Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.09.2026. "Russlandversteher! Ich verstehe euch nicht", ruft in der SZ der russisch-schweizerische Schriftsteller Alexander Estis. In FAZ und taz singen der Schweizer Historiker Thomas Maissen und der Ethnologe Olaf Zenker je ein Liebeslied auf Deutschland und seine Demokratie. In der Welt fragt sich Güner Balci, welche Brücken die Spitzenkandidatin der Berliner Linken Elif Eralp in einer Hamas-freundlichen Moschee bauen will. In der Zeit erklärt Mouhanad Khorchide, warum er einen liberalen Islam lehrt - zur Not auch unter Polizeischutz. Die FAZ berichtet von einem bizarren Streit um das Kennedy-Center in Washington.
"Ihr, Putins Pazifisten, glaubt, Putin will keinen Krieg", ruft der russisch-schweizerische SchriftstellerAlexander Estis in der SZ all jenen Russlandverstehern von BSW bis AfD zu, die immer noch auf Friedensverhandlungen mit Putin setzen. Das sage der ja schließlich selbst. Doch "Putins Frieden ist ein Diktatfrieden. Putins Frieden ist ein kurzzeitig ausgesetzter Krieg. Mit den alten, doch mehr als je zuvor gültigen Worten des dissidentischen Sowjetschriftstellers Andrej Sinjawskij: 'Entweder wird das Imperium eine Welt nach der anderen verschlingen - oder es muss zerfallen.' Ihr, Putins Pazifisten, wisst nichts von Tschetschenien? Von Abchasien und Bergkarabach? Von Georgien? Von Syrien? Von Libyen? Von der Krim? Ihr, Putins Pazifisten, wisst nicht, welche Witze sich russische Soldaten erzählen: 'Ja, wir wollen 'mir' - und zwar den ganzen' (Mir bedeutet sowohl 'Frieden' als auch 'Welt'). Ihr, Putins Pazifisten, wollt nicht sehen, was offensichtlich ist: Sofort nach Ende der letzten Friedensverhandlungen fliegen Raketen auf Kiew, auf Häuser, auf Menschen. ... Russlandversteher! Ihr versteht Russland nicht. Aber Russland versteht euch. Russland versteht, wie ihr tickt. Russland versteht, was euch aufregt. Russland versteht, was ihr fürchtet. Russland versteht euch - und zwar als nützliche Idioten."
In der SZ begleitet Silke Bigalke eine kleine Gruppe junger russischen Wahlkämpfer, die für ihre Partei für die am Wochenende anstehenden Parlamentswahlen Wahlkampf machen - nur handelt es sich bei der Partei um die faktisch verbotene Jabloko-Partei. Sich für sie zu engagieren, kann gefährlich sein. Warum machen es die jungen Wahlkampfhelfer trotzdem? "'Die Situation im Land betrifft mich persönlich schon deshalb, weil ich ein Mann bin', sagt Nikita. (...) Der 19-Jährige teilt die Angst von vielen, dass der Kreml nach der Wahl wieder mobilmachen, mehr Männer zur Armee einziehen könnte. 'Ich habe mich irgendwann bei dem Gedanken ertappt, dass alle meine Pläne spätestens im Oktober enden', sagt der Student." Wahlkampfhelferin Deja "vermisst ihre Freunde, die bereits ins Ausland geflohen sind. 'Das ganze Land bebt, alles bricht zusammen', sagt die 24-Jährige, das sei beängstigend. Natürlich ist es auch riskant, Flyer mit Friedensbotschaft zu verteilen, aber Dmitrij zuckt mit den Schultern: 'Wenn man drüber nachdenkt, was ist dann gefährlicher, Wahlkampf zu betreiben oder in einen Krieg zu geraten?'"
Im Westen und in Europa geht immer wieder die Angst um, Putin könne im Ukrainekrieg nuklear eskalieren - das hält der Politikwissenschaftler Andreas Umland in der NZZ für sehr unrealistisch. "Die Nettobilanz strategischer Gewinne und Verluste für Moskau durch die Explosion eines oder mehrerer Atomsprengköpfe in der Ukraine wäre unvorhersehbar. Sofern Kiew nicht vollständig kapituliert, dürfte Moskau durch solch eine Eskalation mehr verlieren als gewinnen. Angesichts der bisher gezeigten gesellschaftlichen Widerstandsfähigkeit der Ukraine wird das Land als Reaktion auch auf einen Nuklearschlag nicht einfach aufgeben. Den Rest der Welt, darunter auch viele Länder des globalen Südens, hingegen wird ein russischer Bruch des nuklearen Tabus schockieren und viele Länder zur Sistierung ihrer Beziehungen zu Moskau bewegen."
