Efeu - Die Kulturrundschau

Queerness, Nacktheit, Menschenrechtsdefizite

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06.02.2026. Der bombastische moralische Anspruch der Kunstwelt kommt schnell an seine Grenzen, wenn es ums Geld geht, erkennen die FAZ beim Blick in die Epstein Files und Monopol auf der ersten Art Basel in Katar. Welt und Tagesspiegel blicken skeptisch auf den von Wolfram Weimer angekündigten "Film-Booster", der eine Investitionspflicht für Streamer und Sender vorsieht. Die SZ lernt in Mailand, dass es für manchen Rekord im Sport schnittfester Unterwäsche bedarf. Die FAZ bewundert in Amsterdam achtzig prächtige Werke über Ovids "Metamorphosen".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2026 finden Sie hier

Kunst

Caravaggio, Narcissus, ca. 1597-1598, Palazzo Barberini, Rom

Caravaggio, Michelangelo, Tiziano, Rodin oder Magritte - sie alle und noch viele weitere haben sich mit Ovids "Metamorphosen" auseinandergesetzt: Dem Rijksmuseum in Amsterdam gelingt nun ein Coup, wenn es achtzig Kunstwerke aus über fünfzig über die Welt verteilten Museen zusammenträgt, staunt Stefan Trinks in der FAZ, der hier auch noch manche Entdeckung macht: "So fesselnd der ewige Kreislauf aus Sehen und Gesehenwerden(wollen) auf Caravaggios 'Narziss' mit diesem Erfinder des Selfies auch ist, ein mittelalterlicher Gobelin kann mithalten: Auf dem um 1480 entstandenen flämischen Bildteppich von mehreren Metern Höhe beugt sich der Jüngling mit dem bewegten Beiwerk eines aufflatternden Samtmantels über eine prächtige Brunnenbrüstung. Auf dem Oberschenkel seiner engen Leggins aber prangt in goldenen Lettern sein Name 'Narzissus' wie der neuzeitliche Markenname auf dem Jogginganzug eines mittelmäßigen Rappers, wozu die juwelenbesetzten Schuhe passen."

Wenn's ums Geld geht, kommt der "bombastische moralische Anspruch" von Künstlern und Kuratoren schnell an seine Grenzen, hält Niklas Maak in der FAZ mit Blick auf die jüngsten Epstein-Enthüllungen fest: Die Durchsicht der neuen Dokumente zeigt, der Kunstwelt war es "oft vollkommen egal, was seine Geldgeber antreibt und was sie treiben. Dazu kommt eine haarsträubende Verharmlosung von Kindesmissbrauch als antibürgerliche Libertinage. Epsteins Interesse an der Kunstwelt war kein Einzelfall in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends: Viele wohlhabende Unternehmer fluteten Galerien und Institutionen mit ihrem Geld. Der Kunstmarkt versprach wilde Renditen und war komplett unreguliert. Insidergeschäfte, die in der Welt des Investment Banking im Gefängnis enden würden, waren hier ohne Probleme möglich. Dazu kam ein intellektueller Mehrwert: Wer in Sportwagen oder Polopferde investierte, hatte mit Mechanikern oder Jockeys zu tun; wer Kunst sammelte, traf Popstars und Schauspielerinnen."

Und auch hier siegt Geld über Moral: Für Monopol hat Stefan Knobel die erste Art Basel Katar besucht und sich nicht nur ziemlich gelangweilt, sondern er findet - im Gegensatz zu anderen Medien - auch sehr kritische Worte. Man wolle Diversität und den Dialog zwischen den Positionen fördern, erklären Noah Horowitz, Vorstandsvorsitzender der Art Basel und der ägyptische Künstler Wael Shawky, der die künstlerischen Positionen ausgewählt hat. "Der Dialog fällt allerdings recht einseitig aus, wenn es um Ansichten geht, die von der eigenen abweichen", kommentiert Knobel: "Kritik ist möglich, solange sie den Verhältnissen anderswo gilt. An anderen Stellen klaffen hingegen weite Leerstellen: Queerness, Nacktheit, Menschenrechtsdefizite oder Ungleichheit in der Region, jüdische Künstler, Galerien aus Israel - die Liste ließe sich fortsetzen. Shawky erklärt die kulturellen Unterschiede: 'Jede Kultur hat ihre eigenen Regeln und Empfindlichkeiten. Ich kann hier viel freier agieren als beispielsweise in Deutschland. (...)'. Oft werden Nachfragen zu sensiblen Themen mit aggressivem Whataboutism gekontert. Der Tenor lautet dann: In Europa würden Künstler gecancelt, nur weil sie Araber seien." Für die Welt hat Gesine Borcherdt mit Shawky gesprochen.

