Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.08.2025. Das gestrige Treffen mit Trump brachte keinen Durchbruch, auch weil Trump wie Putins "Unterhändler" agierte, resümiert SpOn. Schon am Freitag verhielt sich Trump wie ein glücklicher Welpe, der keine Trümpfe mehr in der Hand hat, kommentiert Anne Applebaum bei The Atlantic. Auf ZeitOnline erzählt Irina Rastorgueva, wie eine Bande "professioneller Witwen" in Russland Obdachlose und Drogenabhängige anwirbt, um sie in den Krieg zu schicken. Die FAZ sorgt sich in zwei Artikeln um die Demografie in Deutschland und Frankreich.
"Es war demütigend zu sehen, wie sich ein amerikanischer Präsident wie ein glücklicher Welpe verhielt, als er dem Diktator eines viel ärmeren, viel weniger wichtigen Staates begegnete und ihn wie einen Vorgesetzten behandelte", kommentiert Anne Applebaum in The Atlantic das Treffen zwischen Putin und Trump in Anchorage, das sie als Höhepunkt eines längeren Prozesses betrachtet: "Während die USA ihre außenpolitischen Instrumente abbauen und die Regierung diejenigen entlässt, die sie zu nutzen wissen, schwindet unsere Fähigkeit, flexibel zu handeln. Vom Finanzministerium bis zur US-Agentur für Globale Medien, vom Außenministerium bis zum Büro des Direktors der Nationalen Nachrichtendienste wird eine Behörde nach der anderen - absichtlich oder unabsichtlich - von Politikern untergraben, die unqualifiziert, feige oder ihrer eigenen Mission feindlich gesinnt sind. Die USA haben keine Trümpfe in der Hand, weil wir sie ständig aus der Hand gegeben haben."
Bei dem Treffen im Weißen Haus, das offenbar keinen Durchbruch brachte, trafen Selenskyj, die fünf europäischen Regierungs- und Staatschefs, der Nato-Generalsekretär und die EU-Kommissionspräsidentin gleich auf drei Trumps, kommentiert Jörg Schindler bei SpOn: Den amerikanischen Präsidenten, einen "geltungssüchtigen Mann", der vom Friedensnobelpreis besessen scheint und auf Putins Unterhändler: "Er habe, behauptete Trump wahrheitswidrig, in diesem Jahr sechs Kriege in sechs Monaten beendet. (…) Jetzt sei 'nur noch einer übrig', von dem er mal dachte, er sei 'der einfachste von allen': der in der Ukraine." Aber: "Wie Putin halte er nach wie vor nichts von einem Waffenstillstand, gab Trump zu verstehen. Er wirkte nicht amüsiert, als Bundeskanzler Merz und der französische Präsident Macron ihm in der Sache widersprachen. In einer Verhandlungspause sagte Trump, offenbar ohne zu wissen, dass sein Mikrofon angeschaltet war, Putin wolle offenbar 'einen Deal für mich machen. So verrückt das auch klingt'. Putin seinerseits ließ die Gipfelteilnehmer in Washington seine Präsenz auf die übliche Weise von Ferne spüren: Fast auf die Minute genau, als die Gäste im Weißen Haus vorfuhren, ertönten in Kyjiw die Luftalarm-Sirenen."