Vor einigen Wochen hat der deutsche Historiker Stefan Rebenich in der FAZ ein Loblied auf die Schweiz gesungen, wo er lebt und auch nicht mehr weg will (unser Resümee). Heute geht's andersrum: Der Schweizer Historiker Thomas Maissen erzählt in der FAZ, warum er so gern in Deutschland lebt - Heidelberg, um genau zu sein - und dort nicht mehr weg will. Er bewundert vor allem "den historiografischen und erinnerungspolitischen Umgang der Bundesrepublik mit Schuld und Verantwortung. Es würde der Völkerverständigung dienen, wenn andere sie zum Vorbild nähmen: nicht nur Russland und Serbien oder die einstigen Achsenmächte Japan und Italien, auch Frankreich oder die Schweiz." Außerdem sei er nicht nur Schweizer, sondern auch Europäer: "Deutschland ist die Hauptstütze, politisch wie finanziell, für dieses Europa. Diese demokratische, rechtsstaatliche Stütze will ich mitstützen, nicht nur fiskalisch, sondern als Staatsangehöriger auch politisch. Erhebliche Herausforderungen stehen an, etwa in Form der AfD, deren Verfassungstreue nicht gesichert ist. Wenn die unverzichtbare Stütze Europas wegbrechen sollte, wer sonst kann die historisch einmalige Friedensordnung gewährleisten, in der wir aufwachsen durften? Bestimmt nicht die Schweiz, die ihr neutrales Gärtchen weiter kultivieren möchte, selbst wenn die Welt zugrunde geht."
Auch der Ethnologe Olaf Zenkerermuntert in der taz, Deutschland einfach mal positiv zu sehen: "Stellt euch vor, wir leben in einem Land, das sich von der Behauptung nicht bange machen lässt, hier stehe auf der einen Seite eine abgehobene Elite und auf der anderen 'das Volk'. Natürlich gibt es Macht und Privilegien. Aber politische Gegner sind keine Feinde - in einem Land, das seine eigene Vorstellung eines guten Zusammenlebens nicht nur daraus gewinnt, wogegen es ist. ... Stellt euch vor: Wir leben in diesem Land! Nicht weil hier alles so wäre, wie es sein sollte. ... Aber wir leben in einem Land, in dem Entscheidungen korrigierbar bleiben müssen. Und in dem alle dazugehören - bei allen Unterschieden. Gerade deshalb schützt die freiheitlich-demokratische Grundordnung die gleiche Freiheit und Würde aller und darf sich gegen diejenigen verteidigen, die sie beseitigen wollen."
In Österreich gilt ab diesem Schuljahr ein Kopftuch-Verbot für Mädchen unter 14 Jahren. Im Interview mit der NZZerklärt die dafür zuständige Integrationsministerin Claudia Bauer (ÖVP), weshalb dieses - von der SPÖ und den liberalen NEOS mitgetragene - Verbot an Schulen so wichtig ist. Es sei wichtig, "dass die Schule der Ort ist, wo sich Mädchen frei entfalten können. Wir wollen ihnen Selbstvertrauen und Selbstbestimmtheit vermitteln. Das Kopftuch steht dem vollkommen entgegen, weil es sie unsichtbar macht. Je früher es getragen wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau es jemals ablegt. Dazu gibt es Studien. Es mag sein, dass manche das Kopftuch freiwillig tragen, weil auch die Mutter und die große Schwester das tun. Aber wir wollen den Mädchen Zeit geben bis zur Religionsmündigkeit, das zu entscheiden. Dann sind sie sich auch der Konsequenzen eher bewusst." Und außerhalb der Schule können sie es ohnehin tragen.
Spätestens der Auftritt des Rappers Dahabflex bei einer Veranstaltung der Neuköllner Linken bringt die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp in Erklärungsnot, wie ihre Partei zum Antisemitismus steht (unsere Resümees). Die Neuköllner IntegrationsbeauftragteGüner Balci nimmt ihr in der Welt jedenfalls ihre Distanzierung nicht ab. Besonders wurmt sie, dass Eralp im Zuge dieser Debatte in einem Interview auf einen Besuch einer Begegnungsstätte verwies, wo sie "Brücken bauen" wollte. Dabei handelte es sich um eine Moschee. "Der Leiter der Moschee, Mohamed Taha Sabri, erschien zudem auf Fotos mit hochrangigen Hamas-Funktionären; einer von ihnen wird per Haftbefehl gesucht. Das ist keine Nebensächlichkeit. Wer dort Wahlkampf macht, sollte Fragen zu Islamismus und Antisemitismus nicht ausklammern. (...) Wer sich gegen antisemitische Parteikollegen nicht durchsetzt und Worten keine Konsequenzen folgen lässt, trägt ebenso dazu bei wie jemand, der Gewaltaufrufe als bloß unterschiedlich lesbar behandelt. Das gefährdet jüdisches Leben in Deutschland und überall."
