9punkt - Die Debattenrundschau
Schweigt nicht!
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.01.2026. "Lasst nicht zu, dass das Blut im Dunkel des Vergessens trocknet. Steht auf!", ruft der iranische Filmregisseur Jafar Panahi der Welt zu. In der FAZ kritisiert die Iran-Aktivistin Mariam Claren das Schweigen der Linken zu den Vorgängen im Iran. Im Interview mit der SZ schwanken die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt zwischen verhaltenem Optimismus und Pessimismus was die Zukunft der amerikanischen Demokratie angeht. In der NZZ erklärt der Inuit-Dichter Kelly Berthelsen, warum er Grönland lieber bei Dänemark sieht als bei den USA. Die FR gratuliert dem kleinen Wunder Wikipedia.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
16.01.2026
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Politik
Die FAZ druckt die kurze Dankesrede des iranischen Filmregisseurs Jafar Panahi, der angesichts der Toten im Iran den ihm verliehenen Preis des National Board of Review zum Anlass nimmt, "alle Filmschaffenden und Künstler der Welt zu bitten: Schweigt nicht. Erhebt jede Stimme, die ihr habt, nutzt jede Bühne, die euch zur Verfügung steht. Fordert eure Regierungen auf, vor dieser humanitären Katastrophe nicht die Augen zu verschließen. Lasst nicht zu, dass das Blut im Dunkel des Vergessens trocknet. Heute kann das Kino an der Seite von wehrlosen Menschen stehen. Daher: Steht auf!"
In der Welt sekundiert der Filmemacher Ali Samadi Ahadi: "Dieses Regime hat ein Blutbad angerichtet - und wird es weiter tun. In einem Ausmaß, das wir so noch nicht erlebt haben. ... Wenn die Zahlen stimmen und wir mindestens 12.000 Tote zu beklagen haben, dann sprechen wir - ich bin kein Jurist - sehr wahrscheinlich von Verbrechen gegen die Menschlichkeit."
Bei den Golden Globes hatte sich jedenfalls niemand zum Iran äußern wollen:
Nicht die Mullahs allein, sondern auch die schwer bewaffnete islamische Revolutionsgarde hat die Macht im Iran, erklärt die Iran-Aktivistin Mariam Claren im Interview mit der FAZ. Und darum wird das iranische System auch nicht so schnell zusammenbrechen: "Unbewaffnete Menschen können dieses System nicht allein stürzen. Ohne Rückendeckung von außen wird ein Wandel nicht möglich sein." Besonders unverständlich ist Claren die Haltung vieler Linker in Deutschland, die den Protesten gleichgültig oder sogar feindselig gegenüber stehen: "Ich bin politisch links, das ist kein Geheimnis. Es macht mich sprachlos zu sehen, dass sich Teile der Linken nicht solidarisieren. Umso schwerer wiegt es, wenn nun infrage gestellt wird, ob es diese Proteste in Iran überhaupt gibt. Oder wenn gesagt wird: 'Mit Menschen, die Moscheen verbrennen, können wir uns nicht solidarisieren.' Aber hat sich jemand gefragt, warum diese Menschen so handeln?"
Auch der Soziologe Armin Pfahl-Traughber kritisiert bei hpd das "ohrenbetäubende Schweigen" der Linken zum Iran. "Besonders deutlich wird dessen Dimension in der Gesamtschau, wenn man damit die Einstellungen zu Israel vergleicht. Durchaus berechtigte Kritik an der Netanjahu-Regierung wurde mit schiefen Vergleichen und Zuordnungen vorgetragen. Demgegenüber nahm man die Bedrohung durch die iranische Diktatur jahrzehntelang nicht wahr, auch gegenwärtig ist nicht von 'All Eyes on Iran' oder 'Free, free Iran' die Rede (analog zu 'All eyes on Gaza' und 'Free, free Palestine'). Allenfalls sind Exiliraner auf den Straßen, nur wenige deutsche Linke zeigen Präsenz."
Im Interview mit dem Dlf fürchtet Navid Kermani einen Bürgerkrieg im Iran. Er wirft dem Westen vor, die demokratischen Kräfte zu wenig unterstützt zu haben.
