9punkt - Die Debattenrundschau

Bewohnte Lärmschutzwand

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.05.2026. Die antiisraelische Obsession westlicher Öffentlichkeiten schadet vor allem diesen selbst, meint Bret Stephens in der New York Times. Was hat die FAZ da mit Thalia zu laufen und warum müssen die Buchverlage dafür 65.000 Euro bezahlen, fragt die SZ. Des Bedünkens der FAZ nach könnte der Duden obsolet sein. Und die Ruhrbarone träumen nach der "re:publica" von der Zukunft des Internets: "Bergdoktor" schauen auf einem öffentlich-rechtlichen Facebook.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.05.2026 finden Sie hier

Europa

Putin wirkt geschwächt, diagnostiziert Friedrich Schmidt im Leitartikel der FAZ. Zwar ist von den Russen keine Revolte gegen ihn zu erwarten, aber die Inflation, die wirtschaftliche Lage, die Internetabschaltungen und die vielen Toten lasten auf der Bevölkerung. Selbst das Poussieren mit Trump scheint nicht mehr zu fruchten. "Trump irrlichterte, wirkt nun vom eigenen Krieg abgelenkt. Von Moskau, das mit einem Raketenschlag gegen Kiew und die dortigen Botschaften drohte, ließ er sich dazu bewegen, eine Waffenruhe zum 'Tag des Sieges' am 9. Mai auszurufen. So sicherte Trump Putins Militärparade, deren magerer Umfang den Eindruck von Schwäche noch verstärkte. Dass Putin sich heillos in den Ukrainekrieg verstrickt hat, lässt auch Moskaus Einfluss in Zentralasien und im Südkaukasus erodieren."

Beim SPD-Bashing geht's, wie davor schon beim Merkel-Bashing, eigentlich nur um eins: Widerwillen gegen "die gemäßigte Republik an sich", ist in der SZ Jost Kaiser überzeugt. Deshalb werfen ihr Rechte und Linke immer wieder "Verrat" an den Arbeitern vor: "Die Linkspartei hat im Osten über Jahrzehnte Ressentiments gegen die liberale Demokratie bewirtschaftet. Damit hat sie eine erhebliche Mitschuld am dortigen Aufstieg des Rechtsextremismus. Dazu kam die schändliche Diffamierungskampagne gegen die traditionsreiche demokratische Kraft SPD. Jetzt gerade hat die Linke im Zuge der 'Israel-Kritik' in Niedersachsen einfach mal so den 'real existierenden Zionismus' abgelehnt, also die Idee, die Juden weltweit in Israel Schutz vor Verfolgung garantieren will. Die Partei, die aus der SED hervorging, stellt sich damit in die Tradition der DDR und des westdeutschen Linksextremismus. ... Überaltert, eine Partei des öffentlichen Dienstes und der Rentner: Nichts scheint anziehend an der SPD. Nur gerechtfertigt ist die Projektion der SPD als Sinnbild der schlaffen Republik nicht."
Archiv: Europa

Kulturpolitik

In der SZ berichtet Peter Richter eher skeptisch über die Diskussionen um eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes in Berlin und den Plan, den die Architekten Tobias Nöfer und Hans Kollhoff kürzlich vorstellten (unser Resümee): "Zu schön, um wahr zu sein? Ein paar Fragen bleiben schon mit Blick auf das Rendering offen. Da ein beträchtlicher Teil der Wohnungen entlang der Stadtautobahn konzipiert ist, muss man sich die zunächst als bewohnte Lärmschutzwand vorstellen. Das andere ist, dass speziell Nöfer als Architekt in Berlin bisher vor allem für cremetortenfarbige Eigentumswohnanlagen bekannt ist, die tendenziell etwas mit 'Palais' im Namen haben und gerade in den Anrainermilieus des Tempelhofer Felds eher für Gentrifizierungssorgen sorgen. Sie wollten sich hier gar nicht unbedingt selbst als Architekten ins Spiel bringen, sagen allerdings die Architekten, die vielmehr nur eine Idee ins Spiel gebracht haben möchten."
Archiv: Kulturpolitik

Gesellschaft

Wie kommt es, dass in der westlichen Öffentlichkeit immer wieder Israel zum Ausbund des Bösen gemacht wird, fragt der New-York-Times-Kolumnist Bret Stephens in einer indirekten Antwort auf seinen Kollegen Nicholas Kristof, der den Israelis ohne haltbare Belege vorwarf, sie würden Hunde abrichten, um palästinensische Gefangene zu vergewaltigen (unsere Resümees). Gerüchte über Israel schaden den Palästinensern mehr als den Israelis, so Stephens, da die realen Gewaltverhältnisse kaum mehr ausreichend analysiert würden. "Den größten Schaden erleiden jedoch die westlichen Institutionen, insbesondere jene, die mit der Verbreitung unbequemer Wahrheiten betraut sind. Das gilt nicht nur für den Journalismus, sondern auch für einst bewunderte Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch, die sich in den letzten Jahrzehnten zu Fabriken für antiisraelische Schmähreden gewandelt haben… Ähnlich verhält es sich mit weiten Teilen der Wissenschaft, in der die durch die Angriffe vom 7. Oktober geschürte antiisraelische Wut sowohl ein Symptom des allgemeinen intellektuellen Verfalls … Wie kommt es, dass der Hass auf ein Land den Hassenden letztlich mehr Schaden zufügt als den Gehassten?"

Ninve Ermagan besucht für die NZZ in Berlin die Frauenrechtlerin und Imamin Seyran Ateş, die seit zwanzig Jahren, seit ein rechtsextremer Türke ihr in den Kopf schoss, unter Personenschutz lebt: "Ein normales Leben führt Seyran Ateş schon lange nicht mehr. Einkäufe übernehmen Familienangehörige, Pakete bestellt sie unter fremden Namen, ihre Familie hält sie aus der Öffentlichkeit heraus, und wer sie treffen will, kommt zu ihr. Sie dreht den Kopf, schaut in ihre Wohnung. 'Ich bin eine sehr häusliche Person", sagt die Imamin - sie lebe schließlich wie unter Hausarrest. ... Ist der Preis für ihre Islamkritik zu hoch? Der Gedanke, alles hinter sich zu lassen, hat Ateş durchaus beschäftigt - Namensänderung, Umzug in ein Land ohne islamische Präsenz, ein kleiner Ort, unauffälliges Leben, Unsichtbarkeit als letzter Ausweg. Doch endgültig durchgesetzt habe er sich nie."

Am Sonntag finden in Las Vegas die ersten "Enhanced Games" statt. Doping und andere Maßnahmen zur Verbesserung der Körper sind ausdrücklich erlaubt. Diese Art transhumanistische Träume sind nichts Neues, schreibt Ines Geipel in der FAZ: "Auch Leo Trotzki, Revolutionär der ersten Stunde und Stalins großer Widersacher, wollte im Zuge der sowjetischen Heroenkultur keinen Stein auf dem anderen lassen. Auch bei ihm war es höchste Zeit für eine 'radikale Revision - der Natur wie des Menschen'. 'Das Leben, selbst das rein physiologische, wird kollektiv-experimentell werden', gab er vor. Trotzkis Bemächtigungsidee? 'Einen höheren gesellschaftlich-biologischen Typus zu erschaffen, einen - wenn man so will - Übermenschen.'"

Gerade ist die 29. Auflage des Rechtschreib-Duden erschienen, aber hat dieser einst als Autorität angestaunte "gelbe Ziegel" angesichts einer sich in Lichtgeschwindigkeit ändernden Sprachwirklichkeit überhaupt noch Sinn, fragt Katja Scholtz in der FAZ: "Werden sich 'nerdig', 'Vibe' und 'Framing' im Duden halten? Wird es sich gelohnt haben, 'Klimakleber' in die neue Auflage aufzunehmen, nachdem die Letzte Generation (die sich mittlerweile Neue Generation nennt) das Festkleben im öffentlichen Raum als Haupttaktik aufgegeben hat? Und wer trauert im Gegenzug 'bedünken' hinterher? Denn es werden ja nicht nur Wörter hinzugefügt - in der letzten Auflage etwa 3000 -, sondern auch gestrichen (zuletzt etwa 200)."
Archiv: Gesellschaft

Kulturmarkt

Die FAZ hat gemeinsam mit der Thalia-Kette eine Art "Buchclub" gegründet. Man einigt sich mit Verlagen, und dann wird ein Buch in der FAZ sowie in den Thalia-Buchläden auch ganz groß herausgestellt, so geschehen etwa mit Leila Slimanis letztem Roman "Trag das Feuer weiter". Hat das noch was mit Literaturkritik zu tun, fragt Hans-Jürgen Jakobs, äh, in der SZ: "Es geht konkret um jeweils 65.000 Euro. Diese Summe erscheint in einem Vermarktungskonzept vom 13. März, das der Thalia-Konzern (rund 570 Buchhandlungen) an etwaig interessierte Verlage verschickte. Das Geld verlangt man für Platzierungen bei Thalia (auf Sonderverkaufsflächen in eigenen Buchläden, auf der Homepage oder auf Social Media) sowie in den Medien der FAZ." Durch diese Marketingaktionen werden große Verlage wie Randomhouse begünstigt, fürchtet Jakobs, und überhaupt: "Was bei solchen Verbundaktionen in Verruf kommen könnte, ist die eigene Glaubwürdigkeit - Haupttrumpf im Wettstreit mit den in der Branche beliebt gewordenen Buch-Influencern."

Buch in der Debatte

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Rund dreißig Autorinnen und Autoren haben dem Westend-Verlag in Neu-Isenburg gekündigt, weil der das Buch "Links - Deutsch / Deutsch - Links" von Pauline Voss und Julian Reichelt herausgegeben hat: "Darin sehen die Autorinnen und Autoren eine Öffnung des Verlags für Positionen, die der AfD nahestünden", berichtet unter anderem die FR. "So habe der Verlag 'das Spektrum ihrer Veröffentlichungen bis hin zur extremen Rechten erweitert'. Kritisiert wird, dass der Verlag Personen eine Plattform biete, die 'große Teile des demokratischen Spektrums verunglimpfen'. Die Unterzeichnenden erklären, sie hätten den Westend-Verlag bislang als Ort eines pluralen, demokratisch geprägten Debattenraums verstanden."

Der Verlag "nahm den Brief 'mit Bedauern' zur Kenntnis", berichtet Sebastian Beug in der Welt, und "verweist auf die leicht geänderte Positionierung auf seiner Website. 'Wir verstehen uns ausdrücklich als Plattform für kritische, an sozialer Gerechtigkeit und umfassender Teilhabe orientierte Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen - ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit', heißt es dort." Dass Westend immer auch ein Verlag für Verschwörungstheoretiker war, wird von keiner Seite erwähnt.
Archiv: Kulturmarkt

Politik

Große Empörung weltweit und in Israel löste eine Aktion des israelischen Polizeiministers Itamar Ben-Gvir aus, berichtet unter anderem Hans-Christian Rößler in der FAZ, nachdem einige antiisraelische Aktivisten, die sich der Küste mit Schiffen genähert hatten, festgenommen wurden. "Ben-Gvir hatte am Mittwoch mehrere Aufnahmen veröffentlicht, in denen er inhaftierte und gefesselte Aktivisten verhöhnte - versehen mit dem Kommentar: 'So heißen wir Terrorunterstützer willkommen'. Eine Szene zeigt den Minister, der eine große israelische Flagge schwenkt, während im Hafen von Aschdod Aktivisten gezwungen werden, mit gesenktem Kopf auf dem Boden zu knien, und die israelische Nationalhymne über Lautsprecher ertönt."

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Der Zionismus war seit der Gründung des Staates Israel ein ethnischer Nationalismus, der die Palästinenser ausschloss, erläutert der israelische Historiker Omer Bartov die Hauptthesen seines neuen Buchs "Israel: What went wrong?" im Interview mit der FR. Der Holocaust habe bei der Staatsgründung gar keine so große Rolle gespielt und also auch nicht die Angst, dieser könne sich wiederholen: "Die letzte große militärische Auseinandersetzung, in der Israel tatsächlich existenziell bedroht war, war 1973. Die Palästinenser, die Israel seit 1967 beherrscht und unterdrückt, stellen keine existenzielle Gefahr für Israel dar. Trotzdem wird der Holocaust immer wieder benutzt, um diese Unterdrückung zu legitimieren." Die Hamas und das Massaker vom 7. Oktober blenden er und Interviewer Michael Hesse komplett aus, auch wenn Bartov wieder mal für seine "Idee einer Konföderation" wirbt: "Sie würde zwei Staaten ermöglichen, also Selbstbestimmung für beide Völker. Zugleich müsste sie zwischen Staatsbürgerschaft und Wohnsitz unterscheiden. Man könnte Bürger des einen Staates sein und im anderen wohnen, ähnlich wie ein Deutscher in Paris leben kann, ohne Franzose zu werden. Das würde offene, aber regulierte Grenzen bedeuten, gemeinsame Institutionen, eine geteilte Hauptstadt Jerusalem und Mechanismen, um die Beziehungen zwischen beiden nationalen Gemeinschaften zu regeln."
Archiv: Politik

Digitalisierung

Die gerade abgelaufene Internetmesse "re:publica", die einstmals die Avantgarde des Internets versammeln wollte, präsentiert sich inzwischen eher als eine Leistungsschau gut genährter Digital-NGOs, findet Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen. Der Gründer Markus Beckedahl träumt inzwischen von öffentlich-rechtlichen sozialen Medien: "Die Idee eines öffentlich-rechtlichen Facebooks oder eines Anstalts-Twitters geistert schon seit Längerem durch die Köpfe der Mitglieder der Aufsichtsräte von ZDF, WDR und der anderen medialen Seniorenangeboten. Warum nicht den kreativen Köpfen, denen wir den 'Bergdoktor', das 'ZDF Magazin Royale', 'Funk' und 'Die Feste mit Florian Silbereisen' zu verdanken haben, die Möglichkeit geben, das langweiligste soziale Medium des Planeten aufzubauen? Mir persönlich wäre es egal, welches Angebot, für das ich bezahlen muss, ohne es zu nutzen, ich mit meinen Zwangsgebühren finanziere. Das Geld wird sowieso abgebucht. 'Ohne uns wären die schon längst pleite', sagte eine prominente WDR-Führungskraft einem Freund von mir, der ihn am Montag darauf ansprach, warum die öffentlich-rechtlichen Sender auf der re:publica so präsent seien. Ob das stimmt oder nur Anstaltshybris war, kann ich nicht beurteilen."
Archiv: Digitalisierung

Medien

Einen kleinen Wirbel hat ein Text des französischen KI-Unternehmers Brivael Le Pogam geschlagen, der in der These gipfelte, Frankreich müsse sich bei der Welt für Rousseau und die French Theorie entschuldigen, weil die am Wokeismus schuld seien, berichtet in der NZZ Thomas Ribi. Warum gerade Rousseau? "Rousseau habe den Gedanken in die Welt gesetzt, dem das Übel der Woke-Bewegung zugrunde liege: die Idee, der Mensch sei gut geboren, und es sei die Gesellschaft, die ihn verderbe. Dieses Prinzip klinge zwar gut, so Le Pogam. Aber es sei verderblich. Denn es mache alles verdächtig, was eine Zivilisation strukturiere: Besitz, Hierarchie, Tradition, Institutionen. Wenn der Mensch an sich gut sei, liege das Böse nicht in ihm, sondern in der gesellschaftlichen Ordnung. Also müsse man die Ordnung zerschlagen, damit sich das Gute entfalten könne. Das sei der Nährboden, dem der Terror des Kommunismus genauso entspringe wie die Überzeugung, man könne durch Erziehung einen "neuen", vollkommenen Menschen schaffen. Und der Wokeismus, der sich zum Ziel setze, die Gesellschaft zu reinigen, indem er ihre Normen auf den Kopf stelle." Als Elon Musk das auf X mit dem Satz kommentierte, "Rousseau was such a diabolical asshole!", lasen plötzlich fünfzig Millionen Menschen Le Pogams Text.
Archiv: Medien