9punkt - Die Debattenrundschau
P.S.: Ich schlage vor, nicht aufzugeben
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.12.2025. Die Attentäter von Sydney handelten in einem Klima, in dem Antisemitismus normalisiert ist, erkennt die taz. In Atlantic geht David Frum noch weiter: Wer "Globalize the Intifada" ruft, weiß ganz genau, was er tut: Symbolische Gewalt ist eine Generalprobe für tatsächliche Gewalt. In der SZ können es Filip Dzyadko und Alexander Estis angesichts der Haftbedingungen kaum fassen, dass der russische Widerständler Alexej Gorinow noch lebt. In der FR erklärt die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr, dass sie eigentlich am liebsten mit denen diskutiert, die ganz anderer Meinung sind als sie.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
17.12.2025
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Gesellschaft
"Ermordet, 'weil sie Juden waren', lese ich dieser Tage oft", schreibt Dina Riese in der taz über den Terroranschlag in Australien auf Juden, die am Strand Chanukka feierten. "Ich würde sagen: Ermordet, weil die Täter Juden hassen. Die Verantwortung für diese Taten liegt bei den beiden Männern, die entschieden haben, Menschen ihr Leben zu nehmen - nicht im Sein der Opfer. ... Es ist uralter antisemitischer Hass, der sich aber in den vergangenen Jahren ungezügelt Bahn gebrochen hat. 'Globalize the Intifada', rufen Menschen auf Demonstrationen, und meinen, dass sie damit den gerechten Kampf für die Rechte von Palästinensern kämpfen. Ich will glauben, dass die meisten von ihnen sich dabei keinen tödlichen Terror wie den in Sydney wünschen. Doch sie rufen im Chor mit denen, die es tun, verbreiten wissentlich deren antisemitische Botschaft - und ermutigen jene, die am Ende morden. Die Täter von Sydney beriefen sich offenbar auf den IS. Aber sie handeln in einem Klima, in dem Antisemitismus normalisiert ist."
In Atlantic geht David Frum noch weiter: Wer "Globalize the Intifada" ruft, weiß ganz genau, was er tut, schreibt er. "Nach dem Massenmord in Sydney ist es nicht nur dringend notwendig, sich der Realität zu stellen - es ist unausweichlich. Symbolische Gewalt ist eine Generalprobe für tatsächliche Gewalt. ... In einem Essay aus dem Jahr 2021 lehnte der prominente antiisraelische Wissenschaftler Steve Salaita diejenigen ab, die 'von Rechten, Demokratie und bürgerlichen Freiheiten sprechen und diese Kategorien dann auf Palästina übertragen. Ihnen kommt nicht in den Sinn, dass Palästina seine eigenen Begriffe von Freiheit hat, die es wert sind, in die amerikanische Debatte eingebracht zu werden.' Es ist hilfreich, ein Lexikon zu besitzen, das erklärt, was mit diesen Begriffen typischerweise gemeint ist. 'Bewaffneter Kampf' bedeutet, Menschen zu erschießen oder mit Bomben in die Luft zu sprengen. 'Mit allen notwendigen Mitteln' bedeutet, die Wehrlosesten ins Visier zu nehmen: Kinder, ältere Menschen, andere Zivilisten. Die 'Intifada zu globalisieren' bedeutet, Menschen in Sydney, London, Paris, Toronto, Los Angeles und New York City ebenso zu erschießen oder zu bombardieren wie in Tel Aviv oder Jerusalem."
"Die Welt hat sich an Judenhass als Alltagsphänomen offenbar gewöhnt. ... Die Gewalt sensibilisiert nicht, sie stumpft ab. Es ist zur Routine geworden, dass Juden beschimpft, bedroht und sogar zusammengeschlagen werden", kritisiert Ninve Ermagan in der FAZ. "Für mich, als orientalische Christin, erinnert das an die Sicherheitsvorkehrungen in Syrien und im Irak, an die permanente Angst vor Islamisten, an eine Realität, in der Christen ihre Gottesdienste nur unter Polizeischutz feiern konnten - eine Realität, von der man glaubte, sie sei weit entfernt. Doch das ist sie nicht. Sie besteht in Australien wie in Deutschland. Der Terrorismusexperte Peter R. Neumann sagt, die größte Bedrohung für die innere Sicherheit in Deutschland gehe wieder vom Islamismus aus. Die Islamisten im Nahen Osten wirken gezielt und organisiert. Ihr Hass richtet sich gegen Juden, alles Westliche und die offene Gesellschaft."