In der SZ sieht Philip Bovermann Parallelen zwischen dem Iran und den USA, wo sich ebenfalls ein "hybrider Krieg gegen die eigene Bevölkerung entfaltet. Die Realität nähert sich den ICE-Videos an, in denen Amerika aussieht wie ein Kriegsgebiet. Die Bilder legitimieren vermeintlich die Gewalt, die offenbar vor allem deshalb stattfindet, um ebenjene Bilder zu erzeugen. ... Dass nun die von ICE gemachten Aufnahmen aus Minneapolis auch über die Kanäle des iranischen Regimes verbreitet werden, schließt Trump-Amerika medienlogisch an die 'Achse der Autokraten' an, über die Anne Applebaum schrieb." Was auch immer "medienlogisch" bedeuten soll.
Die Politikwissenschaftler Steven Levitsky (mehr hier) und Daniel Ziblatt (mehr hier) schwanken in der SZ zwischen verhaltenem Optimismus und Pessimismus was die Zukunft der amerikanischen Demokratie angeht. Es wurmt die beiden ganz schön, dass die Eliten so wenig Courage gezeigt haben. Und ob es nach Trump besser wird? "Es gibt da einige Leute um Trump herum, die sind mindestens so autoritär wie er, wenn nicht noch mehr", meint Steven Levitsky. "J. D. Vance zum Beispiel. Er hat nicht das Charisma, ist aber in seiner Rhetorik in den vergangenen Monaten oft über Trump hinausgegangen. Davon abgesehen gibt es bei den Republikanern gerade einen Kampf zwischen den leichten Faschisten und den offenen Nazis. Es gibt das Risiko, dass Letztere die Partei übernehmen. Und das ist nur eine leichte Übertreibung. Trumps Weigerung, rote Linien zu ziehen, seine Offenheit gegenüber allen rechten Kräften, hat zu einem Prozess der Selbstradikalisierung geführt. Da gibt es nun Leute, die bewundern Hitler." Ebenfalls in der SZ beschreibt Claudius Seidl J.D. Vance als den gefährlichsten Mann in der Trump-Regierung. Für The Atlantic ist es eher der fanatische Stephen Miller.
Außerdem lesenswert: Liliana Rivas' vielstimmige taz-Reportage aus Venezuela.
In der Welt sekundiert der Filmemacher Ali Samadi Ahadi: "Dieses Regime hat ein Blutbad angerichtet - und wird es weiter tun. In einem Ausmaß, das wir so noch nicht erlebt haben. ... Wenn die Zahlen stimmen und wir mindestens 12.000 Tote zu beklagen haben, dann sprechen wir - ich bin kein Jurist - sehr wahrscheinlich von Verbrechen gegen die Menschlichkeit."
Bei den Golden Globes hatte sich jedenfalls niemand zum Iran äußern wollen:
Not one of our tolerant betters at the @goldenglobes found time to recognize the Iranian people who are currently being gunned down fighting to end a 46 year reign of murder, oppression, torture, and brutal submission of women by the Mullahs. Hollywood is beneath contempt. 🇺🇸 pic.twitter.com/tXDM5jsdnW
- John Ondrasik (@johnondrasik) January 12, 2026
Nicht die Mullahs allein, sondern auch die schwer bewaffnete islamische Revolutionsgarde hat die Macht im Iran, erklärt die Iran-Aktivistin Mariam Claren im Interview mit der FAZ. Und darum wird das iranische System auch nicht so schnell zusammenbrechen: "Unbewaffnete Menschen können dieses System nicht allein stürzen. Ohne Rückendeckung von außen wird ein Wandel nicht möglich sein." Besonders unverständlich ist Claren die Haltung vieler Linker in Deutschland, die den Protesten gleichgültig oder sogar feindselig gegenüber stehen: "Ich bin politisch links, das ist kein Geheimnis. Es macht mich sprachlos zu sehen, dass sich Teile der Linken nicht solidarisieren. Umso schwerer wiegt es, wenn nun infrage gestellt wird, ob es diese Proteste in Iran überhaupt gibt. Oder wenn gesagt wird: 'Mit Menschen, die Moscheen verbrennen, können wir uns nicht solidarisieren.' Aber hat sich jemand gefragt, warum diese Menschen so handeln?"