Deutlich vorsichtiger äußert sich Philipp Meier in der NZZ, der sogar feministische Kunst und ja, auch einen queeren Künstler entdeckt hat. Er verrät aber, wie streng Shawky ausgewählt hat. Jede Galerie darf nur einen Künstler präsentieren: "Das ist an einer gewöhnlichen Messe nicht der Fall. Dort werden an einem Stand manchmal bis zu zwanzig unterschiedliche Künstler gezeigt. Wird etwas verkauft, wird es ausgetauscht. Hier ist das nicht erlaubt. Die Präsentationen bleiben bis zum Schluss der Messe unverändert. Nicht zuletzt wirkt sich das auf die Qualität dieser Verkaufsschau aus, die einen musealen Anstrich hat."

Etwas uneins ist sich die NZZ bei der Überschrift zu ihrem Artikel über die "Art Basel Katar". Bei Google News wird doch noch eine wesentlich größere Freiheit behauptet als dann im Artikel selbst auf der Website der NZZ. Die massive und nicht unbedingt kritische  Berichterstattung über die Art Basel Katar erstaunt auch darüberhinaus. Warum schicken Zeitungen, die sonst so klamm sind, ihre Journalisten ausgerechnet auf die teure Reise nach Katar? Oder haben die Medien in einer gemeinsamen Investition einen Journalistenshuffle geleast?


Weitere Artikel: Das Gesicht des Engels in der Basilika San Lorenzo in Lucina, dem durch einen Amateur-Restaurator das Gesicht von Giorgia Meloni verpasst wurde, wurde nun übermalt, meldet Karen Krüger in der FAZ.
Archiv: Kunst

Design

Sichtlich fasziniert läuft Jörg Häntzschel (SZ) durch die Ausstellung "White Out", die in Mailand zu Beginn der Olympischen Winterspiele zu sehen ist (mehr dazu bereits hier) und zeigt, wie Mode und Textildesign den Sport beeinflussen und Höchstleistungen erst ermöglichen. Denn erst die "Rückenprotektoren", eine "schnittfeste Unterwäsche" und "Oberkörper-Airbags" machen Skisportler waghalsig genug, um Rekorde zu brechen. "Dass es Jan Farrell gelungen ist, 2023 mit 255,5 Stundenkilometern den Geschwindigkeitsrekord auf Skiern zu erreichen, war außer seinem Können auch seinem aerodynamischen Helm und dem Anzug geschuldet, der den Luftwiderstand minimiert, etwa durch spitz zulaufende Polster an der Rückseite der Unterschenkel. Doch Design erlaubt dem Menschen nicht nur Rekorde. ... Es lässt ihn auch beeindruckend aussehen. Farrell selbst führt das vor: Schießt er in seinem knallroten, glänzenden Anzug den Berg herunter, wirkt er wie ein Held aus einem Science-Fiction-Comic. Zieht er, unten angekommen, den Helm aus, kommt ein Typ zum Vorschein, der aussieht wie tausend andere."
Archiv: Design

Film

"Der Film-Booster kommt", verkündet Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im FAZ-Gespräch. Und tatsächlich: Auf einmal ist sich Schwarz-Rot in der seit Monaten zermürbenden Debatte um Investitionen von Streamingdiensten nun doch einig - und wählt den Weg der Zwangsinvestitionen, wenn auch mit Kompromissen. Es soll laut Pressemitteilung eine "Investitionsverpflichtung mit Öffnungsklausel" geben. "Demnach sollen Streamer und Sender zu einer 'Basis-Quote' in Höhe von acht Prozent der Netto-Vorjahresumsätze verpflichtet werden", erklärt David Steinitz in der SZ diesen "kleinen Coup" kurz vor der Berlinale. "Die Basis-Quote sei der Sockel für 'freiwillige Selbstverpflichtungen derjenigen Streamer und Sender, die bereit sind, sich stärker zu engagieren'. Denn wer sich freiwillig dazu verpflichte, mindestens zwölf Prozent des Umsatzes zu reinvestieren, dürfe von 'den detaillierten gesetzlichen Vorgaben', wie diese Mittel anzulegen sein, abweichen." Kulturstaatsminister Weimer hatte zuvor das Modell einer "freiwilligen Selbstverpflichtung" präferiert, das Finanzministerium unter Lars Klingbeil - auch aufgrund von Staatssekretär Björn Böhning sehr produzentennah - hatte sich für Pflichtinvestitionen ausgesprochen. 