Der Axel Springer Verlag hat Ende Juni in Britannien den konservativen Daily Telegraph gekauft, meldet Gina Thomas in der FAZ. Er plant damit laut Mathias Döpfner "führender Anbieter von digitalem und KI-unterstützten Journalismus in der freien Welt" zu werden - ein Konkurrenzprodukt zu dem weltweit gelesenen Guardian und der New York Times, darf man vermuten. Ob das klappt, wird sich zeigen. Erst mal ist die Belegschaft offenbar ganz froh, dass Springer das Rennen gemacht hat: "Die Redaktion hatte sich energisch gegen die Übernahme durch einen von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützten Vermögensfonds gewehrt und mit anderen Medienunternehmen auf die damals noch konservative Regierung eingewirkt, ausländische staatliche Beteiligungen an britischen Zeitungen und Magazinen zu verhindern. Im Gespräch bezeichnet Chris Evans, seit 2014 Chefredakteur des Daily Telegraph, die Übernahme durch Springer aufgrund der gemeinsamen Werte und Vorstellungen als die bestmögliche Lösung." Europa gehört allerdings nicht zu den Gemeinsamkeiten!
In Tunesien werden immer häufiger Menschen verhaftet, die die Regierung kritisieren, berichtet Mirco Keilberth in der taz. "Wie viele Bürger wegen kritischer Äußerungen strafrechtlich verfolgt wurden, weiß niemand. 2022 hatte Präsident Saied den sogenannten Erlass 54 eingeführt. Damit können Gerichte die Verbreitung von Falschmeldungen und persönliche Verunglimpfungen mit jahrelanger Haft bestrafen. Seitdem ist die Angst, durch Kritik ins Visier der Ermittlungsbehörden zu geraten, enorm gestiegen. Human Rights Watch, das Internationale Komitee zum Schutz von Journalisten oder Amnesty International fordern das Ende oder mindestens die Reform des Dekrets. Die Verhaftung von Aktivisten, die sich für Migranten oder gesellschaftliche Minderheiten einsetzten, ist dabei in den letzten Jahren eher mit Gleichgültigkeit hingenommen worden. Viele Tunesier ziehen weiterhin einen Präsidenten vor, der den Ruf hat, nicht korrupt zu sein und sich als Kritiker der mächtigen Wirtschaftskartelle gibt."
Es liegt ein Entwurf zum neuen Medienstaatsvertrag vor, über den die Rundfunkkommission in Kürze beraten soll, schreibt Claudia Tieschky in der SZ. Eine der weitgehendsten Maßnahmen in diesem Vertrag ist, dass auch YouTuber und Podcaster, die einen journalistischen Anspruch an ihre Inhalte haben, den journalistischen Sorgfaltspflichten unterliegen sollen. "Journalistische Sorgfaltspflichten sollen nun nicht mehr nur für Rundfunk und Presse gelten. 'Journalistisch-redaktionell verantwortete' Angebote wie Podcasts oder Youtube-Kanäle, die Nachrichten oder politische Information enthalten, wären dem Entwurf zufolge nicht bloß, wie bisher, zur Prüfung von Fakten auf Herkunft und Wahrheit verpflichtet. Sie müssten auch 'geeignete Verfahren zur nachträglichen Überprüfung und Korrektur' entwickeln und, falls nötig, Gegendarstellungen veröffentlichen. Einmal publizierte Falschinformationen müssten also richtiggestellt werden, um nicht im Netz immer laufend weiterverbreitet zu werden." Ansonsten können die Landesmedienanstalten dagegen vorgehen.
Diese Regeln, die für Printjournalisten schon immer galten, können zur Selbstzensur führen, fürchtet Benjamin Scherp in der Welt. "Wer soll in Zukunft also entscheiden, ab wann ein Podcast, ein YouTube-Kanal oder Blog diese Relevanz erreicht? Und wie misst man überhaupt Relevanz? Laut dem Entwurf sollen die Landesmedienanstalten die Kriterien für journalistisch verantwortete Angebote und die daraus folgenden Pflichten ausgestalten. Damit erhalten sie Hebel, um über Auflagen und Sanktionen auf die Praxis digitaler Anbieter einzuwirken. (...) Sobald ein kritisches Projekt durch seine Reichweite den Rahmen des politisch Erwünschten sprengt, droht ein behördliches Prüfverfahren. Das erzeugt eine schleichende Selbstzensur, die dazu führen kann, dass scharfe Systemkritik oder zugespitzte Debatten gar nicht erst veröffentlicht werden, um kostspieligen Ärger und rechtlichen Stress zu vermeiden."
