Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.12.2025. Wo genau liegt der Westen? Der AfD-Vordenker Benedikt Kaiser (interviewt von starke-meinungen.de) und die berühmte Cambridger Althistorikerin Josephine Quinn in ihrem Buch "Der Westen" sind sich einig, auch wenn sie aus unterschiedlichen Richtungen kommen: in der Requisitenkammer einer obsoleten Ideologie. Aber es gibt auch Gegenstimmen, bei den Ruhrbaronen, und in der FAZ. Die taz erzählt, was in Warschauwiederaufgebaut wurde und was nicht und warum.
Alan Posener und Liane Bednarz haben bei starke-meinungen.de die Brandmauer gesprengt und (bereits vor einigen Tagen) einfach einen AfD-Intellektuellen interviewt, den "Vordenker" Benedikt Kaiser, der nicht ohne eine gewisse Schnöseligkeit vorführt, dass er auch nur mit Wasser kocht. Interessant ist aber, wie er die Begriffe "Europa" und "Westen" gegeneinander ausspielt: "Ich denke, dass Deutschland Teil Europas ist, wertvoller Teil, die Mitte Europas, und dass Europa mehr ist als 'nur' der normativ gedeutete Begriff des 'Westens', der zudem auch die USA, Kanada und so weiter umfasst, also den Rahmen dessen, was ich für den naheliegenden Großraum halte - Europa! - deutlich sprengt. Die Subordination unter westliche Hegemonie hat zudem dazu geführt, dass man souveränen Spielraum verlor und vieles - von Militär bis KI-Forschung und -entwicklung unnötigerweise 'outsourcte'." Daraus folgt für Kaiser die Forderung nach "Äquidistanz zu Moskau und Washington, zu Peking und anderen Kapitalen".
Die von Kaiser geforderte Abkehr vom Westen findet sich natürlich auch bei Linken, konstatiert Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen zu diesem Gespräch. Kaiser und Linke (man denkt etwa an den Abstiegsmanager Daniel Marwecki) machten sich Illusionen, so Laurin: "Eine Abkehr vom Westen, zu dem auch Kanada, Südkorea, Israel, Japan und Australien gehören, würde nicht zu europäischer Souveränität führen, sondern zwangsläufig zu einem Wechsel von der amerikanischen in die chinesische Technosphäre. Europa geriete damit unter den Einfluss eines zunehmend von China abhängigen Russland."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ob links oder rechts, es scheint jedenfalls so etwas wie eine Sehnsucht des Westens nach Selbstabschaffung zu grassieren. Sehr schön zeigt das Jannis Koltermann im Aufmacher des FAZ-Feuilletons, wo er sich Josephine Quinns viel gefeierte monumentale Abhandlung "Der Westen - Eine Erfindung der globalen Welt" vornimmt. Die sehr renommierte Cambridger Althistorikerin möchte darin zeigen, dass der Westen im Grunde nur eine "Adaption von Altbekanntem" sei, so Koltermann. Doch ihre Erkenntnis, dass der Westen sich an anderen Kulturen inspiriert, greift nicht weit genug, wie Koltermann an einem Beispiel zeigt: "Über die griechische Kunst etwa bemerkt Quinn lediglich, dass die archaischen Kouroi, frühe, noch etwas steife Statuen bartloser Jünglinge, an ägyptische Bildhauertraditionen angeknüpft hätten - und geht nicht auf die weitere Entwicklung hin zu lebensnahen Bildnissen ein, die für die Kunstgeschichte noch entscheidender ist, aber eben nicht einfach auf den Kontakt mit fremden Kulturen zurückgeführt werden kann."
