Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.12.2025. Im SZ-Interview ist die brasilianische Filmemacherin Petra Costa stolz auf die Demokratie in ihrem Land, auch weil der einstige rechtspopulistische Präsident Bolsonaro zu 27 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Rumänen haben im Zweiten Weltkrieg aus eigener Initiative Hunderttausende Juden umgebracht - Alexandru Bulucz schildert in der FAZ die rumänischen Schwierigkeiten im Umgang mit dieser Geschichte. Die SZ ist enttäuscht von Eva Menasse und Daniel Marwecki die behaupten, sie könnten sich nicht frei zu Israel äußern, und dafür extra in die Schweiz gehen. Die NZZ beleuchtet die immer neuen Proteste in Marokko.
Gibt es einen Genozid an Christen in Nigeria, wie Trump neulich behauptete? Carlota Brandis stellt in der FAZ jedenfalls fest: "Wer in Nigeria zum Adventsgottesdienst geht, ist extrem mutig." Sie zählt eine Menge von Verbrechen an der christlichen Bevölkerung in den nördlichen Regionen Nigerias auf, die auch dadurch zu erklären sind, dass sich der Staat hier offenbar nicht ausreichend blicken lässt: "Das Sicherheitsvakuum, das die Islamisten im Norden offenbart haben, nutzen auch bewaffnete kriminelle Gruppen für sich. Sie entführen Menschen aus Dörfern und fordern Lösegeld. Auch wird vermutet, dass sie Geiseln an Terrororganisationen weiterverkaufen. Lösegeldzahlungen sind 2022 in Nigeria eigentlich verboten worden, um das Geschäft unattraktiv zu machen. Allerdings glauben einige Beobachter, dass die unter Druck stehende Regierung immer noch gegen Geld Geiseln freikauft." Auch ethnische Aspekte und die Austrockung des Tschad-Sees durch den Klimawandel bei wachsender Bevölkerung spielen eine Rolle, so Brandis.
Anfang Oktober gab es in Marokko heftige Proteste, erinnert der Maghreb-Experte Beat Stauffer in der NZZ. Mit "harter Hand" unterdrückte der Staat die Protestbewegung Gen Z 212, viele Demonstranten wurden zu Haftstrafen verurteilt. Einerseits hat sich die wirtschaftliche Lage in Marokko in den letzten Jahren stetig gebessert, erklärt Stauffer, "gleichzeitig steht außer Frage, dass Marokko schwere Altlasten mit sich schleppt, für die nicht der heutige König verantwortlich ist. Doch hat er genügend unternommen, um die großen Missstände im Bereich der öffentlichen Gesundheit, der Bildung, der Justizreform engagiert anzugehen? Hat er mit neuen Mitteln versucht, den enormen Graben zwischen den prosperierenden und den armen, abgehängten, in vielerlei Hinsicht unterentwickelten Regionen zu verkleinern? Zweifel sind angebracht. Insgesamt bleibt das Bild eher düster, und auch bezüglich Menschenrechten und Medienfreiheit waren in den letzten Jahren Rückschritte zu verzeichnen."
Im SZ-Interview mit Jan Heidtmann ist die Filmemacherin Petra Costa, die mehrere Dokumentationen über die politische Situation in Brasilien gedreht hat (unser Resümee), eher hoffnungsvoll, was den Zustand der Demokratie in ihrem Land angeht: "Seit Bolsonaro zu 27 Jahren Haft verurteilt worden ist, bin ich ganz optimistisch. In einem Land, in dem bislang niemand für die ständigen Versuche, den Staat zu stürzen, verurteilt worden ist, in dem auch kein Militärangehöriger für seine Taten während der Diktatur bestraft worden ist, da ist dieser Richterspruch ein historisches Ereignis. Brasilien ist gerade gelungen, woran die USA gescheitert sind: Die Anführer einer Attacke auf die Demokratie vor Gericht zu bringen und sie auch zu verurteilen." Aber "die extreme Rechte darf man nicht unterschätzen. Da sind politisch Verantwortliche wie der Gouverneur von Rio de Janeiro, der es feiert, wenn fast 120 Menschen bei einem Polizeieinsatz in den Armenvierteln Rios erschossen werden." Im Netflix-Film "Apokalypse in den Tropen" erforscht Costa beispielsweise den Einfluss evangelikaler Prediger auf die Politik Brasiliens.
Die lang erwartete Veröffentlichung der Epstein Files hat keiner Seite den teils ersehnten Skandal gebracht, konstatiert Majid Sattar in der FAZ: "Klar war, dass die schiere Menge an Dokumenten und Fotos Medienleute und andere interessierte Beobachter überfordern würde. Eine erste Sichtung machte aber schnell klar: Große neue Enthüllungen würde es wohl nicht geben. Dass man solche nicht erwarten sollte, hatte Todd Blanche, der stellvertretende Justizminister, kurz vor der Veröffentlichung schon deutlich gemacht."
Schwierig werden neue Erkenntnisse wohl auch sein, weil große Teile der veröffentlichten Dokumente geschwärzt wurden, berichten Celine Schäfer und Johanna Sethe bei Zeit Online: "Demokraten kritisieren die bisherige Veröffentlichungspraxis. Der Kongressabgeordnete Ro Khanna warf dem US-Justizministerium vor, zentrale Informationen zurückzuhalten; ein 119-seitiges Dokument mit Zeugenaussagen sei vollständig geschwärzt worden. Der Republikaner Thomas Massie, Mitinitiator des Transparenzgesetzes, schloss sich dem an. Auch der demokratische Minderheitsführer im Senat, Chuck Schumer, sprach auf X von einem 'Bruchteil der gesamten Beweismittel', die offengelegt worden. Der Abgeordnete Robert Garcia warf Trump und Justizministerin Pam Bondi Vertuschung vor."