Von einem bizarren Streit um das Kennedy Center in Washington berichtet Frauke Steffens in der FAZ: Das Kulturzentrum muss dringend renoviert werden, Donald Trump verweigert jedoch jede finanzielle Hilfe, solange sein Name nicht an dem Bau steht - was Bundesrichter Christopher Cooper jetzt bereits zwei Mal verboten hat: "Das Kennedy Center sei vom Kongress als Denkmal für den ermordeten Präsidenten John F. Kennedy geschaffen worden. 'Einfach gesagt: Die Beklagten dürfen ohne Zustimmung des Kongresses am Kennedy Center keine Denkmäler für Präsident Trump oder irgendjemanden oder irgendetwas anderes errichten', schrieb Cooper." Die finanzielle Krise des Kulturzentrums "ist auch eine Folge von Trumps Eingriffen. Seit der Präsident nach seinem Amtsantritt das Kuratorium umgebaut hatte und sich zum Vorsitzenden wählen ließ, haben zahlreiche Künstler und Produktionen Auftritte abgesagt, darunter die Macher des Musicals 'Hamilton'. Gleichzeitig gingen Spenden und Ticketverkäufe zurück. Für das laufende Geschäftsjahr wurden zuletzt Einnahmen von 124 Millionen Dollar prognostiziert; ursprünglich waren 220 Millionen veranschlagt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Politikwissenschaftler Jan-WernerMüller hat gerade das Buch "Straße, Platz, Palast. Zur Architektur demokratischer Räume" veröffentlicht. Noch bevor Trump die Schließung des Kennedy Centers beschlossen hat, erklärt er auf den politischen Seiten der Zeit dessen Baupolitik, die ganz seinem Regierungsstil entspreche: "Man macht einfach mal irgendwas, auch wenn es illegal ist; man tut so, als gäbe es Institutionen wie den Kongress gar nicht. Fakten werden geschaffen - der bei vielen Amerikanern sehr beliebte East Wing, der dem Ballsaal weichen musste, war über Nacht nur noch Bauschutt. Und dann, so die Erwartung der Trumpisten, werden sich alle schon irgendwie arrangieren (dieser Logik folgten auch die Angriffe auf Universitäten und große Anwaltskanzleien). Was folgt, ist hochideologisch, aber häufig auch bloß schlampig: Das Spiegelbecken hat bis heute kein Wasser, weil das 'American Flag Blue' falsch aufgetragen wurde und immer wieder abplatzt. Konsequent angewandt wird hingegen eine Art 'Faschismus trifft Franchising'."
Szenen aus dem religiösen Leben. Sarah Mullally, die Erzbischöfin von Canterbury und erste Frau, die je zum Oberhaupt der anglikanischen Kirche gewählt wurde, übergibt ihrem muslimischen Amtskollegen Hafiz Tahir Ashrafi aus Pakistan einen Preis für religiöse Versöhnung. Er erschien zu diesem feierlichen Anlass am 11. September (sic) mit seiner Frau an seiner Seite.
The Archbishop of Canterbury has given Hafiz Tahir Ashrafi an award for Reconciliation and Interfaith Cooperation.
He's the chairman of the Pakistan Ulema Council - a group of Islamic scholars.
Mouhanad Khorchide, als Sohn palästinensischer Flüchtlinge im Libanon geboren, in Riad aufgewachsen und heute österreichischer Staatsbürger, ist Leiter der ersten eigenständigen Fakultät für Islamische Theologie an einer deutschen Universität (Münster), lehrt tatsächlich einen liberalen, auf Versöhnung ausgelegten Islam. Er bekommt dafür allerdings keine Preise, sondern muss mit permanentem Polizeischutz leben. "Ich mache das für die Muslime", erklärt er im ganzseitigen Interview mit der Zeit: "Es gab zwar immer Verlage oder Zeitungen, die mir anboten, destruktive Texte zu schreiben über sämtliche Defizite des Islams. Die wollten, dass ich meine Religion in die Pfanne haue. Aber das lehne ich ab. Am meisten stört mich die apologetische Haltung vieler Islamtheologen, das Bedürfnis, anderen zu beweisen, wie toll wir sind. Ich benutze auch nicht den Begriff 'antimuslimischer Rassismus', weil er inzwischen ein Kampfbegriff der Islamisten ist, um die ganze Gesellschaft zu stigmatisieren als Täter. Ich bin enttäuscht, wenn Wissenschaftler da mitmachen." Einfach kann seine Arbeit in Deutschland nicht sein. Viele seiner Studenten "sind sozialisiert in den Verbänden. Da sitzen Erstsemestler, und ich lese in ihren Augen den Verdacht: Der will unsere Religion kaputt machen."