Auch der Soziologe Armin Pfahl-Traughber kritisiert bei hpd das "ohrenbetäubende Schweigen" der Linken zum Iran. "Besonders deutlich wird dessen Dimension in der Gesamtschau, wenn man damit die Einstellungen zu Israel vergleicht. Durchaus berechtigte Kritik an der Netanjahu-Regierung wurde mit schiefen Vergleichen und Zuordnungen vorgetragen. Demgegenüber nahm man die Bedrohung durch die iranische Diktatur jahrzehntelang nicht wahr, auch gegenwärtig ist nicht von 'All Eyes on Iran' oder 'Free, free Iran' die Rede (analog zu 'All eyes on Gaza' und 'Free, free Palestine'). Allenfalls sind Exiliraner auf den Straßen, nur wenige deutsche Linke zeigen Präsenz."
Im Interview mit dem Dlf fürchtet Navid Kermani einen Bürgerkrieg im Iran. Er wirft dem Westen vor, die demokratischen Kräfte zu wenig unterstützt zu haben.
In der SZ sieht Philip Bovermann Parallelen zwischen dem Iran und den USA, wo sich ebenfalls ein "hybrider Krieg gegen die eigene Bevölkerung entfaltet. Die Realität nähert sich den ICE-Videos an, in denen Amerika aussieht wie ein Kriegsgebiet. Die Bilder legitimieren vermeintlich die Gewalt, die offenbar vor allem deshalb stattfindet, um ebenjene Bilder zu erzeugen. ... Dass nun die von ICE gemachten Aufnahmen aus Minneapolis auch über die Kanäle des iranischen Regimes verbreitet werden, schließt Trump-Amerika medienlogisch an die 'Achse der Autokraten' an, über die Anne Applebaum schrieb." Was auch immer "medienlogisch" bedeuten soll.
Die Politikwissenschaftler Steven Levitsky (mehr hier) und Daniel Ziblatt (mehr hier) schwanken in der SZ zwischen verhaltenem Optimismus und Pessimismus was die Zukunft der amerikanischen Demokratie angeht. Es wurmt die beiden ganz schön, dass die Eliten so wenig Courage gezeigt haben. Und ob es nach Trump besser wird? "Es gibt da einige Leute um Trump herum, die sind mindestens so autoritär wie er, wenn nicht noch mehr", meint Steven Levitsky. "J. D. Vance zum Beispiel. Er hat nicht das Charisma, ist aber in seiner Rhetorik in den vergangenen Monaten oft über Trump hinausgegangen. Davon abgesehen gibt es bei den Republikanern gerade einen Kampf zwischen den leichten Faschisten und den offenen Nazis. Es gibt das Risiko, dass Letztere die Partei übernehmen. Und das ist nur eine leichte Übertreibung. Trumps Weigerung, rote Linien zu ziehen, seine Offenheit gegenüber allen rechten Kräften, hat zu einem Prozess der Selbstradikalisierung geführt. Da gibt es nun Leute, die bewundern Hitler." Ebenfalls in der SZ beschreibt Claudius Seidl J.D. Vance als den gefährlichsten Mann in der Trump-Regierung. Für The Atlantic ist es eher der fanatische Stephen Miller.
Außerdem lesenswert: Liliana Rivas' vielstimmige taz-Reportage aus Venezuela.
Ideen
In einem epischen Zeit-Interview über die Voraussetzungen für Kriege sagt der Politologe Herfried Münkler: "Als aufmerksamer Leser von Tolstois 'Krieg und Frieden' kennt man die Erzählung, dass während des Krieges eine hohe Friedenssehnsucht aufkommt. Aber im Frieden, in der Herbst- und Wintersaison, wenn in den größeren russischen Städten die Zeit der Bälle ist, beobachtet Tolstoi, wie bei den jungen Männern Enttäuschungen aufkommen. Sie fühlen sich nicht angekommen, nicht akzeptiert, und wünschen sich in den Krieg hinein. Der Krieg wird eine Flucht aus dem Frieden, wenn die Ergebnisse des Friedens frustrierend sind... Bestimmte Friedenszeiten führen dazu, dass der Krieg seinen Schrecken verliert und ein attraktiver Ort wird, dass eine Seite zu dem Ergebnis kommt: Wir sollten Krieg führen, denn das ist die einzige Möglichkeit zu verhindern, dass wir der Dritte, Vierte oder Fünfte werden."