Ungreifbar: Schwarz' Adenauer.Demnächst wird der 150. Geburtstag Adenauers begangen. Aus dem Anlass erscheinen drei neue Biografien, die Matthias Alexander in der FAZ aber wegen akuter Bravheit bald zur Seite legt, um an "Anmerkungen zu Adenauer" von Hans-Peter Schwarz zu erinnern, die heute nicht mehr lieferbar sind (selbst antiquarisch scheint dieser Band aus dem Jahr 2004 nicht greifbar zu sein). Hier findet er eine Dimension historischer Reflexion, die er bei den neuen Biografien vermisst. An einem Satz lässt sich beispielhaft zeigen, welche Weitsicht Schwarz im Jahr 2004 besaß: 'Öffnen sich derzeit nach dem - vielleicht nur vorläufigen - Rückzug der Russen hinter den Dnjepr und bis vor die Tore Sankt Petersburgs zwischen den westlichen Demokratien nicht doch wieder Bruchlinien, welche die deutsche Außenpolitik zu Optionen zwingen, so dass sich urplötzlich wieder die Problematik der Mittellage ergibt, wenngleich in neuer Form und vorerst ohne gravierende Sicherheitsbedrohung?' Wohlgemerkt, Schwarz hat das geschrieben, als Putins Auftritt vor dem Bundestag, nach dem sich die friedenssehnsuchtstrunkenen deutschen Abgeordneten in einen kollektiven Rausch der Geschichtsvergessenheit applaudiert hatten, erst zwei Jahre zurücklag."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Das Misstrauen in der Gesellschaft steigt immer mehr und gefährdet die Demokratie, hält der Soziologe Aladin El-Mafaalani im NZZ-Gespräch mit Rico Bandle fest. El-Mafaalani hat auch ein Buch zum Thema geschrieben. Die Angst vor Identitätsverlust sei einer großer Faktor für Misstrauen: "Die Forschung zeigt, dass Menschen, die eher zu Vertrauensverlust neigen und anfällig sind für Verschwörungserzählungen und Populismus, eine starke Gemeinsamkeit haben: Sie sehen ihre Identität bedroht. Sie glauben, ihre Vorstellung vom guten Leben werde in Zweifel gezogen und ihr Weltbild abgewertet. Es geht auch um so etwas wie Entfremdung, also das Gefühl, dass sich vieles zu schnell und zu weitreichend verändert. Im Hinblick auf Deutschland kann gezeigt werden, dass wahrgenommene Entfremdung und Identitätsbedrohung einen stärkeren Effekt haben als soziale Ungleichheit. All das begünstigt die Erosion von Vertrauen."
Ein großer Teil der deutschen Intellektuellen scheint im Zeitalter des "Lamentozän" hängen geblieben zu sein, seufzt Hilmar Klute in der SZ und kommt nochmal auf die Konferenz "The Rise and Fall of the BRD" in Zürich zu sprechen, bei der unter anderem Eva Menasse und der Politologe Daniel Marwecki beklagten, man dürfe sich in Deutschland, vor allem zu Israel, nicht mehr frei äußern (unser Resümee). Unsinn, meint Klute: "Es gibt keine Abdruckgarantie, aber auch keine Zensur. Es wird niemand von dickbäuchigen Kapuzenmännern abgeholt, niemand bekommt Polonium verabreicht, niemand verliert seinen Studienplatz oder erhält Schreibverbot, auch nicht die Schriftstellerin Eva Menasse, die in Zürich allen Ernstes vom deutschen Feuilleton als einer 'Wagenburg der Staatsraison' sprach, obwohl dort gerade zur Israel-Debatte ein großes Tableau an Meinungen abgebildet wurde und wird."
Die Geschichtspolitik des neuen rumänischen Präsidenten Nicușor Dan ist eine herbe Enttäuschung, schreibt der deutsch-rumänische LyrikerAlexandru Bulucz in einem kleinen Essay für die FAZ. Er erinnert an zwei historische Umstände: Die Rumänen betrieben im Zweiten Weltkrieg sozusagen ihren eigenen Holocaust und brachten aus eigener Initiative Hunderttausende Juden um. Zweitens: Wie in alle kommunistischen Ländern wurden die Verbrechen an den Juden, sowohl die eigenen als auch zum Teil die der Nazis, im Sinne einer antifaschistischen Geschichtserzählung beschwiegen. Präsident Dan wendet sich nun zunächst gegen ein Gesetz zur historischen Aufarbeitung und wurde dafür von Vladimir Tismăneanu, dem ehemaligen Vorsitzenden der "Präsidialkommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien" kritisiert. Schlimmer noch ist "Dans Auszeichnung eines hundertsiebenjährigen Kriegsveteranen am rumänischen Nationalfeiertag 2025. Der Geehrte hatte an militärischen Operationen in Räumen rumänischer Beteiligung an Deportationen und Massenmorden teilgenommen. Tismăneanu nennt diese Ehrung 'in höchstem Maße verstörend'."
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