9punkt - Die Debattenrundschau

Stören in alle Richtungen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.08.2026. Die FAZ besucht das ehemalige Gulag-Museum in Moskau, das nun einer ganz neuen Geschichtserzählung gewidmet ist - der Sowjetunion als Opfer eines westlichen Genozids. Die Menschen in der DDR wollten vor 1989 nicht unbedingt Freiheit und Demokratie - sie wollten nur ein Ende der DDR, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk in der taz. Es wäre falsch, die Verbindungslinie zwischen Islam und Islamismus zu leugnen, mahnt der Blogger Murat Kayman im Tagesspiegel.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.08.2026 finden Sie hier

Europa

Die Bilder schockierten die Weltöffentlichkeit: Zehntausende junge Männer stürmten die Grenzzäune der spanischen Exklave Ceuta an der Straße von Gibraltar. "Die derzeit nach Ceuta eindringenden jungen Männer kommen aus einem durchaus entwickelten, bei Touristen beliebten Land, das in den vergangenen Jahren mit Europa und speziell mit Spanien überaus freundliche Bande geknüpft hat", wundert sich  Patrick Illinger in der SZ. Und spekuliert: "Wer Marokko verdächtigt, hinter der Stürmung von Ceuta zu stehen, dem mag aufgefallen sein, dass Spaniens Premier Sánchez vor wenigen Tagen zu Besuch im Nachbarland Algerien war. Beide Länder sind mit einer Tausende Kilometer langen Grenze verbunden, aber zutiefst verfeindet. Spanien und Algerien wollen ihre Beziehungen intensivieren. Und dann ist da das ewige Streitthema, die Westsahara südlich von Marokko."

Nahezu alle Migranten sind inzwischen nach Marokko zurückgekehrt, melden die Zeitungen und Agenturen unterdessen. Sie hatten sich ohnehin Illusionen gemacht, erläutert der Migrationsexperte Gerald Knaus im Gespräch mit Mark Schieritz von Zeit online: "Ceuta liegt geografisch in Afrika und hat ein Sonderregime mit doppelter Außengrenzkontrolle - einmal bei der Einreise aus Marokko und noch einmal bei der Weiterreise auf das spanische Festland. Wer über den Zaun klettert, steht nicht in der europäischen Reisefreiheit, sondern vor der nächsten Grenzkontrolle."

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Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk spricht im Interview mit der taz über "DDR-Verklärung und die vererbte Feindschaft im Osten gegen jegliche Form des Liberalismus". Die AfD nennt er so oft, wie er kann, "faschistisch" und stellt fest: "Es ist ein großes Missverständnis, wenn man so tut, als hätten 1989 alle im Osten Demokratie und Freiheit gewollt. Sie lehnten die DDR ab, das ja. Aber was folgt daraus? Die Realität im Kapitalismus sieht weniger blütenweiß aus, als viele sie durch Clementine aus der Waschmittelwerbung des West-TVs zu kennen glaubten. Die Vorstellung traf auf ein völlig anderes Staats- und Gesellschaftsverständnis im Westen, als es im Osten eintrainiert wurde. Die Bundesrepublik war nach dem Bruch von 1945 allmählich liberal geworden - die DDR blieb von 1949 bis 1989 diktatorisch und extrem autoritär. Die Einzelnen und die Gesellschaft sahen sich im Westen als Korrektiv staatlicher Maßnahmen. Man musste sich einbringen und teilhaben. Etwas, das im Osten von Anfang an nicht ging."
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Gesellschaft

Kevin Kühnert, Ex-Hoffnung der SPD, hätte in der SZ Jahrzehnte sozialdemokratischer Beschönigung von Integrationsproblemen thematisieren können. Stattdessen zieht er eher neckisch über die Launen der Medienöffentlichkeit bei solchen Ereignissen her: "Ab der ersten Eilmeldung zu einem Vorfall steht mittlerweile die Frage im Raum, auf wessen Konto das Verbrechen und seine noch ungezählten Opfer wohl gehen werden. Und gemeint sind damit die jeweiligen politischen Lager, an deren Feuern wir uns unsere Storys erzählen. Einseitig aus dieser Logik auszusteigen, scheint unmöglich, solange die anderen weitermachen, sich weiter ihre Geschichte erzählen." Leider skizziert Kühnert nicht, wie ein "Aussteigen aus dieser Logik" aussehen könnte.

