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28.08.2025. In der Zeit antworten heute unter anderen Nancy Fraser, Eva Illouz und Thomas Ostermeier auf die Frage: "Sind die Linken selber schuld?". In der FAZ beleuchtet Hermann Parzinger, wie sich die russischen Museen mitschuldig machen am kulturellen Vernichtungsfeldzug in der Ukraine. Im SZ-Interview gibt die Soziologin Sabine Pfeiffer Entwarnung: Nein, KI wird nicht alle unsere Jobs ersetzen. In der FAZ fordert Julian Nida-Rümelin Maßnahmen gegen den "Akademisierungswahn" in Deutschland.
Die Zeit veröffentlicht heute unter der Leitfrage: "Sind die Linken selber schuld?" verschiedene Stimmen zum Thema:
Die US-amerikanische PhilosophinNancy Fraser wünscht sich im Zeit-Interview mit Tobias Bachmann und Nils Markwardt, dass die Linken von den Rechten lernen. Sie sollen eine funktionierende politische Identität schaffen, mit der sie Menschen dauerhaft binden kann. "Eine Linke - oder besser gesagt: eine hypothetische Linke, denn die Linke im eigentlichen Sinne existiert eigentlich nicht mehr - müsste ebenfalls eine politische Identität anbieten. Eine moralische Überlegenheit, die sich aus dem Wissen speist, welche korrekten Pronomen man benutzt, erzeugt hingegen oft den Eindruck der Herablassung. Zumal jemand wie Trump ein Meister darin ist, derlei zum Schüren anti-woker Ressentiments zu benutzen und diese dann wiederum als Feigenblatt für den Ausbau oligarchischer Strukturen zu gebrauchen." Außerdem wünscht sich Fraser eine neue amerikanische Partei: "Was das konkrete Programm betrifft, so müsste es das Leben jener zwei Drittel der Amerikaner materiell verbessern, deren Lebensumstände sich zuletzt verschlechtert haben."
"Das alte Dogma, die 'unteren Klassen' seien von Natur aus progressiv, gilt nicht mehr", hält die Soziologin Eva Illouz ebendort fest: "Studien zeigen: Je höher die Bildung, desto geringer ausgeprägt sind Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus. Und ökonomisch gilt: Je ärmer, desto stärker die Identifikation mit der Nation - paradoxerweise bei gleichzeitig geringerem Interesse an Umverteilung als bei Wohlhabenderen. Sowohl die Weigerung, den Wohlfahrtsstaat mit Nichtbürgern zu teilen, als auch das symbolische Band der Nation sind Reaktionen auf die Erosion der Lebenswelt der Arbeiterklasse im fortgeschrittenen Kapitalismus." Will die Linke bestehen, muss sie ihre Identität stärken, "im Kampf gegen die wachsenden Ungleichheiten der letzten Jahrzehnte, gegen die ungebändigte Macht der Tech-Giganten und die Aushöhlung des öffentlichen Diskurses, für eine Humanität, die auch den Gefahren der künstlichen Intelligenz standhält."
Auch Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier versucht eine Antwort darauf zu finden, warum Menschen aus dem Prekariat rechts wählen: "Kürzlich veröffentlichten die Politikwissenschaftler Mark Kayser und Alan Jacobs eine internationale Studie auf Basis von 89.000 Befragungen. (...) Die Studie belegt, dass es vor allem der Verlust von sozialem Status ist, und nicht allein wirtschaftliche Not oder kulturelle Ressentiments, die die Unterstützung für rechtspopulistische Parteien antreibt." Das heiße, "dass es nicht nur entscheidend ist, wo man objektiv steht, sondern auch, woher man kommt: Ist man in der eigenen Wahrnehmung eher aufgestiegen oder abgestürzt?"
