9punkt - Die Debattenrundschau
Die Chance wäre gewaltig
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.06.2026. Caroline Fetscher liest für die Frankfurter Hefte das kulturpolitische Programm der AfD für die Wahlen in Sachsen-Anhalt: Man fordert mehr Russisch. Die SZ fragt, bis wann eine Frau ein Mädchen ist. Die Stadt Düsseldorf kassiert ihren Plan für einen Opern-Neubau ein: So könnte es vielen Projekten ergehen, fürchtet die FAZ. Wenn es den Iranern gelingt, ihr islamistisches Regime abzuwerfen, wird eine weltpolitische Wende eintreten, meint der Historiker Kijan Espahangizi in der NZZ.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
08.06.2026
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Europa
It's the Culture, stupid! Caroline Fetscher liest für die Frankfurter Hefte das Programm der AfD für die Wahlen in Sachsen-Anhalt und stößt dort auf einen Traum von "einer Art digitalisiertem 19. Jahrhundert aus monoethnischen Nationen". Orbans abgewähltes Ungarn gilt dort noch als Modell. Besonders düster klingen die bildungspolitischen Passagen: "'Sonderklassen für Flüchtlingskinder' werde es geben, was diesen 'die Botschaft vermittelt', dass sie nicht bleiben könnten. Und 'unsere Kinder' werden auf die Weise 'von den Belastungen' verschont, 'die sich beim gemeinsamen Unterricht mit Kindern aus völlig fremden Kulturen ergeben.'" Als Putin-Knechte aber bleiben sich die Autoren des Programms treu: "Wichtig ist der AfD die Parole 'Russisch-Unterricht erhalten!' Die 'russlandfeindliche Politik der Altparteien' spalte Europa 'in fremdem Interesse'. Wessen Interesse? Das bleibt dunkel... Im Rekurs auf Russland scheint vielmehr Bewunderung für Macht und Autorität auf, für antiwestliches, antiwokes Durchgreifen. Man imaginiert sich untergehakt, von Nationalist zu Nationalist."
Trump ist ein Mann mit vielen Gesichtern, meint der Politologe Christian Mölling in der SZ. Genau drei macht er aus: ein kooperatives, ein antagonistisches und ein erratisches. Nie kann man wissen, welches sich bei politischen Entscheidungen zeigt, deshalb muss Europa vorsorgen, was seine Sicherheit angeht: "Europa darf sich nicht das Szenario aussuchen, das am wenigsten wehtut. Der kooperative Trump existiert. Der erratische Trump existiert ebenfalls. Der antagonistische Trump ist zumindest möglich. Gerade deshalb reicht es nicht, sich von funktionierenden Gesprächen im Apparat beruhigen zu lassen. Für den kooperativen Trump braucht Europa Fähigkeiten, Geld, Industrie und eine ernsthafte Umsetzung von Nato 3.0. Für den erratischen und den antagonistischen Trump reicht das nicht. Dafür braucht Europa einen European Way of War. Damit ist keine romantische EU-Armee gemeint, sondern europäische Kriegsführungsfähigkeit: Wer führt, wenn Washington zögert?"
In Frankreich bahnt sich ein Präsidentschaftswahlkampf an, in dem die extreme Linke der extremen Rechten in den Sattel helfen könnte, falls die gemäßigten Kräfte ihre internen Streitigkeiten nicht überwinden können. Einige der auch in Deutschland größten Stars der französischen Literatur wie etwa die Nobelpreisträgerin Annie Ernaux stehen dabei fest an der Seite des Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon. Zu einer Veranstaltung seines "Unbeugsamen Frankreich" (LFI) erschien Ernaux in Palästinensertuch, freut sich die LFi-Pasionara Rima Hassan.
