9punkt - Die Debattenrundschau

Und das System versagte

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.02.2026. In der SZ markiert Gary Marcus die Grenzen der Künstlichen Intelligenz. Die taz untersucht das pathologische Verhältnis der westlichen Linken zum Mullah-Regime im Iran. Die taz hat es auch hingekriegt, dass in Oldenburg ein Museum umbenannt wird. In der FAZ fragt der Jurist Uwe Volkmann, ob Demokraten die Schmittsche Freund-Feind-Unterscheidung auf die AfD anwenden sollten. In der SZ macht die Schriftstellerin Shida Bazyar nochmal das Ausmaß der Gewalt gegen iranische Protestierende deutlich.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.02.2026 finden Sie hier

Ideen

Der Jurist und Rechtsphilosoph Uwe Volkmann stellt sich auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ die Frage, ob die Freund-Feind-Unterscheidung, die nach Carl Schmitt alle Politik prägt, im Blick auf die AfD die richtige Theorie liefert - auch deshalb, weil die AfD selbst natürlich auf diese Unterscheidung aufbaut. Er schildert alle Dilemmata mit denen demokratische Parteien im blick auf die AfD geraten - Stichwort "Brandmauer". Am Ende setzt Volkmann (ohne die Formel zu benutzen) auf den Habermasschen zwanglosen Zwang des besseren Auguments: Wie soll man Debatten sinnvollerweise führen? "Die ganz allgemeine, aber keineswegs triviale Antwort dürfte lauten: idealerweise so, dass der politische Streit, ohne den die Demokratie aufhören würde, eine zu sein, weiterhin als Streit über die besseren Gründe für die Lösung gemeinsamer Probleme begriffen und dann auch als solcher sichtbar gemacht wird."

Intellektuelle sind nicht die besseren Menschen, erkennt Michael Wolffsohn in der NZZ und zeichnet eine kurze Geschichte der intellektuellen Verblendung, die sich bis in die Gegenwart zieht: "Nicht erst seit 2023 (Gaza-Krieg) gehören Antiisraelismus und Antisemitismus zum Glaubensbekenntnis der "Intellektuellen"-Klasse. Recht besehen ist es eine Klasse weltweiter Mitläufer mit gespaltener Moral. Man empört sich millionenfach über Israels vermeintlichen Völkermord in Gaza und schweigt über Irans Führung, die, so geschehen am 8. und 9. Januar 2026, an einem Tag etwa 30.000 der eigenen Bürger niederkartätschen ließ. Daneben entstand die kleinere Klasse des internationalen Terrorismus, der eng mit palästinensischen Terroristen kooperierte und mit ihnen trainierte. Zu dieser Klasse gehörten vor allem die deutsche RAF, die französische Action directe, die italienischen Roten Brigaden oder die Japanische Rote Armee. Angeführt wurden allesamt von gut Ausgebildeten, die sich durchaus als 'Intellektuelle' verstanden."

Außerdem: In der FAZ erklärt der Autor Matthias Politycki, Mitglied des PEN Deutschalnd (der sich nicht so oft äußert wie der PEN Berlin), warum er sich nicht zu allem und jedem bekennen will und auch nicht gegen alles oder jedes. In der Welt überlegt der Hans Ulrich Gumbrecht, ob wir am Ende der Epoche von Ideologien und großen Visionen angekommen sind und ob das nicht auch sein Gutes hat.
Archiv: Ideen

Digitalisierung

Kira Kramer stimmt in der FAZ mal nicht in die These ein, dass das Internet, besonders in seiner Smartphone-Verkörperung, uns die Hirne zermatsche. "Es geht daher nicht um verminderte Intelligenz. Plausibler ist, dass sie sich umsortiert. Wir werden nicht unfähiger, sondern anders fähig. Nicht alles daran ist gut, nicht alles daran ist schlecht. Aber es ist ein Wandel, der eher an die Einführung der Schrift erinnert als an den Verlust eines Sinnes. Das Smartphone ist, bei aller moralischen Überladung, bloß ein neues Werkzeug. Und Werkzeuge verlagern Kompetenzen."

Der Neurowissenschaftler Gary Marcus warnte schon 1993 davor, dass die sogenannten Large Language Models, die jeder KI zu Grunde liegen, bestimmte technische Grenzen niemals überwinden werden. Lange für seine Positionen verspottet und kritisiert, scheint es sich nun herauszustellen, dass er recht hatte. Im SZ-Interview erklärt er, wo die Probleme liegen: "Diese Modelle sind gut darin, auf Basis riesiger Datenmengen Wahrscheinlichkeiten auszurechnen. Sie verstehen aber nicht, worüber sie sprechen. Und diese statistische Hochrechnung von Wahrscheinlichkeiten stößt an ihre Grenzen, wenn es um Spezialfälle geht, die in den zugrundeliegenden Daten nicht oder kaum vorkommen. Wir erleben das dauernd (...) Mein Lieblingsbeispiel ist die Geschichte eines Tesla-Fahrers, der sein Auto via App zu sich gerufen hat. Auto und Fahrer befanden sich aber auf einer Flugzeugmesse und der Tesla fuhr geradewegs in einen fabrikneuen, 3,5 Millionen Dollar teuren Jet. Statistisch gesehen fahren Autos nicht gerade häufig über Flugzeugmessen, aber manchmal kommt es eben doch vor. Menschen, Fahrräder, Autos hätte der Tesla erkannt, weil die in seiner Datenbasis hinterlegt sind. Ein Flugzeug kam darin nicht vor, und das System versagte."
Archiv: Digitalisierung

Politik

Es könnten sich demnächst in Deutschland rot-rot-grüne Koalitionen anbahnen, wobei, etwa in Berlin, noch die Frage sein wird, welches Rot vorne steht. Da wäre nur das kleine Problem mit den zum Teil krass antiisraelischen Positionen in der Linkspartei und wie sich die potenziellen Koalitionspartner dazu verhalten. Grünen-Chef Felix Banaszak geriet über diese Frage im Podcast von Paul Ronzheimer arg ins Stammeln:


Während Künstler auf der Art Basel auf die Huld der Prinzessin hofften (unser Resümee), gab es in Doha noch andere Aktivitäten. Francesca Albanese, Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete, traf sich für den Sender Al Jazeera auf einem Podium mit dem Hamas-Führer Khaled Maschaal. Danach sagte sie so etwas wie "Israel ist unser Unglück":


Auch eine andere Politikerin machte von sich reden. Rima Hassan, Europaabgeordnete der französischen Linkspartei "Unbeugsames Frankreich" ließ in einem Tweet ihren apokayptischen Fantasien freien Lauf: "Den Zionisten, die mich lesen, möchte ich sagen: Ihr seid für uns das, was die Nazis für euch waren. Und das wird euch verfolgen und bis zum Ende der Zeit, bis zum letzten Tropfen Blut, werden wir Widerstand leisten."

Die westliche Linke hat ein pathologisches Verhältnis zum Mullah-Regime im Iran. Die taz hat es bisher nicht thematisiert - aber immerhin, heute macht sich der freie Journalist Teseo La Marca, der eine Zeit lang im Iran gelebt hat, Gedanken zur mangelnden Solidarisierung mit den Demonstranten im Iran. So wird etwa von einer externen Intervention im Iran abgeraten - aber dies Argument scheint La Marca nur vorgeschoben: "Ein Unterdrückungsapparat, der sich mit Öleinnahmen finanziert und zu äußerster Gewalt bereit ist, kann allein durch Streiks und Straßenproteste nicht besiegt werden. Wer angesichts dieser Realität ausländische Interventionen ablehnt, dient zwar dem eigenen Gewissen, aber nicht den Menschen vor Ort. Und: Haben wir in Deutschland nicht selbst die Rote Armee und die Amerikaner gebraucht, um uns vom Faschismus zu befreien?"

In der SZ macht die Schriftstellerin Shida Bazyar nochmal das Ausmaß der Gewalt gegen iranische Protestierende deutlich. Immer mehr Videos kommen ans Licht. Wir sehen, "wie Protestierende versuchen, die leblosen Körper anderer Protestierender in Sicherheit zu bringen, kurz darauf werden sie selbst getötet. Fotos von Blutlachen, die sich über den Bürgersteig erstrecken, gehen viral, ein anderes Foto zeigt einen Haufen Schuhe, die achtlos am Straßenrand aufeinander geworfen wurden, ihre Besitzer scheinen den Kampf nicht überlebt zu haben. Jemand schreibt, erst beim Anblick dieser zerschlissenen Schuhe und Plastikschlappen sei ihm klar geworden, dass er selbst nur wegen seines Schuhwerks überlebt habe, das sich andere nicht leisten konnten." Und währenddessen geht das Morden weiter, so Bazyar, denn im Moment "gibt es nichts, was die Täter zu befürchten hätten."
Archiv: Politik

Medien

Das Edith-Ruß-Haus in Oldenburg verliert seinen Namen - und wird wohl nur noch "Haus für Medienkunst Oldenburg" heißen. Zu verdanken ist das der Berichterstattung Aljoscha Hoepfners, der recherchiert hatte, dass die nach eigener Auskunft völlig unbescholtene Journalistin Edith Ruß als Feuilletonchefin der Oldenburger Staatszeitung eine fanatische Nationalsozialistin war. Der alte Namenszug des Museums liegt noch im Hof, berichtet Hoepfner jetzt. Und das Haus widmet der Journalistin eine Ausstellung, über die Hoepfner heute berichtet. "Oft war Ruß' junges Alter im Nationalsozialismus als entlastend angeführt worden. Neben ihrer Biografie werden in der Ausstellung deshalb die Leben der jeweils gleichaltrigen Widerstandskämpferin der 'Weißen Rose' Traute Lafrenz und der in Wardenburg geborenen und 1942 ermordeten Jüdin Erna Gellert skizziert. Sie sollen zeigen, dass Widerstand zum einen sehr wohl möglich war und zum anderen die Verfolgten des Regimes, anders als Ruß, nicht das Privileg einer Wahl hatten."
Archiv: Medien

Kulturpolitik

Jeffrey Epstein liebte Frankreich. In der Pariser Avenue Foch hatte er als pied-à-terre eine 800 Quadratmeter große Wohnung. Dort empfing er Freunde, wohl auch den ehemaligen Kulturminister Jack Lang, der jetzt (im Alter von 86 Jahren) als Chef des Pariser Institut du monde arabe zurückgetreten ist. Marc Zitzmann berichtet in der FAZ. Lang werden keine sexuellen Vergehen vorgeworfen, wohl aber dubiose Geschäftsbeziehungen und eine enge Freundschaft, auch nachdem bekannt war, dass Epstein gerne minderjährige Mädchen missbrauchte. "Diese betrifft auch Langs Tochter Caroline, die 2016 mit Epstein eine auf den Virgin Islands beheimatete Offshore-Gesellschaft für den Kauf und Verkauf von Kunstwerken gegründet hatte. Beide hielten je die Hälfte der Anteile, aber nachdem der Amerikaner das gesamte Geldkapital eingebracht hatte, meldete Caroline Lang - 'aus Naivität', sagte sie gegenüber Mediapart - das Unternehmen nicht dem französischen Steueramt."
Archiv: Kulturpolitik