Efeu - Die Kulturrundschau
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22.05.2026. Emmanuel Marres Film "Notre Salut" über einen Opportunisten in der Vichy-Zeit hätte die Goldene Palme verdient, meint critic.de: Nur leider ist er nicht konsensfähig genug. Die taz findet in Dortmund Momente der Schönheit im Müll. Im VAN-Interview hofft die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv, dass ukrainische Musik irgendwann ins Standardrepertoire deutscher Orchester gelangt. Und die FAZ beglückwünscht Norbert Gstrein zum Siegfried-Lenz-Preis, wünscht ihm aber andere Deuter.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
22.05.2026
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Film

Für Pavao Vlajcic (critic.de) zählt Emmanuel Marres "Notre Salut", der auf Grundlage von Aufzeichnungen von Marres Großeltern von einem Opportunisten in der Vichy-Zeit handelt, ohne Zweifel "zu den besten im diesjährigen Wettbwerb" von Cannes. "Allerdings bin ich mir aufgrund der relativ kompromisslosen Machart nicht sicher, als wie konsensfähig er sich erweisen wird." Der Film "psychologisiert nicht, arbeitet formal streng, mit beinahe dokumentarischem Gestus, zielt (...) auf den Kopf und nicht auf das Herz. Er lässt sich lange, aber in diesem Fall auch benötigte, 155 Minuten Zeit und zeigt bei privaten Abendessen, Parteitreffen und Arbeitsmeetings den Preis, den man für Konformität und Mitläufertum bezahlt. Der Regisseur dämonisiert seine Figur zu keinem Zeitpunkt, lässt sie aber auch nicht mit Ausflüchten und Ausreden davonkommen. So gelingt ihm ein überzeugendes Porträt eines Mannes seiner Zeit." Für die taz bespricht Tim Caspar Boehme den Film.
Ansonsten von der Croisette keine allzu großen Meldungen. Vielleicht nochmal eine Gelegenheit, auf dieses ominöse "Dogma 25" zu blicken, das Tom Tykwer, Kurdwin Ayub, Helene Hegemann, Nora Fingscheidt und İlker Çatak dort vor wenigen Tagen - "Dogma 95" rund um Lars von Trier eingedenk - ausgerufen haben. Erneut sind es erhebliche Selbstbeschränkungen, die sich die fünf deutschsprachigen Filmemacher auferlegt haben - beim Filmdienst kann man sie nachlesen. "Die Filmschaffenden präsentieren sich selbstbewusst und radikal", schreibt dort Felix Knorr. Rüdiger Suchsland kann darüber auf Artechock indessen nur lachen: "Warum muss es eigentlich ein Keuschheitsgelübde sein, warum keine filmische Orgie, keine cinephile Polyamorie? ... Bürgerlicher Puritanismus statt künstlerische Freiheit und keine erkennbare Selbstironie, stattdessen nur der alte zehnmal aufgebrühte Antikapitalismus von fünf etablierten Regisseuren, die offenbar mal ein bisschen herumspielen wollen. Verkrampft und aus zweiter Hand liest man eine Mischung aus leeren Behauptungen und Gelaber. Eine Totgeburt!"
Weiteres: Marie-Luise Goldmann spricht in der Welt mit Andrei Swjaginzew über dessen Film "Minotaur" (mehr dazu bereits hier). Josef Lederle (Filmdienst) und Hanns-Georg Rodek (Welt) resümieren das Festivalgeschehen der letzten Tage.
Besprochen werden Hagai Levis Arte-Sechsteiler "Etty" nach den Tagebüchern von Etty Hillesum, die in Auschwitz ermordet wurde (Welt, unsere Kritik), Tarik Salehs "Eagles of the Republic" (Standard, Artechock), Damiano Michielettos "Vivaldi und ich" (Artechock), Dietrich Brüggemanns "Home Entertainment" (Artechock), Jon Favreaus "Star Wars"-Film "The Mandalorian und Grogu" (Artechock, unsere Kritik), Guy Ritchies "In the Grey" (Welt) und die ARD-Serie "Stardust Hotel" (FAZ).
Kunst

Ganz richtig findet es Andreas Kilb in der FAZ, dass die Alte Nationalgalerie ihre Jubiläumsausstellung zum 150. Geburtstag keinem Künstler, sondern dem Kunsthändler Paul Cassirer widmet, holte dieser die Moderne doch erst nach Deutschland. Tausende von Gemälden und Skulpturen wanderten durch seine Geschäftsräume und die Ausstellung "sortiert die Bilder nicht nach Künstlernamen, sondern chronologisch nach dem Jahr, in dem sie bei Cassirer gezeigt wurden. Manet folgt auf Liebermann, Pissarro auf Monet, Renoir auf Corinth, Cézanne auf Slevogt, dann beginnt der Reigen von vorn. Kaum ein großer Name der Epoche fehlt", so Kilb, der in der Ausstellung "Korrespondenzen" bemerkt, die er "noch nicht gesehen hat: Renoirs 'Im Sommer' spricht mit Slevogts Mädchenbild, Liebermanns 'Landhaus in Hilversum' mit Manets 'Landhaus in Rueil', Van Goghs Selbstporträt von 1887 mit Corinths Porträt des Bohèmedichters Peter Hille. Und alle gemeinsam reden vom Kunstsinn des Paul Cassirer."

Würde das Museum Ostwall in seiner Ausstellung "Müll" nur die Abfallkunst der Vergangenheit zeigen, wäre sie schnell vergessen, meint Lars Fleischmann in der taz: Zu viel Agitprop und anspruchsloser Protest steckt in manchem Werk von HA Schult oder auch Klaus Staeck. Die Gegenwartskunst aber zeigt, dass Müll "neben den brisanten Verwicklungen globalen Ausmaßes auch Momente der Schönheit ausmacht, aber die der Ausbeutung, der Gewalt und des Grotesken nicht meidet. 'Postnaturalia' des Tschechen Krištof Kintera ähnelt HA Schults Olympiapark-Miniatur, expandiert aber vom etwas piefigen Format des Modelleisenbahnpanoramas in den Raum. Kabel und Platinen wachsen zu einem verwirrenden Konglomerat. Dessen Wesen changiert lässig zwischen dystopischem Stadtpanorama und verödeter Landschaft."
Literatur

Besprochen werden Uwe Johnsons "Berliner Sachen" mit Aufsätzen (FR), Honor Cargill-Martins Biografie über Messalina (FR), eine Thomas-Bernhard-Ausstellung im Wiener Literaturmuseum (Standard), Ricardo Romeros "Ich bin der Winter" (FR), Kiran Desais "Die Einsamkeit von Sonia und Sunny" (SZ), Michael Zichys "Anderen wichtig sein. Eine Philosophie des Lebenssinns" (NZZ) und Sebastian Haffners "Der Teufelspakt. Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne

Maria Lazar, kommunistische Tochter einer jüdischen Großbürger-Familie aus Wien, ist zurecht als Schriftstellerin wiederentdeckt worden, war sie doch eine "scharfe Beobachterin der Mechanismen, die die Menschen in Nazi-Deutschland zu Mittätern gemacht haben", erinnert Sabine Leucht in der nachtkritik. Nun hat Adrian Figueroas ihr Stück "Der blinde Passagier" auf die Bühne des Münchner Volkstheaters gebracht. Gestellt werden die Fragen: "Wie weit geht man, um das Leben eines Fremden zu retten? So weit, wie man von seinen eigenen Bedürfnissen absehen kann? Oder so weit wie man bereit ist, zu glauben, was nicht sein darf: Dass jemand gejagt wird, nur, weil er Jude ist?" Figueroas macht daraus einen sogkräftigen "Psychokrimi", so Leucht: "Die äußere Handlung steht still. Und auch in den Menschen bewegt sich erst mal wenig. Will heißen: Sie bangen und winden sich, ändern aber ihre Haltungen nicht wirklich. Lazar geht mit ihnen um wie die Hafenpolizei mit dem nebeligen Areal: Sie leuchtet in sie hinein, aber nur punktuell."
Weitere Artikel: nachtkritikerin Verena Großkreutz resümiert eine Pressekonferenz, bei der die zukünftige Intendantin des Heidelberger Theaters, Bernadette Sonnenbichler, ihr Leitungsteam und das Programm vorstellte. Außerdem berichtet die nachtkritik über Kritik an der neuen Leitung des Schauspielhauses Wien. Besprochen wird außerdem Antonia Leitgeb-Busches Inszenierung "Who's Afraid of Tradwives" am Theater Bamberg (nachtkritik).
Musik
Über vier Jahre tobt Putins Krieg in der Ukraine nun schon. Von der anfangs noch überwältigenden Woge der Solidarität, auch im Klassikbetrieb, ist nicht allzu viel geblieben - auch nicht von den Initiativen, die zu Beginn noch bewusst ukrainische Musik in ihr Programm aufgenommen haben. Diese "gehört noch nicht zum Standardrepertoire", unterstreicht die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv im VAN-Interview. "Dafür braucht es einen längeren, natürlichen künstlerischen Prozess - das lässt sich nicht über Nacht oder innerhalb weniger Jahre erreichen. Selbst ein Krieg kann nicht in Bewegung setzen, was aus historischen Gründen über mehrere Jahrhunderte hinweg nicht geschehen ist." Von einer kulturpolitischen Durchsetzung hält sie indessen nichts: "In Europa sind künstlerische Institutionen frei. ... Man kann sich vielleicht nur wünschen, dass deutsche Orchester noch offener auf das ukrainische Repertoire schauen."
"Manchmal ist nach dem Konzert tatsächlich vor dem Konzert", seufzt Helmut Mauró in der SZ, nachdem der Pianist Evgeny Kissin sich kürzlich entsetzt auf Social Media dazu äußerte, dass ihm bei einem Konzert in Chicago hinter der Bühne zu verstehen gegeben wurde, einem euphorisch applaudierendem Publikum zum Trotz sei nur eine einzige Zugabe drin - wo Kissin doch an munteren Abenden schon mal 13 spielt. Das Publikum wurde dabei um den Genuss gebracht, der sich einstellt, "wenn der Pianist sein Pflichtprogramm hinter sich hat und sich auf einmal völlig befreit neu findet und zeigt. Mit Zugabenstücken, die wie kleine Homestorys klingen. Der Künstler privat, ungeschützt, posenlos. Solcherlei Zugaben hat man als festen Bestandteil im Gedächtnis, tiefer manchmal als das eigentliche Konzert."
Weitere Artikel: Josef Engels erinnert in der Welt an Miles Davis, der am 26. Mai hundert Jahre alt geworden wäre. In der FAZ plaudert Timo Frasch mit Campino von den Toten Hosen, die nach dem kommenden Album kein weiteres mehr aufnehmen wollen. Martin Zips erzählt in der SZ von seinem Spaziergang durch Wien mit den lokalen Punk-Urgesteinen Kodak Mickey und Reinsperger Sylvia. Julian Weber (taz) und Wolfgang Sandner (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Jazzmusiker Gunter Hampel.
Besprochen werden die Radiohead-Installation "Kid A Mnesia" in New York (FAZ), Olivia Deans Auftritt in Zürich (NZZ) und Arlo Parks' Album "Ambiguous Desire" (die Musikerin zeigt sich "experimentierfreudig wie nie zuvor", schreibt Stefan Michalzik in der FR).
"Manchmal ist nach dem Konzert tatsächlich vor dem Konzert", seufzt Helmut Mauró in der SZ, nachdem der Pianist Evgeny Kissin sich kürzlich entsetzt auf Social Media dazu äußerte, dass ihm bei einem Konzert in Chicago hinter der Bühne zu verstehen gegeben wurde, einem euphorisch applaudierendem Publikum zum Trotz sei nur eine einzige Zugabe drin - wo Kissin doch an munteren Abenden schon mal 13 spielt. Das Publikum wurde dabei um den Genuss gebracht, der sich einstellt, "wenn der Pianist sein Pflichtprogramm hinter sich hat und sich auf einmal völlig befreit neu findet und zeigt. Mit Zugabenstücken, die wie kleine Homestorys klingen. Der Künstler privat, ungeschützt, posenlos. Solcherlei Zugaben hat man als festen Bestandteil im Gedächtnis, tiefer manchmal als das eigentliche Konzert."
Weitere Artikel: Josef Engels erinnert in der Welt an Miles Davis, der am 26. Mai hundert Jahre alt geworden wäre. In der FAZ plaudert Timo Frasch mit Campino von den Toten Hosen, die nach dem kommenden Album kein weiteres mehr aufnehmen wollen. Martin Zips erzählt in der SZ von seinem Spaziergang durch Wien mit den lokalen Punk-Urgesteinen Kodak Mickey und Reinsperger Sylvia. Julian Weber (taz) und Wolfgang Sandner (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Jazzmusiker Gunter Hampel.
Besprochen werden die Radiohead-Installation "Kid A Mnesia" in New York (FAZ), Olivia Deans Auftritt in Zürich (NZZ) und Arlo Parks' Album "Ambiguous Desire" (die Musikerin zeigt sich "experimentierfreudig wie nie zuvor", schreibt Stefan Michalzik in der FR).
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