Trump ist ein Mann mit vielen Gesichtern, meint der Politologe Christian Mölling in der SZ. Genau drei macht er aus: ein kooperatives, ein antagonistisches und ein erratisches. Nie kann man wissen, welches sich bei politischen Entscheidungen zeigt, deshalb muss Europa vorsorgen, was seine Sicherheit angeht: "Europa darf sich nicht das Szenario aussuchen, das am wenigsten wehtut. Der kooperative Trump existiert. Der erratische Trump existiert ebenfalls. Der antagonistische Trump ist zumindest möglich. Gerade deshalb reicht es nicht, sich von funktionierenden Gesprächen im Apparat beruhigen zu lassen. Für den kooperativen Trump braucht Europa Fähigkeiten, Geld, Industrie und eine ernsthafte Umsetzung von Nato 3.0. Für den erratischen und den antagonistischen Trump reicht das nicht. Dafür braucht Europa einen European Way of War. Damit ist keine romantische EU-Armee gemeint, sondern europäische Kriegsführungsfähigkeit: Wer führt, wenn Washington zögert?"
In Frankreich bahnt sich ein Präsidentschaftswahlkampf an, in dem die extreme Linke der extremen Rechten in den Sattel helfen könnte, falls die gemäßigten Kräfte ihre internen Streitigkeiten nicht überwinden können. Einige der auch in Deutschland größten Stars der französischen Literatur wie etwa die Nobelpreisträgerin Annie Ernaux stehen dabei fest an der Seite des Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon. Zu einer Veranstaltung seines "Unbeugsamen Frankreich" (LFI) erschien Ernaux in Palästinensertuch, freut sich die LFi-Pasionara Rima Hassan.
Annie Ernaux prix Nobel de la littérature avec le keffieh palestinien, venue apporter son soutien à la candidature de Jean Luc Mélenchon ! pic.twitter.com/m7I5jMo7FP
— Rima Hassan (@RimaHas) June 7, 2026
Kulturpolitik
Dass die Stadt Düsseldorf nach großsprecherischen Ankündigungen den Neubau der Oper stoppt, obwohl man bereits das Areal eines ehemaligen Kaufhauses am Wehrhahn gekauft hatte, ist für Hubert Spiegel in der FAZ ein Zeichen: Große Kulturpolitische Projekte lassen sich heute finanziell kaum mehr stemmen. "Auch andere Großprojekte stagnieren oder werden infrage gestellt. Was geschieht mit Frankfurts Opern- und Schauspielplänen, mit Bonns Opernvorhaben in Beuel, mit dem Migrationsmuseum Selma in Köln? In Düsseldorf kommt man mit dem großspurig angekündigten Deutschen Fotoinstitut nicht vom Fleck, der Abriss der Kunsthalle droht am Horizont, und jetzt ist auch noch der Opernneubau futsch."
In Halle soll bis 2032 und für 280 Millionen Euro das "Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation" entstehen (unser Resümee), das sich den "Umbruchserfahrungen der Ostdeutschen" widmen will, wie wir im SZ-Interview mit der Programmdirektorin Uta Bretschneider lesen. Sie erklärt, warum ein solches Zentrum als Ausstellungs- und Forschungsort gebraucht wird: "Transformationszeit ist keine Epoche wie Barock oder Mittelalter, die bereits abgeschlossen ist. Es gibt weiter kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West und strukturelle Ungleichheiten. Bevor man Umbrüche analysieren kann, muss man sie erst mal bewältigen. Es dauert oft eine Generation, bis sich neue Fragen an Zeitzeuginnen und Zeitzeugen stellen. Auch viele Archivfristen lassen jetzt erst eine Öffnung zu. Viele Menschen hätten sich das schon eher gewünscht, aber notwendig ist dieser Ort gerade jetzt."
Außerdem meldet Patrick Bahners in der FAZ, dass Kulturminister Wolfram Weimer eine Äußerung über drei Buchhandlungen, denen er eine Subvention verweigerte, weil sie "extremistisch" seien, nach einem Gerichtsentscheid nicht wiederholen wird.
In Halle soll bis 2032 und für 280 Millionen Euro das "Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation" entstehen (unser Resümee), das sich den "Umbruchserfahrungen der Ostdeutschen" widmen will, wie wir im SZ-Interview mit der Programmdirektorin Uta Bretschneider lesen. Sie erklärt, warum ein solches Zentrum als Ausstellungs- und Forschungsort gebraucht wird: "Transformationszeit ist keine Epoche wie Barock oder Mittelalter, die bereits abgeschlossen ist. Es gibt weiter kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West und strukturelle Ungleichheiten. Bevor man Umbrüche analysieren kann, muss man sie erst mal bewältigen. Es dauert oft eine Generation, bis sich neue Fragen an Zeitzeuginnen und Zeitzeugen stellen. Auch viele Archivfristen lassen jetzt erst eine Öffnung zu. Viele Menschen hätten sich das schon eher gewünscht, aber notwendig ist dieser Ort gerade jetzt."