Die Autorin Sasha Marianna Salzmann spekuliert zum selben Thema in der SZ: "Was bleibt, ist die Frage, warum dieser Anschlag so kurz vor den Wahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern geschah. Und wieder nach demselben Prinzip wie schon in Magdeburg, wie schon in München. Auch damals, vor den vorgezogenen Bundestagswahlen, lenkten Männer ihr Auto in die Menschenmenge. Der Anschlag in München war islamistisch motiviert. Der Anschlag in Magdeburg von einem erklärten Feind des Islam und Fan der AfD ausgeführt. Dieser hier war islamistischer Terror."

Die Aktivistin Julia Ehrt ergänzt im Interview mit der FR zum Klima nach dem CSD-Attentat: "Die AfD hetzt gegen queere Menschen - und dann benutzt sie den Anschlag, um eine islamfeindliche und migrationsfeindliche Botschaft zu verbreiten. Sowohl Queerfeindlichkeit als auch Islamfeindlichkeit werden von dieser Partei politisch instrumentalisiert, um Wut zu erzeugen und Menschen zu mobilisieren, die bereits queer- oder migrationsfeindlich eingestellt sind."

Nachdenklichere Stimmen kommen aus dem muslimischen Kontext. Der Blogger und bekennende gläubige Muslim Murat Kayman etwa kritisiert im Interview mit dem Tagesspiegel die austauschbaren Erklärungen der Islamverbände zum CSD-Anschlag, die weder Motiv noch Opfer benennen, und weist auf die Verbindungslinien zwischen Islam und Islamismus hin: "Es gibt eine theologische, nämlich islamische Begründung der islamistischen Tat. Islamistische Täter handeln nicht aus persönlichen Motiven. Die Empfänglichkeit für Radikalisierung und Gewaltbereitschaft hat sicher persönliche Faktoren, aber der letzte Schritt zur Gewalt, das, womit der Täter seine Tat vor sich selbst rechtfertigt, hat eine religiöse Dimension. Hier geht es darum, dass der Täter sich für den Vollstrecker eines göttlichen Willens, einer göttlichen Strafe hält. Und die Vorstellung davon, was dieser göttliche Wille sei, die entsteht durch Erzählungen innerhalb unserer Glaubenswelt."

"Es überrascht mich, dass weiterhin so wenig über muslimische Queere nachgedacht wird", schreibt der Politologe und Lyriker Ozan Zakariya Keskinkilic in der FAS: "Dabei bilden sie eine Schnittstelle, die jetzt umso wichtiger ist und die endlich wahrgenommen und verstanden werden sollte. Muslimische Queere sind ungemütlich und stören in alle Richtungen. Sie heben die vermeintlichen Widersprüche auf und erinnern an ein verschüttetes Erbe, das nicht nur Islamisten ein Dorn im Auge ist."
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Digitalisierung

Trauriges Gesicht der Digitalisierung. So werden Bücher von KI-Firmen für das "Destruktive Scannen" vorbereitet. Auf Twitter präsentiert der Blogger "Massimo", der sonst eher für unterhaltsamen Content steht, dieses Video.


"Das bekannteste Beispiel ist das 'Project Panama' von Anthropic", erläutert Massimo. "Aus Gerichtsunterlagen im Rahmen eines Urheberrechtsstreits ging hervor, dass das Unternehmen Millionen von gedruckten Büchern von Antiquariaten und Großhändlern wie Better World Books erworben hatte. Die Mitarbeiter schneiden mit hydraulischen Schneidemaschinen die Buchrücken ab, führen die losen Seiten in industrielle Hochgeschwindigkeitsscanner ein und entsorgen oder zerkleinern anschließend die Reste."

