9punkt - Die Debattenrundschau

Die Leerstelle des grundsätzlichen Dagegenseins

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.12.2025. Implodiert die Welt wegen des Größenwahns zweier Politiker? Die Medien schreiben über Trumps immer verrücktere Ausbrüche - und sein Dösen in Kabinettssitzungen. Die FAZ notiert auch den Größenwahn eines anderen: Russland habe vollkommen neue Waffen und ist praktisch unschlagbar, ist sich Putin sicher. Auch in Deutschland bricht sich ein politischer Wahn Bahn: Der Politikwissenschaftler Markus Linden fragt sich in Zeit online, ob sein Kollege Nils Kumkar wirklich ein zynisches Machtspiel der Linken will, das darin besteht, erstmal die AfD dranzulassen?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.12.2025 finden Sie hier

Politik

Trump zeigt Anzeichen von Wahnsinn, mindestens aber eines Größenwahns, der gefährliche Ausmaße annimmt. Eine Galerie mit Präsidenten-Porträts im Weißen Haus hat er mit Erklärtafeln im Stil seiner "Truth-Scocial"-Posts versehen, er hat im Fernsehen eine Rede an die Nation gehalten, in der er doppelt so schnell sprach wie üblich, während er bei Kabinettstreffen eher die Neigung hat, öffentlich einzuschlafen (CNN hat den Mediziner Jonathan Reiner dazu befragt). Nun hat Trump beschlossen, das Kennedy-Center in New York in "Trump-Kennedy-Center" umzubenennen. Darauf reagiert die Journalistin Maria Shriver, eine Nichte Kennedys, die auf Twitter schreibt: "Als Nächstes wird er noch den JFK-Flughafen umbenennen, das Lincoln Memorial in Trump Lincoln Memorial. Das Trump Jefferson Memorial. Das Trump Smithsonian. Die Liste lässt sich fortsetzen. Sehen wir denn nicht, was hier vor sich geht? Kommt schon, meine amerikanischen Mitbürger! Wacht auf! Das ist nicht würdig. Das ist nicht lustig. Das ist weit unter dem Niveau dieses Amtes. Es ist seltsam. Es ist auf seltsame Weise obsessiv."

In der FAZ resümiert Majid Sattar Trumps Rede und die Umstände: "Trump hatte seine Ansprache vom Teleprompter abgelesen. Wenn dies in seiner ersten Amtszeit geschah, konnten seine Mitarbeiter stets aufatmen. Solange der Präsident sich ans Skript hielt, ließ sich Schlimmeres verhüten. In der zweiten Amtszeit ist auch das anders: Das Skript ist 'Trump pur'. Soll heißen: Ohne Teleprompter hätte er die gleiche Rede gehalten. Viele der Leute in seinem Umfeld filtern ihn nicht, sie bestärken ihn." Claudius Seidl hofft im SZ-Feuilleton, "mitten im lautesten Lärm und Schwachsinn die ersten Zeichen eines Flops zu erkennen. Dass Trump dement werde, sagen seine Gegner, die das aus der Ferne nicht belegen können. Dass er schwächer wird, ist aber deutlich sichtbar."

FAZ-Redakteur Reinhard Veser hörte unterdessen einer Rede Wladimir Putins über den Zustand seiner Armee zu, und auch Putin greift zu immer neuen Superlativen: "92 Prozent der Atomstreitkräfte seien auf dem neuesten technischen Stand: 'So etwas gibt es in keiner anderen Atommacht auf der Welt.' Russland habe vollkommen neue Waffen: 'So etwas hat niemand anderes auf der Welt und wird es so bald auch nicht haben.' Der Marschflugkörper 'Sturmvogel' und die Seedrohne 'Poseidon', die laut Putins Darstellung dank eines nuklearen Antriebs eine unbegrenzte Reichweite haben, 'sichern Russlands globale Position auf Jahrzehnte hinaus'. Die staatliche Propagandaagentur Ria Nowosti überschrieb ihren Kommentar zu der Sitzung: 'Europas Spiel ist zu Ende: Russland ist bereit für einen Krieg mit der NATO.'"

Geradezu verzweifelt klingt ein Text Natan Sznaiders in der FAZ über die Möglichkeit oder eher wohl eher Unmöglichkeit der Versöhnung im Nahostkonflikt, aber auch der Juden und der Israelis mit Israel selbst. "Der Staat Israel konnte die theologische Dimension der Befreiung nie abschütteln, und diese Dimension hat ihren Preis", schreibt er. Die Düsternis seiner Stimmung illustriert er mit einer Szene, die man neulich im israelischen Fernsehen sehen konnte: "Zu sehen waren sechs Geiseln, die 2023 Chanukka feierten. Abgemagert, aber lebend und mit großer Zuversicht. Diese sechs Geiseln, Carmel Gat, Eden Yerushalmi, Hersh Goldberg-Polin, Ori Danino, Alexander Lobanov und Almog Sarusi, alle junge Männer und Frauen, wurden Ende August 2024 von der Hamas ermordet, bevor die israelische Armee sie aus dem Tunnel in Gaza befreien konnte. Der Dokumentationsfilm im israelischen Fernsehen belegte eindeutig, dass sie hätten gerettet werden können, wenn es den Willen dazu aufseiten der israelischen Regierung gegeben hätte." Über die Bedeutung des Chanukka-Fests, auch nach dem Attentat von Sydney, schreibt in der Jüdischen Allgemeinen der Kulturmanager Leeor Engländer.
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Stichwörter: Sznaider, Natan