Außerdem meldet Patrick Bahners in der FAZ, dass Kulturminister Wolfram Weimer eine Äußerung über drei Buchhandlungen, denen er eine Subvention verweigerte, weil sie "extremistisch" seien, nach einem Gerichtsentscheid nicht wiederholen wird.
Politik
Der islamistische Terrorismus dringt bis in den Osten des Kongo vor, berichtet Kennedy Muhindo in der taz. Dort haben die ADF (Allied Democratic Forces) mehrere Massaker verübt. "Die ADF gehört zu den mörderischsten bewaffneten Gruppen der Demokratischen Republik Kongo. Ursprünglich in Uganda entstanden, aber seit Jahrzehnten in den Wäldern Ostkongos ansässig, haben sie trotz mehrfacher Militäroperationen eine außergewöhnliche Schlagkraft entwickelt - nach UN-Recherchen gefördert durch afrikanische Netzwerke des 'Islamischen Staates', als deren Arm die ADF sich zuweilen ausgibt. In Beni kursieren nun unvorteilhafte Vergleiche: Die ADF tötet mehr Menschen als die Ebola-Seuche, gegen die die internationale Weltgemeinschaft erhebliche Mittel in Bewegung setzt. Oder die von Ruanda unterstützten M23-Rebellen weiter südlich, gegen die Kongos Regierung immense militärische Anstrengungen auf die Beine stellt und weltweit diplomatisch mobil macht."
Im taz-Gespräch mit Anna Lehmann und Stefan Reinecke wiederholt der Historiker Moshe Zimmermann seine bekannte Position zum deutsch-israelischen Verhältnis : "Deutschland kann Druck aufbauen, um Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern zu ermöglichen. Das muss die Richtlinie deutscher Politik sein. Und das kann sie nur sein, wenn Deutschland nicht aus einer falsch verstandenen Deutung der Jahre 1933 bis 1945 und einer falsch verstandenen Staatsräson die israelische Regierung schonen will."
Wie kann es im Iran weitergehen? Der Historiker Kijan Espahangizi sieht in der NZZ nur Hoffnung für das iranische Volk, wenn das Regime gestürzt wird: "Dann eröffnet sich die Chance auf eine neue welthistorische Konstellation. Die wichtigste Bastion des politischen Islam könnte fallen. Ein großes Land mit einer jungen und gebildeten Bevölkerung könnte sich von einer islamistischen Herrschaft lösen. Schon jetzt versteht sich nur noch rund ein Drittel der rund 90 Millionen Iraner als muslimisch. Aus einer Stütze der Achse der Autokratien könnte ein wichtiger Partner der freien Welt werden; eine Kraft für Frieden und Wohlstand nicht nur in der Region. Aber auch hier sollte man keine Illusionen haben: Der Preis für den Sturz eines Regimes, das den Märtyrertod mehr schätzt als das irdische Leben, wird hoch sein und der Weg nicht einfach. Aber die Chance wäre gewaltig. Für Iran. Für den Nahen Osten. Für einen Westen, der immer stärker an sich selbst zweifelt."
Im taz-Gespräch mit Anna Lehmann und Stefan Reinecke wiederholt der Historiker Moshe Zimmermann seine bekannte Position zum deutsch-israelischen Verhältnis : "Deutschland kann Druck aufbauen, um Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern zu ermöglichen. Das muss die Richtlinie deutscher Politik sein. Und das kann sie nur sein, wenn Deutschland nicht aus einer falsch verstandenen Deutung der Jahre 1933 bis 1945 und einer falsch verstandenen Staatsräson die israelische Regierung schonen will."
