Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.05.2025. In der SZ kritisiert Etgar Keret sehr scharf die israelische Regierung: "Es gibt wirklich nur sehr wenige Menschen auf diesem Planeten, die denken, dass das, was gerade hier passiert, Sinn ergibt." Die taz stellt die polnische Autorin Klementyna Suchanow vor, die zu der von Putin gesponsorten weltweiten "Pro Life"-Bewegung recherchiert. Die FAZ bringt Dan Diners Börne-Preis-Rede: eine Meditation über die Börne-Zeit und die Gegenwart. Die Jüdische Allgemeine sammelt Stilblüten zu Israel, die taz "kontextualisiert".
Mehr als zwei Drittel aller Israelis sind dafür, den Krieg zu beenden und neu zu wählen, hält der israelische Schriftsteller Etgar Keret in der SZ, befragt von Moritz Baumstieger, fest. Denn Netanjahu verstehe niemand mehr: "Wir haben alle Köpfe der Hamas getötet. Jetzt müssen sie uns die Namen der neuen Hamas-Führer erst beibringen, bevor wir auch die töten. Unsere Armee ist trotzdem hinter diesen Leuten her, als ob wir so den nächsten 7. Oktober verhindern könnten. Wird es einen weiteren 7. Oktober in genau dieser Art geben? Nein, das glaube ich nicht - die Bedrohungen für Israel sind nun anderer Natur. Aber versuchen wir im Moment, eine Art Friedensinitiative mit Syrien zu starten, wo ein früherer Al-Qaida-Mann regiert? Oder versuchen wir im Gegenteil, Syrien abzuschrecken? Bemühen wir uns, uns Saudi-Arabien anzunähern, um uns in der Region strategisch besser aufzustellen? Nein. Es gibt wirklich nur sehr wenige Menschen auf diesem Planeten, die denken, dass das, was gerade hier passiert, Sinn ergibt. Die Frage ist doch nur, wie man das alles stoppen kann."
"Israel darf sich gegen den genozidalen Hass der Hamas verteidigen. Die Verhältnismäßigkeit darf dabei durchaus infrage gestellt werden", hält der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein im Gespräch mit der FAS fest. Aber er sagt auch: "Wir müssen uns mit aller Kraft dafür einsetzen, die Sicherheit Israels und der Juden weltweit zu bewahren. Aber wir müssen auch klar sagen, dass das keine Rechtfertigung für alles ist. Die Palästinenser auszuhungern und die humanitäre Lage vorsätzlich dramatisch zu verschlimmern, hat nichts mit der Sicherung des Existenzrechts Israels zu tun. Und es kann auch nicht deutsche Staatsräson sein."
Der Kampf um die Antisemitismusdefinitionen geht weiter. In der taz, in der es einst auch Stimmen gab, die gegen linken Antisemitismus einstanden, wird jene Fraktion stärker, die die Antisemitismusdefinition der "Jerusalemer Erklärung" stärken will, die Israelhass als "nicht per se" antisemitisch ansieht. Nun präsentiert Stefan Reinecke in der taz einen Bericht des israelischen Journalisten Itay Mashiach (hier als pdf-Dokument), der die "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus" (RIAS) angreift. Sie beruft sich wiederum auf die IHRA-Definition und wendet laut Reinecke einen so "weiten" Antisemitismusbegriff an, dass sich auch Linke gemeint fühlen könnten. Die Zahlen und Berichte der RIAS werden von Politikern zu Handlungskriterien gemacht, so Reinecke: "RIAS rubriziere Ereignisse als antisemitisch, ohne den Kontext zu beleuchten. RIAS beruft sich auf die IHRA-Definition, der KritikerInnen vorwerfen, Antisemitismus zu vage zu bestimmen und es der israelischen Regierung zu ermöglichen, Kritik an ihrer Politik pauschal als antisemitisch abzuwehren. RIAS vervielfältige, so die Studie, die Schwäche der IHRA-Definition, weil es auch die in der IHRA-Definition geforderte 'Berücksichtigung des Gesamtkontexts' ignoriere."