"Woke" wurde von den Rechten als Kampfbegriff übernommen, doch Rabea Weihser ruft uns in der Zeit zu: Woke is not over! In der von den Rechten als "woke" diffamierten Periode der letzten zehn Jahre, habe man viel gelernt, was nun zum Wohle der Gesellschaft verwendet werden kann. "Wir haben viel gelernt über strukturelle Benachteiligung, systematische Ausgrenzungen und wie wir anderen Menschen respektvoll begegnen können. Wir haben radikale Positionen gehört, überdacht und uns in Bewegung gesetzt. Manchmal ging es zu rasant, einige konnten nicht mithalten, andere haben sich kurzzeitig verirrt. Das heißt aber nicht, dass die Richtung falsch ist. Gesellschaftliche Lernprozesse verlaufen eben schubweise. Auf die Überforderung folgt eine Gegenreaktion und schließlich eine Verfestigung in Recht, Politik und Praxis."
Vor wenigen Monaten haben Trump-Gegner noch geglaubt, Trump könnte jetzt endlich über seine Verwicklung in die Machenschaften von Jeffrey Epstein fallen - passiert ist aber nichts, konstatiert Hilmar Klute in der SZ. Das liegt auch daran, dass die Demokraten sich in die Affäre verwickelt sehen. "'Unabhängig von ihren Motiven tragen beide Parteien zu einer Atmosphäre bei, die Paranoia und Misstrauen wachsen lässt', schreibt der Publizist James Kirchik in der New York Times. So ist die ganze Affäre für beide Seiten zu einer Waffe geworden ist, die keiner mehr benutzen kann. Weil sie zu scharf geladen und zu schwer zu sichern ist." Früher wäre die Affäre allen Beteiligten um die Ohren geflogen. "In diesen Tagen aber ist exemplarisch zu besichtigen, wie verrottet das Fundament der amerikanischen Gesellschaft und Politik seit Jahrzehnten ist. Das Einzige, was es noch trägt und vermutlich lange tragen wird, ist der Thron des immer mächtiger werdenden Zerstörers Donald Trump."
Im FAZ-Gespräch mit Uwe Ebbinghaus diagnostiziert der Philosoph Julian Nida-Rümelin einen fortgeschrittenen "Akademisierungswahn" in Deutschland und fordert die Stärkung technisch-handwerklicher Berufe: "Ich stelle mir ein System mit zwei hoffentlich starken Säulen vor. Die eine ist das wissenschaftliche Studium an Universitäten, orientiert an den Humboldt'schen Idealen akademischer Bildung: dem Selbstdenken und dem Forschen schon während des Studiums. Solche Universitäten können aber nicht 50 Prozent eines Jahrgangs aufnehmen, sondern vielleicht auf Dauer 30 oder 25 Prozent. Auf der anderen Seite haben wir eine mindestens gleich starke Säule, die duale Berufsbildung, welche Praxis im Betrieb mit Theorie in der Berufsschule verbindet. Der deutsche Staat hat, spätestens seit 2006, Milliarden investiert in die Stärkung des tertiären Sektors. Er hat nicht Milliarden investiert in die Berufsschulen. Dabei wäre es nur fair gewesen, diesen Bereich gleichermaßen zu fördern, zu investieren in die Lehrerausbildung und in die technische Ausstattung der Berufsschulen."
In zehn Jahren werden ChatGPT und Co. mitnichten alle Arbeitsplätze ersetzt haben, erklärt die SoziologinSabine Pfeiffer im SZ-Interview mit Benedikt Peters. Das predigten zwar KI-Apologeten, zum Beispiel den KI-Erfinder und Google-Mitarbeiter Ray Kurzweil in den USA, wird sich aber als Luftschloss offenbaren. "Man sollte solchen Äußerungen mit großer Skepsis begegnen. Es gibt wenige Menschen, die so viel von KI verstehen wie Kurzweil, aber man darf nicht vergessen, für wen er arbeitet. Die Techunternehmen brauchen einen schier unendlichen Fluss an Geld, der Aufbau ihrer Server-Infrastruktur verschlingt Unsummen. Sie müssen deshalb mit den ganz großen, visionären Botschaften kommen, um immer mehr Investoren anzuziehen. (...) Ich halte deshalb auch nichts von der geradezu religiös anmutenden Singularitätsthese." Dabei sagt Pfeiffer nicht, "dass sich nichts verändern wird. Die KI wird im Jahr 2035 Tätigkeiten übernehmen, die jetzt Menschen machen. Aber noch mal: Sie wird menschliche Arbeit nicht im großen Stil abschaffen, und das gilt nicht nur für Akademikerjobs."