Die russische Kriegsmaschinerie gerät immer wieder ins Stocken, verschlingt große Teile des russischen Haushalts und ist auf den Nachschub von Soldaten angewiesen, schreibt die russische SchriftstellerinIrina Rastorgueva auf Zeit Online. Deshalb hat die russische Regierung den Grundsatz ausgegeben: So viele Soldaten wie möglich zu rekrutieren - egal, wie. "Die Nachrichtenagentur der Republik Chakassien 19rusinfo.ru veröffentlichte im April einen langen Artikel darüber, wie 'Teilnehmer der Spezialoperation', wie der Krieg noch immer offiziell heißt, zu einer neuen Risikogruppe geworden sind, die von Betrügern und Kopfgeldjägern gejagt wird. So agierte in der Region Primorsk eine Bande 'professioneller Witwen', die von einem Fähnrich der Artilleriedivision einer lokalen motorisierten Schützenbrigade zusammen mit seiner Frau, einer Buchhalterin, organisiert wurde. Sie warben Alkoholiker, Drogenabhängige und Obdachlose ohne Verwandte an und schickten sie in den Krieg, nachdem sie diese zuvor in Scheinehen verwickelt hatten. Eine von den 'professionellen Witwen' ließ sich für den Betrug angeblich sogar von ihrem echten Ehemann scheiden. Anschließend wurden die Rekrutierten in Sturmtruppen geschickt, wo die Chance auf einen schnellen Tod groß ist."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Vor einem Jahr hat Philip Manow mit seinem Buch zur Rolle von Verfassungsgerichten in Demokratien eine breite Diskussion über die Verrechtlichung der Politik losgetreten (unsere Resümees). Im NZZ-Interview mit Andreas Ernst und Benedict Neff bekräftigt der Politikwissenschaftler seine These, wonach "Konstitutionalisierung" zu "Entdemokratisierung" führe: "Populismus ist so gesehen ein Aufstand gegen die Entmachtung der Nationalstaaten, weil diese in Kernbereichen keine echten Entscheidungsspielräume mehr haben. Daraus resultiert übrigens auch ein Rekrutierungsproblem. Wer will noch in die Politik gehen, wenn man dort sowieso nichts bewirken kann? Diejenigen, die politisch wirken wollen, engagieren sich in der Spektakeldemokratie dann lieber in sozialen Bewegungen: Luisa Neubauer, Greta Thunberg."
Während in Pakistan seit Tagen hunderte, in ihrer Heimat gefährdete, Afghanen in Abschiebelager gebracht oder abgeschoben wurden, prüft die Bundesregierung jede einzelne Aufnahmezusage - und schafft dabei die Menschlichkeit ab, schreibt in der taz der Ethnologe Martin Sökefeld: "Immer gibt es noch etwas zu überprüfen, noch ein Verfahren einzuhalten. Der Effekt ist, dass so viele Akteur*innen an einer Angelegenheit beteiligt sind, dass niemand mehr konkret für etwas verantwortlich ist. Die Verantwortung zersplittert im Wust der (Un-)Zuständigkeiten. Anstatt die gefährdeten Afghan*innen nach Deutschland zu holen und ihnen eine sichere Zuflucht zu bieten, sind sie den Abschiebungen und damit den Taliban ausgeliefert. Die organisierte Verantwortungslosigkeit der Bundesregierung hat dafür den Grundstein gelegt. Alle Betroffenen sind mit gültigen pakistanischen Visa nach Islamabad gekommen, um dort die Einreise nach Deutschland zu beantragen. Aber die Prüfung der 'Fälle' dauerte schon unter der Vorgängerregierung so lange, dass inzwischen nahezu alle Visa abgelaufen sind ... Die deutschen Behörden haben ihre Illegalität produziert."
Der Westen steckt in der Krise und Deutschland trifft es besonders hart, diagnostiziert in der FAZPeter R. Neumann, Professor für Security Studies am King's College London. Denn alle Pfeiler wanken: "Als innovativer Industriestandort und Exportweltmeister, als progressiver Sozialstaat und Garant für innere Stabilität, als liberale Demokratie, Motor der europäischen Einigung und verlässlicher Partner der USA." Er rät dringend dazu, dass Deutschland seine "Technologieskepsis" überwindet, neue Allianzen jenseits des Westens bildet und die "reguläre, gesteuerte Zuwanderung" ausbaut, denn die große "Frage ist, ob es Deutschland in vierzig Jahren überhaupt noch geben wird. Die demographischen Trends sind seit Jahren bekannt, aber deswegen nicht weniger dramatisch. Wenn sich nichts ändert, wird Deutschland nach Berechnungen der europäischen Statistikagentur im Jahr 2070 bis zu 15 Millionen Einwohner weniger haben als heute. Das wäre an sich kein Problem - wenn nicht gleichzeitig der Anteil von Alten, Kranken und Pflegebedürftigen drastisch zunehmen würde."