"Kontextualisierung" wurde auch direkt nach dem 7. Oktober gefordert (unser Resümee) und wird fleißig weiter betrieben. In der Jüdischen Allgemeinengreift Michael Thaidigsmann einige Stilblüten auf, die jüngst nach dem Mord an einem jüdischen Paar in Washington produziert worden - der Täter gehört zur "propalästinensischen" Szene. Nach dem Mord hieß es etwa im Deutschlandfunk: "Wieder einmal müssen Menschen für Taten der israelischen Regierung sterben." Schon vorher hatte Dunja Ramadan bei Spiegel online an die Adresse der deutschen Regierung gefordert: "Schluss mit dem deutschen Rumgedruckse." Und Fabian Huber fordert im Stern, man solle in Deutschland "frei vom Würgegriff der Kollektivschuld über das israelische Unrecht in Gaza sprechen". Auch Spiegel-Kolumnist Thomas Fischer, der Israel und Deutschland viele wertvolle Tips gibt, spießt Thaidigsmann auf - alle Links in seinem Artikel.
Messerattacken sind ein Lieblingsthema der extremen Rechten. Darum erzählt Gilda Sahebi in der taz die Geschichte des Muhammad Al Muhammad (die eigentlich der Spiegelrecherchiert hatte): "Als am frühen Freitagabend eine 39-jährige Frau am vollen Hamburger Hauptbahnhof anfing, wahllos um sich zu stechen, ging der 19-jährige Syrer dazwischen und hielt die Attentäterin möglicherweise davon ab, noch mehr Menschen zu verletzen oder gar zu töten. Al Muhammad sagte gegenüber dem Spiegel, dass viele Menschen plötzlich in eine Richtung gerannt seien, er aber nicht. 'Ich habe mich entschieden, in die andere Richtung zu rennen und die Frau zu stoppen.' Ein Tschetschene hat ihr ins Knie getreten, Muhammad warf sich auf sie, bis die Polizei die Frau festnehmen konnte."
Weitere Artikel: Mara Delius prüft in der Welt nochmal die Vorwürfe Deborah Feldmans gegen den Chefreakteur der Jüdischen Allgemeinen, Philipp Peyman Engel (unsere Resümees) und befindet auf deren Haltlosigkeit.
Düster ist die Lage in der Ukraine. Der Westen und besonders Europa ließen trotz der Entschiedenheitsgesten von Friedrich Merz ihre Ultimaten verstreichen, konstatiert Dominic Johnson in der taz: "Moskaus Forderungen an Kyjiw, darunter die Anerkennung aller Gebietsverluste, die Räumung weiterer Gebiete und der Verzicht auf Selbstbestimmung, sind für die Ukraine unakzeptabel. Also intensiviert Russland jetzt den Krieg. Der Gefangenenaustausch ist ein Ablenkungsmanöver. Man holt eigene Soldaten gesund zurück und schiebt Feinde kampfunfähig ab. Manche im Westen missverstehen das als Geste des guten Willens." Hier der taz-Bericht zur aktuellen Lage von Bernhard Clasen.
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Bestellen Sie bei eichendorff21!Lilly Schröder stellt in der taz die polnische AutorinKlementyna Suchanow vor, die zur internationalen, und, wie sich herausstellt, von Putin gesponserten "Pro-Life"-Bewegung recherchiert. Sie gehörte zu jener Frauenbewegung, die sich gegen die drastischen Abtreibungsgesetze der Kaczynski-Regierung wehrte und hatte ihr Forschungen in diesem Zusammenhang betrieben - neulich stellte sie sie in Berlin vor: "Suchanow stieß weltweit auf unzählige sogenannte Pro-Life-Organisationen, die eng mit dem Kreml verflochten sind und von russischen Oligarchen wie Wladimir Jakunin finanziert werden. Alle würden dieselbe Sprache sprechen... 'Das Schlüsseljahr war 2013', erklärt sie. In diesem Jahr intensivierte der Kreml seine geopolitischen Aktivitäten, über Nacht schossen europaweit von Moskau finanzierte Pro-Life-Organisationen aus dem Boden. 'Russland ist heute nicht mehr nur in Russland - Russland ist überall', sagt die Autorin."
Silke und Holger Friedrich, die Verleger des Berliner Verlags, stellen sich in ihrer Berliner Zeitung eine bange Frage: "War es ein Fehler, die Berliner Zeitung zu kaufen?" Fünf Jahre ist es her, dass sie das Blatt kauften, das sie seitdem zu einer Stimme des Ostens und der Coronaskepsis umgebaut haben. Natürlich beantworten sie ihre Frage mit Nein: "Die Berliner Zeitung ist zu ihrem 80. Geburtstag bestens aufgestellt. Sie verdient mit ihren Produkten das notwendige Geld, um unabhängig agieren zu können, denn unsere Idee von kritischem Journalismus hat eine wachsende Fan-Base." Sie mussten allerdings auch feststellen, "dass Hybris, doppelte Standards und, gravierender noch, die große Zahl der mittels Subventionen indirekt zu Kollaborateuren Gemachten eine Atmosphäre schaffen, die eine Spaltung der Gesellschaft fördert..."
Die Regierung des Rechtspopulisten Javier Milei in Buenos Aires öffnet Archive mit Geheimakten, die neuen Aufschluss über die "Rattenlinie" geben werden, berichtet Andreas Knobloch in der Jüdischen Allgemeinen. Etwa 5.000 Nazi-Kriegsverbrecher, darunter höchste Funktionäre des Holocaust wie der später von den Isralis gefasste Adolf Eichmann, waren oft mit Hilfe des Vatikan und des Roten Kreuzes nach Argentinien geflüchtet. "Argentiniens damaliger Präsident Juan Domingo Perón gewährte bewusst hochrangigen Nazis Unterschlupf und hielt seine schützende Hand über sie. ... Die freigegebenen Akten enthalten Aufzeichnungen über Bankgeschäfte, Geheimdienstdokumente und vertrauliche Berichte des Verteidigungsministeriums, die zeigen, wie die Nazis sich in Argentinien ansiedeln konnten. Auch finden sich Einzelheiten zu Ermittlungen, die zwischen den fünfziger und achtziger Jahren von der Bundespolizei, den Nachrichtendiensten und der für den Grenzschutz zuständigen Nationalen Gendarmerie durchgeführt wurden, sowie vertrauliche Präsidialdekrete aus den Jahren 1957 bis 2005."
Was heute die Ukraine ist, ein um seine Freiheit kämpfendes Land im Osten Europas, war zu Ludwig Börnes Zeiten Polen. Daran unter anderem erinnert Dan Diner in seiner Börne-Preis-Rede, die die FAZ abdruckt: "Mit der zarischen Niederschlagung des polnischen Aufstandes 1831 langt eine Welle polnischer Flüchtlinge an in Paris - die sogenannte 'große Emigration'. Ludwig Börne, der den polnischen Kampf, wie er schrieb, in 'schmerzhafter Anteilnahme' begleitete, tat in seinen Pariser Briefen poetisch kund, Polen habe sich mit der Niederlage 'wie ein Saatkorn der Freiheit in die Erde' gelegt - ein Saatkorn, das, so fährt er fort, in Zukunft 'herrlich aufgehen' werde. In Paris befreundete sich Börne mit dem alsbald am Collège de France zu lehren kommenden polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz." Die Revolution von 1830 hat aber auch einen anderen Kontext, an den Diner in seiner schön mäandernden Rede erinnert: die beginnende Kolonisierung Algeriens. Auch um Heine und Tocqueville und die Idee der Gleichheit geht es.
Außerdem: Henriette Hufgard bespricht in der taz die Ausstellung "Gewalt ausstellen" (unsere Resümees) im Deutschen Historischen Museum.
Verschwendung von Steuergeldern, zweifelhafte "Diversity"-Klauseln - amerikanische Universitäten haben viele Fehler gemacht, weiß Yascha Mounk in der Welt: "Und ja, in manchen Ecken so gut wie jeder amerikanischen Hochschule - auch in Harvard - wimmelt es inzwischen von ideologischem Unsinn. Aber wie andere bedeutende Institutionen, die massiv unter Beschuss geraten sind, bleibt Harvard zugleich führend in zentralen Forschungsfeldern - von Halbleitern bis zur Künstlichen Intelligenz. Wenn Trump wirklich daran interessiert wäre, dass Amerika in den nächsten Jahrzehnten Konkurrenten wie China überflügelt, müsste er erkennen, dass es für das Land ein sehr schlechtes Geschäft ist, seine Zukunftsindustrien zum Kollateralschaden eines ideologischen Kriegs gegen woke Professoren im Fachbereich Amerikastudien zu machen."
In der SZ kommentiert Alexander Görlach: "Wer meint, dass Trump nur ein Exempel an einer von sich selbst zu sehr eingenommenen Elite-Institution statuieren will, der irrt. Im zeitlichen Umfeld von Trumps Attacke auf Harvard spielte der Sprecher des Repräsentantenhauses, der Republikaner Mike Johnson, mit dem Gedanken, die Bundesgerichte zu 'eliminieren', sollten sie weiter Urteile fällen, die Trump missfallen. Die Attacken auf die Gerichte, die Universitäten und die Medien ergeben das Bild eines gleichgeschalteten Trump-Amerikas, das dem der Oligarchie, mit der Wladimir Putin die Menschen in Russland geißelt, in nichts nachsteht. Trump schafft alle checks and balances ab, die ihm und seinen Kumpanen dabei im Weg stehen, sich weiter zu bereichern."
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