In Atlantic geht David Frum noch weiter: Wer "Globalize the Intifada" ruft, weiß ganz genau, was er tut, schreibt er. "Nach dem Massenmord in Sydney ist es nicht nur dringend notwendig, sich der Realität zu stellen - es ist unausweichlich. Symbolische Gewalt ist eine Generalprobe für tatsächliche Gewalt. ... In einem Essay aus dem Jahr 2021 lehnte der prominente antiisraelische Wissenschaftler Steve Salaita diejenigen ab, die 'von Rechten, Demokratie und bürgerlichen Freiheiten sprechen und diese Kategorien dann auf Palästina übertragen. Ihnen kommt nicht in den Sinn, dass Palästina seine eigenen Begriffe von Freiheit hat, die es wert sind, in die amerikanische Debatte eingebracht zu werden.' Es ist hilfreich, ein Lexikon zu besitzen, das erklärt, was mit diesen Begriffen typischerweise gemeint ist. 'Bewaffneter Kampf' bedeutet, Menschen zu erschießen oder mit Bomben in die Luft zu sprengen. 'Mit allen notwendigen Mitteln' bedeutet, die Wehrlosesten ins Visier zu nehmen: Kinder, ältere Menschen, andere Zivilisten. Die 'Intifada zu globalisieren' bedeutet, Menschen in Sydney, London, Paris, Toronto, Los Angeles und New York City ebenso zu erschießen oder zu bombardieren wie in Tel Aviv oder Jerusalem."
"Die Welt hat sich an Judenhass als Alltagsphänomen offenbar gewöhnt. ... Die Gewalt sensibilisiert nicht, sie stumpft ab. Es ist zur Routine geworden, dass Juden beschimpft, bedroht und sogar zusammengeschlagen werden", kritisiert Ninve Ermagan in der FAZ. "Für mich, als orientalische Christin, erinnert das an die Sicherheitsvorkehrungen in Syrien und im Irak, an die permanente Angst vor Islamisten, an eine Realität, in der Christen ihre Gottesdienste nur unter Polizeischutz feiern konnten - eine Realität, von der man glaubte, sie sei weit entfernt. Doch das ist sie nicht. Sie besteht in Australien wie in Deutschland. Der Terrorismusexperte Peter R. Neumann sagt, die größte Bedrohung für die innere Sicherheit in Deutschland gehe wieder vom Islamismus aus. Die Islamisten im Nahen Osten wirken gezielt und organisiert. Ihr Hass richtet sich gegen Juden, alles Westliche und die offene Gesellschaft."
Europa
Nach einem Krieg wie in Bosnien dauert es manchmal, bis alle unappetitlichen Fakten auf den Tisch kommen, lernt Erich Rathfelder, obwohl er die Jugoslawienkriege von Anfang an als Kriegskorrespondent der taz mitbegleitet hat. Auch der heutige Präsident Aleksandar Vučić habe bei der Jagd auf Menschen in Sarajevo (unser Resümee) mitgemacht, "so der Vorwurf des kroatischen Investigativjournalisten Domagoj Margetić, der zahlreiche Zeugenaussagen gesammelt und bei der Staatsanwaltschaft in Mailand eingereicht hat. Er habe vom jüdischen Friedhof aus auf die Stadt geschossen. Die serbischen Wochenendkrieger blieben nicht lange allein. Ab 1993 wurde das Schießen von den Hügeln auf die Menschen in Sarajevo für viel Geld verkauft. Betuchte westliche Hobbyjäger reisten mit ihren modernen Jagdgewehren aus Italien nach Ungarn. Sie fuhren in Bussen weiter nach Belgrad, von dort aus ging es per Helikopter an die serbischen Stellungen bei Sarajevo, begleitet von Spezialkräften der serbischen Armee. Hier zielten sie nicht mehr auf Tiere, sondern auf Menschen. Mindestens fünf italienische Staatsbürger aus Mailand, Turin und Triest, so der italienische Investigativjournalist Ezio Gavazzeni, hätten für Wochenendausflüge nach Sarajevo umgerechnet 80.000 bis 100.000 Euro bezahlt, um von den serbisch besetzten Hügeln aus Jagd auf Kinder, Frauen und Männer in den Straßen Sarajevos zu machen." In der FAZ hat allerdings Matthias Rüb vor einem Monat Zweifel an dieser Geschichte angemeldet: "Bisher konnten in keinem der vorgeblichen Herkunftsländer der Menschenjäger von Sarajevo - auch aus Deutschland sollen welche angereist sein - Verdächtige identifiziert oder gar angeklagt werden."