Es ist eine nur "auf den ersten Blick salomonische Lösung", kommentiert Andreas Busche im Tagesspiegel. Doch kann er sich kaum vorstellen, dass damit große Produktionen nach Deutschland zu holen sind. "Ohne das von ihm selbst ad acta gelegte Steueranreizmodell (etwas anderes als die nun implementierte Anreizförderung), das unter seiner Vorgängerin Claudia Roth noch als tragende dritte Säule der Filmförderreform ausgearbeitet worden war, werden sich die großen Hollywoodstudios nicht so leicht locken lassen. Länder wie Tschechien, Ungarn und Großbritannien mit ihren inzwischen teuer ausgebauten Produktions-Infrastrukturen bieten immer noch deutlich bessere steuerliche Konditionen."

"Ein ganz entscheidendes Element des Gesetzesentwurfs ist die Frage der Rechte", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt. "Bisher mussten die Produzenten alle Rechte an den von ihnen hergestellten Filmen an den Auftraggeber abtreten, ob der Netflix oder ZDF hieß." Der vorliegende Entwurf "sieht nun den Rechterückfall als Normalzustand an. Auch diese Regelung ist gestaffelt. Wenn der Produzent mehr als 50 Prozent des Budgets selbst einbringt (Filmförderung inbegriffen), fallen die gesamten Rechte nach drei Jahren an ihn zurück; bei 30 bis 50 Prozent nach fünf Jahren und bei unter 30 Prozent nach sieben Jahren. Die Rechtefrage ist von ungeheurer Bedeutung für die Produzenten, die nicht nur in der Lage sein müssen, einen Film zu drehen und abzuliefern, sondern die eine Eigenkapitalbasis brauchen (was bisher den wenigsten gelungen ist)."

Besprochen werden Park Chan Wooks "No Other Choice" (NZZ, Zeit Online, mehr dazu hier), Francis Meletzkys Adaption von Theodor Storms "Schimmelreiter", an der FAZ-Kritiker Tilman Spreckelsen ziemlich verzweifelt, die in Berlin angesiedelte und auf Netflix gezeigte Agentenserie "Unfamiliar" (Welt), das auf Disney+ gezeigte Special der Muppet Show (SZ, mehr dazu bereits hier), die HBO-Serie "Heated Rivalry" (SZ) und die auf Amazon gezeigte Krimikomödie "Fabian und die mörderische Hochzeit" mit Bastian Pastewka (FAZ).
Archiv: Film

Literatur

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Leonie C. Wagner porträtiert in der NZZ die Schriftstellerin Elisa Shua Despin, deren autobiografisch geprägter Debütroman "Winter in Sokcho" gerade aktuell fürs Kino adaptiert wurde (unsere Kritik). Für die Zeit hat David Hugendick in Tokio die Buchhandlung Morioka besucht, in der es nur ein einziges Buch gibt. 

Besprochen werden unter anderem Elias Hirschls "Schleifen" (FR), eine Neuausgabe des Weltraum-Versepos "Aniara" des Literaturnobelpreisträgers Harry Martinson (Intellectures), der fünfte Band der von Henrik Schrat illustrierten "Grimms Märchen" (taz), Antje Rávik Strubels Essay "'Kein Schnee, nimmermehr'. Neunzig Kilometer Mutmaßungen übers Skifahren, das Schreiben und den Tod" (SZ) und Regina Kehns Comic "Einmal kurz nicht aufgepasst!" (SZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau.
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Bühne

Er würde sich eher umbringen als in München zu leben, sagt der Regisseur Ersand Mondtag im SZ-Gespräch mit Christine Lutz. Das hält ihn aber nicht davon ab, am dortigen Residenztheater derzeit Albert Ostermaiers "Munich Machine" zu inszenieren. In gut subventionierten Theatern arbeitet es sich leichter, aber doch müssen Bühnen Orte der Denkfreiheit bleiben, sagt er außerdem: "Viel wurde … durch die Politik verunstaltet. Da muss ich jetzt auch linke, also vor allem grüne Politik kritisieren, aber auch die CDU, die mit Antidiskriminierungsklauseln Denkverbote einführen wollte. Wenn jemand denkt, dass Israel als Staat eine problematische Anordnung ist, dann ist das eine Meinung - nicht meine, nur als Beispiel -, das muss ich doch nicht staatlich verbieten. (…) Der Israel-und-Palästina-Komplex hat auch alle Kulturinstitutionen in Angst und Schrecken versetzt. Dabei sollte das Theater der Raum sein, in dem wir über alles diskutieren können."

In der FAZ hat der Musikpädagoge Arnold Werner-Jensen ein ganz eigenes Problem mit dem Regietheater in der Oper (unsere Resümees): Wie soll er seinen Schülern das Libretto näherbringen, wenn sie auf der Bühne eine völlig andere Handlung erleben werden? "Hierin erweist sich die Praxis des Regietheaters oft als kontraproduktiv: Sie will durch Aktualisierung Nähe zur heutigen Lebenswelt herstellen, baut aber durch Widersprüche zur Originalfabel zusätzliche Zugangshürden auf. Opernhäuser sind immer auch musikalische Museen, auch wenn diese Zuordnung oft nicht unwidersprochen bleibt. (...) Wenn man den musealen Charakter eines Opernhauses mit seinem aktuell oft so freien Umgang mit dem Libretto akzeptiert, dürften dann in logischer Umkehrung nicht auch Produkte der bildenden Künste beliebig verändert, also 'aktualisiert' werden? Dürfte man dann nicht ein Gemälde von Vincent van Gogh 'ummalen'?!"

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel-Gespräch mit Gunda Bartels beklagen die Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt und Meike Droste, die derzeit Miranda Julys Menopausen-Roman "Auf allen vieren" auf die Bühne der Berliner Sophiensaele bringen, dass Themen von Frauen in mittleren Jahren wenig Raum im Mainstream finden. Derweil fragt sich Katrin Ullmann in der Nachtkritik, warum Frauenthemen auf der Bühne langweilen. Boris Motzki denkt in der FAZ über die Titelwahl in der Gegenwartsdramatik nach. Besprochen wird Evan Gardners Science-Fiction-Opera "You/Me/Alien" des Opera Lab Berlin im alten Weißenseer Kino Delphi (taz).
Archiv: Bühne

Architektur

Ab April tritt Brigitte Franzen die Nachfolge von Annemarie Jaeggi als Direktorin des Bauhaus-Archivs an. Im Tagesspiegel-Gespräch mit Nicola Kuhn erklärt sie, dass sie sich künftig besonders der Rezeption des Bauhauses in der DDR zuwenden will und wie sie es mit den Angriffen durch die AfD hält: "Ich fand die schlichte Wiederholung von Argumenten, die wortgenau von den Nationalsozialisten benutzt wurden, um das Bauhaus aus Dessau zu vertreiben, banal und zugleich entlarvend. Diese Argumente sollen an einer weichen Stelle einhaken, dem Kulturbereich als Ganzen. Nur steckt keine Banalität dahinter, sondern eine faschistoide Partei, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, unsere Idee vom Leben angreift. ... Meine klare Antwort darauf lautet, dass man sich nicht einschüchtern lässt."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Bauhaus, Franzen, Brigitte, AfD

Musik

Besprochen werden das Livealbum "Building Babylon Live At The Bayou" mit bislang verschollen geglaubten Aufnahmen aus der Frühzeit der legendären Hardcore-Punk-Pioniere Bad Brains (taz), "Nachtschicht", das zweite Album von Luise Matthes' Soloprojekt bauSTELLE (taz), Mariá Portugals und Fred Friths gemeinsames Album "Matter" (FR) und das neue Album des russischen Rappers Husky, der 2014 zwar die Besetzung des Donbass unterstützte, nun aber offenbar von den Schrecken des Kriegs erzählt (FAZ).
Archiv: Musik