Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.10.2025. Von wegen "Stadtbild". Auch die extreme Rechte funktioniert über die Eroberung von Räumen, erklärt der Rechtsextremismusforscher Daniel Mullis in der FAZ. Die NZZ erzählt, wie Spanien mit Algorithmen und einem Überwachungssystem Gewalt gegen Frauen reduziert. Jungle World fragt, warum der 7. Oktober bei einer gewissen Linken eine solche Euphorie auslöste. Dank "Blaupause" können wir hoffen, keinem "Slop" aufgesessen zu sein.
Tayyip Erdogan schaltet nicht nur die letzten unabhängigen Fernsehsender wie Tele 1 gleich, berichtet Friederike Böge in der FAZ, er erhöht auch weiter den Druck auf seinen Hauptrivalen, den Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu, der sowieso schon im Gefängnis sitzt - nun soll er auch noch Spionage betrieben haben: "Die bisherigen Vorwürfe gegen Imamoglu, angebliche Korruption und die angebliche Erschleichung seines Diploms, haben in der türkischen Öffentlichkeit bisher kaum verfangen. Der CHP-Kandidat ist weiter der beliebteste Politiker des Landes und liegt in Umfragen weit vor Erdogan. Nun soll er also auch noch Spionage für die USA und Großbritannien betrieben haben. Das neue Verfahren macht es nicht nur noch unwahrscheinlicher, dass Imamoglu bei der nächsten Präsidentenwahl antreten kann. Es könnte auch zur Folge haben, dass die Istanbuler Stadtverwaltung unter Zwangsverwaltung gestellt wird. Damit würde die CHP den Zugriff auf erhebliche Ressourcen verlieren."
Von wegen "Stadtbild". Auch die extreme Rechte funktioniert über die Eroberung von Räumen, sagt der Humangeograf und Rechtsextremismusforscher Daniel Mullis im Gespräch mit Melanie Mühl von der FAZ. Das passiert dann aber mehr in der Steppe. Als Beispiel nennt er die neonazistischen "Freien Sachsen", von deren Demos am Ende die AfD im Osten nur noch weiter profitierte. "In Sachsen etwa ist es den 'Freien Sachsen' gelungen, aus verstreuten Aktionen ein kohärentes Wir zu erzeugen. Sie waren sehr erfolgreich darin, die Aktionen in geteilte Erfahrung zu gießen. Man konnte auf dem Telegram-Kanal der Partei live im Netz die sogenannten Spaziergänge verfolgen. Wenn in einem Ort nur dreißig Leute auf die Straße gegangen sind, hatten sie trotzdem das Gefühl, Teil einer großen Bewegung zu sein. Man spürt Hunderttausende von Menschen im Rücken. Die digitale Vernetzung ist längst ein integraler Teil von Raumerfahrungen geworden und damit nicht zu trennen von den Prozessen vor Ort."
Spanien hat das wohl beste Frühwarnsystem um Femiziden und anderer Gewalt gegen Frauen vorzubeugen. Das Viogén-Frühwarnsystem ist laut spanischer Polizei der Grund für die sinkende Zahlen von Femiziden im Land. Wie das System funktioniert? Zuerst werden die Aussagen von Gefährdeten aufgenommen, in eine Datenbank gegeben und dann von einem Algorithmus die Gefährdungsstufe (niedrig bis extrem) eingestuft, wobei die Polizei über Veränderungen jederzeit informiert wird, erklärt Julia Monn in einem großen Online-Dossier der NZZ. Das kann allerdings auch danebenliegen: Eine Frau namens Amal und ihre Kinder wurde von ihrem Mann ermordet, obwohl sie den Behörden bekannt war. "Es lag ein ärztliches Gutachten vor, das nicht nur Verletzungen an Amals Körper dokumentierte, sondern auch ihren psychischen Zustand als schlecht, eingeschüchtert und panisch beschrieb. Und da war das frühere Urteil eines Richters, Amals Aussagen seien teils widersprüchlich. Das ändert sich mit der letzten Anzeige. Ihre Aussage ist klar, und Maßnahmen werden eingeleitet." Deshalb wurde das System nochmal erneuert. "Das System wurde an mehreren Stellen angepasst. So erhält jede gefährdete Frau, die bei der Polizei landet, künftig sofort eine Risikoeinschätzung - unabhängig davon, ob sie später Anzeige erstattet oder nicht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die russische Propaganda hat sich in ihren TV-Shows dieses Jahr vor allem an dem Verhältnis zwischen Putin und Trump abgearbeitet, konstatiert die russische SchriftstellerinIrina Rastorgujewa in der NZZ. Mal war Trump ein Clown, mal ein Friedensstifter, was diese Episode verdeutlicht: "Am 16. Oktober berichtete Jewgeni Popow in der Sendung '60 Minuten' auf dem Fernsehsender Rossija 1 den erstaunten Russen, dass Trump seine Maske als Friedensstifter fallen gelassen habe und nun fast schon persönlich die ukrainische Offensive leiten wolle. Doch schon am nächsten Tag behauptete derselbe Moderator in derselben Fernsehsendung, dass Trump eigentlich gar nicht so schlecht sei. (...) Der Moderator von 'Solowjow.Live', Sergei Mardan, berichtete am selben Tag, dass 'Trump kein Schizophrener ist' und dass er eine Strategie habe, über eine Reihe psychologischer Tricks verfüge und 'glaubt, dass diese Tricks funktionieren müssen'. Trump, meint Mardan, reize seinen Gesprächspartner bis zum Äußersten, damit er in diesem Zustand zu allem bereit sei, aber mit Putin werde das natürlich nicht funktionieren. Denn Putin sei 'Offizier des Staatssicherheitskomitees' - des KGB - gewesen und beherrsche selbst psychologische Kampftechniken in Perfektion, so Mardan."
FAZ-Redakteur Christian Geyer ist nicht zufrieden mit der Katholischen Kirche. "Ein aufs Horizontale gebrachtes Humanum prägt das Kirchenbild unserer Städte", klagt er. Eine allzu matte Liturgie bestätigt diesen Eindruck. Es muss aber gar nicht immer die Alte Messe mit ihrem Brimborium sein, beteuert Geyer: "Dass aber auch solche Eindrücke einer flachen Immanenz zum Klischee geraten können, belegen Gegenbeispiele wie Johannes Graf von und zu Eltz, Domkapitular des Bistums Limburg und ehemaliger Stadtdekan von Frankfurt. Feiert er eine Alltagsmesse, so ist man auch im neuen Ritus recht verstanden dem Alltag enthoben, was das geistliche Niveau seiner Bibelauslegungen angeht, die Sorgfalt bei der Rezitation der liturgischen Texte, die Haltung der Anbetung den eucharistischen GestaltenBrot und Wein gegenüber."
Was ist "Slop"? Sebastian Esser erklärt in seinem stets lesenswerten Neue-Medien-Newsletter "Blaupause" einen seit einiger Zeit kursierenden Begriff, der für die Zukunft nichts Gutes verheißt: "Dieser Begriff hat Karriere gemacht. Ich war Ende vergangener Woche auf den Münchner Medientagen, und dort war auf quasi jedem Konferenz-Panel von Slop die Rede. Alle schienen wissend mitzunicken. Nach dem Motto: 'Welcome to my world.' 'Slop' ist eine Wortschöpfung ähnlich wie 'Spam' aus der E-Mail-Ära, die ein nerviges neues Problem benennt. Seit Mitte letzten Jahres nutzten auch große Medien das Wort. Slop heißt wörtlich übersetzt etwa 'Schlamm' oder 'glitschiger Abfall' und bezeichnet die Flut an KI-generierten Inhalten, die gerade das Internet überschwemmt. Ich stelle mir dabei gern etwas Braun-Grünes vor, das aus einem Rohr quillt."
Ludger Wess kommt in einem Twitter-Thread auf den "Tatort" "Letzte Ernte" vom Sonntag mit Maria Furtwängler zurück, den er in aller Kürze so resümiert: "Altbauer hat Krebs durch Glyphosat. Jungbauer ist impotent durch Glyphosat. Landhändler spritzt Insektizid bei Biobauer, um dessen Hof zu ruinieren und kaufen zu können." Auch in der Presse war der "Tatort" nicht so gut angekommen, aber Christian Buß im Spiegel etwa kritisierte vor allem die dramaturgische Qualität dieses "Knobelkrimis im Schleichmodus" ("Bewertung: 4 von 10 Punkten"). Wess verlinkt auch auf ein Promo-Interview mit dem Regisseur des "Tatorts", Johannes Naber beim NDR, wo man erfährt: "Maria Furtwängler, die mit ihrer Produktionsfirma und dem NDR das Drehbuch entwickelt hat, kam auf mich zu und fragte mich, ob ich den Film machen will. Für sie waren das Thema Biodiversität in der Landwirtschaft und die kritische Betrachtung von Pflanzenschutzmitteln zentral." Das ist praktisch, denn als Produzentin kann Furtwängler ihre politischen Ansichten mit ihrer Rolle als Kommissarin verknüpfen. Wess macht auch darauf aufmerksam, dass die Schauspielerin und Mäzenin außerdem die "MaLisa Stiftung" ins Leben gerufen hat, in deren Selbstdarstellung es heißt: "Die MaLisa Stiftung arbeitet eng mit Medien, wissenschaftlichen Institutionen und Experten zusammen, um durch fundierte Studien den Status Quo zu beleuchten. Unser Ziel ist es, gesellschaftlich relevante Themen wie Klimagerechtigkeit und Gleichstellung stärker ins Bewusstsein zu rücken."
Weiteres: "Heute", die Nachrichtensendung des ZDF räumt in einem Artikel auf ihrer Website ein, dass ein Mitarbeiter einer Produktionsfirma aus Gaza, mit der das ZDF zusammenarbeitet (die Zusammenarbeit ist jetzt gekündigt), ein Hamas-Offizier war. Der Mitarbeiter war bei einem Angriff der israelischen Armee getötet worden.
Javier Mileis Partei hat bei den argentinischen Kongresswahlen 41 Prozent erhalten - damit kann Milei, im Bund mit kleineren Bündnissen - seinen radikalen Sparkurs weiterführen, schreibt Benedikt Peters in der SZ. "Viele Menschen in Argentinien haben keinen Anlass zu glauben, dass es ihnen unter einer anderen politischen Führung besser erginge. Die linken Peronisten um die Ex-Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner haben das Land in den vergangenen Jahrzehnten abgewirtschaftet. Statt grundlegende Reformen anzupacken, haben sie die Probleme immer wieder mit Geld zugeschüttet. (...) Selbst Angehörige der Mittelschicht waren plötzlich auf Suppenküchen angewiesen - und das in einem Land, das noch Mitte des vergangenen Jahrhunderts zu den wohlhabendsten der Erde zählte. Ohne dieses Versagen wäre schon der Aufstieg Javier Mileis zum Präsidenten vor zwei Jahren nicht möglich gewesen."
Der 7. Oktober war wie ein Geschenk für eine Linke, die endlich ihren Antisemitismus ungeniert ausleben wollte. Kaum war der 7. Oktober geschehen, erschien das Gespenst des israelischen "Genozids" am Horizont - endlich schienen Wahn und Wirklichkeit zur Deckung zu kommen. So etwa beschreibt Richard Schuberth in einem Essay für die Jungle World, was seit dem 7. Oktober geschah: "Wie zwei schwebende Scheiben mit komplementären aztekisch anmutenden Reliefs würden dank Israels Rachefeldzug die zwei Ebenen, die antisemitisch 'gelesene' Wirklichkeit und die Wirklichkeit herself, ächzend, funkenstiebend, bühnenumnebelt und mit Synthie-Pathos umflort ineinandergreifen - und alle projektiven Lügen über Israel der vergangenen siebzig Jahre wären getilgt wie Vampirmale auf Jungfernhaut. Der Genozid, den uns der jüdische Völkermörder seit dem Holocaust schuldet, würde endlich den Generalverdacht bestätigen, den latenten Hass zur moralischen Pflicht machen, das Vorurteil zum Urteil, die Wahrheit im eigenen Kopf per Fatwa des Internationalen Gerichtshofs als Objektivität rehabilitieren."
Im FR-Interview mit Michael Hesse bescheinigt der MedienphilosophRichard David Precht der deutschen Gesellschaft in seinem neuen Buch einen "Angststillstand", der sich darin äußere, dass Menschen in Gesprächen nicht mehr ihre Meinung sagen können. Was wiederum damit zusammenhängt, dass die Gesellschaft nicht mehr erwachsen wird: "Erwachsenwerden heißt, seine Gefühle im Griff zu haben. Heute gilt das Gegenteil: Unsere Gefühle zählen, sie werden zum moralischen Maßstab. Wenn am Ende alles nur noch nach Befindlichkeiten beurteilt wird, entsteht eine Kultur der Überempfindlichkeit. Jeder fühlt sich schnell verletzt, nicht respektiert, nicht gewürdigt - und verlangt, dass andere sich dafür schämen. Diese Hypersensibilisierung lähmt unsere Gesellschaft. In den sozialen Medien wird sie noch verstärkt - und blockiert politische wie kulturelle Entwicklung. Wir leben in einem Zustand der Erregung und damit der Lähmung."
Außerdem: Deutschland soll gegen Fake News und Populismus "mehr Kant wagen", fordert der Kultur- und Medienstaatsminister Wolfram Weimer in der Welt.
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