Bernd Rheinberg rechnet bei den Salonkolumnisten mit den "Realisten" ab, die der Ukraine immer schon zur Kapitulation rieten und jetzt das Gefühl genießen, Recht gehabt zu haben. Dass die Tendenz zur Beschwichtigung in Demokratien seit je existiert, wusste schon Hannah Arendt, führt Rheinberg aus - und dieses Prinzip gilt bis heute: "Wenn jemand nun meinte, das würde in der deutschen Gegenwart nur die AfD, die Linke und den BSW betreffen - und die betrifft es ohne Zweifel -, dann sollte er auch einmal die Diskussionen und Vorgänge - Stichwort 'Moskau Connection' - in den anderen Parteien genau beobachten. (Bei den Grünen, nebenbei, werden solche Fellow Travellers zutreffend als 'Radio Moskau' firmiert.) Der Blick auf die Parteien genügt allerdings längst nicht mehr, denn die russische Fernsteuerung unserer Gesellschaft ist seit dem Beginn des russischen Überfalls noch einmal gestiegen. Die hier beschriebenen 'Realisten' sind ein Teil dieser Infiltration, egal ob bewusst oder unbewusst - sie müssten die Konsequenzen ihres Tuns eigentlich erkennen können."
Dass der russische Widerständler Alexej Gorinow noch lebt, ist eigentlich ein Wunder, schreiben Filip Dzyadko und Alexander Estis in der SZ mit Rückgriff auf Protokolle, die im russischen Exilmedium Mediazona veröffentlicht wurden. Gorinow war der erste, der in Russland zu einer drakonischen Haftstrafe verurteilt wurde, weil er sich gegen den Krieg in der Ukraine aussprach. Nun sitzt er in Isolationshaft - aufgeben will er aber nicht: "Befragungen, Demütigungen, Dauerbeschallung mit Propaganda, Provokationen und Spitzelei durch Mithäftlinge sind an der Tagesordnung. Gorinow wird durch Schlafentzug gefoltert. Trotz Krankheit zwingen ihn die Aufseher, in der Kälte Schnee zu fegen. Medikamente werden ihm weggenommen. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide. Gorinow litt unter Tuberkulose; nach einer Operation behielt er kaum mehr als die Hälfte seiner Lunge. 'Er erstickt', sagten Angehörige, als ihm in der Haft jede medizinische Hilfe verweigert wurde (...) Aus dem Gefängnis sendet Gorinow Zuspruch an die freien Regimegegner: 'P.S.: Ich schlage vor, nicht aufzugeben.'"
Bernd Rheinberg rechnet bei den Salonkolumnisten mit den "Realisten" ab, die der Ukraine immer schon zur Kapitulation rieten und jetzt das Gefühl genießen, Recht gehabt zu haben. Dass die Tendenz zur Beschwichtigung in Demokratien seit je existiert, wusste schon Hannah Arendt, führt Rheinberg aus - und dieses Prinzip gilt bis heute: "Wenn jemand nun meinte, das würde in der deutschen Gegenwart nur die AfD, die Linke und den BSW betreffen - und die betrifft es ohne Zweifel -, dann sollte er auch einmal die Diskussionen und Vorgänge - Stichwort 'Moskau Connection' - in den anderen Parteien genau beobachten. (Bei den Grünen, nebenbei, werden solche Fellow Travellers zutreffend als 'Radio Moskau' firmiert.) Der Blick auf die Parteien genügt allerdings längst nicht mehr, denn die russische Fernsteuerung unserer Gesellschaft ist seit dem Beginn des russischen Überfalls noch einmal gestiegen. Die hier beschriebenen 'Realisten' sind ein Teil dieser Infiltration, egal ob bewusst oder unbewusst - sie müssten die Konsequenzen ihres Tuns eigentlich erkennen können."