Wie kann es im Iran weitergehen? Der Historiker Kijan Espahangizi sieht in der NZZ nur Hoffnung für das iranische Volk, wenn das Regime gestürzt wird: "Dann eröffnet sich die Chance auf eine neue welthistorische Konstellation. Die wichtigste Bastion des politischen Islam könnte fallen. Ein großes Land mit einer jungen und gebildeten Bevölkerung könnte sich von einer islamistischen Herrschaft lösen. Schon jetzt versteht sich nur noch rund ein Drittel der rund 90 Millionen Iraner als muslimisch. Aus einer Stütze der Achse der Autokratien könnte ein wichtiger Partner der freien Welt werden; eine Kraft für Frieden und Wohlstand nicht nur in der Region. Aber auch hier sollte man keine Illusionen haben: Der Preis für den Sturz eines Regimes, das den Märtyrertod mehr schätzt als das irdische Leben, wird hoch sein und der Weg nicht einfach. Aber die Chance wäre gewaltig. Für Iran. Für den Nahen Osten. Für einen Westen, der immer stärker an sich selbst zweifelt."
Medien
Eine der interessantesten Kolumnen zum Medienwandel schreibt Sebastian Esser vom Netzwerk "Steady" (das auch die Abonnentenschaft des Perlentaucher organisiert). Heute stellt er die Karten des Experten Evan Shapiro zum Medienwandel vor, der zur erwartbaren Erkenntnis kommt, dass die klassischen Medien heute längst überflügelt sind von den Plattform- und bald auch KI-Konzernen. Die Reichweite der Medien spielt keine Rolle mehr, weil sich jeder Konsument seinen Stream selbst zusammenstellt. Daraus folgt Shapiros Devise: "Depth is the New Scale". Es kommt für Medien nicht mehr auf Reichweite an, sondern auf Bindung zu seinen einzelnen Konsumenten: "Ein Medienhaus hört auf, seine Reichweite an Werbetreibende zu vermieten, und baut stattdessen eine direkte, bezahlte Beziehung zu den Menschen auf, denen sein Thema wirklich wichtig ist. Das Gesicht dieser Beziehung sind dann nicht Logo und Marke, sondern einzelne Journalist:innen - mit eigenem Newsletter, eigenem Podcast, eigener Sprechstunde, so erreichbar und wiedererkennbar wie ein Creator. Es entstehen kleine, loyale Communitys: eine pro Ressort, pro Thema, pro Stimme. Darin läge der Vorteil eines etablierten Unternehmens: Ein Verlag kann dieses Modell nicht einmal, sondern fünfzigmal parallel betreiben."
Gesellschaft
Neulich hatte Katja Scholtz in der FAZ gefragt, ob man überhaupt angesichts rasenden Sprachwandels überhaupt noch den Duden braucht (unser Resümee). Doch doch, antwortet ihr der Sprachwissenschaftler Roland Kaehlbrandt heute, als Amtssprache brauche Deutsch auch eine Normierung, und "Schriftsprache ist Normsetzung!" Und überhaupt: "Die Standardsprache weist in Morphologie und Syntax eine erstaunliche Stabilität auf. Was sich eher wandelt, ist der Wortschatz. Im System des Deutschen ist eine große Gelenkigkeit und mithin Integrationsfähigkeit angelegt, sowohl in der hochelastischen Wortbildung, Stichwort 'Lego-Sprache', als auch im gelenkigen Satzbau mit seinen feinen Nuancierungen durch recht freie Wortstellung."
In der SZ denkt Susan Vahabzadeh darüber nach, ab welchem Alter man eher von "Mädchen" oder von "jungen Frauen" sprechen sollte. Für das Sexualstrafrecht ist eine Einordnung als Mädchen, also als Kind, sinnvoll. Aber die "Infantilisierung" von Frauen hat auch eine problematische Seite: "Die wohlmeinende Tendenz, 16-Jährige (oder 18-Jährige) vor allem im Kontext von Sexualität als Mädchen zu bezeichnen, kommt also nicht von ungefähr. Nur: Kann man im einen Zusammenhang ein Mädchen sein, im anderen aber gleichzeitig eine junge Frau? Es gibt auch in westlichen Gesellschaften immer noch die Tendenz, Frauen weit über die Volljährigkeit hinaus zu bevormunden. Und das Verlängern der Mädchenhaftigkeit bis in die Lebensmitte hat ja auch mit einem Jugendwahn zu tun, dem Frauen viel stärker unterworfen werden als Männer. Aber beim ewigen Mädchensein ist eben Vorsicht geboten, denn Bevormundung von Frauen bleibt ein Gesellschaftsspiel: Mansplaining, Handwerker, die ihre Auftraggeberinnen nicht ernst nehmen, und Mediziner, die den Beschwerden ihrer Patientinnen weniger Bedeutung zumessen als denen von Männern."
Im Welt-Interview erzählt Sonja Bohl-Dencker, die Mutter der Studentin Carolin Bohl, die am 7. Oktober von der Hamas ermordet wurde, was vermutlich in den letzten Stunden ihrer Tochter passiert ist. Wirklich glücklich werden kann sie nicht mehr, sagt sie. Auch hat sie Angst, dass die Erinnerung an das Massaker verblassen wird: "Ich glaube sogar, dass der 7. Oktober bei vielen Menschen jetzt schon in Vergessenheit geraten ist oder vielleicht nie wirklich präsent war. Und ich denke, das wird weiter so gehen. Verhindern ließe sich das aus meiner Sicht nur durch eine große gemeinsame Anstrengung von Menschen, die bereit sind, objektiv auf diesen Konflikt zu schauen. Damit meine ich nicht einfach nur 'proisraelische' Stimmen. Sondern auch gemäßigte Menschen, die sagen: Wir schauen uns den Konflikt in all seinen Facetten an und nicht nur einzelne Ausschnitte. Genau das fehlt mir oft."
In der SZ denkt Susan Vahabzadeh darüber nach, ab welchem Alter man eher von "Mädchen" oder von "jungen Frauen" sprechen sollte. Für das Sexualstrafrecht ist eine Einordnung als Mädchen, also als Kind, sinnvoll. Aber die "Infantilisierung" von Frauen hat auch eine problematische Seite: "Die wohlmeinende Tendenz, 16-Jährige (oder 18-Jährige) vor allem im Kontext von Sexualität als Mädchen zu bezeichnen, kommt also nicht von ungefähr. Nur: Kann man im einen Zusammenhang ein Mädchen sein, im anderen aber gleichzeitig eine junge Frau? Es gibt auch in westlichen Gesellschaften immer noch die Tendenz, Frauen weit über die Volljährigkeit hinaus zu bevormunden. Und das Verlängern der Mädchenhaftigkeit bis in die Lebensmitte hat ja auch mit einem Jugendwahn zu tun, dem Frauen viel stärker unterworfen werden als Männer. Aber beim ewigen Mädchensein ist eben Vorsicht geboten, denn Bevormundung von Frauen bleibt ein Gesellschaftsspiel: Mansplaining, Handwerker, die ihre Auftraggeberinnen nicht ernst nehmen, und Mediziner, die den Beschwerden ihrer Patientinnen weniger Bedeutung zumessen als denen von Männern."
Im Welt-Interview erzählt Sonja Bohl-Dencker, die Mutter der Studentin Carolin Bohl, die am 7. Oktober von der Hamas ermordet wurde, was vermutlich in den letzten Stunden ihrer Tochter passiert ist. Wirklich glücklich werden kann sie nicht mehr, sagt sie. Auch hat sie Angst, dass die Erinnerung an das Massaker verblassen wird: "Ich glaube sogar, dass der 7. Oktober bei vielen Menschen jetzt schon in Vergessenheit geraten ist oder vielleicht nie wirklich präsent war. Und ich denke, das wird weiter so gehen. Verhindern ließe sich das aus meiner Sicht nur durch eine große gemeinsame Anstrengung von Menschen, die bereit sind, objektiv auf diesen Konflikt zu schauen. Damit meine ich nicht einfach nur 'proisraelische' Stimmen. Sondern auch gemäßigte Menschen, die sagen: Wir schauen uns den Konflikt in all seinen Facetten an und nicht nur einzelne Ausschnitte. Genau das fehlt mir oft."
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