Die Erzeugnisse der Popmusik sind zwar meist so schon zum Verwechseln ähnlich, aber nun hat ein Gericht festgestellt, dass sie dennoch zum "geistigen Eigentum" zählen und dass der KI-Dienst "Suno" nicht ungefragt bestehende Musik verwenden darf, um neue zu kreieren, die dann genau klingt wie die bestehende. Ein Münchner Gericht hat jetzt der Klage der Verwertungsgesellschaft Gema stattgegeben, berichtet unter anderem Jakob Biazza in der SZ. Suno scheint seine KI beim Kompilieren im übrigen nicht besonders strapaziert zu haben: "Die Resultate, für die die Gema in einem Fall nur vier Versuche brauchte, und in einem anderen 176, sind mitunter erstaunlich. Wer etwa das Original von 'Atemlos' hört, gesungen von Helene Fischer, und anschließend die Version, die die Gema mit Suno prompten konnte, wird erkennen, dass nicht nur die Harmonien und - bei Fragen nach Urheberrechtsverletzungen deutlich entscheidender - die Melodie beinahe vollständig identisch sind."
Archiv: Digitalisierung

Geschichte

Unter dem Pseudonym Boris Klad besucht ein in Moskau lebender Schriftsteller das neu ausgerichtete ehemalige Gulag-Museum in Moskau. Hubertus Knabe hatte neulich in seinem Blog erzählt, dass mit diesem Museum der letzte Erinnerungsort an den Gulag abgewickelt wurde (unser Resümee). Das neue Museum ist aber keines der vielen "Siegesmuseen", die den "Großen Vaterländischen Krieg" preisen, so Klad in der FAZ, sondern soll mit Hilfe von Wachsfiguren und KI-Animationen eine neue Geschichtserzählung präsentieren - die vom "Genozid", der im Zweiten Weltkrieg gegen die Vöker der Sowjetunion begangen worden sei. Zu dieser Erzählung gehört zum Beispiel auch, "dass vor 85 Jahren nicht allein Deutschland die Sowjetunion angegriffen habe, sondern 'praktisch ganz Europa'. Und dass dieselben europäischen Länder, allen voran die 'Angelsachsen', heute wieder eine Offensive gegen Russland führten. Der Zweite Weltkrieg habe das Ziel verfolgt, die Bevölkerung Russlands zu vernichten, erklärt der Museumsführer. Er führt das aber nicht auf die Pläne Hitlers zurück, sondern vergleicht die Geschehnisse der ersten Kriegsmonate mit der 'typisch angelsächsischen Praxis' der Vernichtung indigener Völker."

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An der Art, wie Todesstrafen in britischen oder deutschen Kolonien exekutiert wurden, lässt sich die Natur kolonialer Gewalt beschreiben, lernt der Afrikahistoriker Andreas Eckert anhand eines Bandes zum Thema, Stacey Hynds "Imperial Gallows - Murder, Violence and the Death Penalty in British Colonial Africa, c. 1915-60". Zu Beginn der Kolonialzeit waren Exekutionen oft öffentlich, um die Bevölkerung zu beeindrucken, so Eckert in der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ. "Im Verlauf der Kolonialzeit wurde die Bestrafung von Afrikanern, die gegen Gesetze verstießen, jedoch zunehmend nach den Geboten der 'Zivilisation' und 'Menschlichkeit' reformiert. Die strafrechtliche Gewalt selbst sollte zu einer 'zivilisierenden' Kraft werden, die die Afrikaner zu gehorsamen Untertanen formt. Die Strafrechtsreform in den Kolonien war stets eher diskursiv, an ihrer Umsetzung haperte es, und sie erwies sich zudem als weitgehend erfolglos. Während der gesamten Kolonialzeit in Britisch-Afrika blieb das Hauptziel und die Hauptfunktion der Todesstrafe die Abschreckung: Eine Hinrichtung war weniger eine Vergeltung gegen eine einzelne Person, sondern vielmehr eine Art 'didaktische' Maßnahme, die andere davon abhalten sollte, die koloniale Ordnung infrage zu stellen."
Archiv: Geschichte