SZ-Autor Gustav Seibt muss sich einfach auf die Schulter klopfen. Schon vor neun Jahren hatte er recht, als er Donald Trump neronische Züge zuschrieb (unser Resümee damals). Heute setzt Seibt nach und beschreibt, wie Trump die Despotie 2.0 ausgestaltet: "Trump ist weder Nero noch 'Sultan', aber er verhält sich wie einer. Das verleiht seinem sprunghaften, hektischen, widersprüchlichen Verhalten einen Unernst, der eigentlich unpolitisch ist. Zölle, die die Weltwirtschaft in Gefahr bringen, sind Spielzeug eines Gamers am Mobiltelefon. Herrscherliche Verlautbarungen kommen als Posts daher. Staatsmänner auf Besuch werden abgekanzelt wie ungezogene Kinder. Es gibt in dieser Welt entgrenzten Wollens keinen Widerstand der Wirklichkeit mehr - da können Preise angeblich um 600 Prozent gesenkt werden, und niemand im Raum lacht."
Die Ukraine darf nicht abgeschrieben werden, auch wenn die militärische Lage zurzeit herausfordernd ist, warnt Ibrahim Naber in der Welt. "Auch wenn die ukrainische Armee durch den Abnutzungskrieg an Substanz verliert, hält Präsident Wolodimir Selenski weiterhin gute Karten in der Hand. Mit weitreichenden Waffen, allen voran ukrainischen Langstreckendrohnen, tragen Kiews Streitkräfte den Krieg zunehmend nach Russland. Insbesondere die Angriffe auf die Energie-Infrastruktur stellen eine ernste Bedrohung für Putins Wirtschaft dar. Und an der Front ist trotz einer besorgniserregenden Welle von Desertionen keine Kapitulation der Ukraine in Sicht. Noch immer gibt es einen harten Kern ukrainischer Soldaten, die bis zum Ende kämpfen werden. Egal, was dieses Ende bedeutet."
Nach den Neuwahlen im Februar hat es keine politische Kraft im Kosovo zustande gebracht, eine politische Mehrheit zu bilden - deshalb stehen in ein paar Tagen wieder Neuwahlen an, schreibt der Schriftsteller und ehemalige kosovarische Botschafter in Berlin Beqe Cufaj in der FAZ. Dabei braucht das Land dringend Stabilität. "Am 28. Dezember werden die Wähler nicht primär darüber entscheiden, wer am Ende die Regierung führt und wer welche Ministerposten bekommt. Sie werden darüber entscheiden, ob die Republik Kosovo endlich wieder regierbar wird. Ob nach Wahlen eine Regierung oder eine Koalition mit einer stabilen Mehrheit entsteht. (...) Das Kosovo braucht keinen Messias. Es braucht ein minimales Bekenntnis zur politischen Reife, das sich in drei Sätzen zusammenfassen lässt: Koalitionen und Bündnisse sind kein Makel, sie sind das Wesen der Demokratie. Institutionen sind kein Werkzeugkoffer für Ingenieure der Macht, sie sind das Haus, in dem wir alle leben. Unsere Verbündeten im Westen schauen nicht von außen zu, was wir tun und lassen, sie sind Teil der inneren Sicherheit."
Religiosität geht überall in der westlichen Welt zurück, erzählt der Religionssoziologe Detlef Pollack im Gespräch mit Arnfrid Schenk und Ulrich Schnabel von der Zeit. Auch für einige muslimische Länder beobachtet er das - etwa den Iran. Und auch Trump sollte sich nicht allzu große Hoffnungen machen: "Die Evangelikalen haben in den USA seit den 1970er-Jahren starken Zulauf, der Höhepunkt war um 2010, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist damals auf 30 Prozent angewachsen. Aber: Die politische Aufladung der Religion, der Aufschwung der religiösen Rechten, die Allianz von evangelikalen Christen und Republikanern stoßen vor allem politisch moderat eingestellte Menschen ab. Und viele geben ihre - sowieso schon schwache - religiöse Bindung ganz auf. Insgesamt steigt daher der Anteil der Konfessionslosen in den USA."