Dass der russische Widerständler Alexej Gorinow noch lebt, ist eigentlich ein Wunder, schreiben Filip Dzyadko und Alexander Estis in der SZ mit Rückgriff auf Protokolle, die im russischen Exilmedium Mediazona veröffentlicht wurden. Gorinow war der erste, der in Russland zu einer drakonischen Haftstrafe verurteilt wurde, weil er sich gegen den Krieg in der Ukraine aussprach. Nun sitzt er in Isolationshaft - aufgeben will er aber nicht: "Befragungen, Demütigungen, Dauerbeschallung mit Propaganda, Provokationen und Spitzelei durch Mithäftlinge sind an der Tagesordnung. Gorinow wird durch Schlafentzug gefoltert. Trotz Krankheit zwingen ihn die Aufseher, in der Kälte Schnee zu fegen. Medikamente werden ihm weggenommen. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide. Gorinow litt unter Tuberkulose; nach einer Operation behielt er kaum mehr als die Hälfte seiner Lunge. 'Er erstickt', sagten Angehörige, als ihm in der Haft jede medizinische Hilfe verweigert wurde (...) Aus dem Gefängnis sendet Gorinow Zuspruch an die freien Regimegegner: 'P.S.: Ich schlage vor, nicht aufzugeben.'"
Religion
Es scheint eine neue Mode zu sein, Referenten ein- und dann unter "breiter medialer Anteilnahme" wieder auszuladen, konstatiert die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr in der FR. Der neuste Fall betrifft die Ausladung des katholischen Philosophen Sebastian Ostritsch von einem Vortrag an der Jesuitischen Hochschule für Philosophie in München. Wegen seiner rechtskonservativen Positionen, zum Beispiel zum Schwangerschaftsabbruch, lud ihn die Hochschule im Endeffekt wieder aus. Aber das "Sich-Verriegeln in Echokammern" ist nicht nur für die Philosophie, sondern auch für die Demokratie gefährlich, meint die Autorin: "Lange wurde eine Re-Politisierung der Debattenkultur gefordert. Das Gebot der heutigen Stunde heißt: Re-Philosophisieren. Rückkehr in die philosophische Diskussion meint keine Appeasement-Politik - nach dem Motto: was Sebastian Ostritsch über Migranten sagt, ist gar nicht so problematisch; oder umgekehrt: die Ausladung war doch auch zu Sebastian Ostritschs Besten, zum Schutz seiner Sicherheit. Gemeint ist auch kein Relativismus, à la 'Nun habt euch nicht so, es darf doch wohl noch jeder seine Meinung sagen'. Gemeint ist vielmehr: den philosophischen Disput gerade mit Personen zu suchen, deren Position man für hochproblematisch hält - um sie und sich selbst unter den Maßstab der Wahrheit zu zwingen."
Kulturmarkt
Klaus Farins Verlag Hirnkost, spezialisiert auf Dokumente aus Subkulturen und ausgewählte Science-Fiction, muss Insolvenz beantragen. 2024 konnte eine Spendenaktion den engagierten Kleinverlag noch retten - eine weitere Aktion scheint jedoch aussichtslos, schreibt Farin im Verlagsnewsletter. Er ist nicht der einzige, dem das Aus droht, wie er schreibt: "In den neunziger Jahren gab es noch über 6.000 unabhängige Verlage in Deutschland - heute sind es nur noch knapp 3.000. Doch zwei Prozent dieser Verlage - Konzerne wie Random House/Bertelsmann und Bastei Lübbe oder Holtzbrinck bei den Fachverlagen - erwirtschaften zwei Drittel des Umsatzes. Romance, TikTok-gefeaturete Young/New Adults und biographische Promi-Bücher sind die Krisengewinnler, unabhängig davon, ob sie von KI oder menschlichen Ghostwritern verfasst wurden. Monat für Monat geben Independentverlage auf, einige wenige 'retten' sich als Imprints in die Arme großer Konzerne. .... Ähnlich schlecht geht es dem Buchhandel. Auch hier hat sich die Zahl der unabhängigen, oft familiengeführten Unternehmen halbiert. Heute gibt es nur noch rund 2.600 kleine, unabhängige Buchhandlungen, doch 80 Prozent des Umsatzes wird in den zehn größten Ketten erzielt. Mindestens 20 Buchhandlungen sind allein in 2025 eingegangen, einige wurden von Thalia geschluckt."
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