9punkt - Die Debattenrundschau

Die Notwendigkeit zu wetten

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.05.2026. Italien hat seine faschistische Vergangenheit nie richtig aufgearbeitet, das hat Folgen, warnt in der FAZ der Autor Antonio Scurati. In der taz fragt der estnische Sicherheitsexperte Marek Kohv die Westeuropäer: Wollt ihr mit hohen Gehältern und guten Renten in einen Dritten Weltkrieg ziehen oder mit einer exzellenten Armee? Die FAZ stellt einen Plan zur Randbebauung des Tempelhofer Feldes vor, der wie die buchstäblich eierlegende Wollmilchsau anmutet. 54books erklärt, warum die einen Autoren 160.000 Euro Vorschuss bekommen, die anderen nur 15.000.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.05.2026 finden Sie hier

Europa

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Antonio Scuratis fünfteilige Romanbiografie "M" erzählt italienische Geschichte aus der Sicht Benito Mussolinis. Der erste Teil war ein Riesenerfolg - selbst bei den Neo- und Postfaschisten in Italien. Ab dem zweiten Band änderte sich das, erzählt er im Interview mit der FAZ. "Italien hat den Faschismus noch nicht richtig aufgearbeitet. Das zeigt auch der Wahlsieg von Melonis 'Fratelli d'Italia', einer Partei, die wir als postfaschistisch bezeichnen, unter deren Vertretern jedoch viele Neofaschisten sind. Ihr Erfolg resultiert aus dieser großen nationalen Verdrängung, hätte man jemals Bilanz gezogen, wäre es nicht so weit gekommen. Der Sieg war aber für die Partei selbst auch eine verpasste Gelegenheit: Sie hätte in einem öffentlichen Prozess der Diskussion und des kollektiven Bewusstwerdens ihren politischen Kurs überdenken können. Stattdessen versucht sie, die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts neu zu schreiben und neu zu bewerten. Bei dem Versuch, Mussolini umzudeuten, versperrt ihr 'M' wie ein Monolith den Weg. Meine Erzählung von Mussolini wird für viele Jahre maßgeblich sein. Sie ist eine antifaschistische. Das ist für die Rechte ein unlösbares Problem."

In den baltischen Staaten gibt es immer wieder Vorfälle mit russischen Drohnen, berichten Mathias Brüggmann und Tanja Tricarico in der taz. Sie bereiten sich schon lange auf einen möglichen Krieg vor - allein Estland gibt fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aus. Das sollten die großen westlichen Staaten, vor allem Deutschland, auch tun, meint der estnische Sicherheitsexperte Marek Kohv im beistehenden Interview: "In Estland im Vergleich zu anderen Nato-Ländern gibt es eine allgemeine Zustimmung zu Verteidigungsausgaben. Wir wissen, wie es ist, von Russland besetzt zu sein. Meine Frage an alle Länder in den westlichen Bündnissen, wenn es zum Worst Case kommt: Wollt ihr mit hohen Gehältern, guten Renten und tollen Straßen in einen Dritten Weltkrieg ziehen oder wollt ihr mit einer sehr gut vorbereiteten Gesellschaft und Streitmacht in diesen Krieg ziehen? ... In Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern hattet ihr eure Friedensphase, die wir hier eigentlich nie erlebt haben, selbst als wir unsere Unabhängigkeit wiedererlangten. Russische Einflussoperationen begannen bereits in den neunziger Jahren. Wir erlebten hybride Aktivitäten aus Russland, noch bevor der Begriff 'hybrid' geprägt wurde."
Archiv: Europa

Kulturpolitik

Berlin braucht bezahlbare Wohnungen. Da ist der Vorschlag verlockend, das riesige Tempelhofer Feld am Rand zu bebauen. In der FAZ wirbt Niklas Maak für einen Plan der Architekten Tobias Nöfer und Hans Kollhoff, der auch eine Garantie der Nichtbebauung für die restlichen zwei Drittel beinhaltet: "Zwei Drittel des Feldes werden wie ein 'Central Park' behandelt, in eine Stiftung überführt und dürfen nicht mal nach einer Gesetzesänderung bebaut werden, ein Drittel der Fläche am Rand wird mit sechsgeschossiger, hochverdichteter, aber durch kleine Plätze aufgelockerter Blockrandbebauung gefüllt, wobei 21.400 Wohnungen entstehen sollen." 30 Prozent der Wohnungen sollen auf dem freien Markt verkauft werden, 70 Prozent wäre sozialer Wohnungsbau. "Die Idee, so Kollhoff, sei, dass sich in einem Haus alle sozialen Schichten abbildeten", außerdem wolle man versuchen, einfacher zu bauen. "Kurz gesagt, ist die Idee: serieller, vorgefertigter Bau, fast in Plattenbauweise, aber 3,20 Meter Deckenhöhe und flexible Grundrisse, davor individualisierte Fassaden. Kollhoff zitierte das Beispiel des Chamissoplatzes, wo Ende des 19. Jahrhunderts in kürzester Zeit qualitätvolle Wohnungen entstanden."

Inzwischen muss der Denkmalschutz als Sündenbock für den schleppenden Wohnungsbau herhalten, obwohl "nur etwa drei Prozent des Baubestandes" unter die Denkmalpflege fallen, ärgert sich in der FAZ Arnold Bartetzky. In Hessen und Sachsen soll der Landesdenkmalschutz stark beschnitten oder sogar abgeschafft werden. Die Erhaltung eines Denkmals sollen laut Hessens CDU jetzt vor allem von wirtschaftlichen Faktoren abhängen. Das wäre auch für die Eigentümer unklug, warnt Bartetzky: "So drohte etwa nach der Wiedervereinigung bei den Sanierungen von Gründerzeithäusern in Ostdeutschland die massenhafte Zerstörung von Parkett, Stuck und Fassadendekorationen nebst Ersatz von Holzfenstern durch Plastikfenster, weil viele Investoren Kosten und Arbeitsaufwand sparen wollten. Indem die Denkmalpflege dies oftmals verhindern konnte, trug sie langfristig zur Wertsteigerung der Häuser bei - und zum Erhalt von Stadtbildern, die im Westen nach dem Modernisierungsfuror der Nachkriegsjahrzehnte Seltenheitswert haben."
Archiv: Kulturpolitik

Gesellschaft

In der Zeit stellt Götz Hamann die umstrittene Organisation HateAid vor, die sich gegen Hass im Netz einsetzt, dabei aber zwangsläufig auch die Meinungsfreiheit einschränkt. Dass sie ausschließlich von links auf Hassrede gucken würden, sei aber ein Missverständnis: "Über Jahre konnten von Hodenberg und Ballon davon ausgehen, dass es ihren politischen Zielen nützt, wenn sie progressive Signale setzen, wenn sie gendern und dieselbe politische Sprache sprechen wie Grüne und SPD. ... So entstand der Eindruck, HateAid sei mit Parteien links von der CDU assoziiert, obwohl es, wie von Hodenberg sagt, für 'Law and Order' stehe. Obwohl sie bei HateAid mit der CDU in Hessen und in Nordrhein-Westfalen zusammenarbeiten. Obwohl sie einen Austausch mit der CSU in Bayern pflegen. Obwohl sie Kommunalpolitiker aus allen bürgerlichen Parteien beraten. Eine Vorfeldorganisation der Grünen ist HateAid also auf keinen Fall", so Hamann, der daran erinnert, dass es vor allem den zwei HateAid-Leiterinnen Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon zu verdanken sei, wenn jetzt Deepfakes unter Strafe gestellt werden.

In der Jungle World gibt es eine Debatte über den linken Antizionismus, der auch die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen ablehnt. Olaf Kistenmacher sieht darin eine "spezifisch linke Schuldabwehr", weil man sich mit dem eigenen Antisemitismus nicht auseinandersetzen will: "Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in der neu gegründeten DDR zu einer antisemitischen Verfolgungswelle: Gemeinden wurden durchsucht, Parteimitglieder 'jüdischer Abstammung' überprüft. Ein Schauprozess wie in der Tschechoslowakei 'stand unmittelbar bevor', schreibt der Historiker Thomas Haury in seinem Buch 'Antisemitismus von links' (2002). Über ein Viertel der rund 3.500 jüdischen Gemeindemitglieder floh in den Jahren 1952 und 1953 aus dem realsozialistischen Deutschland. Offiziell richtete sich die Verfolgung nicht gegen Jüdinnen und Juden, sondern gegen 'Zionisten'. Für Linke, die sich in diese Tradition stellen, gäbe es also viele Gründe, Scham zu empfinden. Der als Hass auf den Zionismus auftretende Antisemitismus war mehr als eine falsche Meinung. Er hatte - wie die Akte des Terrors und der Verfolgung zeigen - gravierende Auswirkungen."

"Praktisch jedes Land der Welt verzeichnete einen deutlichen Rückgang der Geburtenrate", hält die Professorin für Volkswirtschaft Claudia Goldin in der NZZ fest. Woran liegt es? Häufig daran, dass Frauen nicht auf Männer und Staat vertrauen können, hat Goldin herausgefunden: "Je glaubwürdiger Männer signalisieren können, dass sie für ihre Familie verlässliche 'Väter' und keine enttäuschenden 'Versager' sein werden, desto höher wird angesichts einer stärkeren Selbstbestimmung der Frauen die Geburtenrate ausfallen. Wenn Männer jedoch andere Prioritäten haben als Frauen, kann diese Diskrepanz zu einem starken Rückgang der Geburtenrate führen."
Archiv: Gesellschaft

Kulturmarkt

Eine Podiumsdiskussion zum Thema "Klasse" bei der re:publica in Berlin sorgt für Empörung bei Social Media: Die beiden Autoren Mareice Kaiser und Hanno Sauer verglichen die Vorschüsse, die sie jeweis für ihre neuen Bücher bekommen hatten. Während Sauer 160.000 Euro Vorschuss nannte, waren es bei Kaiser 15.000. Die Schriftstellerin Berit Glanz eruiert bei 54 books die Mechanismen, mit denen Verlage heutzutage Vorschüsse berechnen. 160.000 sind jedenfalls ungewöhnlich viel und werden selten wieder eingespielt. Warum zahlt ein Verlag trotzdem so viel?: "Hohe Vorschüsse dienen dazu Autoren an einen Verlag zu binden, sie sind also auch Aussagen darüber, welche Zukunftsperspektive ein Verlag der Gesamtkarriere einer Person zuschreibt. Manchmal geht es auch ganz pragmatisch darum, dafür zu sorgen, dass ein anderer Verlag einen potentiellen Bestsellerautor nicht abwirbt. Deswegen kommt es regelmäßig zu sehr hohen Vorschüssen und das hat in den vergangenen Jahren sogar noch zugenommen. Für Autoren ist die Höhe auch deswegen relevant, weil sie fast immer einiges über den kommenden Marketingeinsatz des Verlags aussagt: Hohe Vorleistung bedeutet einen hohen Einsatz des Verlags beim Verkauf des Buches." 

Maja Beckers findet die Aufregung um die unterschiedlichen Vorschüsse übertrieben, wie sie bei Zeit Online erklärt. Der Buchmarkt funktioniert eben anders, meint sie: "Ein Buch lässt sich kaum nach einem einheitlichen Maßstab messen und danach bezahlen. Man weiß immer erst nach der Lektüre eines Buches, ob man es kaufen sollte. Auch diese Unsicherheit, diese Überraschung, die der Kultur eingeschrieben ist, führt zu unerwarteten Erfolgen, zu Unsicherheit, zur Notwendigkeit zu wetten. Eigentlich wunderbar." Bei BlueSky weist Aida Baghernejad darauf hin, dass Sauers Vorschuss vermutlich auch den erwarteten Auslandsverkäufe geschuldet ist.
Archiv: Kulturmarkt

Medien

Die Jüdische Allgemeine hat den "Tacheles"-Preis für ihre Verdienste um das jüdische Leben in Deutschland erhalten. Die Welt druckt Philipp Peyman Engels Dankesrede, der die "tendenziöse Berichterstattung" über Israel kritisiert. Die "alte jüdische Redewendung ist und bleibt ebenso aktuell wie treffend: Auch die halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge. Überschriften wie 'Israel erwidert trotz neuer Waffenruhe Beschuss aus Gaza' (Der Spiegel) oder 'Israel droht mit Selbstverteidigung' (Focus) überlassen wir, die Jüdische Allgemeine, gerne den Kollegen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es gibt unzählige Gründe, Israel zu verteidigen, aber selbstverständlich - wie sollte es auch anders sein - manche Gründe, die israelische Regierung maximal hart zu kritisieren - ich denke an die beabsichtigte Einführung der Todesstrafe, die Schwächung demokratischer Instanzen, rechtsextreme Politiker und immer öfter auch an menschenverachtende Aussagen einzelner Minister."
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