Digitalisierung

Die Grenze zwischen Schutz und Kontrolle der digitalen Medien verschiebt sich ständig, meint in der SZ die amerikanische Politik- und Digitalberaterin und ehemalige Meta-Mitarbeiterin Alexis Crews mit Blick auf Vorhaben wie die von der EU geplanten Chatkontrollen, während die Trump-Regierung jede Kontrolle der digitalen Medien zu unterbinden versucht: "In diesem Zusammenhang ist das Gegenteil von schlechter Regulierung nicht keine Regulierung. Es ist gute Regulierung: Regeln, die die Macht von Unternehmen und Staaten einschränken, indem sie rote Linien setzen, Transparenz erzwingen und Konsequenzen schaffen." Nötig seien "übertragbare Vorschriften: verschiebbare Leitplanken... Nicht ein einziges Weltgesetz, sondern eine verantwortungsvolle Fragmentierung: Standards, die sich mit der Technologie weiterentwickeln, damit Rechte nicht an den Grenzen verschwinden. Dies ist kein theoretisches Problem. Es ist ein strategisches Problem: Durchsetzbare Regeln an einigen wenigen einflussreichen Orten festlegen, Koalitionen bilden, die Wahlzyklen überdauern, und das, was funktioniert, skalieren."
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Gesellschaft

Vor 45 Jahren erschoss ein Neonazi den Rabbiner Shlomo Lewin und dessen Frau Frida Poeschke. Der Täter ist zwar bekannt, aber nicht, ob er im Rahmen einer terroristischen Gruppierung, der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann agierte. Die Grünen-Fraktion im Bundestag hat eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt, die mit einer läppischen Antwort alle Fragen offen ließ. In der taz berichtet Konrad Litschko: "Im Fall Shlomo Lewin und Frida Poeschke kämpft auch der Publizist Ulrich Chaussy seit Jahren für Aufklärung, aktuell auch mit einem überarbeiteten Buch zum Oktoberfestattentat, das auch den Doppelmord in Erlangen thematisiert. Das Oktoberfestattentat fand damals nur drei Monate vor dem Mord an Lewin und Poeschke statt und wurde ebenfalls von einem Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann verübt. Chaussy beklagt in seinem Buch, wie der Verfassungsschutz 'mit Zähnen und Klauen' seinen Quellenschutz höher rangiere als den Schutz des Lebens von Menschen, die durch Extremisten bedrohten würden. Ermittlungsbehörden hätten in beiden Fällen Einzeltäter präsentiert, statt rechtsextreme Netzwerke zu beleuchten."

Es gibt im rechtsextremen Terror (so wie auch im linksextremen) eine Kontinuität des Schweigens, die auch Theresa Weiß im Leitartikel der FAZ thematisiert. Sie beobachtet Beate Zschäpe im Prozess gegen eine Komplizin, wo sie zwar aussagt, um keine Hafterschwerungen zu riskieren, aber nur Belangloses sagt. Sie ist allerdings nicht die einzige, die schweigt und die Aufdeckung der Wahrheit erschwert, so Weiß: "Auch der NSU hatte Unterstützer. Weit mehr als die vier mit Zschäpe in München verurteilten Männer müssen dem Kerntrio geholfen haben. Auch zahlreiche V-Leute des Verfassungsschutzes hatten in der rechtsextremen Szene Kontakt zum NSU. Was sie wussten und was sie taten, ist kaum zu rekonstruieren: In der 'Aktion Konfetti' vernichtete das Bundesamt 2011 einschlägige Akten, einige Landesämter verweigern den Zugang zu Dokumenten. So ist eine Aufarbeitung erschwert. Und die Frage bleibt: Wie groß ist das Netzwerk, wie verbreitet sind die Sympathien am rechten Rand der Gesellschaft?"
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Ideen

Bei Zeit online setzt sich der Politikwissenschaftler Markus Linden mit dem Teil der Linken auseinander, der kein Bündnis mit der Mitte mehr sucht, sondern auf Radikalisierung setzt - und dabei sogar eine Regierung der AfD in Kauf nehmen würde, wie der Soziologe Nils Kumkar, der dies in einem Beitrag für die September-Ausgabe des deutschen Jacobin als erfolgversprechende Strategie erläutert habe, um der Linken die Rolle der Fundamentalopposition zu sichern: "Man müsse 'die Leerstelle des grundsätzlichen Dagegenseins', die im Moment die AfD innehabe, selber 'besetzen'. Das könne Jahre dauern und schlösse mit ein, eine Regierungsübernahme der AfD in Kauf zu nehmen, denn mit Kompromissbereitschaft zur politischen Mitte werde die Linke nie zum 'Angstgegner'. Kumkar spricht in diesem Zusammenhang zwar von einem 'Dilemma', kaum verklausuliert geht er aber davon aus, dass die Besetzung der Dagegenleerstelle, die angeblich zum Erfolg führt, wahrscheinlich nur über den Umweg einer AfD-'Regierungsübernahme' funktioniert, der man sich dann als einzig wahre Opposition entgegenstellen kann. Er fordert die Kopie der rechtsextremen Strategie zu eigenen Zwecken, so wie die Rechte linke Versatzstücke übernommen habe. Ein normatives Projekt hinter dem Deckmantel der Analyse, vorgebracht als doppelbödiges Gedankenspiel mit empirischen Anhaltspunkten und allerlei systemischen Imperativen."

Die Berliner Boheme ist am Ende - nicht nur, dass die Stadt für Künstler unbezahlbar wird. Sie werden auch noch in ihrer Meinungsfreiheit unterdrückt, sobald sie Sympathien für die Palästinenser zeigen, klagt Diedrich Diederichsen im amerikanischen Artforum: "Es gibt einen ständigen Missbrauch von - in den meisten Fällen - völlig haltlosen und rein strategischen Vorwürfen des Antisemitismus; Musikfestivals durchforsten die Biografien der eingeladenen Ensembles, um herauszufinden, ob ein Bassist einmal den falschen Solidaritätsaufruf unterschrieben hat. All dies geschieht vor dem Hintergrund tiefgreifender Kürzungen der Kulturförderung in Berlin und eines zusammenbrechenden Kunstmarktes. Natürlich gibt es ähnliche und sogar noch schlimmere Entwicklungen in anderen Teilen des globalen Nordwestens. Aber es kommt zu einer Art Endspiel in einem Krieg gegen die Boheme, der seit langem an den unterschiedlichsten Fronten geführt wird - ein Krieg, der, nachdem er Kapitalismus, Technologie, Wirtschaft und Kultur subtil als Waffen eingesetzt hat, nun mit unverhohlener Unterdrückung geführt wird." 

Boris Pofalla hat den Diederichsen-Essay für die Welt gelesen und hält dagegen: Dessen Boheme ist doch gar keine. "Die Boheme bezog ihren Nimbus ja gerade aus nonkonformistischen Verhaltensweisen, aus innerer Distanz zu Ideologien, Apparaten und Parteien. Die Israel-versus-Palästina-Debatte erlaubt spätestens seit dem 7. Oktober 2023 keine uneindeutigen Verhaltensweisen mehr. Ob auf internationalen Kunstbiennalen, Dating-Apps oder auf queeren Technofestivals in Brandenburg, überall plärrt es einem 'No Zionists! Free Palestine! Globalize the Intifada!' entgegen. Eine zum Ressentiment heruntergerockte, vereinfachend antikoloniale Sichtweise auf den Nahost-Konflikt ist Teil der internationalen Popkultur geworden und bei vielen in Hass umgeschlagen. Hass aber ist schlecht, er ist unterbelichtet und falsch. Was soll daran bohemistisch sein oder links?"
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Medien

Zu Weihnachten wendet sich Perlentaucher Thierry Chervel an die Leser und Leserinnen: "Der Perlentaucher hat inzwischen 110.543 Rezensionsnotizen zu 67.013 Büchern. Auch darum werden wir in Marbach archiviert, wir spiegeln die qualifizierte literarische Öffentlichkeit dieses Jahrhunderts. Wir machen seit dem dem 15. März 2000 eine tägliche Feuilleton-Presseschau, heute sind es sogar zwei. 500.000 verschiedene Menschen besuchen den Perlentaucher monatlich mindestens einmal. 22.000 Leser haben unsere täglichen Newsletter abonniert, 35.000 Leser unseren monatlichen Bücherbrief. Von diesen 500.000 Lesern möchten wir etwa 2.000 Lesern ganz besonders herzlich danken."
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Kulturpolitik

In Berlin wird die Kulturpolitik oft thematisiert. Aber Berlin ist keineswegs allein mit seinen drastischen Kürzungen in den Etats. Vanessa Fatho schreibt in der FAZ über Stuttgart: "Insgesamt müssen in Stuttgart rund 900 Millionen Euro eingespart werden, auch getrieben von unvorhergesehenen Einbrüchen bei der Gewerbesteuer (Stichwort: schwächelnde Autoindustrie). Neben der Kultur sind auch Bildung und Soziales von starken Kürzungen betroffen." Ebenfalls in der FAZ fasst Marc Zitzmann die schmerzhafte Pariser Debatte über Sicherheitsversäumnisse im Louvre zusammen.
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Stichwörter: Stuttgart