In einem Text, den die taz von Project Syndicate übernomment hat, plädiert die singapurische Politikwissenschaftlerin Yuen Yuen Ang dafür, den Zusammenbruch der bisherigen Ordnung als Chance zu begreifen: "Wir brauchen eine neue Denkweise, die ich AIM nenne: Adaptive, Inclusive and Moral Political Economy. Anpassungsfähig zu sein bedeutet, Gesellschaften nicht als grobe Maschinen zu regieren, sondern als lebendige Netzwerke, die lernen und sich weiterentwickeln. Integrativ zu sein, bedeutet zu erkennen, dass der Fortschritt davon abhängt, was man hat. Das bedeutet, lokale Kreativität zu mobilisieren, anstatt die Modelle der Reichen und Mächtigen zu kopieren. Und moralisch zu sein bedeutet, anzuerkennen, dass Ideen von Macht geprägt sind - und dieses Ungleichgewicht zu beseitigen."
In einem Text, den die taz von Project Syndicate übernomment hat, plädiert die singapurische Politikwissenschaftlerin Yuen Yuen Ang dafür, den Zusammenbruch der bisherigen Ordnung als Chance zu begreifen: "Wir brauchen eine neue Denkweise, die ich AIM nenne: Adaptive, Inclusive and Moral Political Economy. Anpassungsfähig zu sein bedeutet, Gesellschaften nicht als grobe Maschinen zu regieren, sondern als lebendige Netzwerke, die lernen und sich weiterentwickeln. Integrativ zu sein, bedeutet zu erkennen, dass der Fortschritt davon abhängt, was man hat. Das bedeutet, lokale Kreativität zu mobilisieren, anstatt die Modelle der Reichen und Mächtigen zu kopieren. Und moralisch zu sein bedeutet, anzuerkennen, dass Ideen von Macht geprägt sind - und dieses Ungleichgewicht zu beseitigen."
Europa
In der FAZ beschreibt der Kultur- und Literaturwissenschaftler Moritz Schramm das komplizierte, lange von Diskriminierung geprägte Verhältnis der Grönländer zu Dänemark - Zwangsadoptionen und Zwangssterilisierungen sind noch nicht allzu lange her. Obwohl die meisten Grönländer keineswegs von den USA übernommen werden wollen, hat Trumps Anspruch die Verhältnisse verändert: "Die geopolitische Situation zwingt Dänemark heute erstmals, Grönland wirklich auf Augenhöhe zu behandeln. Und damit vielleicht auch eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte stärker voranzutreiben."
Die Zeiten waren vor 50 Jahren andere, gesteht der Inuit-Dichter Kelly Berthelsen im Interview mit der NZZ zu. Immerhin sei Grönland seit 1979 innerhalb des Königreichs Dänemark autonom. Er würde Dänemark jedenfalls den USA vorziehen: "Wir sind Grönländer und wollen Grönländer bleiben. Und wir wissen, wie unsere Inuit-Brüder in Alaska und die anderen Ureinwohner von den Amerikanern behandelt wurden. Heute haben wir in Grönland ein gutes und bezahlbares Gesundheits- und Sozialsystem. Ob das unter den USA so bleiben würde, ist zweifelhaft. Mir scheint ein Wechsel überhaupt nicht attraktiv."
Donald Trump will übrigens nicht nur Grönland, er will vor allem an die Bodenschätze in der Tiefsee, berichtet Petra Ahne in der FAZ, obwohl die "laut dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen ein 'gemeinsames Erbe der Menschheit'" sind.
2027 geht Emmanuel Macrons Amtszeit zu Ende. In der NZZ zieht der Philosoph Pascal Bruckner eine niederschmetternde Bilanz: "Sein Bestreben, die Rechte und die Linke durch die Schaffung einer 'extremen Mitte' zu versöhnen, treibt ihn dazu, Gegensätze zu vereinen, die sich nicht vereinen lassen. Mit ihm, so glaubt er zunächst, könnten fundamentalistische Burkini-Trägerinnen und Anhängerinnen des Oben-ohne-Sonnenbadens genauso in gutem Einvernehmen nebeneinander existieren wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder Befürworter der Homo-Ehe und Anhänger der traditionellen Familie. ... Ein Politiker kann Widersprüche nicht lange auflösen und nach dem Prinzip 'gleichzeitig' argumentieren, ohne sich wie eine unverantwortliche Wetterfahne zu verhalten."
Nach Berichten der Financial Times und anderer internationaler Medien haben die Vereinigten Arabischen Emirate britische Universitäten aus ihrer Liste staatlich förderfähiger Hochschulen gestrichen, weil sie fürchten, emiratische Studenten könnten sich dort islamistisch radikalisieren. Dass ein islamisches Land den Islamismus eher als Gefahr erkennt als Europa, ist eine ziemlich Blamage, findet Ahmad Mansour in der Welt. "Die Entscheidung aus Abu Dhabi ist deshalb so entlarvend, weil sie Europas inneren Widerspruch offenlegt. Wir reden gern von Menschenrechten, scheuen aber die Konsequenzen, wenn es unbequem wird. ... Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Affäre: Europa verliert nicht, weil es zu tolerant ist. Europa verliert, weil es nicht mehr unterscheiden kann: zwischen Toleranz und Blindheit, zwischen Religionsfreiheit und politischer Ideologie, zwischen Integration und Anpassung an extremistische Narrative."
In der NZZ stößt sich der marokkanisch-schweizerische Essayist Kacem El Ghazzali an dem Massenbeten von Muslimen an prominenten westlichen Plätzen wie dem Times Square, dem Trafalgar Square oder dem Pariser Platz: "Was als Ausdruck von Religiosität präsentiert wird, ist in Wahrheit Reterritorialisierung: die symbolische Inbesitznahme des öffentlichen Raums. Aufschlussreich ist, dass es für solche Straßengebete kaum ein Pendant in muslimischen Ländern gibt." Hierzulande würden jedoch die Massengebete in Teilen muslimischer Social Media "ausdrücklich als 'Siege für den Islam' gefeiert", so Ghazzali. "Was bedeutet dieser 'Sieg des Islams'? Hier wird die These von der Islamisierung des Westens nicht von Rechtspopulisten formuliert, sondern von Muslimen selbst - mit umgekehrtem Vorzeichen. Was die einen als Bedrohung brandmarken, feiern die anderen als Verheißung. ... Die Erzählung ist dieselbe, nur die Bewertung differiert."
Hier ein Beispiel aus London:
Die Zeiten waren vor 50 Jahren andere, gesteht der Inuit-Dichter Kelly Berthelsen im Interview mit der NZZ zu. Immerhin sei Grönland seit 1979 innerhalb des Königreichs Dänemark autonom. Er würde Dänemark jedenfalls den USA vorziehen: "Wir sind Grönländer und wollen Grönländer bleiben. Und wir wissen, wie unsere Inuit-Brüder in Alaska und die anderen Ureinwohner von den Amerikanern behandelt wurden. Heute haben wir in Grönland ein gutes und bezahlbares Gesundheits- und Sozialsystem. Ob das unter den USA so bleiben würde, ist zweifelhaft. Mir scheint ein Wechsel überhaupt nicht attraktiv."
Donald Trump will übrigens nicht nur Grönland, er will vor allem an die Bodenschätze in der Tiefsee, berichtet Petra Ahne in der FAZ, obwohl die "laut dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen ein 'gemeinsames Erbe der Menschheit'" sind.
2027 geht Emmanuel Macrons Amtszeit zu Ende. In der NZZ zieht der Philosoph Pascal Bruckner eine niederschmetternde Bilanz: "Sein Bestreben, die Rechte und die Linke durch die Schaffung einer 'extremen Mitte' zu versöhnen, treibt ihn dazu, Gegensätze zu vereinen, die sich nicht vereinen lassen. Mit ihm, so glaubt er zunächst, könnten fundamentalistische Burkini-Trägerinnen und Anhängerinnen des Oben-ohne-Sonnenbadens genauso in gutem Einvernehmen nebeneinander existieren wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder Befürworter der Homo-Ehe und Anhänger der traditionellen Familie. ... Ein Politiker kann Widersprüche nicht lange auflösen und nach dem Prinzip 'gleichzeitig' argumentieren, ohne sich wie eine unverantwortliche Wetterfahne zu verhalten."
Nach Berichten der Financial Times und anderer internationaler Medien haben die Vereinigten Arabischen Emirate britische Universitäten aus ihrer Liste staatlich förderfähiger Hochschulen gestrichen, weil sie fürchten, emiratische Studenten könnten sich dort islamistisch radikalisieren. Dass ein islamisches Land den Islamismus eher als Gefahr erkennt als Europa, ist eine ziemlich Blamage, findet Ahmad Mansour in der Welt. "Die Entscheidung aus Abu Dhabi ist deshalb so entlarvend, weil sie Europas inneren Widerspruch offenlegt. Wir reden gern von Menschenrechten, scheuen aber die Konsequenzen, wenn es unbequem wird. ... Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Affäre: Europa verliert nicht, weil es zu tolerant ist. Europa verliert, weil es nicht mehr unterscheiden kann: zwischen Toleranz und Blindheit, zwischen Religionsfreiheit und politischer Ideologie, zwischen Integration und Anpassung an extremistische Narrative."
In der NZZ stößt sich der marokkanisch-schweizerische Essayist Kacem El Ghazzali an dem Massenbeten von Muslimen an prominenten westlichen Plätzen wie dem Times Square, dem Trafalgar Square oder dem Pariser Platz: "Was als Ausdruck von Religiosität präsentiert wird, ist in Wahrheit Reterritorialisierung: die symbolische Inbesitznahme des öffentlichen Raums. Aufschlussreich ist, dass es für solche Straßengebete kaum ein Pendant in muslimischen Ländern gibt." Hierzulande würden jedoch die Massengebete in Teilen muslimischer Social Media "ausdrücklich als 'Siege für den Islam' gefeiert", so Ghazzali. "Was bedeutet dieser 'Sieg des Islams'? Hier wird die These von der Islamisierung des Westens nicht von Rechtspopulisten formuliert, sondern von Muslimen selbst - mit umgekehrtem Vorzeichen. Was die einen als Bedrohung brandmarken, feiern die anderen als Verheißung. ... Die Erzählung ist dieselbe, nur die Bewertung differiert."
Hier ein Beispiel aus London:
In Muslim Countries it's considered 'Bad Practice' to pray to Allah anywhere but inside the Mosque, but across Europe streets are filled - as Islamic prayer sounds out across the Cities.
- Concerned Citizen (@BGatesIsaPyscho) January 6, 2026
This is London, UK and you should think about why this is….. pic.twitter.com/f83C1qWI4k
Digitalisierung
In der FR gratuliert Florian Weber staunend dem "kleinen Wunder" Wikipedia zum Fünfundzwanzigsten. Klar gibts auch Streit und Probleme, aber im großen und ganzen findet man dort "Artikel, die sich in den allermeisten Fällen schlicht darum bemühen, abzubilden, was der gegenwärtige Stand des Wissens ist. Dass das funktioniert, ist beinahe unglaublich. Schaut man auf X oder andere Orte im Internet, findet man zahlreiche Beweise, wie der Schutz der Anonymität benutzt wird, um fies zu beleidigen. Oder wie Plattformen instrumentalisiert werden, um politische Propaganda unter die Leute zu bringen. Gäbe es Wikipedia nicht in der Form, in der es heute existiert, würde wohl kaum jemand daran glauben, dass das Vertrauen in eine Schwarmintelligenz zu einem Ort führt, der in seiner ruhigen Aufgeräumtheit an eine städtische Bibliothek erinnert."
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