Gabriele Lesser erzählt in der taz, wie die Polen vor achtzig jahren ihre von den Deutschen fast vernichtete Hauptstadt Warschau wieder aufbauten. Ohne Konflikte, Widersprüche und historische Verdrängung ging das nicht ab. Zum einen gab es zwei verschiedene Architektenschulen - die eine wollte Tabula Rasa, die andere Wiederaufbau. Auch der Wiederaufbau, der dann folgte war dann alles andere als lückenlos. Das Ghetto wurde planiert, der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Geschichte der Stadt komplett verdrängt. Ähnliches galt für Jugendstilbauten, die von den Kommunisten als dekadent angesehen wurden. Aufgebaut wurde vor allem die Altstadt - mit Einschränkungen: "Die Kommunisten forderten, dass die christlichen Heiligenfiguren an den einstigen Fassaden durch Götter der Antike zu ersetzen waren. Statt der heiligen Maria schützt nun beispielsweise Diana, die römische Göttin der Jagd, ein Haus. Den Baumaterialien des Mittelalters - Ziegel und Holz - blieb man allerdings treu. Da es nur wenige Schwarz-Weiß-Fotos aus der Vorkriegszeit gab, griff Zachwatowicz auf die Veduten des königlichen Malers und Venezianers Canaletto aus dem 18. Jahrhundert zurück, ließ die Farben auf den Ölgemälden erneut anrühren und damit die Fassaden der neuen Altstadthäuser streichen. 1980 wurde Warschaus Altstadt auf die Unesco-Weltkulturliste aufgenommen. Bis heute trägt sie als einzige den Titel 'wiederaufgebaute Altstadt'."
Der Historiker Jürgen Zimmerer ist sich im Gespräch mit Frederik Eikmanns von der tazziemlich sicher, dass man bei den Geschehnissen im Sudanvon Genozid sprechen kann. Es gebe "zahlreiche Indizien dafür, dass die massiven Kriegsverbrechen, die wir auf jeden Fall konstatieren können, Teil einer generellen Strategie der Vernichtung der gegnerischen Gruppe 'als solcher' sind. Spätestens seit den jugoslawischen Nachfolgekriegen in den 1990er Jahren ist zudem anerkannt, dass etwa Vergewaltigungen Teil einer genozidalen Strategie sein können. Zudem kommt im Fall des Sudan dazu, dass es dort eine längere Tradition ethnischer Säuberung, wenn nicht gar des Genozids gibt, die zumindest bis auf 2003 zurückgeht. Damals wurde bereits die Gewalt arabischer Milizen gegen afrikanische Bauern in Darfur unter dem Stichwort des Genozids diskutiert. Die heutigen Konfliktlinien ähneln den damaligen."
Donald Trump ist nicht der erste amerikanische Präsident, der die Ideen des Völkerrechts untergräbt, schon Reagan, Bush junior und Obama zeigten in Momenten wenig Respekt, schreibt Finn Hohenschwert im Leitartikel der FAZ. Aber "die Idee einer auf Völkerrecht gegründeten Weltordnung lebt davon, dass gerade die Mächtigen ihr verpflichtet bleiben. Beginnt einer ihrer Architekten, sie zu demontieren, gerät das ganze Gefüge ins Wanken. Andere Staaten können sich auf Washington berufen, um eigene Regelverstöße zu rechtfertigen. Schon jetzt fehlt es den westlichen Demokratien an Glaubwürdigkeit, wenn sie den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands verurteilen."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Son Lewandowski: Die Routinen Ein Gummibärchen essen, heute den Arm, morgen ein Bein. Was sich anhört wie ein Witz, ist Alltag für die Leistungsturnerin Amik. Für sie zählt jedes Gramm, jeder Wettkampf,…
Martin Warnke: Large Language Kabbala Nicht Nerds, sondern Schrift-Gelehrte sind es, die das Feld der generativen Künstlichen Intelligenz wie ChatGPT erklären können: Solche "Large Language Models" wurzeln in…
Daniel Gerlach: Die Kunst des Friedens In den Nachrichten erscheint der Nahe Osten oft als ewiger Krisenherd, wo Konflikte mit unerbittlicher Gewalt ausgetragen werden und niemand Kompromisse machen will. In einer…
Ben Shattuck: Eine Geschichte der Sehnsucht Nantucket im Jahre 1796. Die verwitwete Laurel bekommt überraschend Besuch von ihrer Jugendliebe Will in Begleitung seiner jungen Braut. Sie sind auf dem Weg nach Barbados…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier