als sie die antiisraelische Position des Filmemachers Yuval Abraham bei der Berlinale 2024 kritisiert habe. "Auch einen Schuldigen hat sie ausgemacht: Der 'unfassbare Druck vom Zentralrat, von so vielen Kreisen' sei Auslöser für ihre damaligen Äußerungen gewesen, sagt Roth. Wörtlich spricht sie von der 'schlimmsten Zeit meines Lebens'. Negativ in Erinnerung geblieben ist ihr auch ihre Teilnahme beim jüdischen Jewrovision-Musikfestival 2024 in Hannover, nur wenige Wochen nach dem Berlinale-Eklat. Dort habe man sie 'gezielt und kampagnenmäßig ausgepfiffen', so Roth. Sie habe das Gefühl gehabt, ihr werde 'alles weggenommen, was dein ganzes Leben bestimmt hat'."
Ruhrbaron Stefan Laurin will Roth nicht auf eine Stufe mit Björn Höcke oder Alexander Gauland stellen, deren Relativierungen noch drastischer waren, merkt aber an: "Die Nähe liegt im Entlastungsmotiv: Historische Verantwortung erscheint als Fessel der eigenen politischen Freiheit. Dabei lässt sich Netanjahus Regierung an ihren Entscheidungen messen und scharf kritisieren, ohne sich zuvor von der deutschen Geschichte freisprechen zu müssen. Dafür braucht man Argumente. Eine Absolution ist überflüssig." Laurin stellt einen Zusammenhang mit den Koalitionsgesprächen in Berlin her: "Im selben Interview wirbt Roth ausdrücklich dafür, die Berliner Koalitionsverhandler zu unterstützen. Grüne, SPD und Linke verhandeln seit dem 2. November. Den eigenen Grünen rät sie, man müsse die Berliner 'machen lassen und sie konstruktiv unterstützen'."
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