Die Museen in Russland machen sich mitschuldig am "kulturellen Vernichtungsfeldzug" in der Ukraine, konstatiert Hermann Parzinger in der FAZ: "In einem Interview vom Januar 2024 erklärte Michail Piotrowski (Direktor der Eremitage in Sankt Petersburg, Anm. des Perlentaucher) mit Blick auf die Museen in den von Russland besetzten Gebieten, dass man im Donbass dasselbe tun müsse wie in ganz Russland: Diese Gebiete seien Teil des russischen Raums, und die durch die Spezialoperation entstandene Situation erfordere auch nichtmilitärische Initiativen (...) Diese Haltung entlarvt die Zielrichtung russischer Kulturpolitik mit Blick auf die besetzten Gebiete in der Ukraine. Die russischen Museen sollen sich, man muss es so deutlich sagen, in den Dienst eines brutalen Angriffskriegs stellen." Unter anderem mit "skurrilen Propaganda-Ausstellungen". "So verbreitete der Titel einer Ausstellung in Jekaterinburg die überraschende Kunde, das auf der Krim liegende Kertsch sei die älteste Stadt Russlands. Welch krude Interpretation: Was hat Kertsch, das auf die griechische Gründung Pantikapaion zurückgeht und danach Hauptstadt des Bosporanischen Reiches war (etwa 5. Jahrhundert vor bis 5. Jahrhundert nach Christus), mit dem modernen Russland zu tun?"
Zum gestrigen 80. Geburtstag von Eva Quistorp führte Ludwig Greven für die Ruhrbarone ein großes Interview, in dem sich die Mitgründerin der Frauen-, Friedens- und Umweltbewegung und der Grünen auch kritisch mit den "blinden Flecken" ihrer Partei, die die Realität der Migration übersehe, auseinandersetzt. Vor allem aber kritisiert sie den israelbezogenen Antisemitismus bei vielen Linken: "Der Islamismus ist eine rechtsextreme Bewegung mit vielen Berührungen zu den Nazis. Das verstehen aber viele Linke und Jüngere nicht. Sie glauben, eine antikoloniale Widerstandsbewegung von Unterdrückten zu unterstützen. Ich finde grauenhaft, was an den Unis und auf den Straßen los ist. Schon vor 15 Jahren ist der alte Antisemitismus in neuer linker Weise hochgekommen. 2009 gab es in Durban eine UN-Konferenz. Da ist aus dem südafrikanischen ANC mit früheren Verbindungen zur Sowjetunion der Apartheidsvorwurf ins Spiel gebracht worden. Seitdem zieht er seine Runden auch durch die international verbundenen Zivilgesellschaften. Durch die Medien wird das noch verstärkt. Linke und islamistische Kadergruppen haben dadurch Auftrieb." (Hier eine längere Fassung des Interviews).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im SZ-Interview mit Moritz Baumstieger spricht Michel Friedman, der ein Buch zur Verteidigung der Demokratie geschrieben hat, darüber, weshalb er vor einem halben Jahr aus der CDU ausgetreten ist: "Wenn man in eine Partei eintritt, muss es etwas sehr Grundsätzliches geben, was einen bewegt - das war bei mir der Nato-Doppelbeschluss, für den ich unbedingt war. Und auch für einen Austritt braucht es sehr grundsätzliche Motive. Ich bin nicht ausgetreten, weil mich dieser eine Antrag geärgert hat - und das hat er. Ich bin ausgetreten, weil Herr Merz versprochen hatte, dass seine Haltung zu den Rattenfängern der AfD zu keinen Missverständnissen Anlass geben wird. Und das hat er nicht gehalten. Heute, ein halbes Jahr später, erleben wir einen sehr glücklichen, sehr befreiten Michel Friedman. Wenn ich mir die Abtreibungsdiskussion in dieser Partei anschaue, finde ich sie beschämend. Wir waren als Gesellschaft schon weiter - und auch die CDU mit Angela Merkel in der Frauenpolitik."
Der vor Kurzem aus der Politik ausgeschiedene Robert Habeck (unser Resümee) stand für einen Anspruch der Grünen, endlich mit ihrer "missionarischen" Art an die Schaltstellen der Demokratie zu gelangen und ihre Politik radikal umzusetzen - das ist jetzt vorerst gescheitert, konstatiertWelt-Autor Thomas Schmid. "Es hat etwas Trauriges. Die Grünen hatten ein Rendezvous mit der Wirklichkeit und den vielen. Und sie haben es in ihrem Mutwillen vermasselt. Für beides steht Robert Habeck. Jetzt stehen sie, wenn sie denn wollen, vor der mühseligen Aufgabe, sich prinzipienfest, aber ohne messianische Beimischung neu zu erfinden. Es wäre ein Anfang, wenn sie versuchen würden zu verstehen, warum so viele Deutsche plötzlich mit ihren kurzzeitigen Lieblingen so über Kreuz sind. Die Gesellschaft ist weiter, als viele von ihnen glauben."
Überall auf dem Kontinent Europa finden zur Zeit wieder antisemitische Übergriffe statt, ob es israelische Jugendliche sind, die aus spanischen Freizeitparks verwiesen werden oder Übergriffe auf Veranstaltungen sind, an denen der Geiseln gedacht wird, warnt Ahmad Mansour in der Welt. "Was wir erleben, ist keine Schwäche der Demokratie. Es ist eine Bankrotterklärung. Eine Kapitulation gegenüber einem Mob, der die Straßen übernommen hat. All jenen, die gleichgültig bleiben oder meinen: 'Die Juden sind doch auch selbst schuld - wegen Israels Politik', denen sage ich: Ihr habt nichts verstanden! Die Lage der Juden war immer ein Seismograf für den Zustand der Freiheit der Gesellschaften, in denen sie leben. Wo sie verfolgt werden, zerbricht auch die Demokratie. Wo sie vertrieben werden, folgt bald der Angriff auf alle anderen: auf Christen, Frauen, Liberale, Homosexuelle, Künstler, Journalisten - auf jeden, der nicht in das enge Weltbild der Feinde der Freiheit passt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Warum wird die Philosophin Simone Weil gerade heute wieder so viel gelesen? Joseph Hanimann gibt in der FAZ einen Überblick über die aktuelle Rezeption. Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Matz untersucht beispielsweise "ihre Entwicklung von der strikten Kriegsverweigerung zur resoluten Kampfbereitschaft" anhand ihres Essays "Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt". "Durch eine minutiöse Wiederlektüre von Homers "Ilias" suchte Simone Weil in den Jahren 1937/38 zu zeigen, dass jenes Epos wie kein anderes die wahre Natur der Gewalt im Krieg darstelle. Über jede Taktik und politische Logik hinweg folge diese Gewalt ihrer eigenen blinden Dynamik und mache alles, was sie sich unterwerfe, zum bloßen Ding, das heißt in letzter Konsequenz den Menschen zur Leiche. Das sei so unabwendbar wie ein Naturgesetz. Welche Konsequenz abgesehen von schlichter Verweigerung daraus zu ziehen ist, kommt in jenem Aufsatz noch nicht wirklich zur Sprache. 'Der Ilias-Essay ist resigniert und realistisch, zutiefst verzweifelt und von einem existentiellen Willen zum Widerstand', resümiert Matz."
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