9punkt - Die Debattenrundschau
Wie man Sterne beobachten muss
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Europa

Der Bürgermeister von Bologna, Matteo Lepore, erklärt im FAS-Interview, wie er seine Stadt als "Gegengewicht zu Silicon Valley, Open AI und Chinas Digitalindustrien" zu einer Technopole umbauen und damit die europäischen Demokratien stärken will. Warum Bologna? "Hier befindet sich der europäische Höchstleistungsrechner Leonardo, der vom Konsortium Cineca betreut wird und komplexe wissenschaftliche Simulationen errechnen kann. Tecnopolo ist ein Ort für Quantencomputing und ein europäischer Hub für Künstliche Intelligenz, bei dem Projekt 'Destination Earth' wird etwa ein digitaler Zwilling der Erde erstellt, um den Klimawandel zu simulieren. Schon in den 1990er-Jahren schuf Bologna das erste städtische Internetnetzwerk Italiens. Auf dieser Tradition aufbauend, entwickeln wir andere Systeme als im Silicon Valley, etwa den 'Civic Digital Twin': eine offene Plattform zur Sammlung und zum Austausch von Daten mit Bürgern, Forschern und Unternehmen, die das Wissen und die demokratische Kontrolle stärkt."
Für die Geschichte um die angebliche Menschenjagd reicher Ausländer auf bosnische Zivilisten während der Belagerung von Sarajevo, die sogenannte "Sarajevo-Safari", scheint es keine hinreichenden Beweise zu geben, wie Michael Martens in der FAZ festhält (mehr bereits hier). Warum aber wurde die Geschichte so schnell aufgegriffen und weiterverbreitet, fragt Martens? Der bosnische Schriftsteller Miljenko Jergović glaubt, dass das Narrativ gut in das Schema eines weit verbreiteten Eliten-Hasses reinpasst: "Zudem sei die Geschichte über die Belagerung der bosnischen Hauptstadt, wie sie in der Version der 'Sarajevo-Safari' erzählt wird, im Kern revisionistisch: 'Die wahre Geschichte ist, dass die serbische Armee Sarajevo belagert hat. Es ist die Geschichte von Ratko Mladić - nicht irgendwelcher reicher westlicher Jäger, die vielleicht existiert haben oder auch nicht.' Wer hingegen dem Narrativ der 'Sarajevo-Safari' folge und die tatsächlichen historischen Hintergründe nicht kenne, könne den Eindruck bekommen, die Belagerung sei vor allem das Werk von reichen Ausländern gewesen, die am Wochenende zum Töten kamen. Das wäre ungefähr so, als würde man sich seine Meinung über den Zweiten Weltkrieg auf der Grundlage von Quentin Tarantinos 'Inglourious Basterds' bilden. Nur dass dieser Film anders als der vermeintliche Dokumentarfilm 'Sarajevo Safari' und die beiden Bücher zu dem Thema nicht vorgibt, die Realität abzubilden."
Gesellschaft
Kulturpolitik
Michael Bartsch berichtet in der taz, wie sich Kulturinstitutionen in Sachsen-Anhalt darauf vorbereiten, dass vielleicht bald die AfD an die Macht kommt. 67 Kulturinstitutionen haben eine Erklärung unterzeichnet, angestoßen von der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt und ihrem Generaldirektor, dem Historiker Christian Philipsen: "Wie sich eine 'Machtübernahme' durch die AfD konkret auswirken würde, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar. Mit einem Jahresetat von rund 60 Millionen Euro übernimmt die Kulturstiftung bedeutende denkmalpflegerische Aufgaben für das Land. Darüber hinausgehende Finanzierungsvereinbarungen unter anderem mit dem Bund sollten sie vorläufig schützen. Schneller treffen kann es die Provenienzforschung in Museen und natürlich linke oder queere Vereine und Projekte, schätzt Generaldirektor Philipsen ein. Insofern gleicht die Kulturerklärung einem Akt der Solidarität. 'Ein Angriff auf Kunst, Kultur und Geschichte, ihre ideologische Instrumentalisierung treffe die Bürgerinnen und Bürger des Landes im Kern ihrer Identität', heißt es darin unter Bezugnahme auf die wechselvollen Wurzeln und Bezüge des heutigen Bindestrich-Bundeslandes. Generaldirektor Philipsen spricht von einer 'solidarischen Brandmauer gegen eine Kulturpolitik, die diese Vielfalt infrage stellt'."
Im FR-Interview mit Michael Hesse schildert Gesche Joost, Präsidentin des Goethe-Instituts, die Veränderung des Deutschlandbildes in der Welt: "Viele Kollegen unserer Auslandsinstitute berichten von den Herausforderungen. Es gibt massive Desinformation und Fake News, die Europa als schwach darstellen und die Werte von Freiheit und Selbstbestimmung diffamieren. Die Vielfalt, die Deutschland und Europa beispielsweise bei der sexuellen Orientierung oder bei der freien Wahl des Ehepartners ermöglichen, wird so umgedeutet, als werde Mann gezwungen, einen Mann zu heiraten. Dagegen müssen wir deutlich machen: Das sind Möglichkeiten, die eine offene Gesellschaft bietet, niemals Zwang. Wir müssen klarer kommunizieren, wofür eine Demokratie eigentlich steht und dass sie auf Aufklärung und Humanismus beruht. Auch das ist kein Selbstläufer mehr. Ich bin mit der Vorstellung aufgewachsen, dass Demokratie und freiheitliche Werte selbstverständliche Ziele für die ganze Welt seien. Man dachte, Gesellschaften würden sich gleichsam evolutionär immer weiter liberalisieren und öffnen."
Wissenschaft
Digitalisierung
Medien
In einem recht unkritisch geführten Interview in der taz, stellt der Autor und Aktivist Alon Sahar eine Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung (hier als pdf-Dokument) zur angeblichen Einflussnahme rechter israelischer Akteure auf die deutsche Berichterstattung über Israel vor. NGOs wie "UN Watch" verbreiteten nicht belegbare Narrative, wie zum Beispiel, dass die UNRWA antisemitisches Lehrmaterial verwende (unsere Resümees). Einige deutsche Medien würden die Informationen ungeprüft verbreiten: "Nehmen wir an, UN Watch veröffentlicht einen Bericht. Noch am selben Tag erscheint dazu ein Artikel in Bild oder Welt. Die Behauptungen werden übernommen oder weiter zugespitzt. Besonders deutlich war das bei Bild, wo eine Schlagzeile lautete: 'UN-Lehrer loben Hitler, hetzen gegen Juden'. Häufig werden solche Behauptungen wiedergegeben, ohne dass die UNRWA Gelegenheit zur Stellungnahme erhält oder auch nur der Hinweis erscheint: 'Wir haben die UNRWA um eine Stellungnahme gebeten, aber keine Antwort erhalten.' Dabei gehört das eigentlich zum journalistischen Standard."
Harry Nutt schreibt in der FR eine kleine Hommage auf den verehrten Arno Widmann (eine Zeitlang auch ein Perlentaucher), der heute achtzig Jahre alt wird (und die Perlentaucher winken ihm aus weiter Ferne so nah ebenfalls zu): "Er war kein verlässlicher Rezensent und wollte es nicht sein. Eher ließ sich an seinen Einlassungen die Leidenschaft für Geschriebenes ablesen, bis heute geht es Arno Widmann nicht zuletzt darum, sich beim Schreiben selbst zu überraschen. Nicht mitteilen, was man weiß, sondern im Augenblick des Formulierens und Verwerfens herausbekommen, was möglich ist. Das klingt egoistisch, und wiederholt ist in Redaktionskonferenzen und zur innerbetrieblichen Qualitätskontrolle, der sogenannten Blattkritik, der häufige Gebrauch der ersten Person Singular als Vorwurf erhoben worden. Ich-Texte gelten als verpönt, nicht nur bei Absolventinnen und Absolventen von Journalistenschulen. Man kann Arno Widmann so gesehen als trotzigen Autor bezeichnen."
Widmann selbst erinnert in der FR an Tycho Brahe, der heute vor 450 Jahren den Gundstein für seine Sternwarte auf der Insel Hven legte. König Friedrich II. von Dänemark und Norwegen hatte sie ihm geschenkt: "Er war, als er die Insel im Öresund erhielt, schon ein europaweit berühmter Astronom, und hier in Uraniborg steigerte er sein Ansehen. Seine 'Himmelsburg' war eine Sternwarte, zu der Wissenschaftler kamen, um von ihm zu lernen, wie man Sterne beobachten muss."