Demografisch geht es Frankreich nicht anders, wie Niklas Bender ebenfalls in der FAZ konstatiert, denn in Frankreich werden immer weniger Kinder geboren. Alarmierend "scheint eine im Juli von der nationalen Demographie-Behörde INED publizierte Studie, die ein verändertes Familienverständnis feststellt. Die Befragung von fast 13.000 repräsentativ ausgewählten Franzosen zwischen achtzehn und 79 Jahren hat ergeben: Zwei Drittel sehen zwei Kinder als ideal an - 1998 dachte das weniger als die Hälfte. Während sich damals 38 Prozent der Franzosen drei oder mehr Kinder wünschten, waren es 2024 nur noch 23 Prozent. Der Anteil, der gar keine Kinder haben möchte, hat sich von sechs auf zwölf Prozent verdoppelt." Gründe dafür sind laut Bender lückenhafte Kinderbetreuung, bescheidene finanzielle Anreize und ein neuer Erziehungsstil: "Frankreich hat lange auf traditionelle Methoden gesetzt, also eine klassische Rollenverteilung zwischen den Eltern, Disziplin, Benimm, soziale Rücksichtnahme, Strafen, die körperlich sein konnten. Das verändert sich spürbar, in Familien und Institutionen."
Derweil hofft die Historikerin Hedwig Richter in einem Essay bei SpOn, in dem sie die "Hausfrauenehe" seit 1945 in Deutschland nachzeichnet, auf eine Zeitenwende, die die Geschlechterordnung grundlegend revolutioniert.
Im FAZ-Feuilletonaufmacher berichtete Jürgen Kaube gestern bereits von den Vorwürfen einiger Sozialwissenschaftler, das Statistische Bundesamt fälsche die Armutsstatistik (unser Resümee). Die Politikwissenschaftlerin Gwendolyn Stilling, Mitinitiatorin des Protests, erklärt heute im taz-Gespräch den Hintergrund: "Daten zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bevölkerung werden auf zwei Wegen erhoben: Einmal mit einer ganz großen Stichprobe von fast 400.000 Haushalten, dem sogenannten Mikrozensus Kern, und dann noch mal mit einer deutlich kleineren Unterstichprobe, dem Mikrozensus SILC. Bisher wurde die Armutsquote für beide Erhebungen ausgewiesen. Jetzt hat das Statistische Bundesamt entschieden, sie für eine davon nicht mehr auszuweisen - ausgerechnet für diejenige, die eine deutlich höhere Armut ausweist. Das wirft Fragen auf."
Der Software-Entwickler Curtis Yarvin ist im Silicion Valley ein Vordenker der von ihm so bezeichneten "neoreaktionären Bewegung", der Personen wie Peter Thiel angehören, schreibt Mara Delius in der Welt. Curtis plädiert für ein "monarchistisches Prinzip" und sieht den amerikanischen Staat fest in der Hand "der Kathedrale", dem deep state. "In den Nullerjahren fügten sich Yarvins Äußerungen an den Rand der libertären Denkwelt des Silicon Valley. Heute, nach der Wiederwahl Donald Trumps, erscheinen Yarvins Theorien plötzlich in einem anderen Licht, wie Blaupausen oder theoretische Vorahnungen für das, was die Trump-Regierung in der Praxis umsetzt: etwa Elite-Universitäten Gelder streichen, Ausgaben für den Staatsapparat radikal kürzen. Vergangenes Jahr gab Yarvin noch eine Wahlempfehlung für Joe Biden ab, was er in diesem Jahr korrigierte. Trump 2.0 sei gut, wenn auch hundertmal weniger energisch als er es gerne sähe; das sei bestenfalls 'eine 1-Prozent-Revolution', sagte Yarvin der Financial Times."
Die eigene Position zu verabsolutieren, ist das Ende jeder Möglichkeit auf eine Diskussion, die auf Fakten beruht, konstatiert der SoziologeArmin Nassehi in der SZ. Leider fände sich dies aktuell auch prägnant bei der politischen Linken. "Und es scheint mir auch schon länger so zu sein, dass Linke und Linksliberale gerade wegen des Sympathievorschusses für ihre Ziele allzu selbstgefällig geworden sind. Deshalb wollte ich auch nie ein Linker sein. Anders gesagt: Die eigene Position verabsolutierend und kaum in der Lage, sich von seinem Gegenüber informieren zu lassen, und selbstgefällig, weil die ästhetische Geste wie von selbst zu funktionieren scheint - wenn auf all das das Schimpfwort 'woke' zutreffen sollte, dann trifft es erst recht auch die neue naiv übertriebene Kritik am 'Woken'."
Fassunglos berichtet Nikolaus Bernau in der FAZ, dass Achim Bonte, der Generaldirektor der Staatsbibliothek Millionen historische Karteikarten entsorgen lassen will: "Was sind wir, wenn wir die Dokumente unserer Geschichte aufgeben? ... Sie sind das Dokument der Macht von Bibliothekaren, Medien zu sortieren und damit zu bewerten, auch zu schützen etwa vor dem Zugriff der Politik. Der Generaldirektor dagegen betont: Die Titel- und Erwerbungsdaten seien seit vielen Jahren im elektronischen Katalog gesichert. (…) Auf den Karteikarten der Berliner Staatsbibliothek sind eben nicht nur die nüchternen Titeldaten, sondern handschriftlich oder mit Stempeln viele Informationen verzeichnet, die beim Abschreiben nicht in den elektronischen Katalog aufgenommen wurden. Sie sind nur noch hier zu finden. Es geht etwa um frühere Eigentümer, die Folgen von Enteignungen, Zensurvermerke aus der Nazi- und der DDR-Zeit."
Ukrainische Soldaten erwartet in der russischen Kriegsgefangenschaft systematische Folter bis hin zu Vergewaltigungen - russische Soldaten werden in der Ukraine nach den Genfer Konventionen aus dem Jahre 1929 behandelt, konstatiert Sonja Zekri in der SZ. Die Ukraine sollte dennoch weiterhin wachsam sein, die Genfer Konventionen einzuhalten, was Zekri bei einem Format des ukrainischen Bloggers Wolodymir Solkin, in dem er russische Soldaten in Kriegsgefangenschaft befragt - mit Hilfe der ukrainischen Behörden, vermutet Zekri - und ihre Familien vor laufender Kamera anruft, zumindest in Frage gestellt sieht. "Manchmal ergeben sich Dialoge von geradezu unmenschlicher Komik. Wie er zu der Tatsache stehe, dass er ein Besatzer sei, fragt Solkin einen jungen Soldaten [namens Nikita, Anm. der Redaktion] mit hochgezogenen Schultern, der daraufhin nur druckst. Solkin: 'Du hast keine Ahnung, was das heißt, Besatzer?' Habe er nicht, gesteht der Soldat. Solkin, didaktisch: 'Was macht ein Besatzer?' - 'Er kämpft.' - 'Wofür?' - 'Die Freiheit.' -'Wessen Freiheit?' - 'Des Volkes.' Am schwersten erträglich aber sind die Telefonate mit den Angehörigen. Als Solkin die Frau eines hageren, großflächig tätowierten Soldaten namens Nikita anruft, fängt sie sofort an zu weinen. 'Wein nicht, alles wird gut', tröstet Nikita. Immerhin sei er noch heile, Arme, Beine alles dran."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wir setzen unsere Reihe mit kleinen Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch "Wie konnte das geschen?" fort: Der Mord an Zivilisten und Kriegsgefangenen wurde in der Wehrmacht schnell zur Normalität. Da sich sehr viele Soldaten von ihren politischen Führern schnell gegen jede "Humanitätsduselei" immunisieren ließen, betrachteten sie gegnerische sowjetische Soldaten, Juden, sowjetische Kommissare und Zigeuner als "Untermenschen und Bestien. Die wenigstens Soldaten dachten sich etwas dabei, vor allem dann, wenn ein gefangener Rotarmist schöne warme Stiefel besaß.
Weitere Artikel: Rosa Lange erinnert in der taz an das im Jahr 1913 entstandene Herbarium von Rosa Luxemburg, das auch als Zeugnis einer Welt im Umbruch gelten kann.
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Robert Menasse: Die Lebensentscheidung Frustriert von den Mühlen der Bürokratie, trifft Franz Fiala eine "Lebensentscheidung" und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Als er seine Mutter zum 89.…
Maximilian Oehl: Brand New Bundestag Die politischen Systeme in unserem Land wirken festgefahren und verstaubt. Sie scheinen kaum in der Lage, auf die aktuellen Herausforderungen zu reagieren. Es ist höchste…
Solvej Balle: Über die Berechnung des Rauminhalts IV Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. Die Zahl derer, die im 18. November feststecken, wird immer größer. Tara Selter wohnt mit einer Handvoll Zeitgefangener in einer…
Lisa Ridzen: Wenn die Kraniche nach Süden ziehen Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann. Bo ist 89, und ihm läuft die Zeit davon. Andererseits ist Zeit wenigstens etwas, das er noch zur Genüge hat. Denn seit seine Frau…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier